Der Begriff „toxische Menschen“ wird heute inflationär verwendet – dabei stammt er nicht aus der Psychologie, sondern aus einem Ratgeberbuch von 1995. Was ursprünglich verletzendes Verhalten beschreiben sollte, ist zu einem pauschalen Label geworden, das Menschen entmenschlicht, Beziehungen vergiftet und Eigenverantwortung aushebelt.
Indem wir Menschen als „toxisch“ bezeichnen, reduzieren wir komplexe Beziehungsdynamiken auf Schuldzuweisungen. Wir sprechen nicht mehr über Verhalten, Muster, Prägungen oder Traumata, sondern über Identität. Das Ergebnis: Spaltung in gut und böse, Opfer und Täter – und ein bequemes Entkommen aus der eigenen Beteiligung.
Der Begriff selbst wirkt damit genau so, wie er es anderen unterstellt: Er verhindert Wachstum, blockiert Selbstreflexion und legitimiert das Verharren in der Opferrolle. Statt Heilung gibt es Rechtfertigung. Statt Bewusstsein Werkzeuge zum „Händeln“ – damit man in dysfunktionalen Strukturen bleiben kann.
Wenn wir wirklich unverbogen im Job und im Leben sein wollen, müssen wir aufhören, Menschen zu labeln, und anfangen, Dynamiken zu verstehen. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer ist toxisch?
Sondern: Warum bin ich Teil dieser Dynamik – und was darf ich daraus lernen?
Im diesem Teil schauen wir genauer hin:
Was hat Lillian Glass konkret als „toxisch“ definiert? Eines kann ich vorwegnehmen. Die 30 “toxischen” Typen beschreiben alle Verhaltensweisen, die wir als
unerwünscht,
nervig,
anstrengend,
übergriffig,
verletztend,
erniedrigend,
angreifend
bezeichnen können. Und diese, wie weitere Beschreibungen sind für uns sehr nützlich und helfen uns, das Verhalten des anderen uns Gegenüber zu differenzieren. Es hilft uns umgekehrt auch, unser Verhalten zu differenzieren. Denn auch wir können uns anstrengend und verletztend oder auch mal übergriffig verhalten.
Deshalb noch einmal zur Erinnerung: Wir wollen deshalb nicht als “toxisch” gelabelt werden. Auch wenn wir diese Verhaltensweise aus unserer Überlebensstrategie heraus unbewusst wiederholen. Wir würden uns freuen, wenn uns jemand ehrlich sagt:
„In den letzten Gesprächen habe ich erlebt, dass du mir wiederholt ungefragt Ratschläge gegeben und meine Aussagen interpretiert hast, ohne vorher nachzufragen, ob ich das möchte. Das ärgert mich und ich fühle mich zugleich frustriert und übergangen. Mir sind Respekt, Ernstgenommenwerden und Selbstbestimmung in der Kommunikation wichtig. Ich bitte dich, mich künftig zuerst zu fragen, ob ich deine Einschätzung oder einen Rat hören möchte, bevor du ihn äußerst.”
Selbst, wenn unser Gegenüber es dann immer noch nicht annehmen kann, ist es kein Grund, ihn als “toxisch” zu labeln. Dann ist es an dir, dich zu fragen, wie du damit umgehen kannst, um deine Grenzen zu wahren. Möglicherweise brichst du dann das nächste ratschlagende Gespräch am Anfang ab und stellst klar, dass du dafür nicht zur Verfügung stehst. Wenn du immer wieder diese Menschen anziehst, dann darfst du dich aber auch fragen, warum sie dich so anziehend finden. Was strahlst du aus? Wo docken sie an? Welche deiner Überlebensstrategien finden sie so attraktiv?
Je klarer du weißt, warum du immer wieder ein ähnliches Verhalten an den Tag legst, umso eher kannst du es beobachten und die Ursache in deiner Kindheit, Prägung, Konditionierung erkennen. Das gibt dir dann die Freiheit zu entscheiden, ob du es noch zeigen möchtest oder ob es dir nicht mehr dient. Deshalb ist es so wichtig, das Verhalten, was dich triggert genauso wie dein Verhalten, was andere triggert, genau zu benennen, weil es dich so auf eine wertvolle Spur aufmerksam macht.
Dafür sind die Beschreibungen von Lillian Glass sinnvoll, weil sie Verhaltensweisen beschreiben, die wir wiedererkennen können. Wenn wir sie aber alle als “toxisch” über einen Kamm scheren, wie es heute getan wird, bleiben wir in der Opferrolle.
Aus meiner Sicht beschreibt Lillian Glass 30 verschiedene Schutzstrategien, von denen jeder von uns welche unbewusst nutzt, weil sie Teil unserer Überlebensstrategie sind. Ob dieses Verhalten eine andere Person triggert oder nicht, zeige ich in einem konkreten Beispiel. Aber grundsätzlich gilt:
Jedes Verhalten hatte einmal eine Funktion.
Das Kind, das gelernt hat zu lügen → weil die Wahrheit zu Bestrafung führte
Der Mensch, der emotional auf Distanz geht → weil Nähe früher gefährlich war
Die Person, die andere runtermacht → weil sie selbst ständig runtergemacht wurde
Diese Strategien waren damals lebensnotwendig.
Das Problem ist: Sie werden auch dann noch benutzt, wenn die ursprüngliche Bedrohung längst vorbei ist. Der Mensch reagiert auch psychisch auf Phantomschmerz.
[Diesen Absatz schreibe ich nachdem ich den Artikel fertig geschrieben habe. Eigentlich wollte ich alle 30 “toxischen” Typen analysieren. Nachdem ich die ersten drei genauer angesehen habe, musste ich dieses Unterfangen beenden. Meinen Mitgliedern zeige ich sehr ausführlich mit Beispielen auf, wie gefährlich diese Typisierungen wirklich sind und ich verstehe jetzt noch besser, warum ich so einen inneren Widerstand bei dem inflationären Gebrauch des Wortes habe. Nicht zu unrecht.]