Letzten Mittwoch habe ich mein Rezept bekommen und die erste Dosis Abnehmspritze injiziert. Der Arzt meinte, ich habe sehr viel Muskelgewebe, daher gilt der BMI bei mir nicht. Das fand ich super – so oder so, wäre es mir egal gewesen, welche “Zielangabe auf der Wage” er vorschlägt. Ich weiß mit 39 mittlerweile, in welchem Rahmen ich mich körperlich wohlfühle. Und da möchte ich nach sechs Jahren gern wieder hin.
Was neu für mich ist? Ich möchte zum ersten Mal nicht darunter. Und das Wort “Abnehmen” kann ich auch direkt streichen. Ja, ich freue mich, wenn mein Bauch kleiner wird und ich mich leichter fühle. Aber was mich schlussendlich zu der Entscheidung gebracht hat, war eine ganz andere Tragweite:
Mein größter Wunsch ist es, meine zweite Lebenshälfte ohne Food Noise zu beginnen. Herausbekommen, wer ich ohne Foodnoise & Bingen überhaupt bin. Kilos mit sich herumtragen, die wir nicht brauchen, ist anstrengend. Aber das ständige Kompensieren mit Essen ist noch viel schlimmer. Einmal mit Hilfe eine Pause davon bekommen. Das versteht nur, wer den Leidensdruck kennt.
“Du musst keine Diät machen, sondern dich einfach bewegen und das Richtige essen”
Ich war es so leid – die Ratschläge von Menschen ohne Binge-Eating-Störung. Die etwas von Disziplin erzählen. Von “einfach mal machen.” Keiner spricht mit Chronisch Kranken so.
Die Binge-Eating-Störung ist schwere Krankheit, die unbedingt behandelt werden muss. Betroffene leiden unter Essanfällen und haben das Gefühl, ihr Essverhalten nicht kontrollieren zu können.
Wie so viele Betroffene, bekam ich als Jugendliche keine professionelle Hilfe, sondern den Tipp, doch bitte auf mein Essverhalten zu achten, so wie ich esse, würde ich dick werden.
„Binge eating“ steht für exzessives, übermäßiges Essen. Bereits als Elfjährige nutze ich sturmfreie Zeit dafür aus, um mir schnell eine komplette Packung Fischstäbchen plus Kartoffelbrei für vier Personen zu machen und danach von meinem Taschengeld schnell neuen neuen zu kaufen, damit zu Hause niemand etwas davon bemerkt.
Auf dem Weg zum Geigenunterricht kaufte ich mir zwei Bockwürste – eine auf dem Hinweg, eine auf dem Rückweg. Wann auch immer niemand hinschaute, schaufelte ich Essen.
„Binge“ bedeutet so viel wie „Gelage“. Menschen mit einer Binge-Eating-Störung leiden unter immer wiederkehrenden Essanfällen. Dabei nehmen Betroffene innerhalb kurzer Zeit deutlich mehr Nahrung zu sich als die meisten Menschen in einer vergleichbaren Situation. Die Essattacken treten unabhängig von Hungergefühlen auf. Manchmal essen Betroffene über Stunden und können anschließend nicht mehr sagen, wann der Anfall begonnen und aufgehört hat.
Das Loch in sich stopfen
Ich weiß nicht, wieviele Anfälle ich in meinem Leben hatte, nur, dass sie, seit ich 10 bin, dazugehören. Und dass ich erst als Mutter von drei Kindern mit Mitte 30 gelernt habe, was ein Anfall ist.
Während der Essattacken verlieren Betroffene die Kontrolle darüber, was und wie viel sie zu sich nehmen. Sie essen oft sehr hastig und hören erst auf, wenn sie sich unangenehm voll fühlen.
Menschen mit Binge-Eating-Störung essen nicht mit Genuss. Vor manchen Freundinnen habe ich es nicht versteckt und so viel gegessen, wie ich wollte. Sie gaben mir gut gemeinte Tipps, ich solle erstmal kleinere Portionen nehmen. Und wenn ich mehr will, das erst danach entscheiden.
Ich wiederhole: niemand, der nicht betroffen ist, versteht den Zwang. Menschen mit Binge-Eating-Disorder ekeln sich häufig vor sich selbst, sind davor und danach deprimiert und haben nonstop Essen-Schuldgefühle, die nur während der Anfälle “endlich einmal pausieren”.
Viele kennen diese innere Zerrissenheit: Du willst Frieden mit deinem Körper. Du willst einfach mal Ruhe – kein Food Noise, kein ständiges Rechnen, keine Binge-Achterbahn-der-Hölle-Fahrt mehr.
Drei Jahrzehnte habe ich mich gedreht wie in einer Dauer-Schleife, und jetzt, nach so vielen Versuchen, Frieden in mein Essverhalten zu bringen, halte ich diese Spritze in der Hand.
Warum ich so lange gezögert habe
5 Dinge haben mich bisher davon abgehalten:
Sie ist teuer. Wirklich teuer.
Die Nebenwirkungen sind nicht lang erforscht.
Es gibt keine magische Lösung für „danach“.
Ich wollte nicht die Frau sein, die „Abnehmspritzen“ braucht.
Ich konnte moralisch nicht in den Spiegel schauen. „Wie kann man Geld dafür bezahlen, keinen Hunger zu haben?” Ein Paradabeispiel für die Absurdheit der westlichen Gesellschaft. Ich finde es pervers.
So vergingen die Jahre und man kommt mit seinem Problem nicht weiter. Ich blieb weiter gefangen: in der Spirale, dass ich das, was von Außen auf mich einprasselt, nicht mit einem gesunden Körperbild & Gefühl vereint bekomme.
Ich kann mich wenden wie ich will: meine Körperfixation - die Abnehm-Binge-Spirale aus Diät, Scham, Hoffnung, Rückfall, Neuanfang schlaucht. Sie frisst Energie, Selbstwert, Lebenszeit.
Das ist der Grund, warum so viele von uns bereit sind, es zu probieren. Wir haben alle so viel probiert. Diäten, Therapien, zum Schluss sogar eine Magenbandhypnose … Nichts davon hat mir Frieden gebracht – teilweise im Gegenteil. Die Hypnose hat meine Trigger nur erst so richtig gereizt und ich on Fire danach zugenommen.
Seitdem beschäftige ich mich gedanklich mit der Spritze. Ich merkte: Ich komme mit meinem Problem nicht weiter. Ich laufe Runden um mich selbst.
Und dann sitzt du da und denkst:
Wenn da etwas ist, das vielleicht tatsächlich hilft … bin ich es mir wert, es zu probieren?
Meine Antwort war: Ja.
Der erste Tag: sofort Essattacke
Ich sag’s, wie’s ist: Kaum gespritzt, hatte ich eine Essattacke. Emotionale Überforderung? Angst? Druck? Alles davon.
Tag 2 war schon leichter. Weniger Heißhunger, kleinere Portionen – aber das Thema Essen blieb wie ein Scheinwerfer auf mich gerichtet.
Ich glaube, das müssen wir normalisieren:
Die Spritze schaltet nicht automatisch ab, was jahrelang unser Coping-Mechanismus war.
Ich starte Mounjaro in einer Lebensphase, die eigentlich ein eigener Roman sein könnte:
Ich rauche nicht mehr.
Ich habe mich getrennt.
Ich wohne mit drei Kindern alleine.
Mein Exmann zieht ins Ausland.
Mein Stresslevel ist 300 %, meine Körperin überfordert, mein Kopf ein Dauerrauschen.
Die Spritze kann das emotional verstärken.
Viele berichten das am Anfang. Der Körper fährt hoch, die Psyche reagiert – das ist Biologie, nicht Schwäche.
Drei Sätze, die ich mir aktuell täglich sage und die du dir gern abschreiben kannst, auch wenn ein ganz anderes Thema hast:
„Ich mache gerade alles gleichzeitig – und es ist okay, wenn es sich viel anfühlt.“
„Ich muss nicht mega sein, nur konstant.“
„Ich schulde niemandem Perfektion – nur mir selbst Ehrlichkeit.“
Nach den ersten Tagen bin ich bereits dabei, mir ein System zu bauen, das unkompliziert ist (inkl. Einkaufsliste & Wochenplan), um mich in der neuen Lebensphase gut zu begleiten: Keine teuren Superfoods, keine Rezepte mit 27 Zutaten. Nur das, was funktioniert.
Warum diese Entscheidung so schwer ist – und warum sie trotzdem richtig sein kann
Mein Fazit nach der ersten Woche: Ich gehe diesen Weg – trotz der Widersprüche.
Ich bleibe kritisch. Ich bleibe wach. Aber ich gehe jetzt einen neuen Weg, weil ich einen neuen Weg brauche.
Nicht für die Zahl auf der Waage. Nicht für das Außen. Sondern für mich. Um einmal zu spüren, wie mein Leben sich ohne Food Noise anfühlt.
Und wenn du das hier liest und dich darin wiederfindest:
Du bist nicht alleine. Du nimmst schon viel zu lang einen emotionalen und körperlichen Ausnahmezustand hin, der bisher nur mit Bingen irgendwie zu Überleben ging? Willkommen im Club.