Um das vermeintlich Wesentliche direkt zu klären: Sollte Kai Wegner wegen einer Tennisstunde zurücktreten? Nein.

Womit eigentlich alles Relevante zu einem eventuell linksextrem motivierten eventuell aber auch völlig anderer Natur zugrundeliegenden Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde und dem anschließenden fünftägigen Stromausfall (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in mehr als 45.000 Haushalten des Berliner Südwestens gesagt ist. Also, fast. Es waren eben auch fünf Tage Stromausfall inmitten eines Berliner Winters längst vergessener Kälte unter einem Katastrophenmanagement allzu bekannter Berliner Dysfunktionalität.
Da gabs ein obskures Bekennerschreiben der seit 2019 inaktiven Vulkangruppe voller sprachlicher Ungereimtheiten und kyrillisch herleitbarer Namensfehler, das für Sicherheitsbehörden irgendwas zwischen authentisch und noch in Überprüfung ist und für die Union als offenkundiger Beweis reicht: der Linksterrorismus ist zurück. Findet Dobrind (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)t. Ein Wir-sinds-nicht-gewesen-Schreiben hingegen fand keine größere Beachtung, ein Doch-wir-warens-aber-der-Zeitpunkt-war-doof-und-das-Ausmaß-auch-wir-machen-aber-weiter-Schreiben auch, dann gab es noch ein Distanzierungsschreiben und eigentlich könnte die Saga der Bekennerschreiben ewig so weitergehen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Bürgermeister Wegner war am Schicksalstag kaum präsent, sondern nach eigenen Angaben konzentriert im Homeoffice – bis herauskam, dass zwischendurch Tennis angesagt war (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Zum Kopf freikriegen, aber mit Handy auf laut. Außerdem war da dieser Fokus auf Ermittlungen und Jagd nach den Verantwortlichen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dass da ggf. etwas dringend zu reparieren ist, war Sache der Nebensätze. Und der Promoauftritt in einer Notunterkunft wollte auch nicht so recht gelingen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), als sich Wegner für Fotos ausgerechnet zu einer Person mit hoher Pflegestufe stellte und sein Innenterrier Spranger nur mit Not aufgebrachte Verwandte und Pflegepersonal wegbellen konnte.
Immerhin: Vizevorgängerin Giffey war umso präsenter und verkündete stolz eine Hilfsoffensive mit den Cityhotels, bei denen Zimmer angeboten werden sollten – zum Sondertarif, via Rabattcode (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Das wurde dann schnell zu einer nachträglichen Kostenübernahme bis 70€ umgewandelt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Immerhin. Und die Katastrophenmeldung via Handy funktionierte auch, am fünften Tag des Blackouts kam eine Extreme Warnung vor mittlerer Gefahr, abends dann endlich Entwarnung.

Ungeschickt? Vielleicht. Aber nun wahrlich nichts ungewöhnliches in Berlin, blöd halt, dass ausnahmsweise mal wieder richtig Winter ist. Und die Sache mit dem Tennis, ja, es war halt ne Stunde. Daran können sich nun wirklich die Geister scheiden. Sollte Kai Wegner wegen einer im Zweifel stärkeren Rückhand zurücktreten? Nein, findet zum Beispiel auch Florian Harms (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Chefredakteur des überregionalen und vielgeklickten Nachrichtenportale t-online.
Harms findet zudem auch Gemeinsamkeiten zwischen dem Bürgermeister Berlins, dem Bürgermeister Hamburgs (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und nun ja, gewissermaßen dem Bürgermeister der Bundesrepublik, wenn man den Kanzler denn so nennen möchte. Alle drei Säue sieht der Chefredakteur zu Unrecht durchs öffentliche Dorf getrieben; das bisschen Tennis, Wetter und Stadtbild. Erdnüsse!
Ja, hier werden tatsächlich Äpfel mit zu ernst genommenen Wetterberichten und Birnen verglichen. Und eben eine bewusste Lüge (~habe mich in mein Büro eingeschlossen und Krisenmanagement betrieben~) zum “unglücklichen Griff zum Tennisschläger”. Und eine bewusste rassistische Aussage, die nunmal nicht die erste ihrer Art ist (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (“Sozialtouristen”, die Sache mit den Zahnarztterminen, “kleine Pashas”, wenn man so will dazu auch noch das Stadtbild Belems) zur “missratenen Formulierung”. Die Empörung schieße übers Ziel hinaus, findet der erfahrene Hauptstadtjournalist, “jeder greift sofort zum Säbel, statt zunächst mit dem Florett anzutreten”.

Und fürwahr, “Die Gefahr dieser Maximierung des Tadels liegt in ihrer nivellierenden Wirkung.” Wobei, halt. Wenn Florian Harms nun als vollmundige Skandale “Jens Spahns schillernde Rolle im Maskenskandal oder Olaf Scholz' undurchsichtiges Gebaren im Cum-Ex-Debakel” anbringt und behauptet, diese “wirklich gravierenden Verfehlungen” gingen im “Grundrauschen” der allgemeinen Empörung ob kleinster Fehltritte unter, nivelliert er selbst gleich zweierlei: einmal die Bemühungen der zugehörigen Parteien, ebendiese Skandale tunlichst kleinzuhalten bzw auszusitzen, dann aber eben auch noch das Gewicht rassistischer Äußerungen, die ein Kanzler bewusst wählt anstatt strukturelle Defizite anzusprechen. Oder die Lüge eines Bürgermeisters, unter dessen Ägide mehr Verkehrschaos (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), mehr Polizeigewalt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), mehr Kürzungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), mehr Compliance-Fällen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (mit einem spielte er diese unglückliche Stunde Tennis (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) und die Veruntreuung von eigentlich für Antisemitismusbekämpfung gedachten Geldern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) stattfand.

“Wer soll sich künftig noch auf das Podest politischer Verantwortung wagen”, fragt Harms weiter bagatellisierend und zeichnet das düstere Bild einer ängstlichen Politiker*innenkaste “der permanenten Angst, die im aalglatten Konformismus erstarrt”. Heigottseidank hat er auch direkt die Lösung parat; Kritik darf zwar noch stattfinden, aber – “Verhältnismäßigkeit ist kein Wischiwaschi, sondern eine demokratische Tugend” – solle bitte die Fehlbarkeit der Kritisierenden eingestehen.
Oder anders: wir sollten möglichst nicht mehr den Anspruch von Ehrlichkeit an Politiker*innen haben, weil zwischen Verkehrschaos, Vetternwirtschaft und Vergabe von Antisemitismusbekämpfungsgeldern an Briefkastenfirmen sicher auch mal gute Politik als Zufallsprodukt entsteht.
Also, so viel Differenzierung muss sein, Wegner sollte nicht wegen einer Stunde Tennis zurücktreten, auch nicht unbedingt wegen schlechten Krisenmanagements. Wegen des Vergabeskandals? Schon eher, aber wird er das vermutlich ebensowenig wie genügend anderer seiner Parteikollegen, allen voran Jens Spahn.
Womit die in Anbetracht des besprochenen Leitartikels die eigentlich drängendere Frage kommt – was muss man eigentlich können, um Chefredakteur eines führenden Onlinemediums zu werden? Zusammenhänge erfassen offensichtlich nicht.
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