In der vergangenen Woche haben wir uns angeschaut, was eigentlich sprachlich und gesellschaftlich geprägt hinter dem Wort Loyalität steckt. Wie wir festgestellt haben, basiert Loyalität auf einem Gesetz, einer Verordnung, einem Vertrag, einer Bedingung. Sie sagt aus, dass Loyalität bedeutet, im Interesse eines gemeinsamen höheren Zieles, die Werte (und Ideologie) des Anderen zu teilen und zu vertreten bzw. diese auch dann zu vertreten, wenn man sie nicht vollumfänglich teilt, solange dies der Bewahrung des gemeinsam vertretenen höheren Zieles dient.
Wir haben weiterhin feststellen müssen, dass wir eigentlich ständig irgendwelchen Loyalitäten gegenüber unserem Arbeitgeber, unserem Chef, unserem Team, unserer Familie, unserer Kultur, unserer Gesellschaft unterliegen. Sie alle äußern uns gegenüber ein gemeinsam zu vertretendes höheres Ziel. Und wir müssen das dann auch vertreten, ob wir es wollen oder nicht. Ansonsten gelten wir als unloyal und damit unanständig.
Das Problem ist aber, dass wir, wenn wir die uns aufdiktierten Werte und Ideologien nicht teilen, gegen uns selbst handeln müssen. Das führt zu inneren Konflikten und Dissonanzen, die uns krank machen, weil sie uns unter Dauerstress setzen.
Warum ist Loyalität für uns so ein Problem?
Warum Loyalität so tief sitzt (Bindungstheorie)
Als Säugling sind wir auf die Reaktion unserer Eltern oder Erziehungsberechtigten angewiesen. Wenn wir schreien, brauchen wir jemanden, der kommt und sich um uns kümmert. Wenn das nicht passiert, bekommt ein Säugling Panik und verliert sein Urvertrauen, wenn es häufiger passiert. Hier entwickelt sich die Bindung, die überlebensbedeutend ist. Bereits Säuglinge tun alles, damit es ihnen gut geht und sie überleben. Wenn sie größer werden, entwickeln sie eine automatische Loyalität zu ihren Eltern. Daher glauben sie auch immer an ihre eigene Schuld, wenn die Eltern sie wegstoßen, nicht lieben, emotional abwesend sind, sie schimpfen, ihnen emotionale oder körperliche Gewalt antun, sie ignorieren, etc. Sie sind bedingungslos loyal. Sie können nicht anders.
Je nachdem in welcher Umgebung wir aufwachsen und wie uns unsere Eltern behandelt haben, entwickeln wir bereits sehr früh Glaubenssätze und Überlebensstrategien, damit wir im schlechtesten Falle, wenigsten überleben. Und Kinder bleiben loyal, egal, was sie erfahren müssen.
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Persönliche Geschichte
Die Loyalität kann sich in den unterschiedlichsten Bereichen bis ins Erwachsenenalter durchziehen. Ich “wusste” schon mit sieben (!) Jahren, dass ich wie meine Mutter Ground Hostess am Flughafen werden wollte. Mir war damals nicht klar, dass ich diesen Berufswunsch nie selber hatte und auch nie einen eigenen habe entwickeln können.
Meine Loyalität ging soweit, dass ich meine eigene Selbständigkeit, die ich wirklich aus dem Herzen heraus machen wollte, sabotiert habe, weil sie nicht dem entsprach, was meine Familie für mich wollte: festangestellt, in einem Job, der zwar Geld bringt, aber möglichst keinen Erfolg. Wenn ich mal von einem kleinen Erfolg zu Hause erzählte, wurde dieser gleich kleingemacht. Das war mir lange nicht bewusst. Es war für mich normal und lag immer an mir.
So ging ich einen Weg, den ich, wenn ich eine eigene Wahl aus meinem wahren Selbst heraus gehabt hätte, nie gegangen wäre. Und das geht nicht nur mir so. Wer nicht gerade mit einer gesunden Bindung in einer emotional warmen Familie aufgewachsen ist, wird in irgendeiner Form eine Strategie entwickelt haben, damit umzugehen. Die Loyalität zur Familie hält bei den meisten Familien und setzt sich dann im Job fort.
Natürlich gibt es auch Familien, die in sich zerbrechen, aber die Glaubenssätze, die Überlebensstrategien, die falsche Loyalität gehen mit und zeigen sich in anderen Lebensbereichen, wie Partnerschaft und Beruf. Sie verschwinden nicht einfach.
Selbstverrat erkennen – Die Signale deines Körpers
Ein Beispiel aus meinem eigenen Berufsleben
Vielleicht geht es dir wie mir. Die ersten Jahre nach meinem Auszug vergingen recht friedlich. In meinem Fall lebte ich eine ruhige Beziehung mit meinem Mann, hatte gute Jobs, ein vernünftiges Einkommen und später Eigentum. Alles wie es sein sollte.
Irgendwann began mein Körper (Panik kannte ich schon aus meiner Kindheit, hatte aber lange Ruhe) mit Warnsignalen in den unterschiedlichsten Situationen. Bei mir waren am deutlichsten die Panikattacken. Aber das ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Es began in einem Job, in dem ich mich richtig wohlfühlte. Mit meinem Chef hatte ich ein tolles Arbeitsverhältnis. Die Arbeit machte mir Spaß und war abwechslungsreich. Ich bekam immer mal wieder Zusatzaufgaben, wie Büroumzüge oder Organisation von Betriebsausflügen. Nur das übrige Sekretariat hatte damit ein Problem. Sie begannen mich auszugrenzen, hörten auf, mit mir zu reden.
Und ich (damals wusste ich noch nichts von meinem Fawn Response) ließ es über mich ergehen. Sagte nichts. Beschwerte mich nicht. Auch als eine andere Führungskraft mir sagte, es müsse doch an mir liegen, wenn fünf Kolleginnen mich nicht mögen würden, schluckte ich diese Verletzung herunter. So hatte es mich die Loyalität (damals zu meinen Eltern) gelehrt. Ich durfte doch meine Bedürfnisse nicht äußern, nicht jammern, mich nicht wehren oder beschweren. Ich hatte zu funktionieren und brav alles zu ertragen. Vor allem hatte ich es auszuhalten. Eine Lösung gab es nicht.
Die Signale des Körpers
Innerlich spürte ich diese Dissonanz zwischen dem, was mir eingetrichtert worden war und dem was ich innerlich spürte. Aber ich unterdrückte es als unerwünscht, nahme es zum Teil gar nicht wahr, weil es in den Tiefen sicher beschützt, vergraben war.
Körperliche Warnsignale
Wir alle werden wahrscheinlich die körperlichen Warnsignale als erstes wahrnehmen. Denn unser Körper ist so frei und hält uns auf dem Laufenden über seinen Wohlfühlzustand. Wenn es nicht passt, wird es gemeldet. Du kennst das sicherlich auch. Es kommt zu Verspannungen, Kopfschmerzen, Migräne, Verdauungsbeschwerden, Rückenschmerzen, u.v.m. Meistens nehmen wir dagegen ein Mittelchen, tun es als “Arbeitsstress” ab und gehen weiter. Wenn es stärker wird, weil wir den Körper ignorieren, kann es zu Schlaflosigkeit, Panikattacken, Unruhe, chronischer Erschöpfung und depressiven Verstimmungen kommen. Es gibt viele Menschen, die dann zu Muntermachern, zu Beruhigungsmitteln, zu Schlaftabletten, zu Alkohol oder anderen Substanzen greifen. Wiederum andere versuchen sich abzulenken, mit Shoppen, Sport, Gaming, Streamen, Social Media und Co. Kaum einer hält Stille aus oder gar die Einsamkeit mit sich selbst. So rutschen wir immer tiefer, ohne es zu bemerken, weil es in unserer Gesellschaft wiederum so “normal” ist.
Loyalität gegenüber unserem Arbeitgeber, gegenüber unserem Job, gegenüber unserem Team, unseren Kollegen oder auch gegenüber unserer Familie führen uns stetig immer mehr gegen uns selbst. Der Selbstverrat geht hier auf unsere Gesundheit.
Unsere emotionale Welt
Schon als Kind haben wir gelernt, dass bestimmte emotionale Ausdrucksweisen unerwünscht waren. Wer durfte Wut zeigen? Wer durfte Trauer ausleben und wurde getröstet? Wer durfte Schwäche zeigen, jammern und sich mal hängen lassen und wurde trotzdem geliebt? Wer durfte Gefühle ausdrücken, egal, ob positiv oder negativ? Die meisten mussten sich anpassen, bequem, pflegeleicht, ruhig und unauffällig sein. Sie mussten funktionieren, zu diensten sein und vielleicht sogar ausgleichend, emotional regulierend. Andere mussten schon früh Verantwortung übernehmen und “erwachsen” sein.
Das hat vielleicht sogar schon im Säuglingsalter und im frühen Kindesalter dazu geführt, dass du
“nicht mehr geschrien hast”,
“so pflegeleicht und lieb warst”,
“so hilfsbereit und immer zur Stelle warst”,
“so freundlich und zuvorkommend warst”,
“dich so verantwortungsbewusst und erwachsen gezeigt hast”
Was hat man über dich gesagt?
Da du loyal warst und entsprechend dich in alles gefügt hast, musstest du deine inneren Anteile abspalten. Unerwünschte Gefühle musstest du verdrängen: Wut, Neid, Eifersucht, Gier, Hass, Angst, Trauer, Missgunst, etc. Du hast sie tief in dir versteckt.
Heute wirst du vielleicht sagen: “Ich bin nicht so ein Gefühlsmensch.” oder “Ich bin sehr rational - ein Kopfmensch.” Du wirst vielleicht sogar stolz darauf sein.
Aber diese Gefühle sind nicht weg. Schuld- und Schamgefühle tauchen auf, wenn du dann doch mal wütend bist und du wirst alles tun, um es dir entweder nicht anmerken zu lassen oder es sofort wieder zu unterdrücken, um deine befließende Maske wieder aufzusetzen.
Ein Mensch wird mit allen Emotionen und Gefühlen geboren. Normalerweise lernen wir all diese in gesunder Form auszuleben und zu äußern. Das ist aber in den seltensten Familien der Fall. Somit bleiben in den meisten Menschen an der Stelle, wo diese Anteile mal waren, innere Leere und Gefühllosigkeit. Innerlich sind sie tod. Und ich kann dir sagen, es fühlt sich wirklich tod an. Da ist nichts mehr. Wenn man sich traut, diese Leere bewusst wahrzunehmen, ist das zunächst einmal ein schockierendes Erlebnis. Denn die meisten von uns versuchen ja ständig, diese innere Leere mit äußeren Aktivitäten, hoher Leisung im Job, mit Beziehungspartnern, mit Ablenkung und auch Substanzen zu füllen. Viele benötigen den ganzen Tag Musik oder ähnliches um sich, damit sie alleine diese Leere nicht spüren müssen.
Aber irgendwann kommt deine Seele und beschließt, diesen Selbstverrat, die Loyalität zu den Bedürfnissen und Werten Anderer zu sprengen. Die Panikattacken nehmen zu. Vielleicht schlitterst du in eine massive Depression. Oder du brennst in einem Burnout völlig aus. Du hast einen Unfall, der dir zeigt, wie wichtig es ist, dich selbst wieder in die erste Reihe zu stellen. Deine Seele ist kreativ und versucht dir auch im Job mit diversen wiederkehrenden Konflikten aufzuzeigen, wo deine Baustellen der Überlebensstrategien, der Verleugnung, der Glaubenssätze, des Selbstverrats stecken.
Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen und hinzuschauen und habe dadurch sehr leidvolle Phasen erleben dürfen.
Unsere verräterischen Verhaltensweisen
Damals in diesem Sekretariat konnte ich diese Ausgrenzung noch nicht aushalten. Heute wäre es mir tatsächlich egal, weil ich meinen Wert nicht an der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe definieren muss. Ich habe gelernt, mit mir in Stille alleine zu sein. Aber damals habe ich um Zugehörigkeit gebettelt. Ich habe mit jeder einzelnen ein Gespräch geführt, um zu zeigen, dass ich liebenswert bin. Ich habe diesen Umgang mit mir geschluckt, um das Sekretariat nicht schlecht dastehen zu lassen. Ich habe People Pleasing praktiziert.
Aber es gibt vielfache Arten des Spiels:
High Functioning (übermäßige Leistungserbringung)
Harmoniesucht
Flucht (dazu gehören u.a. vor dem Schmerz davonlaufen, Micromanaging, Getriebenheit, Beschäftigungssucht, etc.)
Kampf (dazu gehören u.a. narzisstisches Verhalten, Kontrolle, Versklavend, Perfektionismus, Dominanz und Macht durch Angstregulation anderer, etc.)
Freeze (dazu gehören u.a. Verstecken, Isolation, Couch Potato, Angst, etc.
Fawn Response (dazu gehören u.a. Co-Abhängigkeit, Dienen, Selbstverlust, People Pleaser, Fußmatte für andere, Sklavendienste und auch Perfektionismus, etc.)
Dann gibt es noch viele Mischvariationen und das Schlimme ist, dass die meisten davon gesellschaftlich gewollt, anerkannt sind und belohnt werden. Was es mit uns innerlich macht und was wir dadurch körperlich, psychisch und seelisch erleiden, scheint bis heute noch immer keinen zu interessieren.
Damals dachte ich, dass ich mich normal verhalten würde. Das ich selbst schuld sei, an deren Verhalten mir gegenüber. Das ist übrigens auch eine Folge von der erlernten Loyalität und dem Selbstverrat: Schuld- und Schamgefühle.
Meine Geschichte ist nur ein minimaler Auszug als Beispiel. Du wirst deine eigene Geschichte haben, die auf den ersten Blick mit meiner keine Übereinstimmung zu haben scheint. Auf den zweiten Blick wirst aber auch du Verhaltensweisen, emotionale Marker, körperliche Symptome zeigen, die nicht “normal” sind, auch wenn du sie nicht anders kennst. Dabei wäre zwar die Frage zu klären, was denn normal ist. Aber für mich ist in diesem Falle normal, wenn es mit deiner Seele, mit deinen Bedürfnissen, mit deinen Gefühlen übereinstimmt und du in deiner Mitte ruhst und innerlich Frieden empfindest. Egal, was da um dich herum gerade passiert. Allein schon deshalb, weil du selbst geklärt bist und bei dir bleiben kannst.
Wo spürst du Dissonanz zwischen dem, was du tust und dem, was du fühlst?