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ADHS und “Ganz-oder-gar-nicht-Denken”: Ein tiefer Einblick in Schwarz-Weiß-Denken bei ADHS

https://youtu.be/Ku3U92q150w?si=6hAIYpPo004Qucfz (Si apre in una nuova finestra)


Ich finde es spannend und wichtig, die typischen Denkmuster zu verstehen, die das Leben mit ADHS prägen.

 Ein solches Muster ist das sogenannte „Ganz-oder-gar-nicht-Denken“ oder "Schwarz-Weiß-Denken". Dieses Denken in Extremen kann das tägliche Leben, die Selbstorganisation und zwischenmenschliche Beziehungen stark beeinflussen.

Als ADHS Coach für Erwachsene helfe ich Menschen mit vermuteter oder bestätigter ADHS-Diagnose, ihren Alltag energiesparender und erfüllender zu gestalten. In diesem Artikel möchte ich dir aus meiner Erfahrung heraus erklären, was Ganz-oder-gar-nicht-Denken bedeutet, wie es sich bei ADHS äußert und welche Schritte dir helfen können, dieses Denken zu durchbrechen und mehr Flexibilität in dein Leben zu bringen.

Was ist Ganz-oder-gar-nicht-Denken?

Ganz-oder-gar-nicht-Denken, beschreibt ein Denken in Extremen: Alles ist entweder richtig oder falsch, schwarz oder weiß, ja oder nein. Es gibt kaum Raum für Zwischentöne, Graubereiche oder Nuancen. Dieses Denken ist nicht exklusiv für Menschen mit ADHS, jedoch erleben viele von ihnen diese Tendenz besonders stark und häufig.

Früher war mir selbst nicht bewusst, wie stark ich in diesem Muster gefangen war. Ich dachte, ich sei reflektiert und hätte immer Recht – das Schwarz-Weiß-Denken war für mich so selbstverständlich, dass ich es nicht als Problem erkannt habe. Doch dieses Denken beeinflusst nicht nur, wie wir mit anderen Menschen in Konflikt geraten oder uns über sie ärgern, sondern auch unsere Selbstorganisation, Problemlösefähigkeiten und den Umgang mit Stress.

Die zwei Seiten des Schwarz-Weiß-Denkens bei ADHS

1. Konfliktbehaftete Beziehungen und Drama

Schwarz-Weiß-Denken kann dazu führen, dass Menschen mit ADHS andere als „alle unmöglich“ oder „idiotisch“ wahrnehmen, sobald sie Kritik oder Ablehnung erfahren. Diese Wahrnehmung betrifft nicht nur einzelne Situationen, sondern wird auf die gesamte Beziehung oder Person übertragen. Ein kleiner Konflikt wird zum großen Drama, und ein Perspektivwechsel fällt schwer.

Viele Menschen mit ADHS kämpfen damit, ihr eigenes Denken zu hinterfragen oder zu distanzieren. Das Resultat sind oft heftige Diskussionen, Verteidigungen oder Rückzug. Manche äußern ihre Gefühle direkt, andere stauen sie innerlich auf und entwickeln negative Selbstgespräche. Das Schwarz-Weiß-Denken verhindert dabei eine differenzierte Sichtweise und erschwert die Empathie gegenüber anderen.

2. Herausforderungen im Alltag und bei der Selbstorganisation

Im Alltag zeigt sich das Ganz-oder-gar-nicht-Denken darin, dass Aufgaben oder Verhaltensweisen als entweder vollständig möglich oder völlig unmöglich angesehen werden. Ein typisches Beispiel ist das Aufgeben neuer Gewohnheiten nach einem kleinen Rückschlag: „Ich kann das nicht“ wird als unumstößliche Wahrheit angenommen, obwohl es nur eine vorübergehende Schwierigkeit war.

Diese Denkweise schränkt das Problemlöseverhalten stark ein. Es fehlt die Fähigkeit, flexibel zu denken, Perspektiven zu wechseln und alternative Lösungen zu finden. Oft wird eine Entscheidung wie in Stein gemeißelt betrachtet, sodass alle weiteren Überlegungen und Anpassungen blockiert sind.

Für Menschen mit ADHS, die ohnehin mit kognitiver Inflexibilität und Schwierigkeiten bei der Fokuslenkung zu kämpfen haben, bedeutet das eine zusätzliche Belastung. Das Gehirn braucht Zeit, um von einer Aufgabe zur nächsten zu wechseln, und wenn eine Entscheidung einmal getroffen ist, fällt es schwer, diese wieder zu hinterfragen oder anzupassen.

Typische Erscheinungsformen des Ganz-oder-gar-nicht-Denkens

  • Extremer Selbsttalk: Von „Ich bin die Größte“ bis zu „Ich kriege gar nichts auf die Reihe“ schwanken die inneren Gespräche oft zwischen zwei Extremen.

  • Perfektionismus: Das Gefühl, etwas nur perfekt oder gar nicht machen zu können, führt häufig zu Prokrastination oder dem Vermeiden von Aufgaben.

  • Hyperfokussierung auf neue Projekte: Begeisterung für ein neues Vorhaben kann so stark sein, dass man glaubt, es sofort und für immer perfekt umsetzen zu müssen.

  • Schwierigkeiten mit Kompromissen: Entweder man ist voll engagiert oder gar nicht dabei – Zwischenlösungen werden selten akzeptiert.

  • Übertragung eines Aspekts auf das Ganze: Ein Fehler oder eine Schwierigkeit wird auf die gesamte Fähigkeit oder Person übertragen.

Persönliche Beispiele aus meinem Leben

Früher wollte ich zum Beispiel nachhaltiger leben und war fest entschlossen, die nachhaltigste Person der Welt zu sein. Das führte zu extremen Ansprüchen, die mit meinen Schwierigkeiten in der Selbstorganisation kollidierten. Ich wollte alles selbst bauen, statt pragmatisch zu kaufen, was meinen Alltag enorm erschwerte. Dieses Hin und Her zwischen Extremen hat mich viel Energie gekostet und mein Leben zusätzlichen Stress ausgesetzt.
Ein weiteres Beispiel war mein Umgang mit Ehrenämtern: Entweder war ich voll engagiert oder ich konnte gar nicht mehr teilnehmen. Ein reduziertes Engagement erschien mir damals nicht vorstellbar, obwohl es eine gesündere und realistischere Option gewesen wäre.

Warum fällt es Menschen mit ADHS besonders schwer, das Ganz-oder-gar-nicht-Denken zu überwinden?

Kognitive Inflexibilität

Das zentrale Thema hinter dem Schwarz-Weiß-Denken ist oft die kognitive Inflexibilität. Menschen mit ADHS fällt es schwer, ihren Fokus zu wechseln, sich auf neue Situationen einzustellen oder ihre Gedanken bewusst umzustrukturieren. Wenn eine Entscheidung einmal getroffen ist, wirkt sie wie in Stein gemeißelt und lässt wenig Raum für Anpassungen.

Arbeitsgedächtnis und Informationsverarbeitung

Ein eingeschränktes Arbeitsgedächtnis erschwert es, alle relevanten Informationen gleichzeitig zu verarbeiten und abzurufen. Dies führt dazu, dass Erfahrungen nicht immer vollständig abgespeichert werden und Fehler nicht als Lernchancen erkannt werden. Dadurch bleiben starre Denk- und Verhaltensmuster bestehen.

Emotionale Dysregulation

Emotionale Schwankungen und Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren, verstärken das Schwarz-Weiß-Denken. Positive oder negative Erfahrungen werden oft übermäßig intensiv wahrgenommen und dominieren das Denken. Dies führt zu Hyperfokussierung auf bestimmte Themen oder Gefühle, die dann als absolut wahr angesehen werden.

Subjektive Wahrnehmung von Stress

Stress wird von Menschen mit ADHS oft als besonders belastend empfunden und als dauerhaft wahrgenommen. Diese Wahrnehmung fördert negative Schlussfolgerungen und verhindert, dass man Situationen differenziert betrachtet.

Die Folgen von Ganz-oder-gar-nicht-Denken

  • Beziehungen: Konflikte und Missverständnisse entstehen leichter, da Perspektivwechsel und Empathie erschwert sind.

  • Selbstwert und Energie: Extreme Selbstkritik und unrealistische Ansprüche führen zu Erschöpfung und vermindertem Selbstvertrauen.

  • Prokrastination: Die Angst, etwas nicht perfekt zu machen, kann dazu führen, dass Aufgaben gar nicht erst begonnen werden.

  • Blockaden bei Veränderungen: Die Überzeugung, etwas entweder komplett zu schaffen oder gar nicht, verhindert oft, neue Verhaltensweisen auszuprobieren oder schrittweise Veränderungen umzusetzen.

  • Dauerstress: Das ständige Kämpfen und die inneren Konflikte belasten Körper und Geist nachhaltig.

Wie kannst du das Ganz-oder-gar-nicht-Denken durchbrechen?

Der erste Schritt besteht darin, das eigene Denken bewusst wahrzunehmen und zu beobachten. Viele Menschen mit ADHS sind sich ihrer Tendenz zum Schwarz-Weiß-Denken gar nicht bewusst, was es schwierig macht, es zu verändern.

Selbstbeobachtung und Reflexion

Führe ein Tagebuch oder notiere dir Situationen, in denen du dich in absoluten Gedanken wiederfindest – Aussagen wie „Das geht nicht“, „Ich kann das nicht“ oder „Ich muss das perfekt machen“ sind typische Hinweise. Je öfter du diese Denkweisen erkennst, desto besser kannst du sie hinterfragen.

Demut und Offenheit für andere Perspektiven

Versuche, eine Haltung der Demut zu entwickeln und dir bewusst zu machen, dass deine Gedanken nicht immer der Wahrheit entsprechen müssen. Höre anderen Menschen zu, gewähre ihren Sichtweisen Raum und lerne, deine eigenen Überzeugungen zu relativieren.

Scham und Selbstakzeptanz

Das Auseinandersetzen mit Scham, Stolz und Ego ist wichtig, denn oft ist es die Angst vor Ablehnung oder Kritik, die das Schwarz-Weiß-Denken antreibt. Erlaube dir, Fehler zu machen und nicht perfekt zu sein – das ist ein kraftvoller Schritt zu mehr Flexibilität.

Schrittweises Vorgehen statt Perfektion

Anstatt zu denken, du müsstest eine neue Gewohnheit sofort perfekt und für immer umsetzen, erlaube dir, klein anzufangen. „Ein Stein nach dem anderen“ zu legen, ist viel nachhaltiger als der Anspruch, das ganze Gebäude auf einmal zu errichten.

Unterstützung suchen

Manchmal ist es hilfreich, sich eine vertraute Person zu suchen, die dich liebevoll auf dein Schwarz-Weiß-Denken hinweist. Auch professionelle Unterstützung, etwa durch Coaching, kann dir helfen, neue Denk- und Verhaltensmuster zu entwickeln.

Fazit: Mehr Raum für Nuancen und Flexibilität im Leben mit ADHS

Das Ganz-oder-gar-nicht-Denken ist eine Herausforderung, die viele Menschen mit ADHS begleitet. Es prägt nicht nur den Umgang mit sich selbst, sondern auch mit anderen und erschwert die Selbstorganisation sowie das Problemlösen. Doch es ist möglich, diesen Denkstil zu erkennen, zu hinterfragen und schrittweise zu verändern.

Indem du lernst, deine Gedanken nicht als unumstößliche Wahrheiten zu sehen, sondern als flexible Möglichkeiten, öffnest du dir den Weg zu mehr Gelassenheit, besseren Beziehungen und mehr Energie im Alltag. Du kannst dich von der Last des ständigen Kampfes befreien und einen Weg finden, der dich mit mehr Freude und Leichtigkeit durchs Leben führt.

Wenn du Interesse hast, an diesem Thema tiefer zu arbeiten und deinen Alltag mit ADHS nachhaltig zu verbessern, stehe ich dir gerne als Coach zur Seite. Gemeinsam können wir Wege finden, wie du dein ganz persönliches Schwarz-Weiß-Denken entwirren und mehr Balance in dein Leben bringen kannst.

Argomento Solofolgen

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