Passa al contenuto principale

Selbstwirksamkeit als Schlüssel gegen Prokrastination bei ADHS

Wie eine neue Studie zeigt, warum innere Handlungszuversicht wichtiger ist als reine Zeitmanagement-Tipps

Selbstwirksamkeit reduziert Prokrastination bei Erwachsenen mit ADHS und stärkt das Kohärenzgefühl. Was das für therapeutische Konsequenzen haben könnte, habe ich in diesem Blogartikel zusammengefasst.

Einleitung: Prokrastination bei ADHS – mehr als „Aufschieben“

Prokrastination gehört zu den häufigsten und zugleich belastendsten Begleitphänomenen bei Erwachsenen mit ADHS. Vielleicht ist es sogar das Leitsymptom, das am häufigsten zum Aufsuchen von Hilfe führt.



Aufgaben werden nicht aus Faulheit, sondern trotz besseren Wissens aufgeschoben – mit oft gravierenden Folgen für Beruf, Beziehungen und psychische Gesundheit. Klassische Erklärungen greifen dabei häufig zu kurz: Zeitmanagement, Disziplin oder Motivation allein erklären das Phänomen nicht ausreichend.

Eine aktuelle Studie (2026) liefert nun einen entscheidenden Puzzlestein: Selbstwirksamkeit wirkt als psychologischer Schutzfaktor und puffert die negativen Effekte von Prokrastination auf das sogenannte Kohärenzgefühl.

Zentrale Begriffe kurz erklärt

ADHS im Erwachsenenalter
Eine neuroentwicklungsbedingte Variante der Informationsverarbeitung mit Besonderheiten in Aufmerksamkeit, Impulssteuerung, Motivation und Emotionsregulation.

Prokrastination
Das wiederholte Aufschieben von Aufgaben, obwohl negative Konsequenzen bekannt sind. Bei ADHS eng verknüpft mit exekutiven Dysfunktionen und motivationaler Dysregulation.

Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy)
Die subjektive Überzeugung, Anforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Nicht identisch mit Selbstwert, sondern handlungsbezogen.

Sense of Coherence (Kohärenzgefühl)
Ein salutogenetisches Konzept nach Antonovsky, bestehend aus:

  • Verstehbarkeit (Was passiert hier?)

  • Handhabbarkeit (Habe ich Ressourcen?)

  • Sinnhaftigkeit (Lohnt sich das Engagement?)

Die Studie im Überblick

In der untersuchten Stichprobe von 180 Erwachsenen mit diagnostizierter ADHS wurden drei zentrale Variablen erhoben:

  • Ausmaß der Prokrastination

  • Allgemeine Selbstwirksamkeit

  • Kohärenzgefühl (gesamt und in Subdimensionen)

Die statistische Analyse nutzte ein Mediationsmodell.

Die wichtigsten Ergebnisse dazu

1. Prokrastination schwächt das Kohärenzgefühl

Je stärker die Prokrastination, desto geringer erleben Betroffene:

  • Ordnung und Vorhersagbarkeit im Leben

  • das Gefühl, Anforderungen bewältigen zu können

  • Sinn und Motivation im Alltag

👉 Prokrastination wirkt also nicht nur funktional störend, sondern existentiell zersetzend.

2. Selbstwirksamkeit ist bei ADHS häufig reduziert

Höhere Prokrastination ging mit deutlich geringerer Selbstwirksamkeit einher. Das passt für mich klinisch auch gut: Wiederholte Misserfolge, Kritik und innere Blockaden untergraben langfristig das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

3. Selbstwirksamkeit vermittelt (mediiert) den Zusammenhang

Der zentrale Befund:
Selbstwirksamkeit vermittelt rund 40 % des Zusammenhangs zwischen Prokrastination und Kohärenzgefühl.

Das bedeutet:

  • Prokrastination wirkt direkt negativ auf das Kohärenzgefühl

  • und indirekt, indem sie die Selbstwirksamkeit schwächt

  • hohe Selbstwirksamkeit kann diesen Effekt deutlich abpuffern

👉 Selbstwirksamkeit ist kein „Nice-to-have“, sondern ein zentraler therapeutischer Hebel.

Klinische und therapeutische Implikationen

Warum reine Verhaltenstipps oft scheitern

Viele ADHS-Interventionen setzen implizit voraus:

  • intakte exekutive Funktionen

  • stabile Selbststeuerung

  • ausreichend Selbstvertrauen

Genau diese Voraussetzungen fehlen jedoch häufig.

Was stattdessen wirkt

Die Studienergebnisse sprechen klar dafür:

Therapie bei ADHS sollte systematisch an Selbstwirksamkeit ansetzen, z. B. durch:

  • erfahrungsbasierte Erfolgsmomente (nicht nur Einsicht)

  • kleinschrittige, realistische Zielsetzungen

  • Arbeit an inneren Blockaden und impliziten Misserfolgserwartungen

  • emotions- und körperbasierte Verfahren statt reiner Kognition

Aus neuroaffirmativer Sicht ist das besonders relevant: Es geht nicht darum, ADHS „wegzutrainieren“, sondern Handlungszuversicht im eigenen neurobiologischen Betriebssystem aufzubauen.

Einordnung aus salutogenetischer Perspektive

Das Kohärenzgefühl gilt als zentraler Schutzfaktor für psychische Gesundheit. Die Studie zeigt:

Selbst wenn Prokrastination als ADHS-Symptom bestehen bleibt, kann ein gestärktes Gefühl von Selbstwirksamkeit verhindern, dass das gesamte Lebensgefühl erodiert.

Das ist klinisch hochrelevant – insbesondere zur Prävention von:

  • chronischer Erschöpfung

  • depressiven Entwicklungen

  • innerem Rückzug und Selbstabwertung

Fazit

Diese Studie liefert starke empirische Unterstützung für etwas, das viele aus der Praxis kennen:

👉 Nicht das Aufschieben allein macht krank – sondern das Gefühl, dem eigenen Leben nicht gewachsen zu sein.

Selbstwirksamkeit wirkt hier wie ein psychologischer Stoßdämpfer. Wer sie stärkt, stabilisiert nicht nur Verhalten, sondern das grundlegende Erleben von Sinn, Ordnung und Bewältigbarkeit.

Mit einem Abo des Newsletters bleibst du über ADHS / Neurodivergenz weiter informiert

Wenn du meine ADHS-Aufklärungsarbeit im Sinne von Social crowdfunding auch 2026 unterstützen magst, freue ich mich über weitere Unterstützer meiner Arbeit

Quelle

Malinowska, A., & Rodzeń, W. (2026).
The mediation effect of general self-efficacy in relation to procrastination and sense of coherence among adults with attention deficit hyperactivity disorder.
PLOS ONE, 21(1), e0339965.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0339965 (Si apre in una nuova finestra)

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a ADHS Blog und Community ADHSSpektrum e avvia una conversazione.
Sostieni