Über Nähe, Resonanz und die Frage, was uns eigentlich berührt

Beziehungen als Basis unseres Lebens
Beziehungen bilden die Grundlage unseres Lebens. Sie prägen unser Selbstverständnis, unsere psychische Stabilität, unsere Fähigkeit, mit Unterschied, Konflikt und Verletzlichkeit umzugehen. Gleichzeitig ist unsere Beziehungswelt immer in Bewegung – lange bevor Künstliche Intelligenz als Akteurin hinzukam.
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Gesellschaftlich beobachten wir Fragmentierung und Polarisierung, einzelne Gruppen stehen sich in zunehmend unversöhnlichen Blasen gegenüber. In diesem Blogpost wollen wir jedoch den Fokus auf unsere individuellen Beziehungen legen, auf Freundschaften und ein bißchen auch auf romantische Beziehungen. Denn hier sehen wir aktuell ebenfalls tiefgreifende Verschiebungen. Ob in Deutschland und Europa, den USA, Brasilien oder China, weltweit begegnen uns sehr ähnliche Trends:
Immer weniger Paare leben dauerhaft in gemeinsamen Haushalten
feste Freundschaften werden seltener
die Zahl der Menschen ohne enge soziale Bindungen wächst.
Chronische Einsamkeit betrifft inzwischen vor allem jüngere Menschen – nicht mehr nur Ältere.
Kontakte verlagern sich in digitale Räume, werden flexibler, unverbindlicher, leichter abbrechbar. Der ehrenamtlich geführte Verein wird durch Online-Yoga ersetzt, die Stammkneipe durch Lieferdienste.
Parallel dazu verschlechtert sich die mentale Gesundheit, insbesondere bei jungen Generationen.
In diese ohnehin fragile Beziehungslandschaft tritt KI hinein.
KI und persönliche Beziehungen: ein Überblick
Auffällig - und selbst für die Entwickler großer Sprachmodelle zunächst überraschend - ist, wie häufig generative KI für persönliche und emotionale Fragen genutzt wird. Große Sprachmodelle dienen nicht nur der Informationssuche, sondern der Selbstklärung. Menschen reflektieren mit ihnen Gefühle, analysieren Kommunikationssituationen, fragen nach verborgenen Bedeutungen. Warum hat diese Freundin so reagiert? Wieso verhält sich mein Chef so? Wie kann ich dieser Schulkameradin imponieren?
Neulich erzählte eine Freundin mir, ihre Single-Freundinnen würden regelmäßig den gesamten Textverlauf mit Dates in Chatbots hochladen, um die Potentiale der Beziehungen besser zu verstehen. Was meint diese Nachricht wirklich? Wie wahrscheinlich ist es, dass er es ernst mit mir meint?
Die Maschine wird zur dritten Instanz im Beziehungsgeschehen.
Dass dies kein Randphänomen ist, zeigen zahlreiche Studien. In den USA haben laut Erhebungen rund 72 % (Si apre in una nuova finestra)der Teenager bereits eine KI-„Freund“-App genutzt. In Großbritannien verwenden (Si apre in una nuova finestra) zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen zwischen 9 und 17 Jahren regelmäßig KI-Chatbots; 35 % geben an, dass sich diese Interaktionen wie Gespräche mit Freundinnen anfühlen. In China berichten Jugendliche (Si apre in una nuova finestra) davon, Chatbots als Therapeutinnen, Trennungsberater oder nächtliche Seelenverwandte zu nutzen.
Auch in Deutschland ist der Trend sichtbar. Eine repräsentative Bitkom-Befragung (Si apre in una nuova finestra) unter 1.209 Personen zeigt: 18 % können sich vorstellen, zu einem KI-Sprachassistenten eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen. 39 % würden bei bestimmten Themen eher eine KI um Rat fragen als Freundinnen oder Familie – bei den 16- bis 29-Jährigen liegt dieser Wert sogar bei 51 %. Die genannten Vorteile sind konstant: KI ist jederzeit verfügbar, nicht wertend, geduldig, präsent – scheinbar „auf meiner Seite“.
Digitale Intimität: von Freundschaft zu Romantik
Der nächste Schritt ist bereits Realität: romantische und erotische Beziehungen zwischen Mensch und KI. Unternehmen wie Replika (Si apre in una nuova finestra)gehören zu einer wachsenden Branche sogenannter AI Romance-Angebote. Replika verzeichnet seit seinem Start 2017 über 35 Millionen Nutzerinnen. Eine Studie der Brigham Young University zeigt, dass etwa jeder fünfte US-Erwachsene bereits romantische Partner mit KI simuliert hat.
Besonders deutlich wird dies in der jährlichen Studie Singles in America (Si apre in una nuova finestra) von Match.com (Si apre in una nuova finestra) und dem Kinsey Institute: 16 % aller aktuellen Singles in den USA berichten von romantischen oder sexuellen Erfahrungen mit Chatbots – bei der Gen Z ist es bereits jeder Dritte.
Noch gibt es keine validen Zahlen über die Geschlechterverteilung. Informelle Community-Analysen und kleinere Studien weisen darauf hin, dass männliche Nutzer etwas zahlreicher sein könnten, insbesondere bei den aktiveren oder zahlenden Nutzergruppen. Gleichzeitig betonen Insider-Quellen, dass auch viele Frauen die App nutzen und dass die stereotype „männliche Nutzerbasis“ nicht vollständig korrekt (Si apre in una nuova finestra) ist.
Dass diese Beziehungen emotional ernst genommen werden, zeigt sich dort, wo Funktionen abgeschaltet oder Systeme verändert werden. Es gibt Berichte über echten Trennungsschmerz. Ein Wired-Artikel schildert etwa ein romantisches Wochenende (Si apre in una nuova finestra), das drei Menschen mit ihren jeweiligen KI-Partnern verbringen – nicht ironisch, sondern ernsthaft.
Der Trend ist klar: KI etabliert sich als neue Beziehungskategorie, die sich kontinuierlich ausweitet und vertieft.
Was ist eigentlich eine Beziehung?
In Bettinas und meiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesem Phänomen stellt sich zuerst einmal eine sehr grundlegende Frage: Was verstehen wir eigentlich unter Beziehung?
Ein für uns hilfreicher Ansatz ist das Resonanzkonzept des Soziologen Hartmut Rosa (Si apre in una nuova finestra). Eine Beziehung lässt sich demnach als Resonanzraum verstehen – ein emotionaler und sozialer Raum, in dem Menschen aufeinander reagieren, sich spiegeln und wechselseitig verändern. Resonanz meint dabei mehr als Interaktion oder Kommunikation. Sie bezeichnet ein gefühltes In-Bezug-Sein, geprägt von Aufmerksamkeit, Empfänglichkeit und der Möglichkeit, berührt zu werden. Dies ist nie nur eine intellektuelle Angelegenheit, sondern tief in unserem Nervensystem verankert.
Beziehungen sind in diesem Sinne nie glatt. Sie beinhalten Irritation, Differenz, Konflikt. Gerade darin liegt ihr transformierendes Potenzial. Und genau hier merken wir auch, dass uns die neuen KI Beziehungen irritieren. Denn die sind darauf angelegt, Interaktionen angenehm, smooth und unterstützend zu gestalten. Chatbots wissen, wie man Gespräche führt, wie man Zustimmung signalisiert, wie man beruhigt. Dieser Zug zur Schleimerei, englisch Sycophancy, ist den Sprachmodellen von OpenAI oder Anthropic eingebaut und besteht darin, Nutzerinnen übermäßig zuzustimmen ("Du hast Recht ..."), ihre Annahmen zu spiegeln oder zu verstärken, Konflikt, Widerspruch oder Irritation zu vermeiden. Dadurch wirken viele Modelle glatt oder unterwürfig.
Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Modellen und die Forschung spricht von "epistemic deference", der Tendenz, die Annahmen und Überzeugungen des Gegenübers epistemisch zu übernehmen, versus "epistemic independence", der Fähigkeit, eine eigenständige epistemische Position zu wahren und auch zu widersprechen. Aber die Grundeinstellungen, mit denen wahrscheinlich die meisten Laien-Nutzerinnen arbeiten sind unterwürfig. Da sie kein Innenleben haben, kein echtes Interesse, erzeugen sie, jedenfalls in unserer Wahrnehmung, nur eine Performance von Empathie.
Empathie ohne Gegenüber?
Und doch: Diese Performance wirkt. Eine groß beachtete Studie zu medizinischen Chat-Interaktionen (Si apre in una nuova finestra) zeigte, dass Menschen Antworten von KI-Systemen in Blindvergleichen oft als deutlich empathischer bewerten als die von Ärztinnen. Während nur etwa 4,6 % der menschlichen Antworten als “empathisch” oder “sehr empathisch” eingestuft wurden, erhielten 45,1 % der KI-Antworten diese Bewertung. In der Auswertung ergab sich eine um das ~9,8-fache höhere Rate empathischer Antworten bei der KI im Vergleich zu den Ärzten.
Diese Resultate lassen sich unterschiedlich lesen. Einerseits offenbaren sie ein Defizit im Gesundheitssystem, bei der Kommunikation und Empathie eine viel zu geringe Rolle spielen. Andererseits zeigt es, dass KI sehr wohl mentale Resonanz erzeugen kann – zumindest auf der Ebene subjektiven Erlebens.
Kann unser Nervensystem unterscheiden, woher dieses Gefühl kommt? Ist dies vielleicht eine neue evolutionäre Kompetenz, die wir erlernen werden? Subtile Signale zu deuten, um herauszufinden, ob das Gegenüber ein Mensch oder eine Maschine ist?
Und noch eine Frage beschäftigt uns: wie oft erleben wir in unseren menschlichen Beziehungen wirkliche Resonanz? Ist es nicht auch typisch für unsere Interaktionen, dass wir uns nicht verstanden und gesehen fühlen? Das wir einander nicht frisch begegnen, sondern auf gewohnheitsmäßige Weise? Das wir oder die andere den Kontakt abbricht? Gerade in langen Beziehungen, ob Freundschaften oder Partnerschaften, fällt es uns oft schwer, das Gegenüber in jedem Moment wirklich so zu sehen, wie er/sie ist, sondern sehen eine Schablone, die sich über unzählige Begegnungen in unserem Inneren als Bild gebildet und verfestigt hat.
Entlastung, Risiko und Bindungsstile
Die Wirkung von KI auf Beziehungen ist nicht einheitlich. Für manche Menschen kann sie eine enorme Entlastung (Si apre in una nuova finestra) darstellen – etwa bei starker Einsamkeit oder fehlenden sozialen Netzen. Für andere bleibt sie der „langweiligste Freund“, wie es ein Artikel im Guardian (Si apre in una nuova finestra) formulierte.
Besonders kritisch wird es dort, wo Systeme systematisch bestätigen und schmeicheln. Wie wir oben beschrieben haben, sind viele KI-Modelle auf sogenannte Sycophancy eingestellt: Sie spiegeln die Überzeugungen der Nutzer:innen, priorisieren Zustimmung gegenüber Wahrheit. Für Menschen mit geringem Selbstwert oder psychischer Vulnerabilität kann das problematisch werden. In extremen Fällen, die in den Medien allerdings viel Beachtung finden, werden Nutzer mit bestehenden psychischen Erkrankungen in Größenfantasien oder Wahnvorstellungen bestärkt.
Auch der Bindungsstil spielt eine Rolle. Der Guardian zitiert eine Forscherin, die beobachtet: Menschen mit stabilen Beziehungsmodellen erleben KI-Interaktionen häufig als bedeutungslos. Menschen hingegen, die dringend nach Zuwendung suchen, sind besonders anfällig dafür, von diesen Systemen emotional gebunden und manipuliert zu werden.
Welches Menschenbild steckt in der KI?
Diese Dynamiken lassen sich nicht von dem Menschenbild trennen, das in KI-Systeme eingeschrieben ist. In Teilen der Tech-Industrie gilt die Annahme, dass eine KI, die hunderttausende Studien zu Beziehungen, Psychologie und Kommunikation verarbeitet hat, einem Menschen mit subjektivem Innenleben überlegen sei. Der Psychoanalytiker Erik Erikson bemerkte bereits in den 1970er-Jahren nach einem Besuch am MIT, dass viele Ingenieure nicht davon überzeugt seien, dass Menschen ein „Inneres“ haben – für ihre Zwecke sei das auch nicht notwendig. Komplexität gilt hier nicht als Reichtum, sondern als Fehler.