Der Newsletter aus der Wort & Klang Küche von Almut Schnerring & Sascha Verlan
Ausgabe 1/2026
Anlass für diesen Text ist ein Kommentar unter einem unserer Insta-Posts, der mit der Sprechblase startet:
„Ich bräuchte mal drei starke Jungs zum Tische tragen.“ (Si apre in una nuova finestra)
Und ja, wir staunen – und ärgern uns gleichzeitig: Jetzt, wo der Post über 130.000 Views hat und vor allem Nicht-Follower erreicht, tauchen plötzlich Männer in den Kommentaren auf, die sonst kaum bei uns mitlesen (nur 6 % unserer Follower sind männlich). Lustig? Ein bisschen. Frustrierend? Absolut. Denn wieder einmal geht es darum, zu betonen, wie sehr Jungen, die angeblichen „Bildungsverlierer“ der Schule, benachteiligt werden. Ein beliebter Erklärungsversuch ist die sogenannte Feminisierung der Schulen - klingt einfach, ist aber wissenschaftlich nicht belegt. Studien zeigen, dass das Geschlecht der Lehrkraft praktisch keinen Einfluss hat auf Noten oder Kompetenzen der Jungen (Coenen u.a., 2018; Kleen u.a., 2022). Wer also Unterschiede im Schulerfolg erklären will, muss bei Sozialisation, Verhalten und Bewertungskultur anfangen, muss also hinschauen, wie genau Mädchen und Jungen unterschiedlich sozialisiert werden, welche geschlechtsbezogenen Verhaltensnormen sie internalisieren und wie Schule diese bewertet. - Und genau das macht der oben verlinkte Instapost, indem er ein winziges Puzzleteil aus dem Schulalltag herausgreift, einen häufig verwendeten Satz - es hätte auch ein anderer sein können.

Das Festhalten an starren Rollenbildern macht Jungen das (Schul)Leben schwer
Jungen geraten im Schulalltag immer wieder in Konflikt mit engen Männlichkeitsbildern – stark sein, nicht klagen, allein klarkommen –, und trotzdem wird schnell die Schule selbst als Schuldige hingestellt. Dabei übersehen die Verteidiger der „armen Jungs“, dass genau ihr Festhalten an starren Rollenbildern diesen Konflikt erst erzeugt. Schule verlangt Fähigkeiten wie zuhören, still arbeiten, sich Hilfe holen, Unsicherheit aushalten und Beziehungen gestalten – Eigenschaften, die gesellschaftlich noch immer eher als „weiblich“ gelten.
Dieses Männlichkeitsbild hat eine bittere Kehrseite: Es setzt Jungen unter permanenten Druck, stark, unabhängig und durchsetzungsfähig zu sein, während Empathie, Rücksichtnahme und Selbstreflexion als „schwach“ abgewertet werden. In der Folge geraten Jungen nicht nur in riskante Situationen, sondern übernehmen Rollen, die Aggression und Konkurrenz fördern – teilweise als Täter, teilweise als Opfer eines Systems, das ihnen keine anderen Ausdrucksmöglichkeiten erlaubt. Diese Dynamik entsteht nicht zufällig, sondern ist ein Produkt starrer gesellschaftlicher Erwartungen, die Schule, Peers und Erwachsene täglich reproduzieren.
Kommentare wie der, den wir unten beantworten, schreiben vor allem Männer, die sich eingeladen fühlen, Posts zur gendersensiblen und vorurteilsbewussten Pädagogik zu widersprechen – ohne Fachwissen, ohne Perspektive, vielleicht einfach weil es um „die armen Jungs“ geht, mit denen sie sich identifizieren? Das macht uns ratlos und es zeigt, wie hartnäckig und selbstgerecht diese Denkmuster wirken.

Genderpädagogisches Wissen statt Bauchgefühl
Um für ähnliche Diskussionen eine argumentative Grundlage zu bieten, analysieren wir den folgenden Kommentar Schritt für Schritt und zeigen anhand konkreter Textstellen, welche argumentativen und rhetorischen Muster darin verwendet werden.
Der Kommentar:
(By the way, fast zu perfekt ironisch, um es nicht zu erwähnen: Absender ist ein Account mit Namen “Der, der Aber sagt” :D)
(Si apre in una nuova finestra)“Frauen werden niemals Männer sein und Männer keine Frauen. Es wird immer Klischees geben und Vorurteile sind nicht verhinderbar. Alleine die Tatsache, dass unser Gehirn auf Prognosen basiert, die aufgrund von Vorurteilen Vorurteile bilden, sollte alles sagen. Es geht darum, dass man alles zulassen kann und jeder Mensch das Recht haben sollte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet zu werden. Und vor allem: seine Bedürfnisse mitteilen und darin gesehen werden kann. In meiner gesamten Schulzeit war ich in mehreren Schulen, auf dem Land, in der Stadt, Realschüler und später Gymnasium. Was ich permanent erlebt habe? Mädchen haben es einfacher gehabt, als Jungs. Gerade die Schule und das Lernen sind auf stereotyp weibliche Bedürfnisse ausgelegt. Wieso wird das nicht thematisiert, sondern dieses Beispiel? Man könnte es auch so auslegen, dass Jungs dumm sind, aber sie können wenigstens den Tisch tragen.
Ich fühle jetzt schon, dass Frauen das hier triggert, weil ich es anders auslege. Dann höre ich oft, dass ich Probleme hätte, mir Hilfe suchen solle etc... weil ich was tu? Genau, das was die Frauen permanent machen, nämlich etwas ansprechen, das man si erlebt. Und da soll ich mich mal nicht so anstellen, heißt es da. Ich würde Aufmerksamkeit wollen, ablenken. Wieso? Weil die gesamte Thematik zusammenhängt und ich das aufzeige? Wir sollten Klischees akzeptieren und darüber hinaus aufmerksam sein und wieder mehr darüber lachen, als uns permanent daran aufzuhängen. Bewusstsein für solche Bilder schaffen ist gut. Aber uns geht das abstrakte Denken über die Mehrdimensionalität verloren. Und das wird richtig bitter werden."
Liste der argumentativen und rhetorischen Muster im Kommentar:
Niemand will Jungs umerziehen oder Klischees verbieten.
Missverständnis / Fehlinterpretation von pädagogischer Absicht„Dass unser Gehirn mit Abkürzungen arbeitet … ist keine neue Erkenntnis … Dann lassen wir es halt.“
Scheinwissenschaftlicher Schluss / Naturalistischer Fehlschluss„Mädchen haben es einfacher gehabt, als Jungs.“
Anekdotische Evidenz / Verallgemeinerung„Schule und Lernen sind auf stereotyp weibliche Bedürfnisse ausgelegt.“
Unbelegte Generalbehauptung / Essentialismus„Man könnte auch sagen, Jungs sind dumm, aber stark.“
Ironische Umdeutung / Widersprüchliche Argumentation„Frauen werden getriggert … man sagt mir, ich soll mir Hilfe suchen.“
Unterstellung emotionaler Reaktionen / Immunisierung gegen Kritik„Wir sollten über Klischees lachen …“
Verharmlosung / Luxusposition / Bagatellisierung systematischer MechanismenAbstraktes Denken und Mehrdimensionalität …
Verallgemeinerung / Missbrauch von Konzepten / Pseudokomplexität
Erstens:
Niemand will Jungs umerziehen oder Klischees verbieten.
Das ist ein Missverständnis, das du dir, lieber Kommentator, selbst gebaut hast. Gendersensible Pädagogik sagt nicht: „Vorurteile sind böse und müssen weg.“ Sie sagt: Vorurteile wirken – also schauen wir hin, wann und wie sie wirken.
Dass unser Gehirn mit Abkürzungen arbeitet, ist keine neue Erkenntnis, sondern Biologie-Basiswissen. Der pädagogische Schluss daraus ist aber nicht „Dann lassen wir es halt“, sondern: Dann müssen Erwachsene besonders aufmerksam sein, weil Kinder diese Abkürzungen ungefiltert übernehmen.
Zweitens:
Das Tischtragen ist kein Angriff auf Jungs.
Das Beispiel meint nicht: „Jungs dürfen keine Tische tragen“ oder „Jungs sind auf Kraft reduziert“. Es meint: Wenn in Schulen immer wieder automatisch Jungen gefragt werden und Mädchen nicht, lernen alle Beteiligten etwas – ganz ohne Worte:
· Jungen lernen: „Von mir wird Körperarbeit erwartet.“
· Mädchen lernen: „Ich bin dafür nicht vorgesehen.“
Das passiert leise, alltäglich, jahrelang. Pädagogik beschäftigt sich genau mit solchen stillen Lernprozessen. Nicht mit Moral, nicht mit Schuld. Niemand sagt: „Jungs dürfen keine Tische tragen.“ Das Beispiel kritisiert strukturelle Routinen, nicht individuelle Fähigkeiten. Wenn körperliche Aufgaben regelmäßig an Jungen delegiert werden, sendet das implizite Botschaften:
Jungen = Körper/Kraft
Mädchen = Schonung/Hilfsbedürftigkeit
Das ist keine moralische Empörung, sondern empirisch gut belegte Sozialisationsforschung. Es geht um die Wiederholung, nicht um den einzelnen Tisch.

Drittens:
Persönliche Schul-Erfahrungen ersetzen keine Analyse.
Dass du erlebt hast, dass Mädchen es „einfacher“ hatten, nehmen wir dir ab. Aber persönliche Erfahrung ist kein Beweis, sondern ein Ausgangspunkt für Fragen.
Die Forschung zeigt: Jungen scheitern nicht, weil Schule „weiblich“ ist, sondern weil sie bestimmte Formen von Männlichkeit belohnt oder sanktioniert. Weil bestimmte Männlichkeitsbilder mit Schule kollidieren. Schule verlangt Fähigkeiten wie zuhören, still arbeiten, sich Hilfe holen, Unsicherheit aushalten, Beziehungen gestalten und Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen – Eigenschaften, die gesellschaftlich noch immer eher als „weiblich“ gelten.
Gleichzeitig wird Jungen beigebracht, genau diese Fähigkeiten abzuwerten: stark sein, nicht klagen, allein klarkommen, sich durchsetzen, Schwäche vermeiden. Wenn Jungen dann mit diesem Männlichkeitsideal in der Schule anecken, wird ausgerechnet der Ort verantwortlich gemacht, an dem diese Widersprüche sichtbar werden.
Die Ironie dabei ist kaum zu übersehen: Man hält hartnäckig an einem überholten Männlichkeitsbild fest – und wundert sich anschließend, dass Jungen in einem System scheitern, das andere Kompetenzen verlangt.
Nicht die Schule benachteiligt Jungen, sondern ein gesellschaftlich glorifiziertes Männerbild, das Jungen selbst im Weg steht und ihnen Fähigkeiten aberzieht, die sie dort dringend bräuchten.
Schule kann dieses Problem entweder reproduzieren – oder bewusst gegensteuern. Und all das thematisiert Genderpädagogik seit Jahren. Dein Vorwurf, das werde „nicht thematisiert“, zeigt eher, dass du diese Debatten nicht kennst, nicht dass es sie nicht gibt.
Viertens:
„Man könnte auch sagen, Jungs sind dumm, aber stark“ – nein, genau das ist der Punkt.
Das ist keine neue, clevere Umdeutung, sondern exakt das Problem: wenn Jungen ständig für körperliche Aufgaben eingeplant werden und seltener für soziale oder organisatorische, dann entsteht dieses Bild. Niemand behauptet das offen – es bildet sich im Alltag. Pädagogik versucht, diese Mechanismen sichtbar zu machen, bevor sie sich im Selbstbild der Kinder festsetzen.
Und wie schön, dass es auch Kommentare gibt, die das klar auf den Punkt bringen - eins radialer noch, als es für uns stilistisch möglich wäre, hier, im Rahmen einer sachlich-fachlichen Analyse ;)

Fünftens:
Das mit dem „Triggern“ ist eine bequeme Abkürzung.
Interessant ist dein wiederholtes Vorwegnehmen angeblicher Reaktionen („Frauen werden getriggert“, „man sagt mir, ich soll mir Hilfe suchen“). Das ist ein klassisches Abwehrmuster: Kritik wird nicht inhaltlich beantwortet, sondern psychologisiert. Ironischerweise genau das, was du anderen vorwirfst.
Und nein: Kritik an deiner Argumentation ist kein „Frauen-Trigger“, sondern schlicht fachlicher Widerspruch.

Sechstens:
Über Klischees lachen - deine Luxusposition
Über Klischees kann man lachen, wenn man nicht systematisch von ihnen begrenzt wird. Für Kinder, die sich ständig erklären oder beweisen müssen, ist das kein lustiges Gedankenspiel, sondern Alltag. Pädagogik arbeitet nicht mit Zynismus, sondern mit Verantwortung. Kinder haben kein Interesse an ironischer Distanz, sie lernen durch Wiederholung. Wer Klischees „laufen lässt“, stabilisiert sie – ob beabsichtigt oder nicht.
Siebtens:
Mehrdimensionalität? Gern – aber dann richtig
Du beschwörst „abstraktes Denken“ und „Mehrdimensionalität“, lieferst aber vor allem persönliche Anekdoten, Biologismen und Generalisierungen. Mehrdimensional denken hieße:
Individuum ≠ Gruppe
Erfahrung ≠ Struktur
Gefühl ≠ Analyse
Fazit:
Genderreflektierte Pädagogik spricht Jungen nicht ab, stark zu sein, und Mädchen nicht, Hilfe zu brauchen. Sondern sie fragt, warum bestimmte Erwartungen so hartnäckig reproduziert werden – und wem das langfristig schadet. Spoiler: allen.
Vorurteilsbewusste Pädagogik will:
· automatische Zuschreibungen unterbrechen
· Wahlmöglichkeiten öffnen
· Kindern erlauben, mehr zu sein als das, was man spontan von ihnen erwartet
Willkommen in der @rosahellblaufalle !
mit bunten Grüßen
von Almut & Sascha
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