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Nachtgedanken

Meine liebe Steady-Community,

vorgestern habe ich sehr spontan die Wandschränke meiner Küche abgebaut und zwei Wände gestrichen. Gestern habe ich die Unterschränke komplett getauscht, das Waschbecken umgedreht und die Platte getauscht und den Kühlschrank dreimal umgestellt.

Es gibt Dinge, die mich an der Küche schon immer gestört haben. Als wir die Küche ausgesucht haben, habe ich direkt als erstes MEINE Traumküche gesehen. Aber ich habe sie mir ausreden lassen und wir haben uns dann zusammen für diese entschieden. Die zweifarbigen Schränke haben mich immer gestört. Dann haben wir die Küche von der Wohnung in Bremen nach Berlin mitgenommen. Der Raum in Bremen hatte dicke Rohre unten an der Wand, weswegen die Küche etwas höher ist als und in zwei Schränken hinten Löcher sind. Sie war zweizeilig und hier in Berlin haben wir sie als eine Küchenzeile hingestellt. Sie hatte Lücken, weil das nicht exakt passte, die Arbeitsplatte war zerstückelt wegen der neuen Aufteilung, der Herd steht auf einem Brett, das die ganze Zeit Dreck fängt, sie war nach hinten nicht abgedichtet (sieht man der Wand jetzt leider an), der Kühlschrank ragte eine ganze Ecke in den Raum hinein, weil die Wand in der Ecke Stufen hat. Die Fußleisten hat der Handwerker mitgenommen und sich danach nie wieder gemeldet, und weil die Küche höher ist als normal, konnten wir nicht einfach günstige Fußleisten kaufen.

Es hat mich genervt. Seit Jahren. Ich war nie glücklich mit dieser Küche. Und ich dachte immer, ich bräuchte die "perfekte" Küche. Dann wäre alles gut.

Turns out, I don't need perfect. Heute habe ich eine komplett improvisierte Küche. Der Kühlschrank steht ein Stückchen vorm Fenster. Die Wandschränke stehen auf improvisierten Füßen (zwei lange Holzklötze, die noch vom Umbau des Kinderzimmers da waren). Die gedrehte Arbeitsplatte hat nach vorn hin keine farblich passende Kante. Ich habe immer noch keine Fußleiste. Es ist absolut unperfekt. Absolut improvisiert. Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich weiter machen werde. Das Geld für eine neue Küche fehlt. Aber ich bin glücklich.

Ich bin glücklich, weil ich selbstbestimmt gehandelt habe. Ich bin glücklich, weil ich spontan eine verrückte Idee hatte und es einfach gemacht habe. Ich bin glücklich, weil ich nachdem ich monatelang in Gedanken bei der Küchenplanung war einfach mal angefangen habe, IRGENDWAS zu machen.

Ich bin glücklich, weil meine spontanen verrückten Ideen früher nie umsetzbar waren. Weil ich nicht alleine in dieser Wohnung gelebt habe, weil da noch die vernünftige Stimme des Ex war mit "Wir wollten doch beide diese Küche, es funktioniert doch, das hat jetzt keine Priorität.". Ich bin glücklich, weil wir in unserer Beziehungen so viele Entscheidungen nicht getroffen haben, die mir eben doch wichtig gewesen wären, die für mich eben doch Priorität gehabt hätten und ich nicht den nächsten Streit anfangen wollte (oder ich habe ihn angefangen, was auch nicht besser war). Ich bin glücklich, nicht mit der perfekten Küche, sondern mit einer, die MEINE ist. An der ich Stück für Stück bauen werde. An der ich mich ausprobieren kann, ohne dass jemand die Augen rollt über meine verrückten spontanen Ideen (die gar nicht so spontan sind, weil ich vorher sehr, sehr lange darüber nachdenke und dann plötzlich mit dieser Idee herausgesprudelt komme und es dann aber bitte auch genau so haben will).

Die Küche zeigt mir, was mir in der Beziehung gefehlt hat. Gesehen werden. Gehört werden. Erst genommen werden mit vermeintlich kleinen, unwichtigen Dingen. Unterstützt werden in meiner übersprudelnden Spontaneität, statt belächelt zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass meine Ideen, meine Wünsche, meine Bedürfnisse nicht zählen, wenn sie "unvernünftig" sind. Und ich will das nicht allein als Problem meines Exmannes darstellen, ich habe das nicht klar genug kommunizieren können, ich habe nicht deutlich genug machen können, was mir wichtig ist. Und warum. Ich war selbst unflexibel, weil ich diese Idee eben genau so wie ich sie in meinem Kopf hatte umsetzen wollte und mich blockiert gefühlt habe. Das ist etwas, an dem ich arbeiten muss. Früh genug von meinen Ideen erzählen, teilhaben lassen, Gründe dahinter erklären. Aber ich habe mich auch oft in meiner Essenz nicht akzeptiert gefühlt. Und das brauche ich. Das braucht man in Beziehungen. Und wenn man in diesen Punkten nicht kompatibel ist, dann funktioniert das auf Dauer einfach nicht. Dann macht es beide nur unglücklich.

Wir treffen Entscheidungen sehr unterschiedlich, wir haben unterschiedliches Temperament, wir haben unterschiedliche Prioritäten. Und wir haben es nicht geschafft, da gut zueinander zu finden. Ich fühlte mich nicht wertgeschätzt, er wahrscheinlich ebenso wenig. Und eine Beziehung lebt von gegenseitiger Wertschätzung.

Ich habe mit meiner Küche für mich ein kleines Stück des Puzzles gelöst. Meine große Angst ist, dass ich einfach gar nicht beziehungsfähig sein könnte. Aber ich glaube, ich war einfach nur nicht mehr bereit, mich so sehr anzupassen. Gerade auch in den letzten zwei Jahren unserer Beziehung, wo seine Bedürfnisse durch seine Depressionen sehr im Vordergrund standen (was nicht seine Schuld ist, niemand sucht sich mentale Krankheiten aus). Ich will - ich brauche - eine Beziehung, in der meine spontanen Einfälle unterstützt werden, weil die mich sehr ausmachen. Weil es mich sehr, sehr glücklich macht, sie umzusetzen. Ich muss nicht immer in jedem Bereich exakt meine Ideen umsetzen, aber ich will nicht dafür kämpfen müssen, dass meine Bedürfnisse nach Selbstbestimmung gesehen werden.

Irgendwann werde ich wieder eine Beziehung führen, aber vorher muss ich für mich noch ein paar mehr Puzzles lösen. Ich muss herausfinden, was ich geben kann und was ich brauche. Wo ich lernen will und was Dealbreaker sind. Da geht es gar nicht um überzogene Ansprüche, sondern um Kompatibilität. Es ziehen sich nicht immer Gegensätze an, sondern ich glaube, dass man in Beziehungen - vor allem, wenn Kinder im Spiel sind - doch auch in manchen Dingen entweder ähnlich ticken muss oder bereit sein muss, loszulassen. Weil Kompromisse niemanden wirklich glücklich machen. Und sich selbst, die eigenen Bedürfnisse, die eigenen "Quirks" ständig zurückzustellen, auch nicht.

Ich weiß jetzt ein kleines bisschen mehr über Wasseranschlüsse und wie Waschbecken befestigt sind. Und ein großes bisschen mehr über mich und darüber, was ich irgendwann in einer potenziellen neuen Beziehung brauche.

Vielen Dank fürs Lesen und Hier-Sein,

Alles Liebe,

Eure Anna

Argomento mentale Gesundheit

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