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“Wie viel Medienzeit ist okay?”

Bild: Chiara Doveri

Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, empathischen und recherchierten Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.

Hallo liebe Anna,

ich schreibe dich heute an mit einer Frage, die mich seit Jahren begleitet und mich gerade mal wieder sehr beschäftigt. Es ist das vieldiskutierte Thema Mediennutzung. Unser Sohn (10) darf am Tablet Youtube Videos schauen, Minecraft spielen und Musik machen. Außerdem spielt er gerne FIFA an der PS4. Ein eigenes Handy hat er nicht und durfte auch noch nie mit unseren Handys spielen. Ich habe ihm tatsächlich noch nie mein Handy in die Hand gegeben, also als Kleinkind hatte er bis auf ein paar Kinderserien keinen Zugriff auf Medien. Mit dem Schuleintritt fing er aber an sich für Videos und Computerspiele zu interessieren und durfte sich in verschiedene Spiele einfuchsen. Dass Medienkonsum schädlich sein kann wissen wir. Auch dass es Altersbeschrämkungen gibt. Und wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich ihn ohne Spiele/ Youtube und Co aufwachsen lassen. Aber ganz ehrlich, das schaffen wir nicht. Gerade weil er ein so lebhaftes und lautes Kind ist, kommen wir als Eltern ohne diese Auszeiten nicht klar. Er war schon immer so. Und gerade für Kinder mit einem hohen Aktivitätsniveau und Wahrnehmungsstörungen ist Bewegung und taktile Beschäftigung so wichtig. Aber das hat er auch. Er fährt Fahrrad, geht mit unserem Hund spazieren, spielt dreimal die Woche Fußball, macht Mountainbike-Touren mit meinem Mann, spielt mit mir Monopoly und UNO... Und wird einfach nie müde. Und um wenigstens eine Stunde am Tag mal eine Auszeit zu haben, darf er regelmäßig etwas schauen.

Für uns ist das okay so. Nicht optimal, aber vertretbar. Mein Mann findet da den Aspekt der Freiheit auch noch wichtig. Dass wir als Eltern nicht mit allem einverstanden sein müssen womit er seine Zeit verbringt. Für mich ist die Reglementierung da wichtiger. Es soll halt nicht Überhand nehmen.

Seine Lehrerin sieht das ganz anders. Die beruft sich auf die teilweise ja sehr unwissenschaftlichen Behauptungen von Manfred Spitzer und verteufelt Medien jeglicher Art. Sie gibt dem Medienkonsum die Schuld an all seinen Schulproblemen. Sie sind an den Konzentrationsproblemen, an der kurzen Aufmerksamkeitsspanne, an seiner fehlenden Struktur Schuld... Ich bin dieser Diskussion schon so überdrüssig. Und finde es sehr übergriffig von der Lehrerin unsere Entscheidungen so hart zu kritisieren. Wir machen uns ja auch Gedanken zu dem Thema.

Ich weiß auch, dass eine Stunde Lego spielen für die Entwicklung besser ist als eine Stunde Minecraft bauen. Aber er macht ja beides.

Mich würde wirklich interessieren wie du die aktuelle wissenschaftliche Lage beschreibst. Laut meiner Recherchen sind die Empfehlungen für Kinder ab 10 Jahren so bei einer Stunde am Tag. Wie empfindest du die Argumentation von Manfred Spitzer und die Gegenargumentationen anderer Wissenschaftler?

Auch habe ich gelesen, dass die Region, die wohl am meisten geschädigt wird, das Sprachzentrum ist. Sprachlich liegt unser Sohn aber im überdurchschnittlichen Bereich. Und auch die ständige Aktivierung des Belohnungszentrums beim FIFA Spielen haben wir im Blick, finden unseren Sohn aber auch bei der Frustrationstoleranz nicht auffällig. Er ist sehr verständnisvoll, wenn er etwas nicht sofort bekommt. Dass sich seine Gedanken zuviel um Youtube-Stars und Co. drehen, finde ich aber schon.

Was würdest du mir raten? Wir können und wollen den Medienkonsum auf jeden Fall runterschrauben, aber würdest du auch eher gegen Null tendieren?

Würde mich sehr über eine Einschätzung freuen.

Liebe Grüße,

Karin*

Argomento Elternschaft

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