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“Mein Kind ist schnell abgelenkt”

Bild: Chiara Doveri

Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, empathischen und recherchierten Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.

Liebe Anna,

Mein Sohn ist vier Jahre alt und es fällt ihm oft noch schwer, sich auf eine Sache so richtig zu konzentrieren. Vor allem in Situationen, wo es auf seine Kooperation und ein „Mitmachen“ ankommt (z.B. Anziehen, Zähneputzen) ist er schnell abgelenkt, sucht sich etwas zum Spielen und verliert den Fokus, was er eigentlich gerade machen wollte oder sollte. Doch auch beim Essen oder Fernsehen macht er häufig noch etwas nebenbei (mit Besteck oder Spielzeug spielen).
Auch von den Kita Erzieherinnen wurde ich beim Entwicklungsgespräch schon darauf angesprochen und gebeten, mehr Grenzen zu setzen und zu betonen, was gerade wichtig ist.

Heute Morgen beim Frühstück erzählte mein Sohn plötzlich, er wolle nicht in die Kita gehen, weil er dann in der Mitte singen müsse. Ich verstand zunächst nicht, was er meinte, und fragte nach. Er sagte, er habe gestern nicht mitgesungen und die Erzieherin habe gesagt, dass er dann heute in der Mitte alleine vor den anderen Kindern singen müsse. Auf meine Nachfrage sagte er, dass er lieber zuhöre als selbst mitzusingen und dass er außerdem die Liedertexte nicht kenne.
Ich sagte ihm dann, dass er nicht alleine vor den anderen Kindern singen muss, wenn er nicht möchte und dann einfach sagen könne: „Nein, danke. Ich möchte nicht singen, ich höre lieber zu.“

In der Kita suchte ich dann das Gespräch zur Erzieherin, welche mir die Situation erklärte. Es ging um den täglichen Morgenkreis, bei dem mein Sohn nicht mitgesungen und stattdessen Grimassen im Spiegel gezogen hatte (der Sport- und Musikraum ist mit Wandspiegeln ausgestattet). Daraufhin habe die Erzieherin gesagt, dass es ihr wichtig sei, dass er mitsingt und er ja auch eine schöne Stimme habe und sonst gern singe. Wenn er nicht mitsinge, würde sie mit ihm gemeinsam im Morgenkreis das Lied vor den anderen Kindern singen. Sie meinte, es sei nicht ihre Absicht, ihn dazu zwingen oder zu traumatisieren, aber sie wolle ihm damit zeigen, dass es wichtig ist, dass er mitmache. Schließlich sei er schon vier Jahre alt und müsse nun langsam mit Blick auf die Schule lernen, sich zu fokussieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und Grenzen gesetzt zu bekommen. Auf mein Angebot, dass ich die Texte mit ihm zu Hause üben könnte, damit er sich textsicherer und wohler fühle, antwortete sie nur: „Das ist nicht nötig. Wir singen die einfachen Lieder jeden Tag - da müsste er die Texte kennen, wenn er aufpassen würde.“ Schließlich bedankte sie sich dafür, dass ich das Gespräch gesucht hatte und wir verabschiedeten uns.

Mit gemischten Gefühlen ging ich nach Hause. Denn einerseits verstehe ich, dass es wichtig ist, im Vorschulalter mehr Fokus zu lernen. Andererseits kommt es mir noch zu früh vor, meinem Kind Prioritäten beizubringen. Setze ich zu wenig Grenzen? Wie und wann setze ich Grenzen richtig? Muss mein Kind bei Gruppenaktivitäten wirklich mitmachen? Denn das Drohen z.B. mit dem Singen vor der Kitagruppe fühlt sich für mich nicht wie die richtige Grenzsetzung an, sondern eher wie eine Strafe oder sogar Bloßstellung.

Wie siehst du das, liebe Anna?

Danke für deinen Rat und liebe Grüße,
Klara*

Argomento Elternschaft

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