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Zugang gewährt, Zugang versperrt?! Was wir aus der Open-Access-Transformation über allzu zaghafte Reformen lernen können

[Dieser Beitrag erschien zuerst am 26. September 2023 auf Substack.]


Diesen Freitag spreche ich von 11-12 Uhr im Rahmen meiner Keynote bei den Open-Access-Tagen 2023 (Si apre in una nuova finestra) in Berlin über Zugangsbeschränkungen im Wissenschaftssystem — und wie sie der Wissenschaft schaden (wer nicht vor Ort ist, kann die Keynote im Livestream (Si apre in una nuova finestra) verfolgen). Wer im Kontext von Wissenschaft an Zugang denkt, denkt oft an den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen, der bis heute immer wieder Gegenstand wissenschaftspolitischer Diskussionen ist. Dabei hat sich diesbezüglich doch einiges getan, es wird schließlich immer mehr Open Access veröffentlicht, und das ist nur zu begrüßen, weil es Zugang umfassend gewährt, statt ihn zu beschränken. Oder? Tatsächlich ist die Transformation des wissenschaftlichen Publikationssystems ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn man sich statt einer mutigen Reform an althergebrachte Gewohnheiten klammert.

Open Access: Verheißungsvoller Ansatz zur Transformation des wissenschaftlichen Publikationssystems

Der Gedanke hinter der Transformation hin zu Open Access ist zunächst so naheliegend wie überzeugend: Im wissenschaftlichen Publikationssystem, wie es in großen Teilen nach wie vor am Werk ist, werden die Produkte öffentlich finanzierter wissenschaftlicher Arbeitsleistung zunächst an Wissenschaftsverlage verschenkt. Diese Verlage gewähren dann den Zugang zu diesen Produkten nur gegen Geld (in teils beachtlicher Höhe), wobei es erneut öffentliche Mittel sind, die dafür aufgewendet werden, weil wissenschaftliche Institutionen, Wissenschaftler_innen und Studierende in Forschung und Lehre auf einen entsprechenden Zugang angewiesen sind. Dass das keine gute Idee ist, dürfte auf der Hand liegen, zumal die Leistungen, die die involvierten Verlage erbringen, mitunter gegen Null gehen (so werden etwa auch die Qualitätssicherung und mitunter sogar der Satz wissenschaftlicher Publikationen von Wissenschaftler_innen übernommen).

Ohne Zugang zu Publikationen keine Forschung und keine Lehre, für öffentlich finanzierte Publikationen soll aber nicht erneut öffentlich bezahlt werden — die Lösung ist naheliegend, sie lautet: den Zugang zu Publikationen offen gestalten, direkter Zugriff für alle statt Paywall. Davon profitieren nicht nur Wissenschaftler_innen und Studierende, deren Hochschulen und Forschungsinstitutionen sich die teuren Abo- und Paketpreise für Journals, Monographien etc. noch einigermaßen leisten können. Auch diejenigen, die in Ländern, an Hochschulen und Einrichtungen tätig sind, deren finanzielle Möglichkeiten deutlich begrenzter sind oder die mangels einer Affiliation gar nicht über einen Bibliothekszugang verfügen, können so auf die Publikationen zugreifen. Außerdem ermöglicht Open Access einer wissenschaftsinteressierten Öffentlichkeit, wissenschaftliche Publikationen kostenfrei zu lesen. So weit, so gut.

Wenn der Preis für den Zugang zu Publikationen der Zugang zum Publizieren ist

Allein: Die Transformation hin zu Open Access, wie wir sie aktuell erleben, erkauft den allgemeinen Zugang zu Publikationen um den hohen Preis eines allgemeinen Zugangs zum Publizieren. Denn beim Open Access in der Gold-Variante wird weiterhin gezahlt, nur nicht von den Leser_innen, sondern von den Publizierenden: Die müssen sogenannte Article Processing Charges (APCs) aufbringen, um ihre Forschung publizieren zu können. Zahlen dafür, dass der eigene Text publiziert wird? Das kann außerhalb der Wissenschaft kaum jemand glauben. Vor allem Geisteswissenschaftler_innen kommt dieses Phänomen allerdings schmerzlich bekannt vor: Druckkostenzuschüsse, nicht selten in vierstelliger Höhe, werden regelmäßig fällig, damit aus der eigenen Dissertation oder Habilitation ein veröffentlichtes Buch wird. Gezahlt werden diese Zuschüsse allzu oft privat — und das muss man sich erstmal leisten können.

Zwar sind für APCs mitunter Mittel vorgesehen im Rahmen von Drittmittelprojekten, und Wissenschaftler_innen mögen auch sonst über Mittel verfügen (oder welche einwerben können), um das Geld dafür aufzubringen. Dennoch wird es viele Wissenschaftler_innen geben, die im neuen System zwar Zugriff auf alle möglichen Publikationen erhalten — aber selbst nicht publizieren können, weil ihnen die Mittel fehlen. Sieht so ein gerechtes wissenschaftliches Publikationssystem aus? Sicher nicht! (Si apre in una nuova finestra)

Wer eine Tür öffnet, muss dafür keine andere verschließen — denn: Ein Wissenschaftssystem ohne Türen ist möglich!

Wissenschaftliche Großverlage haben ihr Businessmodell ein wenig angepasst, indem sie (teils) Geld für den Zugang zum Publizieren verlangen statt für den Zugang zu Publikationen. Was sie dabei an Verlagsleistungen erbringen, steht aber auch bei dieser überschaubaren Dienstleistung oft in keinem Verhältnis zu den dafür anfallenden Kosten. Warum macht die Wissenschaft das mit? Ganz einfach: Weil sie es nicht wagt, das Publikationssystem einer wirklichen, grundlegenden Reform zu unterziehen. Denn wesentliche Mechanismen des alten Systems wirken auch im transformierten System weiterhin fort, allen voran die Reputation renommierter Journals, die zwar in Open Access überführt werden, aber dann eben ihre Autor_innen Geld kosten statt ihrer Leser_innen. Dabei ist es keineswegs so, dass mit dem Öffnen der Tür zu den Publikationen zugleich die Tür zum Publizieren zugeschlagen werden muss: Stattdessen müsste die Wissenschaft die gesamte Architektur überdenken — und dabei unnötige Türen gleich ganz ausbauen.

Konkret heißt das: Open Access ohne Profitinteressen stärken, indem wissenschaftliche Arbeitsleistung — die der Publizierenden, Begutachtenden, Herausgebenden usw. — im Rahmen von wissenschaftsgetragenen Formaten (etwa Universitätsverlagen) eingesetzt wird. Geld lieber in wissenschaftsinterne Infrastrukturen investieren statt in APCs. Und: Bei der Besetzung von Professuren, der Vergabe von Stellen und Fördermitteln diejenigen, die auf Non-Profit-Formate setzen, nicht dafür bestrafen — auch, wenn diese Formate (noch) nicht etabliert sein mögen. Aber sind Publikationen in renommierten Journals nicht ein Ausweis von Qualität? Abgesehen davon, dass allerlei Skandale in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt haben, dass man sich darauf nicht verlassen sollte, ist der beste Weg, die Qualität einer Publikation einzuschätzen, nicht, nach ihrem Publikationsort zu schauen — sondern sie zu lesen.

Mut zum Neubau statt halbherziger Umbauarbeiten

Was sich hier zeigt, ist ebenso symptomatisch wie aufschlussreich für wissenschaftspolitische Reformprozesse — nicht zuletzt die Prozesse, die Stellenstrukturen in der deutschen Wissenschaft betreffen, wie aktuell die Reform des WissZeitVG: Wer auf Reformbedarf mit der kleinteiligen Umgestaltung einzelner Elemente reagiert, ohne das große Ganze mit seinen Veränderungspotentialen im Blick zu behalten, begeht am Ende Pfusch am Bau, statt etwas Neues mit einem tragfähigen Fundament auf die Beine zu stellen. Es empfiehlt sich daher generell, zunächst die Ziele einer Reform zu formulieren — sei es ein für Leser_innen und Publizierende gleichermaßen offenes Publikationssystem oder ein Wissenschaftssystem mit fairen Arbeitsbedingungen und echten Perspektiven —, und dann beherzt alle maroden Teile der Gesamtarchitektur durch neue zu ersetzen, und zwar so, dass diese Ziele auch realisiert werden. Und wenn dabei ein ganz neues Haus entsteht? Dann wird es sicher eine Zeit brauchen, bis wir uns darin zurechtfinden. Aber besser, als unsere Arbeit in prekären, vom Einstürzen bedrohten Gebäuden zuzubringen, ist das doch allemal.

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