Sinnstiftende berufliche Tätigkeiten stehen hoch im Kurs. Wer gute Gründe hat, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, dürfte es in Zeiten, in denen die allgemeine Weltlage eher für Liegenbleiben und Decke-über-den-Kopf-Ziehen spricht, etwas leichter haben als diejenigen, für die ihre Arbeit eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aber wenig bis gar nicht freudvoll ist. Machen wir uns nichts vor: Es gibt viele Menschen, die beruflich Dinge tun, die sie lieber nicht täten, aber kaum eine Wahl haben — müssen sie doch Miete und Essen zahlen usw. Was für ein Privileg ist es da, in der Wissenschaft zu arbeiten — dieser Beruf ist quasi der Inbegriff einer von Sinn erfüllten Tätigkeit. Oder etwa nicht? Für viele von uns mag das sinnstiftende Element wissenschaftlicher Aktivitäten bei der Wahl von Wissenschaft als Beruf eine Rolle gespielt haben. Und grundsätzlich ist ja auch was dran: Wir bringen mit unserer Arbeit die Forschung voran, wir bilden die akademischen Fachkräfte von morgen aus. Problematische Instrumentalisierungs- und Verwertungslogiken, die den Sinn von Wissenschaft vor allem dort erblicken, wo ihre Ergebnisse sich für externe Zwecke ausbeuten lassen, kann man getrost außer Acht lassen und muss dennoch nicht weit blicken, um die eigene Tätigkeit als sinnhaft zu begreifen — und damit potenziell auch als persönlich erfüllend. Für mich hat sich diese Erfüllung allerdings zunehmend abgenutzt. Das hat zwei Gründe: Zum einen habe ich die letzten Jahre allerlei Dinge gemacht, die mir ganz und gar nicht sinnvoll vorkamen, darunter das Schreiben von Drittmittelanträgen und Bewerbungen und andere strategische Moves, die meiner akademischen ‚Karriere‘ zuträglich sein sollten. Zum anderen kommt mir die verbreitete Sinnerzählung — so zutreffend sie bezüglich bestimmter Teile unserer Arbeit sein mag — zunehmend wie ein schmutziger Trick vor, um mich bei Laune und im System zu halten, obwohl ich angesichts der miesen Karriereperspektiven längst gut daran getan hätte, mich nicht mehr herzugeben für diese ach so wichtigen Tätigkeiten. Nota bene: Ich bestreite nicht, dass vieles daran wichtig ist. Nur sehe ich langsam nicht mehr ein, warum ich so vieles, das mir wichtig ist, dafür opfern sollte, dass ich ein bisschen sinnvolle Forschung, Lehre und Wissenschaftskommunikation (und ganz viel weniger Sinnvolles) tue, um dann doch mittelfristig auf die Straße gesetzt zu werden. Beide Gründe möchte ich mir für den heutigen Newsletter einmal genauer ansehen.
Vom Sinn und Unsinn wissenschaftlicher Arbeit: Alles tun, nur nicht forschen und lehren — um zukünftig eventuell forschen und lehren zu können
Warum eigentlich habe ich Wissenschaft als Beruf gewählt? Nun, ich erlag der Illusion, diese Wahl werde dazu führen, dass das, was ich als erfüllend empfand — Forschen und Lehren — fortan meine hauptsächlichen beruflichen Tätigkeiten sein würden. Klar, diese Tätigkeiten führe ich in meinem Beruf tatsächlich aus. Allerdings werden sie deutlich überlagert von Dingen, die das primäre Ziel haben, zukünftig überhaupt weiter forschen und lehren zu können — und dabei bleiben ausgerechnet die Teile meines Berufs immer wieder akut auf der Strecke, derentwegen ich ihn seinerzeit ergriffen habe. Die ganze Antrags- und Bewerbungsschreiberei soll auf die Zukunft einzahlen, aber ihre Kosten in der Gegenwart sind enorm. Nicht nur, weil sie Zeit fressen, die anderswo fehlt, sondern auch, weil angesichts geringer Erfolgschancen das ständige Verfassen von Schneller-höher-weiter-Antrags- und Bewerbungsprosa einen schalen Beigeschmack hat. Wer das immer wieder macht (und in den meisten Fällen erfolglos bleibt), reiht Vergeblichkeitserfahrung an Vergeblichkeitserfahrung. Jedes Mal aufs Neue Anlauf nehmen, Zeit und Geduld und Mühe investieren — nicht nur ins Inhaltliche, sondern auch in den Umgang mit immer neuen digitalen Antrags- und Bewerbungsportalen —, in dem Wissen, dass es sehr wahrscheinlich wieder nichts wird: Das ist das genaue Gegenteil einer von Sinn erfüllten Tätigkeit. Und weil wir alle die eine Waagschale nach und nach weiter mit einer Bewerbung und einem Antrag nach dem nächsten füllen, hängt die andere Waagschale, die mit dem Sinn von Wissenschaft als Beruf, zunehmend unmotiviert in der Luft. Das Sinnlose der dauernden Finanzierungssicherung mit mageren Chancen wiegt schwer und zieht uns zunehmend runter — so schön und erfüllend die anderen Tätigkeiten in unserem Beruf auch sein mögen.
Verstärkt wird das Sinnlosigkeitsgefühl darüber hinaus noch dadurch, dass strategische Erwägungen ins inhaltliche Arbeiten einsickern. Wenn ich in Forschung und Lehre nicht mehr das mache, was mir sinnvoll erscheint, sondern das, von dem ich mir einen Mehrwert für mein berufliches Fortkommen erhoffe, dann verblasst auch das Erfüllungspotential dieser Aktivitäten zusehends (mal abgesehen davon, dass entsprechende Ausrichtungen auch der Wissenschaft mehr schaden als nützen). Letztlich jagen wir als Wissenschaftler_innen, die einmal die Begeisterung geschnuppert haben für wissenschaftliches Arbeiten, wie es sein sollte, über Jahre, teils sogar jahrzehntelang hinter dem Wunsch her, diese Begeisterung mittel- und langfristig spüren zu können. Und geben dabei die Begeisterung preis, die wir schon heute erleben würden, wenn wir einfach unsere Arbeit machen könnten, statt unablässig um die eigene berufliche Existenz zu bangen und Maßnahmen zu ergreifen, um sie mittelfristig zu sichern.
Was aber folgt nun daraus? Ich denke, vor allem zweierlei: Auf struktureller Ebene täte das Wissenschaftssystem gut daran, keine Sinnerosionsmaschine für die in ihm tätigen Individuen zu sein. Denn wir wissen: Es herrscht bereits Fachkräftemangel in der Wissenschaft, und die, die schon darin arbeiten, erwägen nicht selten, das doch lieber bleiben zu lassen. Durch verlässliche Karriereperspektiven wäre das Grundrauschen der Zukunftssorgen und Existenzängste, das zum Schreiben von Anträgen und Bewerbungen treibt und die oftmals leise Erfüllung wissenschaftlicher Arbeit deutlich übertönt, deutlich abgemildert. Und auf individueller Ebene? Nun, wenn ich meinem früheren Ich eines mit auf den Weg geben könnte, dann wäre es dies: Lieber mehr Zeit für Erfüllendes nutzen, statt strategische Entscheidungen zu treffen und immer nur dem nächsten Projekt oder der nächsten Stelle hinterherzujagen. Wenn entsprechende Bemühungen in den meisten Fällen ohnehin zum Scheitern verurteilt sind, zumindest langfristig, tun wir gut daran, die Zeit im System für uns sinnvoll zu nutzen. Einfach selbstbestimmt auszusteigen ist natürlich auch eine Option, und alle mir bekannten Menschen, die das getan haben, schwärmen mir davon vor, also: einen Gedanken ist es wert, und zwar immer wieder, und dafür gilt es auch, die Sinnlosigkeitserfahrungen und das eigene Unbehagen, das sich mit ihnen verbindet, ernstzunehmen.

Wer Sinnvolles tut, muss prekäre Bedingungen in Kauf nehmen? Nichts da!
Die Erzählung, dass vieles an wissenschaftlicher Arbeit inhärent sinnvoll ist, hat gewiss einen wahren Kern. Aber sie wird zur Falle, wenn sie zur Rechtfertigung prekärer Arbeitsbedingungen instrumentalisiert wird. Und das passiert ausgesprochen oft. Kristin Eichhorn hat die Problematik bereits 2021 in einem Essay in unserem Band #95vsWissZeitVG (Si apre in una nuova finestra) eindrücklich benannt:
„Wissenschaft gilt nicht als ‚normale Arbeit‘, sondern als ‚Chance‘ oder Privileg – als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung einzelner Genies, die darauf hoffen, aber nicht damit rechnen sollten, dauerhaft von ihrer Arbeit leben zu können.“ (Eichhorn, Internalisierte Narrative in der Wissenschaft, S. 43)
Wer von uns hat nicht schon davon gehört, dass wissenschaftliche Arbeit eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung sei? Das dahinterstehende Narrativ ist aus vielen Gründen fragwürdig — im Zitat klingen mehrere davon bereits an. Da ist einmal die Kontrastierung zwischen Selbstverwirklichung und Finanzierung des Lebensunterhalts. Dass die auch dazu genutzt wird, Menschen dazu zu bringen, sich mit prekären Arbeitsbedingungen abzufinden, wird im Essay weiter ausgeführt:
„[Das] Bild der Wissenschaft als ‚Chance‘, für die man alles andere aufzugeben bereit sein müsse und lange Phasen des Verzichts in Kauf zu nehmen habe, [zielt] letztlich darauf, Menschen zur Akzeptanz eigentlich inakzeptabler und z. T. rechtswidriger Arbeitsbedingungen zu bringen.“ (ebd., S. 47)
Aber auch der Geniebegriff, der im ersten Zitat zu Recht aufgenommen wird, ist problematisch — denn die Ansage ist klar: Wer mit den unsicheren Bedingungen kämpft, wer am System verzweifelt, ist halt nur Ottonormalwissenschaftler_in und nicht: Genie. Selber schuld, nicht genial genug. Gaslighting in der Academia-Version — und dann auch noch mit unguten Gender-Implikationen. Das Narrativ, Wissenschaft als Beruf sei das Paradebeispiel einer sinnerfüllenden Tätigkeit, ist somit auch noch bestürzend elitär: Wer es vertritt und dabei die wissenschaftliche Tätigkeit von ‚normalen‘ Berufen abgrenzt (auch diesen Punkt greift Kristin Eichhorn im ersten Zitat treffend auf), erhebt sich damit zugleich über andere, deren Berufe vermeintlich sinnlos sind. Das mutet angesichts der tatsächlichen Unwucht sinnentleerter Aktivitäten in unserem Beruf schon einigermaßen absurd an — und einmal mehr, wenn man bedenkt, dass die ach so sinnerfüllende Tätigkeit zumeist in den Zwang zur beruflichen Neuorientierung im Alter von Anfang/Mitte 40 führt, wenn die Leute mit oft allenfalls spärlichen Rücklagen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt entlassen werden, von Altersarmut ganz zu schweigen. Es scheint also eher so zu sein, dass man mittels der Abwertung anderer Berufe aktiv die Sinnentleerung in der wissenschaftlichen Arbeitswelt verschleiert, die sonst auffallen müsste. Dass das überhaupt so viele mitmachen, kommt vor allem daher, dass sie mit dem „Es ist so sinnvoll, was Du tust!“ zum Weitermachen motiviert werden, obwohl es für das eigene Leben vielfach (auch) perspektivisch alles andere als sinnvoll ist.
Wir täten deshalb gut daran, der Romantisierung von Wissenschaft als eines Berufs der Selbstverwirklichung und Sinnhaftigkeitserfahrung eine Absage zu erteilen. Wissenschaftliche Arbeit ist Arbeit. Sie hat ihre erfüllenden, sinnhaften, erfreulichen Seiten — und auch eine Menge andere. Das gilt für andere Berufe ebenso. Auch als Wissenschaftler_in muss man die positiven und negativen Aspekte des eigenen Berufs individuell stets aufs Neue gegeneinander abwägen — und auf dieser Grundlage immer wieder eine informierte Entscheidung treffen, ob sie sich noch die Waage halten oder ob das Negative am Ende überwiegt. Dass dieses Negative inzwischen offen diskutiert wird, ist ein Verdienst der #IchBinHanna-Community. Es wird Zeit, das Wissenschaftssystem so zu reformieren, dass an die Stelle der tricksenden Selbstverwirklichungserzählung faire Arbeitsbedingungen treten: Das wären gute Argumente für das Ergreifen dieses Berufs, die den Erfahrungen von Sinnhaftigkeit und Erfüllung gerade nicht entgegenstünden — im Gegenteil!