
Die WM für Bosnien und Herzegowina endet im Sechzehntelfinale – und hinterlässt mehr als sportliche Erinnerungen. Spieler, Trainer und Fans haben für kurze Zeit gezeigt, dass ein gemeinsames „Wir“ möglich ist. Ob daraus mehr wird als ein flüchtiger WM-Sommer, ist die entscheidende Frage.
Gestern Morgen (2. Juli) hat sich die Nationalelf Bosnien und Herzegowinas aus der WM verabschiedet: Nach dem 0:2 in Santa Clara ist Bosnien und Herzegowinas bisher erfolgreichste WM vorbei.
Im südosteuropäischen Land dominieren Stolz, Begeisterung und Wehmut. Harsche Kritik ist bisher kaum sichtbar, das WM-Abenteuer hat viele Bosnier*innen beseelt. Ob etwas davon bleibt, ist offen.
Vorhang auf für das letzte Kapitel in der „Lagebild”-Trilogie über Bosnien und Herzegowina: Raus nach dem 0:2 gegen die USA, aber die Mannschaft vereint das Land. Vielleicht nur auf Zeit.
Die Frage ist, ob der Sommer 2026 dazu beiträgt, das an ethnischen Linien gespaltene Land mit all seinen Konflikten und Widersprüchen langfristig dauerhaft zu versöhnen. Ich habe mich auf der Suche nach ersten Reaktionen umgeschaut und umgehört – viele davon sind euphorisch, andere realistischer.
Zum Nachlesen: Im ersten Teil (Si apre in una nuova finestra) dieser Serie steht die politische Situation Bosnien und Herzegowinas im Mittelpunkt. Der zweite Teil (Si apre in una nuova finestra) zeigt, wie die Weltmeisterschaft von Politik und Gesellschaft begleitet und eingeordnet wurde.
Politikwissenschaftler Vedran Džihić vom Österreichischen Institut für Internationale Politik in Wien betonte im Gespräch mit dem ORF, dass die bosnische Gesellschaft nach positiven Ergebnissen gelechzt habe. Auf dem Balkan sei Fußball aber auch immer ein Träger des Nationalismus gewesen, rief er in Erinnerung, Politiker*innen hätten ihn zudem politisch instrumentalisiert.
Ich habe bei einem bosnischen Journalisten nachgefragt, wie er die vergangenen Wochen beurteilt. Er hat die Spiele der Nationalmannschaft vor Ort verfolgt und für seinen Arbeitgeber darüber berichtet. Er antwortete: „Die WM hat gezeigt, dass die Nationalmannschaft die Kraft besitzt, die Versöhnung zwischen den Menschen der Region zu fördern.”
Der Fußball sei ein „außergewöhnlicher Motor für den Aufbau engerer Beziehungen” und die bosnischen Spieler hätten mehr erreicht, als ihnen wahrscheinlich selbst bewusst ist.
Er betonte, dass Kroaten und Serben mit viel Wohlwollen und Unterstützung die Spiele der bosnischen Nationalmannschaft begleitet hätten. Gleichwohl ist ihm bewusst: „Die Frage ist jedoch, wie lange dieser Geist anhalten wird und ob nach dem Ende der Weltmeisterschaft alles einfach wieder so wird wie zuvor.” Halb im Spaß, halb im Ernst schob er die Frage nach, ob die WM nicht einfach für immer weitergehen könnte.
Sead Husić, Politikwissenschaftler und Autor, schrieb mir: „Mit Sicherheit hat die bosnische Nationalmannschaft für große Aufmerksamkeit in Bosnien und Herzegowina gesorgt und gilt gerade jetzt als Beweis, dass Serben, Kroaten und Bosniaken gemeinsam viel erreichen können, wenn sie nur an einem Strang ziehen.”
Aus seiner Erfahrung würden die Spannungen innerhalb der Zivilgesellschaft in Bosnien und Herzegowina ohnehin überbewertet. „Die Menschen in Bosnien stehen sich im Alltag nicht feindlich gegenüber. Das ist ein Narrativ der Nationalisten, die damit ihre Forderungen nach Separation begründen”, erklärte er.
Der Fußball auf dem Balkan hat für ihn eine “große Strahlkraft”, denn es gebe “nicht vieles, worauf man in diesem Land stolz sein kann”.
Der Stolz auf die Nationalmannschaft ist aktuell so groß, dass Nermin Nikšić, Premierminister der Föderation, im Vorfeld des Spiels am gestrigen Donnerstag (2. Juli 2026) einen Brief an Unternehmen und Verwaltung versendet hat, in dem er dazu aufrief, einen freien Tag einzuführen oder Arbeitszeiten anzupassen, damit die Bosnier*innen das Spiel in der Nacht gucken können.
Jasmin Mujanović, Politikwissenschaftler und Balkan-Experte, fasste die vergangenen Wochen im Gespräch mit dem Fernsehsender Al Jazeera wie folgt zusammen: „Vor dem Krieg wurde die bosnische Diaspora kaum erwähnt. Viele Mitglieder der Nationalmannschaft wurden außerhalb ihrer Heimat geboren. Es ist ihnen gelungen, den Menschen eine starke Verbundenheit mit der bosnischen Identität und Kultur zu vermitteln.”
Aktuelle und ehemalige US-amerikanische Mandatsträger, die in Sarajevo tätig waren oder sind, äußerten sich ebenfalls zum sportlichen Abschneiden bei der WM.
Michael Murphy, ehemaliger US-amerikanischer Botschafter in der bosnischen Hauptstadt, schrieb nach Medienangaben auf X: „Ich empfinde die Leistungen der bosnisch-herzegowinischen Nationalmannschaft in der Qualifikation und bei der Weltmeisterschaft inspirierend.”
Murphy hofft, dass „alle in Bosnien, von Sarajevo über Mostar bis Banja Luka”, stolz auf das Erreichte sein können.
Noch vor dem Spiel zwischen den USA und Bosnien und Herzegowina gab es eine besondere Botschaft aus dem NATO-Hauptquartier in Sarajevo. Kommandant dort ist der US-amerikanische General James Fowler, der auf einem Instagram-Video (Si apre in una nuova finestra) zusammen mit Militärpersonal zu sehen war.
Fowler sagte, dass bei dem Spiel seine beiden Lieblingsmannschaften aufeinandertreffen würden. „In den vergangenen Wochen habe ich die Leidenschaft der Nationalmannschaft, ihren Sinn für Einheit, Stolz und Zusammenhalt kennengelernt” ergänzte er.
Bereits aus dem „Lagebild” bekannte Politiker*innen bedankten sich nicht ohne Pathos bei der Nationalmannschaft, trotz des Ausscheidens.
Denis Bećirović, bosniakisches Mitglied im dreiköpfigen kollektiven Staatsoberhaupt Bosnien und Herzegowina, postete auf Instagram (Si apre in una nuova finestra) ein Video, in dem er ein Trikot trägt. Dazu schrieb er, an die Nationalmannschaft gerichtet: „Danke für all das Glück, das ihr unseren Menschen in Bosnien und Herzegowina und im Ausland geschenkt habt. Ihr habt die schönsten Kapitel der bosnisch-herzegowinischen Fußballgeschichte geschrieben. Vor euch liegt eine strahlende Zukunft.”
Željko Komšić, sein kroatischer Kollege, schrieb ebenfalls auf Instagram (Si apre in una nuova finestra): „Jungs, ihr habt es geschafft, eine Emotion zu wecken, wie sie nur die Größten hervorrufen können – dass Millionen Menschen gemeinsam mit euch jubeln, mitfiebern und hoffen.”
Die Nationalmannschaft habe “unser Land in Stolz und Freude vereint” und der Welt gezeigt, „welchen Charakter die Menschen aus Bosnien und Herzegowina besitzen”. Das Ausscheiden sei nicht das Ende der Geschichte, sondern der Beginn einer neuen Generation”, die den Glauben zurückbringt, den Stolz neu entfacht und zeigt, dass Bosnien und Herzegowina ein Herz hat, das niemals aufgibt.”
Eine öffentliche Stellungnahme des serbischen Mitglieds Željka Cvijanović gab es bis Redaktionsschluss nicht.
Dieser Text ist Teil einer mehrteiligen Reihe über Bosnien und Herzegowina bei der WM. Recherchen, Gespräche mit Expertinnen und Experten sowie die Einordnung der Entwicklungen erfordern Zeit und Ressourcen.
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Fassen wir also zusammen:
Die Reaktionen machen deutlich, dass die bosnische Nationalmannschaft als starkes Symbol für Einheit, Stolz und kurzfristige Annäherung zwischen ethnischen Gruppen wahrgenommen werden kann.
Kroaten, Serben und Bosniaken, so der Tenor, hätten die Mannschaft gemeinsam unterstützt und der Fußball habe dadurch eine besondere verbindende Wirkung entfaltet. Spieler und Trainer wurden dabei vielfach zu Identifikationsfiguren.
Gleichzeitig, das gilt nicht nur für Bosnien und Herzegowina, ist der Fußball historisch oft instrumentalisiert worden und eng mit nationalistischen Deutungen verbunden. Daher ist offen, ob diese Stimmung der Einheit langfristig anhält.
Die Fußball-WM ist für Bosnien und Herzegowina ein bis dato einmaliger, aber flüchtiger Moment gesellschaftlichen Zusammenhalts über das Alltägliche hinaus. Er hat eine große symbolische Wirkung, aber eine ungewisse langfristige Stabilität.
Parallel zu den Reaktionen auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft fanden in Bosnien und Herzegowina in dieser Woche politische Termine mit hohem Stellenwert statt. Vorgestern (1. Juli 2026) ernannte der Lenkungsausschuss des Friedensumsetzungsrates nach dem Rücktritt von Christian Schmidt (CSU) den US-Diplomaten Louis Crishock zum geschäftsführenden Hohen Repräsentanten und verschaffte sich in einer politisch heiklen Phase damit ein wenig Luft.
Schmidts Rücktritt beendet eine fast vierjährige Amtszeit, die wegen seiner Entscheidungen – insbesondere zugunsten der HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) – stark umstritten war.
Vertreter der EU und der USA haben sich bisher nicht auf Schmidts Nachfolge einigen können – auch weil die USA derzeit ihre außenpolitische Strategie auf dem Balkan verändert.
In die angespannte politische Lage passen daher auch zwei Besuche in diesen Tagen: Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas besuchte Sarajevo, um mit den Staatspräsidenten und anderen politischen Führungsfiguren, um über die politische Situation vor den Parlamentswahlen im Oktober, den Posten des Hohen Repräsentanten und die EU-Anbindung zu sprechen. Danach stattete sie den EU-Militärverbänden nahe des Flughafens in Sarajevo ab.
Das Präsidium des Bayerischen Landtags flog ebenfalls nach Sarajevo, um Christian Schmidt zu dessen Abschied zu besuchen und über die aktuelle Lage in der Region zu informieren. Dafür stehen auch einige Termine mit Politiker*innen an.
Reaktionen auf den sportlichen Erfolg der Nationalmannschaft und die Hoffnung auf einen langfristigen Effekt auf den Gesamtstaat stehen einer politischen Realität gegenüber, die sich durch die Weltmeisterschaft nicht verändert hat.
Während die Nationalmannschaft für einige Wochen Menschen über ethnische Grenzen hinweg zusammengebracht hat, bleiben die politischen Konflikte bestehen. Sezessionsbestrebungen aus der Republika Srpska, die ungeklärte Zukunft des Amtes des Hohen Repräsentanten und die unterschiedlichen Interessen internationaler Akteure prägen weiterhin die Lage des Landes.
Die Weltmeisterschaft hat gezeigt, welches integrative Potenzial der Fußball in Bosnien und Herzegowina entfalten kann. Ob daraus mehr entsteht als ein außergewöhnlicher Moment gemeinsamer Begeisterung, wird sich jedoch erst nach dem Ende der Euphorie zeigen. An den grundlegenden politischen Herausforderungen des Landes ändert auch ein historisch erfolgreiches Turnier nichts.