
Zwischen geopolitischer Eskalation und Fußball-WM: Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez wird zum lautesten Kritiker von Donald Trump.
New Jersey: 19. Juli 2026. Die spanische Nationalmannschaft hat im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gerade gegen Frankreich gewonnen und feiert damit den zweiten WM-Titel nach 2010. Beide Mannschaften stellen sich gerade zur Siegerehrung auf, für die US-Präsident und FIFA-Friedenspreis-Träger Donald Trump die Ehrentribüne verlässt und auf das Spielfeld kommt.
Wenig später überreicht er Spaniens Kapitän Rodri den WM-Pokal. Zwischen den feiernden Spaniern und unter dem Rampenlicht fühlt sich Trump wohl, er macht keine Anstalten, die Bühne preiszugeben. Er kostet den Moment aus.
Hinter Trump und der Weltöffentlichkeit liegen fünf Wochen eines Turniers, das in geopolitisch aufwühlenden Zeiten eigentlich nur eine willkommene Randnotiz sein müsste. Für Trump ist es allerdings mehr, er inszeniert sich als Weltoberhaupt und führt bis in den Sommer hinein mit Israel einen völkerrechtswidrigen und endlosen Krieg gegen Iran, verbündeten oder rivalisierenden Staaten droht er mit Zöllen, militärische Interventionen, Wahlkampfbeeinflussung.
Die Reaktion aus den europäischen Ländern bisher: überwiegend Schweigen. Nur aus Spanien kommen Widerworte. Nur Ministerpräsident Pedro Sánchez wagt es, Trump zu widersprechen.
In der vergangenen Ausgabe dieses Newsletters (Si apre in una nuova finestra) hatte ich gefragt: “Welcher Übergriff, welche Grenzüberschreitung von Trump führt dazu, dass Deutschland sich aus dem Schatten der USA herauslöst? Und welche Konsequenzen hätte das für den Sport?“
Die vorvergangene Ausgabe (Si apre in una nuova finestra) endete so: “EU, UEFA und DFB könnten sich darauf verständigen, bis zum 15. April (und damit etwa zwei Monate vor Turnierbeginn) klare Forderungen an die USA zu richten. Sicherheitsgarantien für Fans, ein unabhängiger Bericht über Menschenrechte und Transparenz zu ICE-Einsätzen bei Fußballspielen – Ansätze gebe es genug.”
Mittlerweile ist Mitte April, die nächste Grenzüberschreitung (wenn man es überhaupt noch so nennen kann) hat mit dem Iran-Krieg stattgefunden. Von klaren Forderungen seitens der EU oder der Fußballverbände ist nichts zu vernehmen.
Washington: Maduro, Grönland, Kuba, NATO. Ein Krieg im Iran, ohne Billigung des Kongresses und gegen den Rat vieler Experten, aufgeschwatzt von Benjamin Netanjahu, mit verheerenden Folgen. Eine genozidale Drohung, Feuerpause, verfehlte Kriegsziele, getötete US-Soldaten und Kritik von Republikanern und Demokraten.
Trump führt nun eine Liste, um zu sehen, welche europäischen Staaten ihn in der Sicherung der Straße von Hormuz unterstützen. Wer das nicht möchte, wird bedroht.
Madrid: Die spanische Hauptstadt ist zugleich eine der wichtigsten Städte des europäischen Fußballs. Gerade in dieser Woche wurde das erneut sichtbar: Real und Atlético zeigten im Viertelfinale der Champions League – wenig überraschenderweise – dass sie zur europäischen Spitzenklasse gehören. Noch spannender ist jedoch der Blick auf das, wie die spanische Regierung im Unterschied zu anderen europäischen Ländern Gegenwehr leistet.
Offensichtlich stellt sich eine linke Regierung aus Europa gegen die USA. Sánchez regiert mit seinen Sozialdemokraten in einer Minderheitsregierung zusammen mit der Linkspartei Sumar. Hunderttausende Migranten bekommen legale Aufenthaltstitel, um in der boomenden spanischen Wirtschaft arbeiten zu können. Innenpolitisch ist die Lage für Sánchez allerdings trotzdem angespannt, ein Gerichtsverfahren gegen Sánchez’ rechte Hand läuft wegen mutmaßlicher Bereicherung während der Corona-Pandemie. Liebe Grüße an Jens Spahn an dieser Stelle.
Das erklärte Ziel der USA ist, so liest es sich in der Nationalen Sicherheitsstrategie, die europäische Rechte zu unterstützen. Wie zum Beispiel in Ungarn. Dort finden am kommenden Wochenende Wahlen statt, Kreml-Freund Viktor Orbán droht eine Niederlage. Deswegen reiste US-Vizepräsident JD Vance nach Budapest, um den langjährigen Regierungschef der illiberalen Demokratie zu supporten. Die rechte Flanke der EU erhält aus Washington nur Zuspruch.
Zwischen Madrid und Washington knallt es jedoch regelmäßig. Sánchez untersagte zu Beginn des Iran-Kriegs den Vereinigten Staaten die Nutzung der spanischen Militärbasen, auch der Luftraum war gesperrt, sodass das US-Militär seine Flugzeuge nach Deutschland verlegte. Nachdem zwischen den USA und Iran eine Feuerpause von zwei Wochen vereinbart wurde, zeigte sich Sánchez wenig beeindruckt und betonte, dass er keinen Beifall für diejenigen spenden wolle, “die die Welt in Brand setzen und danach mit einem Eimer auftauchen.“
Daran wird deutlich: Ein EU-Staat kann sich gegen die USA wehren. Die deutsche Bundesregierung ist nicht nur geographisch, sondern auch geopolitisch irgendwo zwischen Madrid und Budapest.
Berlin: Nach Beginn des Iran-Kriegs: Schweigen. Sechs Wochen lang war kaum etwas zu hören aus dem Kanzleramt – außer der Feststellung von Außenminister Wadephul, dass es “nicht unser Krieg” sei. Nach der Feuerpause nun halbwegs deutliche Worte von Bundeskanzler Friedrich Merz, sogar mit leichter Kritik zwischen den Zeilen. Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass Deutschland sich an der Sicherung der Straße von Hormuz beteiligt.
Im Grundsatz ändert sich aber nichts. Merz redet zwar viel über Außenpolitik und überlässt die innenpolitischen Probleme den anderen Mitgliedern seines Kabinetts. Alles solle bitte so weitergehen wie zuvor, die wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA sollten laut dem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden von BlackRock bloß nicht angefasst werden.
Frankfurt: Auf dem DFB-Campus hat man ganz andere Probleme. Die finalen Vorbereitungen für die WM-Teilnahme laufen. Die öffentliche Debatte wird dominiert von Fragen, welche Spieler mitreisen dürfen und welche nicht. Ansonsten auf der Agenda: Ausschreitungen in Bundesliga-Stadien und Regionalliga-Reform. Business as usual eben.
Dabei ist eines schon völlig klar: Der Fall Özil hat die WM 2018 in Russland überschattet. Die “One Love”-Binde die WM 2022 in Katar. Im kommenden Sommer wird genau hingeschaut werden, ob der DFB noch eine deutliche Position einnimmt. Denn wenn der WM-Gastgeber die internationale Ordnung gefährdet, darf auch der weltgrößte Fußballverband nicht schweigen.
Ob Spanien wirklich die WM gewinnt, weiß niemand. Genauso wenig lässt sich voraussagen, welche politischen Entscheidungen Donald Trump bis dahin getroffen hat. Eine Sache ist jedoch wahrscheinlicher: Dass Spanien den Titel holt. Denn unter Donald Trump als US-Präsident wird sich die Weltlage nicht beruhigen. Ganz im Gegenteil. Und einige machen sich dabei zu Komplizen.
Danke fürs Lesen! Cool wäre es, wenn du eine Mitgliedschaft (Si apre in una nuova finestra)abschließt oder mir ein Spaghetti-Eis subventionierst (Si apre in una nuova finestra). 🤝