Hallo,
hast du ADHS? Ich nicht. Beziehungsweise: Ich habe keine ADHS-Diagnose. Meine beiden Kinder allerdings schon, und weil der genetische Faktor auf etwa 80 Prozent geschätzt wird, stelle ich mir Fragen. Freundinnen fragen auch. Instagram fragt. Das Thema ist überall.
Journalistisch habe ich mich vor etwa zehn Jahren das erste Mal mit ADHS beschäftigt. Mein ältestes Kind war fünf Jahre alt, ich konsumierte viele Eltern-Blogs und hatte am Spielplatz und im Netz das Gefühl: Das haben alle. Ich fragte mich: Kommen wir nicht klar mit verhaltensoriginellen Kindern, muss man auf alles ein Label kleben? Aus diesem Impuls entstand eine Titelgeschichte für SZ Familie, für die Christina Berndt die Diagnosen erklärte (Si apre in una nuova finestra) und ich dieses Interview mit der Identitäsforscherin Ursula Stark Urrestarazu (Si apre in una nuova finestra)führte, die argumentierte, dass Label für manche Menschen identitätsstiftend sind.
Seitdem scheint mich das Universum für diese Geschichte bestrafen zu wollen. Als Familie haben wir in den vergangenen zehn Jahren derart viele der darin behandelten Diagnosen eingesammelt, dass wir jede Label-Bullshit-Bingo-Karte problemlos voll kriegen. Mehr wil ich meinen Kindern zuliebe hier nicht schreiben, nur so viel: ADHS ist keine spaßige Besonderheit, sondern eine psychiatrische Diagnose bzw. eine neurologische Besonderheit, die das Leben richtig schwer machen kann.
Gleichzeitig mit unserem privaten Hindernislauf durchs Hilfesystem wurde ADHS zu einem immer noch größeren Debattenthema - was ich 2016 kaum für möglich gehalten hätte. Für die Süddeutsche Zeitung habe ich zuletzt zwei Texte dazu geschrieben. Ich sprach mit der betroffenen Influencerin Gemma Styles (Si apre in una nuova finestra) und ich porträtierte Astrid Neuy-Lobkovicz (Si apre in una nuova finestra), eine Ärztin, die ADHS schon seit den Neunzigern behandelt und zu den führenden Expertinnen in Deutschland gehört.
Meine Antwort auf die polemische Frage im Betreff lautet: Je nach Erhebung sind zwischen 2,5 und 5 Prozent aller Menschen von ADHS betroffen. Das sind viele, aber nicht "alle". Dass es einem so vorkommen kann, liegt daran, dass sich die Betroffenen nicht gleichmäßig verteilen. Durch die Erblichkeit häufen sich Diagnosen in Familien, auch sammeln sich ADHSler in bestimmten Branchen. Die Medien gehören dazu. Dass ADHS so ein viel debattiertes Thema ist, hat damit zu tun. Dazu kommt, dass aufgrund unserer modernen Lebensweise und Mediennutzung auch Nichtbetroffene das Gefühl haben, sich überhaupt nicht mehr konzentrieren zu können.
Warum ADHS daher sowohl ein Debattenphänomen als auch eine ernstzunehmende psychiatrische Diagnose ist, bespreche ich im SZ-Podcast “Das Thema” mit meinem Kollegen Lars Langenau. (Si apre in una nuova finestra) Den Podcast könnt ihr hier hören - auch ohne Abo. Auf Übermedien habe ich auch etwas dazu veröffentlicht. (Si apre in una nuova finestra)
Über ADHS könnte ich noch so viel mehr sagen. Wenn es euch interessiert, mache ich das gerne in den kommenden Ausgaben. Schreib mir daher unbedingt (Si apre in una nuova finestra)deine Meinung, deine Frage, deine Anregung - ich freue mich darauf.
Ich wünsche allen neurodivergenten und neurotypischen Menschen da draußen ein schönes Wochenende. Seid gut zu euch.
Liebe Grüße,
Barbara
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Montagabend angefangen, Dienstagmittag fertig, krank zu sein hat auch Vorteile. Aber ich lese immer so. Eine ehemalige Kollegin hat in ihrer Bio stehen: "Hält es für gesund, frisch zu kochen und jeden Tag ein paar Seiten Literatur zu lesen." Damit hat sie sicher recht, aber: Ich. Kann. Das. Nicht. Wenn ich ein Buch mag, dann binge ich es in einem Rutsch weg und finde alles und alle, die mich daran hindern (Erwerbsarbeit, Kinder, Müdigkeit) extrem störend. Deswegen lese ich oft monatelang keine Romane, weil mich Lesen leider zu einer ziemlich unerträglichen Person macht. Doch nun zu "Yellowface", das aus den Unerträglichkeiten des Bücherschreibens eine packende Geschichte macht. June und Athena sind Romanautorinnen, aber nur Athena hat Erfolg. Als sie bei einem Unfall stirbt, nimmt June ihr unveröffentlichtes Manuskript mit und beendet es selbst. Es geht ums Schreiben und um die brutalen Mechanismen der Verlagsbranche, um die Debatten,äh,kultur im Netz und vor allem um die Frage, wer welche Geschichten erzählen darf. Diese Frage klingt am meisten in mir nach, gerade weil so viele ProtagonistInnen in Romanen selbst AutorInnen sind und ich mich immer frage: Wollen normale LeserInnen wirklich so viel übers Schreiben lesen? Mich würde sehr interessieren, wie so ein Roman bei Nicht-Schreibenden LeserInnen ankommt. Er war auf den Bestsellerlisten, es müssen ihn also auch Nicht-Autorinnen gut finden. Jemand davon hier? (Si apre in una nuova finestra)
Wie führt man Schulen? Lesenswerte SZ-Reportage von Constanze von Bullion (Si apre in una nuova finestra)über eine schon verloren geglaubte Schule in Berlin und einen Rektor, der vieles anders macht. Als ich diese Reportage las, musste ich an die Grundschule meiner Kinder denken, die jahrelang von einer erfahrenen Rektorin straff geführt wurde. Ich habe diese Frau oft verteidigt, mit dem Argument, dass man eine derart große und, nun ja, sozial gemischte Schule anders nicht organisiert kriegt. Ihr Nachfolger, ein junger, engagierter Lehrer machte dann alles anders, er verkleidete sich als Super Mario, kannte alle Kinder mit Namen, lobte viel, schimpfte wenig. Es wurde so vieles so viel besser. Nach einem Jahr musste er die Schulleitung aber leider wieder abgeben.
Was ist das für eine Geschichte um Jimi Blue Ochsenknecht? Erklärt Oliver Das Gupta mit KollegInnen beim Spiegel. (Si apre in una nuova finestra)

Gerade höre ich dieses Hunger-Games-Prequel, mit mittlerer Begeisterung. Irgendwie hatte ich Panem interessanter in Erinnerung, außerdem gefällt mir die Stimme nicht. Wann immer Frauen sprechen, fängt der Erzähler ganz schlimm das Fiepsen an, was soll das? Wolfgang Luef schrieb schon vor Jahren im SZ-Magazin: (Si apre in una nuova finestra)“Wenn Männer in Hörbüchern Frauenstimmen nachahmen, soll der Hörer leichter folgen können. Das Ergebnis ist eine einzige Zumutung.” I couldn`t agree more.
Komplexität in Zeiten einfacher Antworten. Ich muss diese Woche schon wieder den Politikpodcast des Deutschlandfunks (Si apre in una nuova finestra) empfehlen, weil darin mein ehemaliger SZ-Kollege Johannes Kuhn spricht. Ich glaube, dass Johannes einer der drei klügsten Menschen ist, mit denen ich je zusammengearbeitet habe, und das will etwas heißen, weil die SZ nicht gerade ein Haus voller Dummköpfe ist. Johannes’ Newsletter (Si apre in una nuova finestra) kann man auch abonnieren, ich verstehe immer höchstens die Hälfte, aber die finde ich dann spannend. Zum Beispiel habe ich mir sofort diesen Text im New Yorker (Si apre in una nuova finestra)reingezogen, über ein aktuelles Buch zu Teenagern und Smartphones (Matt Richtel: How we grow up). Das Buch scheint sich zwischen Jon Haidts “Anxious Generation”-Moral-Panic-Geschrei (Si apre in una nuova finestra)und den fatalistischen Social-Media-”was kann man schon machen”-Verharmlosern zu positionieren und ich würde es gerne lesen.
“Klimaschutz ist Gesundheitsschutz”. „Durch den Klimawandel wird der Kranke noch kränker und der Gesunde entwickelt neue Erkrankungen“, sagt Ärztin Claudia Traidl-Hoffmann: Es gebe in Berlin inzwischen Krankheiten, die früher Tropenkrankheit waren. Gutes, kurzes Interview (Si apre in una nuova finestra) darüber, dass beim Klimaschutz nicht darum geht, den Planeten zu retten. Dem ist der Temperaturanstieg wurscht, der kommt auch klar, wenn die Menschheit ausgestorben ist. Es geht um unser Leben und unsere Gesundheit.

In der Arztpraxis entdeckte ich diese Woche dieses Magazin und dachte: Wow, welcher Verlag geht denn hier mutig mit so einem feschen Magazin zu Übergewicht raus? Danach schaute ich ins Impressum: Keiner. Sondern Novo Nordisk, das Pharmaunternehmen, das Ozempic und Wegovy herstellt. Bodypositivy, my ass. Während echte Magazine sterben, schließt Werbung die Lücke und schmeißt als Journalismus verkleidetes Marketing auf die Coffeetable dieser Republik. Und wer guckt schon ins Impressum? (Ich. Immer.) Hinzu kommt, dass es für Medikamentenwerbung in Deutschland sehr strenge Vorschriften gibt, ein solches Magazin ist der Versuch, das Produkt trotzdem positiv zu positionieren. Wenn ihr nicht irgendwann nur noch Inhalte lesen/hören/sehen wollt, für die irgendein Unternehmen bezahlt habt, dann abonniert schleunigst irgendein Qualitätsmedium. Bitte. Danke.

Absolute Scheißwoche mit der aktuellen Corona-Variante. Und wenn ich irgendetwas anderes habe, kommt bei mir immer noch eine Migräne noch dazu - als wollte sie allen Viren, Bakterien, Muskelzerrungen und Verdauungsproblemen klar machen, wer Boss in diesem Körper ist. Ich selbst bin es ja leider nicht.

Zu Ehren von Frauke Brosius-Gehrsdorf, Ruth Bader Ginsburg, dem Bundesverfassungsgericht und all den Juristinnen und Juristen, die für die Demokratie einstehen, sticke ich gerade das hier nach. Ist euch auch schon aufgefallen, dass sich die Initialen fast gleichen, FBG und RBG? Da gibt es auch schöne Stickvorlagen. I’ll keep you posted. Dieses Design ist von @lahooplaco (Si apre in una nuova finestra). Unter den ersten zehn zahlenden AbonnentInnen dieses Newsletters verlose ich mein Werk (und ja, das habe ich absichtlich so unauffällig hier versteckt. Ich trau mich noch nicht so richtig).