von Bernd Schwickerath

Das Spiel am Montagabend hatte noch nicht mal begonnen, da kannte es bereits seine erste bemerkenswerte Szene. Der Hallensprecher las die deutsche Aufstellung vor, bei jedem Namen gab es netten Applaus und ein bisschen Gejohle, beim einen mehr, beim anderen weniger. Aber als zum Abschluss dann das Foto von Harold Kreis auf dem Videowürfel erschien, buhten plötzlich einige deutsche Fans.
Zugegeben, das waren bei weitem nicht alle, aber es war deutlich zu hören. Auch online geht es ja schon länger richtig rund. Das sollte man natürlich nicht alles ernst nehmen, Pöbler bekommen dort nun mal mehr Aufmerksamkeit. Aber ganz egal ist das nun auch nicht. Zusammen mit den Fans im Stadion ergibt das zumindest eine Art Stimmungsbild. Und das zeigt, wie sich der Wind gedreht hat. Aus dem beliebten Silber-Harry ist für viele einer geworden, der bloß nicht auch noch die Heim-WM in den Sand setzen soll. Einer, der (voraussichtlich zwei) WM-Viertelfinals verpasst und bei Olympia alles auf seine Stars zuschneidet und trotzdem von der Slowakei vorgeführt wird.
Das ist jetzt alles sehr einfach ausgedrückt. Zur Wahrheit gehört: 2023 war nicht alles gut, seit 2025 war nicht alles schlecht. Ob der eine Penalty rein geht oder nicht, ob der eine Zweikampf gewonnen oder verloren geht, ob jemand im falschen Moment über den Puck schlägt oder der Torwart einen vermeintlich Unhaltbaren herausholt, darauf hat ein Trainer wenig Einfluss. Aber natürlich gibt er die Richtung vor und wird an Ergebnissen gemessen. Und die sind zuletzt nicht gut.
Dabei sollten 2026 und 2027 ja ganz besondere Jahre für das deutsche Eishockey werden: Erst Olympia mit dem „besten Kader aller Zeiten“, dann die WM beim alten Rivalen, dann die zu Hause. Aber zwei der drei Auftritte sind schon mal misslungen. Keine guten Voraussetzungen, um die Euphorie vor der Heim-WM anzuheizen.
Natürlich hatte Christian Künast recht, als er am Montagabend sagte, dass es 2009 (übrigens ebenfalls in Zürich) sogar noch schlechter war und es 2010 daheim dann bis ins Halbfinale ging. Man müsse jedes Turnier einzeln betrachten. Je nachdem, wer kommt und was sich für eine Dynamik entwickelt. Und eben auch, ob man in der richtigen Situation das Glück auf seiner Seite hat. Künast wiederholte auch noch mal, dass Deutschland nach wie vor zwischen Rang sieben und zwölf in der Welt stehe, da sei eine verpasste K.o.-Runde immer möglich. Aber er sagte auch, dass die jüngsten beiden Weltmeisterschaften nicht den Ansprüchen genügten. Und er vermied es, sich zu Harold Kreis zu äußern.
Sicher: 15 Minuten nach einem Spiel, nach dem noch nicht mal klar ist, ob es doch noch irgendwie fürs Viertelfinale reicht, wird er seinen Bundestrainer bestimmt nicht anzählen. Aber er stärkte ihm halt auch nicht den Rücken. Künast wollte gar nichts zu Kreis sagen, erstmal stehe die Analyse an.
Die dürfte kaum positiv ausfallen. Viele Absagen – nicht alle wegen Verletzungen –, kein Sieg gegen einen Großen, der Kompletteinbruch gegen die Schweiz, die fehlende Challenge gegen die USA, die nächste Niederlage gegen Lettland, grauenhafte Special-Teams, auch sonst oft biederes Scheibe-tief-Eishockey. Das dürfte auch unabhängig der Ergebnisse für wenig gute Laune im Verband sorgen. Überhaupt fehlte bei den jüngsten Turnieren etwas. Auch wenn die Ergebnisse von 2018 bis 2023 mit zwei Finals und einem weiteren Halbfinale vielleicht zu viel für die gezeigten Leistungen waren, zeigt der Trend in die falsche Richtung.
Kreis selbst wollte ebenfalls noch nichts zu sich sagen. Nicht, so lange das Turnier laufe. Aber er muss auch gar nicht mehr viel erklären. Man merkt ihm spätestens seit Olympia an, dass auch er sich das anders vorgestellt hatte. Dass er weiß, dass hier etwas ins Rutschen geraten ist und er es nicht aufhalten kann.
Das gilt auch für den Umgang mit der Öffentlichkeit. Wo er früher einen charmanten Spruch auspackte und damit heikle Situationen so souverän auflöste wie Moritz Seider auf dem Eis, reagiert er nun gereizt. Manchmal antwortet er nur ein Wort. Manchmal tut er so, als habe er die Frage nicht verstanden. Hin und wieder blafft er auch zurück. Kreis wirkt nicht so, als hätte er gerade sonderlich viel Spaß an seinem Job.
Zunächst war das noch ganz anders, da schien der Posten als Bundestrainer die Krönung seiner Karriere zu sein. Obwohl ihm zunächst viel Skepsis begegnete, nahm er schnell alle für sich ein. Weil eben fast alles zu klappen schien: Gleich bei seiner ersten WM Silber, dann ein mindestens ordentliches Turnier in Tschechien, viele gelungene öffentliche Auftritte, Kreis tingelte durch TV-Sendungen.
In Dänemark gab es dann zwar einen kleinen Rückschlag, aber die Aussicht war zu schön. Auf Olympia mit allen NHL-Stars, auf eine WM in der Schweiz, wo er lange arbeitete, und dann zum Abschluss noch das Heim-Turnier an zwei Orten, die ihm ebenfalls viel bedeuten: Mannheim und Düsseldorf. Wie gemalt wirkte das. Aber binnen eines Jahres ist davon nicht mehr viel übrig. Es würde einen nicht wundern, wenn der DEB zu dem Ergebnis kommt, dass gar nichts mehr übrig ist und er mit einem anderen Trainer in die Heim-WM geht.
Dieser Artikel erschien im Rahmen unseres Projekts zur WM 2026 mit Podcasts und Texten zur deutschen Nationalmannschaft und zum kompletten Turnier. Hier könnt uns weiter unterstützen (Si apre in una nuova finestra). Im Gegenzug bekommt Ihr unabhängigen Journalismus und umfangreiche Berichterstattung.