Diese Folge wurde produziert, recherchiert und moderiert von Steven Xavier Cassimo. Die Intro- und Outro-Musik wurde komponiert und produziert von Jason Shaw (Creative Commons Music by Jason Shaw on Audionautix.com (Si apre in una nuova finestra)).
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Der späte Abend des 21. Februar 2022. Im UN-Sicherheitsrat herrscht vor der Live-Übertragung der Sitzung eine gespannte, beinahe lähmende Stille. Mit der völkerrechtswidrigen Anerkennung der ostukrainischen Separatistengebiete durch den Kreml vollzog sich ein historischer Einschnitt, der das Fundament der staatlichen Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine faktisch aushebelte.1 2 3 Damit kollabierte nicht nur die europäische Sicherheitsarchitektur. Dieser Schritt verstärkte die Erosion der westlich geprägten, regelbasierten Weltordnung; eines Paradigmas, das theoriegeschichtlich durch zunehmende ökonomische Ungleichheit und den Aufstieg der BRICS-Staaten ohnehin längst unter Druck stand.4 5 Flankierend dazu ereignete sich im UN-Sicherheitsrat ein altbekanntes Phänomen der multilateralen Friedenssicherung. Als Moskau als ständiges Mitglied eine Resolution gegen den eigenen Angriffskrieg per Veto blockierte, bestätigte sich die Handlungsunfähigkeit, die im völkerrechtlichen Diskurs bereits als chronischer Konstruktionsfehler angesehen wird.6 Inmitten dieser Umstände sprach der kenianische UN-Botschafter Martin Kimani.
Ukraine - Security Council, 8970th meeting (21 Feb 2022) (Si apre in una nuova finestra)
‘Thank you, Mr. President. I thank Under-Secretary-General Rosemary DiCarlo for her briefing.
We meet tonight on the brink of a major conflict in Ukraine. The diplomacy we urged on the 17th of February is failing. The territorial integrity and sovereignty of Ukraine stands breached. The Charter of the United Nations continues to wilt under the relentless assault of the powerful. In one moment, it is invoked with reverence by the very same countries who then turn their backs on it in pursuit of objectives diametrically opposed to international peace and security.
In the last two meetings on the situation in Ukraine, and the build up of forces by the Russian Federation, Kenya urged that diplomacy be given a chance. Our cry was not heeded and, more importantly, the Charter’s demand for states to settle their international disputes by peaceful means in such a manner that international peace and security and justice are not endangered has been profoundly undermined.
Today, the threat or use of force against the territorial integrity and political independence of Ukraine has been effected. Kenya is gravely concerned by the announcement made by the Russian Federation to recognize Donetsk and Luhansk regions of Ukraine as independent states. In our considered view, this action and announcement breaches the territorial integrity of - of Ukraine.
We do not deny that there may be serious security concerns in these regions. But they cannot justify today’s recognition of these regions as independent states - not when there are multiple diplomatic tracks available and underway that have the ability to offer peaceful solutions.
Mr. President,
This situation echoes our history. Kenya and almost every African country was birthed by the ending of empire. Our borders were not of our own drawing. They were drawn in the distant colonial metropoles of London, Paris, and Lisbon, with no regard for the ancient nations that they cleaved apart.
Today, across the border of every single African country, live our countrymen with whom we share deep historical, cultural, and linguistic bonds. At independence, had we chosen to pursue states on the basis of ethnic, racial, or religious homogeneity, we would still be waging bloody wars these many decades later.
Instead, we agreed that we would settle for the borders that we inherited, but we would still pursue continental political, economic, and legal integration. Rather than form nations that looked ever backwards into history with a dangerous nostalgia, we chose to look forward to a greatness none of our many nations and peoples had ever known. We chose to follow the rules of the Organisation of African Unity and the United Nations charter, not because our borders satisfied us, but because we wanted something greater, forged in peace.
We believe that all states formed from empires that have collapsed or retreated have many peoples in them yearning for integration with peoples in neighboring states. This is normal and understandable. After all, who does not want to be joined to their brethren and to make common purpose with them? However, Kenya rejects such a yearning from being pursued by force. We must complete our recovery from the embers of dead empires in a way that does not plunge us back into new forms of domination and oppression.
We rejected irredentism and expansionism on any basis, including racial, ethnic, religious, or cultural factors. We - We reject it again today. Kenya registers its strong concern and opposition to the recognition of Donetsk and Luhansk as independent states. We further strongly condemn the trend in the last few decades of powerful states, including members of this Security Council, breaching international law with little regard.
Multilateralism lies on its deathbed tonight. It has been assaulted today as it as it has been by other powerful states in the recent past. We call on all members to rally behind the Secretary-General in asking him to rally us all to the standard that defends multilateralism. We also call on him to bring his good offices to bear to help the concerned parties resolve this situation by peaceful means.
Let me conclude, Mr. President, by reaffirming Kenya's respect for the territorial integrity of Ukraine within its internationally recognized borders.
Thank you.’7
In seiner Rede schält Kimani die Verurteilung des russischen Angriffs aus ihrer eurozentrischen Deutungshoheit heraus. Dies ist ungewohnt, da er sich, im Vergleich zu seinen Vor- und Nachredner*innen, nicht ausschließlich an abstrakten liberalen Ordnungsformeln festklammert. Er dekolonisiert die Debatte förmlich, indem er den Expansionsdrang Moskaus nicht als europäische Anomalie, sondern durch das Prisma der afrikanischen Geschichte kontextualisiert. Und hierbei einen globalen Imperialismus definiert, der die mühsam errungene Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien bedroht. Seine Reflexion greift auf die Erfahrung einer Grenzziehung zurück, die in den Kolonialmetropolen London, Paris und Lissabon am Reißbrett vollzogen wurde; gänzlich losgelöst von den historisch gewachsenen sozialen, politischen, philosophischen, spirituellen, epistemologischen, ontologischen und linguistischen Strukturen des Kontinents.8 Die historischen Kolonialmächte wie Belgien mit Brüssel, das Deutsche Reich mit Berlin oder Rom möchte ich an dieser Stelle nicht vergessen. Ich erinnere an das blutige belgische Ausbeutungsregime Leopolds im Kongo,9 die imperiale Expansion rund um Italienisch-Somaliland10 oder den deutschen Genozid an den OvaHerero und Nama.11 Diese sind fundamentale Bestandteile der traumatischen Erblast des afrikanischen Kontinents, die in enger Verbindung mit unserer eigenen sowie der afrikanischen Geschichte steht. Wie Färber und Standke-Erdmann diskutieren, zeigt sich die Erblast bis heute, insbesondere in den Verhandlungen westlicher Staaten mit afrikanischen Regierungen. Es ist beschämend, dass die Nachfahren der Opfer in der außenpolitischen Sphäre unzureichend als gleichberechtigte Akteure anerkannt werden. Stattdessen werden bevorzugt Verhandlungen mit afrikanischen Regierungen auf Augenhöhe geführt.12 Der deutsche Diskurs um den Genozid an den OvaHerero und Nama ist ein zynisches Versöhnungstheater. Dieser Diskurs entzündet sich nicht nur an dem Geld, das man ‚Wiederaufbauhilfe‘ nennt, womit unsere Außenpolitik den juristisch bindenden Begriff ‚Reparation‘ im Keim ersticken. Es geht auch um die Definitionsmacht einer Vergangenheit. In einem perfiden ‚Versöhnungstheater‘13 inszeniert sich Deutschland als gütiger Geber, der seine eigene ‚Erinnerungsüberlegenheit‘14 feiert. Während man sich moralisch auf die Schulter klopft, erzählt man den Nachfahren der Ermordeten - wie etwa den OvaHerero und Nama -, in welchen diplomatischen Formaten sie zu trauern und zu verhandeln haben.15 Zudem behält sich Deutschland weiterhin die arrogante Macht vor, zu entscheiden, welche wenigen Artefakte medienwirksam zurückgegeben werden und welche der über 40.000 afrikanischen Ahnen und Kulturgüter weiterhin in unseren Archiven und Museumskellern gefangen bleiben.16 Die Realität einer fortwährenden Kolonialität wird ignoriert.17 Jene Machtmatrix, die in den Strukturen unserer Wirtschaft, in den Strukturen unserer Politik, in den Strukturen unserer Gesellschaft, in den Strukturen unserer Gesetzestexte, gar in unseren Gedanken- und Verhaltensmustern fortlebt.18 Solch ein groteskes Versöhnungstheater, das die heutigen Privilegien des ehemaligen Kolonialherrn nicht anzutasten wagt, ist für niemanden eine Heilung ~ es ist eine Narkose ||
Aus diesen Erfahrungen heraus trägt Kimani seine Botschaft an den Sicherheitsrat: Der historische Verzicht der afrikanischen Staaten auf eine Revision der Kolonialgrenzen muss der Welt heute als warnendes Vorbild dienen, um imperiale Nostalgien im Keim zu ersticken und den Rückfall in neue Formen der Unterdrückung zu verhindern.19 Er gibt aber auch zu, dass die Grenzen (also die afrikanischen Grenzen) ‘unbefriedigend’ sind. Das ist ein rhetorischer Kniff, den die westlichen Redner*innen vermeiden. Während der Westen suggeriert, als sei die Weltordnung perfekt, sagt Kimani: „Die Ordnung ist fehlerhaft, aber wir (der afrikanische Kontinent) halten uns an sie, um das größere Übel (ewigen Krieg) zu verhindern.“
‘...breaching international law with little regard. Multilateralism lies on its deathbed tonight. It has been assaulted today as it has been by other powerful states in the recent past.’20
Damit kritisiert er implizit auch westliche Völkerrechtsbrüche der Vergangenheit. Er klammert sich also nicht an das diffuse Idealbild einer funktionierenden liberalen Weltordnung, sondern stellt fest, dass diese Ordnung bereits von vielen Seiten (nicht nur Russland) perforiert wurde.
An dieser Stelle möchte ich zwei Punkte vorausschicken. Zum einen geht es mir weniger um normative Bewertungen im Sinne von ‘Kimani sagt dies, das ist richtig’ oder ‘Kimani sagt jenes, das ist falsch’ oder Ähnliches. Gleichwohl ich natürlich immer in irgendeiner Form moralisierende Unterscheidungen machen werde. Siehe meinen kleinen emotionalen, moralischen Einschub gerade eben. Ich habe auch meine Geschichten und Perspektiven, von denen ich moralisch geprägt bin und aus denen ich spreche und so weiter und so fort. Ich möchte mich in diesem Zusammenhang auch selbst für die Limitationen dieser Folge sensibilisieren. Wenn ich Martin Kimanis Rolle nur durch die Linse des brillanten, postkolonialen Diplomaten betrachte, laufe ich Gefahr, seiner Person und der kenianischen politischen Sphäre eine relevante Dimension zu rauben. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie21 hat dies als die ‘Gefahr der einzigen Geschichte‘ (The Danger of a Single Story) beschrieben. Das Problem an solchen eindimensionalen Narrativen ist nicht unbedingt, dass sie unwahr sind, sondern dass sie unvollständig sind; sie flachen komplexe Identitäten und Widersprüche ab.22 Adichie verbindet die Single Story mit dem Igbo-Wort nkali (‘größer sein als ein anderer’) und verwebt damit zugleich imperiale Machtstrukturen.23 Es geht darum, dass der Westen die Geschichten marginalisierter Menschen nicht nur erzählt, sondern versucht, sie zu ihrer maßgeblichen, meist als defizitär wahrgenommenen Identität zu machen. Um also Kimanis Handeln nicht in einer solchen ‚Single Story‘ einzukreisen und stattdessen das herzustellen, was Adichie ein ‚Gleichgewicht der Geschichten‘24 nennt, möchte ich zwei Perspektivwechsel einnehmen oder mich ihnen zumindest annähern. Eine Betrachtung gilt der funktionalen Logik der historischen politischen Eliten in Kenya. Diese nutzten wesentliche völkerrechtliche Prinzipien, vor allem das OAU-Nichteinmischungsprinzip und das Prinzip der territorialen Integrität, um ihre eigene Machtposition abzusichern.25 26 Die OAU (Organization of African Unity) wurde 1963 als afrikanisches Staatenbündnis gegründet, das bis zu seiner Ablösung durch die Afrikanische Union (AU) im Jahr 2002 die Konzeption der Nichteinmischung und Grenzziehung institutionell verankerte.27 Die zweite Betrachtung betrifft die komplexe Rolle Kimanis als diplomatischer Vertreter Kenias. Zum einen wendet er die diplomatischen Regelwerke und die Sprache der UN-Charta als Grundlage an, um einer afrikanischen Perspektive auf dem geopolitischen Parkett ihr notwendiges Gewicht zu verleihen. Ein Ansatz, den ich hier ausdrücklich ehre und würdige.28 Jedoch spricht Kimani in New York nicht als unabhängiger kenianischer Bürger, sondern als Repräsentant des kenianischen Staates, somit repräsentiert er auch eine politische Elite. Eine Elite, die in Nairobi brutale Machtpolitik betreibt und internationale Institutionen torpediert, sobald sie dem eigenen Machterhalt im Weg steht.29 Mit anderen Worten: Doppelmoral. Im Grunde nichts Neues. Es ist eine Kritik, die auch dem westlichen Paradigma der liberalen, regelbasierten Weltordnung vorgeworfen wird; eine Kritik, der ich mich im Rückgriff auf Carlo Marsala bereits in der BRICS-Episode (Si apre in una nuova finestra) angenähert habe. Insofern soll diese Episode Kimanis Rede kritisch in den Blick nehmen, ihren antikolonialen Kern aber nicht schmälern. Betrachten wir den Verzicht auf die Grenzrevision als ein erfolgreiches panafrikanisches Friedensprojekt, so ist es auch notwendig, herauszustellen, dass dieses Projekt auch auf der Idee einer neuen Führungsklasse beruhte. Bei der OAU-Gründung im Mai 1963 waren es jene 32 Staats- und Regierungschefs der jüngst dekolonisierten Länder, die den historischen Verzicht auf eine Grenzrevision beschlossen.30 Viele dieser Länder waren gekennzeichent von einem starken Drang danach, die eigene Souveränität zu stärken, und das zulasten der Bevölkerung.31 Mit Blick in die Präambel der OAU-Charta, sie beginnt bezeichnenderweise mit den Worten ‚Wir, die Staatschefs‘ und ausdrücklich nicht mit ‚Wir, das Volk‘,32 war jene zugleich den afrikanischen Eliten von großem Nutzen, um den Kontinent zu balkanisieren und ihre eigenen politischen Vorteile unter dem Schutz des Nichteinmischungsprinzips abzusichern.33 Was genau ist mit Balkanisierung und Nichteinmischungsprinzip gemeint? Ersteres, Balkanisierung, beschreibt im Prinzip die Zersplitterung Afrikas in kleine, schwächere Rumpfstaaten, deren Aufrechterhaltung im Eigeninteresse der neuen politischen Führungsklasse lag.34 35 Verbunden wurde dies mit letzterem mit dem in der OAU-Charta verbrieften Nichteinmischungsprinzip. Laut Patrick Gathara36 galt dieser Grundsatz de facto als völkerrechtlicher Freibrief, der es der neuen politischen Klasse garantierte, im Inneren ihrer Territorien frei von internationaler Einmischung zu agieren. Wenngleich Panafrikanisten wie Kwame Nkrumah früh davor warnten, dass balkanisierte Rumpfstaaten zwangsläufig in den Fesseln des Neokolonialismus gefangen blieben,37 38 konsolidierten die postkolonialen Eliten diesen Zustand aus ihrem Eigeninteresse heraus. Denn der Aufbau größerer politischer Einheiten hätte wahrscheinlich den Verlust ihrer sorgfältig beschafften Posten bedeutet. Julius Nyerere, Tansanias damaliger Präsident und prägende Stimme der Unabhängigkeitsära, beschrieb es laut Gathara39 wie folgt: Erst die Vermehrung von Nationalhymnen, UN-Sitzen und Ehrensalven schuf eine Gruppe an Ministern und Gesandten, die ein zersplittertes Afrika vorsahen. Die Leidtragenden dieses Elitenpakts war die Zivilbevölkerung. Wie fatal das Nichteinmischungsprinzip in der Praxis wirkte, illustriere ich im Folgenden an drei historischen Einschnitten. Zuerst der nigerianische Bürgerkrieg (1967–1970). Aus Angst vor einem Dominoeffekt blockierten afrikanische Staaten unter Verweis auf die OAU-Charta jede Intervention.40 Man ließ die Regierung in Lagos gewähren, wodurch der Sezessionsversuch in Biafra unter Inkaufnahme einer gewaltigen humanitären Katastrophe militärisch niedergeschlagen wurde.41 Vergleichbares geschah im Sudan in den 1980er- und 1990er-Jahren, als die Regierung in Khartum das Prinzip der Nichteinmischung anwandte, um dem Staat gewaltsam eine arabisch-islamische Identität aufzuzwingen und die schwarzafrikanische Bevölkerung im Süden systematisch zu marginalisieren.42 Souveränität wurde als Vorwand missbraucht, um internationale Hilfe bei den sich abzeichnenden Hungerkrisen fernzuhalten. Dabei wurde der Schutz der Menschen weit verfehlt.43 Als Antwort auf das Versagen dieses Nichteinmischungsprinzips schuf der südsudanesische Anthropologe und Diplomat Francis Deng in den 1990er-Jahren das Konzept der ‚Souveränität als Verantwortung‘ oder ‘Sovereignty as Responsibility’. Deng versteht Souveränität nicht als Abwehrrecht nach außen, sondern als Schutzpflicht gegenüber den eigenen Bürgern im Inneren.44 Dieses Konzept war eine intellektuelle Vorarbeit, die insbesondere durch den dritten Einschnitt, das Versagen der internationalen Gemeinschaft in Ruanda 1994, an Dringlichkeit gewann.45 46 Aus diesem Vakuum heraus entwickelte die International Commission on Intervention and State Sovereignty (ICISS) 2001 den Begriff der ‚Responsibility to Protect‘ (R2P), der dann 2005 beim UN-Weltgipfel offiziell verabschiedet wurde.47 Um ein Missverständnis direkt abzuräumen: R2P ist völkerrechtlich kein Blankoscheck für eine westliche Invasion. Es ruht auf drei Säulen. Erstens die vorangige Pflicht des Staates, seine Bevölkerung zu schützen; zweitens die Verpflichtung der Weltgemeinschaft, ihn dabei durch Kapazitätsaufbau zu unterstützen; und erst drittens - als absolute Ultima Ratio - das Eingreifen durch den UN-Sicherheitsrat.48 In der postkolonialen Theorie stieß dieser Ansatz auf scharfe Kritik. So sensibilisiert etwa die Politikwissenschaftlerin Adom Getachew dafür, dass Dengs Konzept ein paternalistisches Einfallstor öffne.49 Getachew wirft Dengs Ansatz vor, politisch mündige Bürger*innen in passive ‘Populationen’ umzuwälzen, über deren Schicksal letztlich westliche Expert*innen sowie internationale Institutionen entscheiden.50 Unter dem wohlklingenden Vorwand der humanitären Fürsorge könne so eine neokoloniale Bevormundung erneut Einzug halten.51 52 Das Kimani diese widersprüchliche Historie so elegant umschiffen konnte und westliche Leitmedien sowie ehemalige Kolonialmächte frenetisch in die Hände klatschten,53 ist Ausdruck seiner rhetorischen Brillanz. Doch an dieser mehr oder weniger kritischen Rezeption möchte ich meine kritische Würdigung entzünden. Ich betrachte seinen Ansatz nun durch das Prisma von Adom Getachews ‘Worldmaking’.54 ‘Worldmaking’ verortet postkoloniale Akteure im Spannungsfeld zwischen der Verbrieflichung ihrer Souveränitätsansprüche einerseits und dem Bestreben, eine gänzlich egalitäre Weltordnung zu erschaffen und herrschaftsfrei zu organisieren, andererseits.55 Diese Idee fungierte somit als Gegenstück zum ‘Nation-Building.56 Um das Bestreben nach einer gänzlich egalitären und herrschaftsfreien Weltordnung zu realisieren, gingen die Entwürfe jedoch weit über die Einforderung einer westfälischen Souveränität hinaus.57 Einige postkoloniale Akteure verfolgten institutionelle Strategien, wie etwa die Gründung regionaler Föderationen (z. B. in Afrika und den Westindischen Inseln)58 und die Forderung nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung (New International Economic Order, NIEO).59 Diese Initiativen zielten darauf ab, die strukturellen und materiellen Grundlagen der Ungleichheit zu beseitigen und Souveränität nicht nur als politisches Abwehrrecht, sondern als Anspruch auf eine radikale internationale Umverteilung von Wohlstand und Macht zu definieren.60 Indem Kimani nicht darauf verweist, dass die Beibehaltung der kolonialen Grenzen durch die OAU 1963/64 im Kern auch dem Machterhalt afrikanischer Staatschefs diente,61 verklärt er einen realpolitischen Akt der Selbsterhaltung; der die eigene Bevölkerung oft schutzlos innerstaatlicher Gewalt und Repression auslieferte,62 zu einem visionären Entwurf postkolonialen ‘Worldmakings’.63 Er deutet den elitären Pakt in eine souveräne afrikanische Friedensarchitektur um, die sich neuen imperialen Hierarchien entgegenstellt.64 65 ||
~ Ich muss jedoch einen Schritt zurücktreten, da ich Getachews Idee des ‚Worldmakings‘ unsauber auf Kimani bezogen habe, ohne dies genauer auszuführen. Getachew nutzt den Begriff dezidiert, um die institutionellen Innovationen der ersten politischen Generation zu würdigen. Das Problem dabei, und hier liegt im Grunde eine Parallele zu Kimanis Rede, also im Sinne der 'Single Story'. Damit eröffnet Getachew einen verzerrten Blickwinkel und einen tragischen Strukturalismus. Sie begreift das Scheitern der postkolonialen Staaten fast ausschließlich als Tragödie, die von totalisierenden, äußeren Kräften herbeigeführt wurde.66 In der Konsequenz wird der innere Machtmissbrauch zu einem bloßen neoimperialen Import verwässert. Gewissermaßen gerät in dieser postkolonialen Sichtweise, sei es bei Getachew in der Theorie oder bei Kimani auf dem UN-Parkett, die historische Eigenverantwortung und brutale politische Handlungsfähigkeit der afrikanischen Eliten aus dem Blick.67 ||
(Mit solchen ||-, ~-Symbolen und Farben werde ich hin und wieder versuchen, den Lesefluss zu brechen, um die Selbstreflexion anzuregen.)
~ Aus diesen Überlegungen heraus möchte ich ein paar weitere Fragen in den Raum stellen. Wie lässt sich internationale Ordnung jenseits unserer westlich dominierenden Weltsicht neu denken? Muss sie neu gedacht werden? Können nicht verschiedene Ordnungen koexistieren? Ich erinnere an die letzte Folge zur BRICS-Gruppe (Si apre in una nuova finestra), da griff ich Carlo Masalas Kritik an der regelbasierten Weltordnung auf. Vor allem der westliche außenpolitische Diskurs insinuiert bis heute, es gebe nur eine einzige legitime, regelbasierte Ordnung. Jedes Gegenmodell wird reflexartig als Rückfall in ein diffuses Chaos abgetan. Wie Mandy Turner68 kritisiert, dient dieses Narrativ häufig dazu, die eigene geopolitische Vormachtstellung - allen voran die von den USA angeführte Pax Americana - gegen jede multipolare Wende zu verteidigen und abzusichern.69 Allerdings kann man doch wenigstens anerkennen, dass multiple Ordnungsvorstellungen mit ihren eigenen Regelsystemen und historischen Einschreibungen nunmal existieren. In seinem Bemühen, eine globale regelbasierte Ordnung irgendwie zu organisieren, hat der Westen doch immer wieder bewiesen, dass er selbst oft der Inbegriff eines diffusen Chaos ist.70 Die brennende Frage ist doch eine andere: Bietet, wie auch immer eine Weltordnung konstituiert ist, der Weltgemeinschaft Sicherheit, etwa durch die Bereitstellung globaler öffentlicher Güter? Klimaschutz? Minderheitenschutz? Epistemologischen Schutz? Linguistischen Schutz? Digitalen Schutz und so weiter. Oder dienen sie, fernab ihrer lautstarken antihegemonialen Rhetorik, dazu, neue imperial geprägte Machtdynamiken und etwa handfeste sino-russische Eigeninteressen zu verschleiern?71 Kimanis' Rede vor dem UN-Sicherheitsrat ist eine diplomatische Rede, die im Kern einen imperialen Konflikt aus einer dezidiert postkolonialen Sichtweise dekonstruiert. Jedoch warnen Kritiker*innen wie Adom Getachew72 davor, dass westliche Akteure Schutzkonzepte - wie die Responsibility to Protect (R2P) - nutzen, um die Weltordnung neu zu hierarchisieren. In dieser neokolonialen Logik urteilt der zivilisierte Norden als ‚Experte‘ über den scheiternden Süden und setzt dessen Souveränität nach Belieben aus. Doch Kimani entzieht sich diesem Bild des passiven Betroffenen. Er vollzieht in seiner Rede einen rhetorischen Kniff, der diese Hierarchie zu durchbrechen sucht: Er erklärt als afrikanischer Diplomat einer globalen Nuklearmacht die Einhaltung des Völkerrechts. Kimani sagt, dass der afrikanische Kontinent die Idee des grenzübergreifenden Friedens besser verstanden habe als der Kreml heute mit seiner imperialen Nostalgie.73 Anstatt sich hinter dem Schutzschild der strikten Nicht-Einmischung zu verschanzen, demonstriert Kimani stattdessen gelebte postkoloniale Handlungsfähigkeit und zieht den westfälischen Frieden dezidiert an sich. Der Westfälische Frieden von 1648 gilt im Völkerrecht als Geburtsstunde des Nationalstaats, der auf absoluter Souveränität und der territorialen Unantastbarkeit von Grenzen beruht.74 75 Historisch betrachtet birgt das jedoch eine offensichtliche Ironie: Denn diese Idee ist ein rein europäisches Konstrukt, das dem afrikanischen Kontinent zur Kolonialzeit übergestülpt wurde.76 Kimani nutzt dieses Werkzeug der alten europäischen Unterdrücker also, um die neue imperiale Unterdrückung durch Putin zu verhindern. Und anstatt sich dabei wie andere Despoten hinter dem westfälischen Schutzschild der absoluten Nichteinmischung zu verschanzen, macht Kimani ein Angebot, die Gestaltung internationaler Beziehungen gänzlich neu zu denken. Sein Denkangebot wurde bereits mehrmals erwähnt: ‘Wir akzeptieren die ‘Asche toter Imperien’ (also die kaputten, geerbten Kolonialgrenzen) als schmerzhaften Startpunkt. Aber anstatt diese Linien nun in endlosen, blutigen Kriegen entlang ethnischer oder religiöser Grenzen neu zu ziehen, müssen wir den Drang nach Verbundenheit anders lösen. Durch friedliche, grenzüberschreitende politische und wirtschaftliche Integration.’77 Die historische Asche toter Imperien ist ein Symbol dafür, dass die Zukunft der Weltordnung das territorial-ethnische Nationalstaatenkonstrukt hinter sich lassen muss, das Russland in der Ukraine blutig wiederaufglühen lassen will.78
Deng evaluierte damals seine Neukonzeption an einer völkerrechtlichen Leerstelle, und zwar an der des Binnengeflüchteten (Internally Displaced Person). Im Gegensatz zum Geflüchteten, der durch den Grenzübertritt internationale Sichtbarkeit erlangt, blieb der Binnengeflüchtete völkerrechtlich in einer Art totem Winkel.79 Wenn ein Staat seine eigene Bevölkerung vertreibt und sich dabei vor internationalen Akteuren auf das Prinzip der Nichteinmischung beruft, könnte dies als eine Abwendung von der Idee der Souveränität und eine Hinwendung zu einer elitären Herrschaft interpretiert werden. Also die Souveränität wird als Deckmantel für innerstaatliche Gewalt genutzt.80 Um diese interne Gewaltspirale zu durchbrechen, fordert Deng jedoch nicht die ethnonationale Zerstückelung des Staates. Die ständige Neuziehung von Grenzen auf Basis ethnischer Identitäten würde die koloniale Logik isolierter Gemeinschaften letztlich zuspitzen.81 Bezieht man das auf Kimanis Rede, verkompliziert er die Lage. Er wendet im Grunde Dengs Paradigma der Verantwortung auf eine historische Epoche an, in die es gar nicht passt, und überträgt die OAU-Entscheidung von 1963, die kolonialen Grenzen einzufrieren, rückwirkend als Friedensprojekt. Realpolitisch war dieser Pakt jedoch in erster Linie ein Schutzschild für postkoloniale Eliten, das ihnen unter dem Vorwand der Nichteinmischung rigorose Straffreiheit im Inneren gewährte;82 und damit eines der Ursachen für jenes Staatsversagen schuf, gegen das Deng späterhin anschreiben musste.83 Ich setze an dieser Stelle bewusst einen Schlussstrich und lasse dieses historische Paradoxon als unbeantwortet bestehen. Die postkoloniale Auseinandersetzung mit diesem Dilemma führt, zumindest für mich und auch für Gabriel Mares, auf den ich mich bei diesem Dilemma beziehe, in eine theoretische Sackgasse.84 Ich weise damit auch auf meine Prämisse hin, die ich anfangs angesprochen habe. Ich bin weder Jurist noch Experte für internationale Beziehungen und Völkerrecht. Und möchte auch nicht den Eindruck erwecken, als kenne ich mich mit allen Aspekten und Fragen zu diesem Thema aus. Ganz im Gegenteil, ich glaube, dass ich meine Kritik an dieser Rede noch weiter ausführen muss. Deswegen werde ich dieses abstrakte Paradoxon aus der Theorie herausnehmen und auf die Ebene der Akteure übertragen. Ich ergänze einen weiteren Aspekt, und dafür werde ich zunächst ein paar Worte über den Mann verlieren, dem wir vorhin am Mikrofon gelauscht haben: Martin Kimani.
Kimani war seit Dezember 2020 der ständige Vertreter Kenias bei den Vereinten Nationen in New York. Er promovierte in War Studies am King’s College London und durchlief somit eine der weltweit renommiertesten Institutionen für militärische und sicherheitspolitische Forschung. Vor seiner diplomatischen Entsendung leitete er das nationale Anti-Terror-Zentrum Kenias und fungierte als Sonderbeauftragter für die Bekämpfung von gewaltsamem Extremismus.85 Zweifelsohne kann man ihn als einen gut vernetzter Akteur des kenianischen Sicherheitsapparats positionieren. Seine Ausbildung am Kings College, seine Leitungsfunktion am Anti-Terror-Zentrum in Kenia und seine Rolle als Diplomat machen ihn zu einem komplexen und für mich persönlich interessanten Akteur. Einerseits artikuliert er, wie ich bereits angedeutet habe, auf dem geopolitischen Parkett die historischen Verletzungen des afrikanischen Kontinents, während er andererseits die Interessen einer Regierung repräsentiert, die, wie noch zu zeigen sein wird, im regionalen Kontext allerdings weitaus machtorientierter agiert, als seine Rhetorik vermuten lässt. Das Kimanis' Beschreibung der Grenzkonsolidierungen von 1964 als Akt des Friedens bemerkenswerterweise verschweigt, dass die gewaltvollen Realitäten, die durch diese formellen Staatsbildungen bis heute reproduziert werden, habe ich bereits eingekreist. Deshalb möchte ich einen genaueren Blick darauf werfen, wie Nairobi in der eigenen Nachbarschaft handelt. Im Oktober 2011 versammelte Kenia militärische Truppen und schweres Gerät an der Grenze zu Somalia und suchte, allen internationalen Warnungen zum Trotz, dezidiert nach einem Vorwand für einen militärischen Vorstoß.86 Wie war die Situation in Bezug auf die Wahrung des Völkerrechts? Als sich im maritimen Grenzstreit mit Somalia abzeichnete, dass der Internationale Gerichtshof (IGH) nicht im Sinne Nairobis entscheiden würde, entzog sich die kenianische Regierung kurzerhand der Zuständigkeit des Gerichts.87 Kimani stand dieserzeit im Dienst der Regierung von Präsident Uhuru Kenyatta und war Teil jener Administration, die ab 2013 intensiv damit beschäftigt war, den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) zu torpedieren.88 Warum? Kenyatta und sein Vizepräsident William Ruto traten ihr Amt damals an, während sie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zuge der verheerenden kenianischen Wahlgewalt von 2007 und 2008 angeklagt waren. Sie nutzten die Afrikanische Union (AU) als diplomatischen Schutz, um die Strafverfolgung von Staatschefs im Allgemeinen zu blockieren und die eigene Straffreiheit durchzusetzen.89 Somit zeichnet Kimanis' Rede eine komplexe diplomatische Realität ein. Das lautstarke Pochen auf internationale Regeln und die brutale Praxis der kenianischen politischen Elite der Selbsterhaltung stehen ungelöst nebeneinander. Ich möchte an dieser Stelle jedoch explizit betonen, dass dieser Verweis auf Kenias Realpolitik keineswegs dazu dienen soll, Kimanis UN-Rede abzuwerten oder moralisierend hier irgendwas entlarven zu wollen. Darum geht es mir in dieser verzwickten Diskussion nicht. Kimani ist nicht Uhuru Kenyatta oder William Ruto - aber er agierte nun mal in ihrer Administration und navigierte damit durch eine hochkomplexe, realpolitisch widersprüchliche Führung, die ich nicht ignorieren möchte. Letztlich sind es genau diese Widersprüche, die auch in der eklatanten westlichen Doppelmoral und Arroganz zutage treten. Und mit der, wenn ich ehrlich bin, ich auch durchtränkt bin, nur mal ist mir das mehr bewusst und mal ist mir das weniger bewusst. Wenn die Architekten der sogenannten liberalen Ordnung heute auf dem UN-Parkett die universelle Gültigkeit von Souveränität in der Ukraine einfordern, klingt das für einige afrikanische Staaten mindestens unglaubwürdig, wenn nicht gar zynisch.90 Die Erinnerung an den völkerrechtswidrigen US-Einmarsch im Irak oder die NATO-Intervention in Libyen 2011 - bei der ein humanitäres Mandat kurzerhand zum Regime Change missbraucht wurde - ist im ‘globalen Süden’ präsent.91 Wer das Völkerrecht in der Vergangenheit selbst so oft imperial dehnte, darf sich nicht wundern, wenn seine heutigen Solidaritätsappelle belächelt werden.92 93 Staaten wie Kenia beklagen, dass die internationale Rechtsordnung historisch oft rassistisch und imperial zu ihren Ungunsten angewendet wurde.94 Zweitens geht es hier um das, was etwa Jennifer Mitzen in der Theorie der Internationalen Beziehungen als ‚ontologische Sicherheit‘ verhandelt - also die fundamentale Sicherheit des staatlichen ‚Selbst‘ und der eigenen Handlungsfähigkeit.95 Anstatt afrikanische Staaten dabei paternalistisch auf eine passive Rolle zu reduzieren, deren Identität von einem historischen Trauma ‚gezeichnet‘ ist, geht es darum anzuerkennen, dass ihre Außenpolitik ein Verteidigungskampf ist. Es geht darum, die eigene souveräne Identität gegen eine Weltordnung zu behaupten, die sie historisch marginalisiert hat und ihnen bis heute immer wieder neue, existentielle Unsicherheiten aufzwingt.96 Wenn Kimani in New York also das Völkerrecht verteidigt, dann tut er das auch, um den Westen hart ins Gericht zu nehmen. Er nutzt die UN-Charta als Schutz, um die ontologische Sicherheit und die politische Handlungsfähigkeit seines Landes gegen jeden neuen Imperialismus und Kolonialismus zu verteidigen; egal, ob er aus Moskau, Peking, Washington oder Berlin kommt. In einer zunehmend multipolaren Welt positionieren sich die Staaten des ‘globalen Südens’ als neue ‘absichernde Mitte’ und nutzen die Idee der Blockfreiheit strategisch, um sich Handlungsspielräume zu schaffen.97 98 Das Festhalten an universellen Regeln nach außen und die oft brutale Konsolidierung von Herrschaft nach innen bedingen sich dabei gegenseitig. Mit anderen Worten, ist das wohlmöglich der Preis der Souveränität in einer internationalen Ordnung, die nicht nur historisch ohne den ‘globalen Süden’ konzipiert wurde, sondern deren Architektur bis heute auf eklatanten Ungleichheiten und imperialeren Hierarchien fußt.99 Der westfälische Frieden wurde historisch durch seine angenommene Abwesenheit außerhalb Europas definiert und dem Kontinent als koloniales Rahmenwerk übergestülpt.100 Wer in diesem asymmetrischen System florieren und seine ontologische Sicherheit gegen die ständigen Bevormundungen der liberalen Weltordnung verteidigen will,101 102 wird nicht einfach als passives Opfer in eine zynische Realpolitik getrieben. Vielmehr nutzen postkoloniale Eliten die Asymmetrie des internationalen Systems als willkommenen ideologischen Vorwand, um ihre eigene, Herrschaftskonsolidierung nach innen als legitimen antikolonialen Verteidigungskampf zu verklären.103 Und deshalb bin ich vielmehr an der Frage interessiert, wie Akteure wie Martin Kimani diesen Widerspruch zwischen ihrer eigenen diplomatischen Rolle und der Realpolitik Kenias beschreiben. Und wie gehen eigentlich deutsche Diplomat*innen mit den Widersprüchen zwischen ihren diplomatischen Rollen und der deutschen Realpolitik um? Die Antwort fällt, zumindest mit Blick auf Kimani, erstaunlich ernüchternd - oder vielleicht auch erwartbar - aus: Er schweigt dazu. Er lässt die Kritik an Kenias Realpolitik104 an sich abperlen. Und damit ist er in bester internationaler Gesellschaft. Denn auch die deutsche Außenpolitik perfektioniert dieses kategorische Ausblenden, wenn sie handfeste geopolitische und wirtschaftliche Interessen im ‘globalen Süden’ einem moralisierenden ‚Versöhnungstheater‘ oder dem strahlenden Label einer feministischen Außenpolitik hintanstellt.105 Das Schweigen zu diesem Widerspruch ist bei Diplomaten vermutlich kein Ausrutscher; es ist einer ihrer Kernkompetenzen. Wenn Russland den Schutz russischsprachiger Minderheiten vorschiebt, um eine Invasion zu rechtfertigen, beschreibt Kimani dies als Pseudo-R2P-Rhetorik.106 Jedoch teilt er nach beiden Seiten aus. Nur wenige Wochen nach seiner gefeierten Rede enthielt sich Kenia bei der Abstimmung, Russland aus dem UN-Menschenrechtsrat zu werfen. Kimani erklärte dies später damit, man dürfe UN-Gremien nicht als politische Waffe des Westens missbrauchen.107 Dabei verwies er warnend auf das Desaster der Libyen-Intervention von 2011. Die NATO hatte dort, wie ich vorhin schon beschrieb, das eigentlich zivilschützende R2P-Mandat der UN überdehnt und für einen westlich orchestrierten Regimewechsel (Regime Change) missbraucht.108 109 Kimani hält dem Westen den Spiegel vor. Wer R2P derart als imperiales Werkzeug missbraucht hat, hat damit zu rechnen, dass andere Mächte diese völkerrechtliche Lücke für sich nutzen. Um 2022 - zum Ende seiner Amtszeit im UN-Sicherheitsrat - focht er zudem vehement für den Abbau von Waffenembargos in Afrika, etwa für die Demokratische Republik Kongo oder die Zentralafrikanische Republik.110 Er kritisierte die westlichen Sanktionsregime als ‚unangemessene Last‘ und forderte das souveräne Recht der afrikanischen Staaten auf militärische Aufrüstung und den eigenständigen Aufbau ihrer Verteidigungskapazitäten kompromisslos ein.111 Dieser Vorstoß ist im Prinzip die Antwort auf das enorme globale Aufrüsten unserer Zeit. In einer Zeit, in der Machtpolitik erstarkt und die globalen Militärausgaben historische Rekordhöhen erreichen,112 verweigert sich Kimani der Weltordnung des Nordens, die in einen stark militarisierten Zustand abgleitet,113 und zugleich dem ‘globalen Süden’ unter dem Vorwand liberaler Friedenssicherung die militärische Unabhängigkeit absprechen. Kimani verteidigt damit konsequent die Handlungsfähigkeit und das Gewaltmonopol des postkolonialen Staates, mitsamt aller moralischen Grauzonen, die diese pragmatische Aufrüstungsposition umschließt. Zwei Jahre später Im Juni 2024 übernahm er die Leitung des Center on International Cooperation an der New York University, einem sehr einflussreichen westlichen Thinktank für Fragen des Multilateralismus.114 Aber was bedeutet das? Nun, das ist eine Frage der Perspektive. Aus strukturkritischer Sicht ließe sich dies als Kooptation deuten. Also eine postkoloniale Elite wird vom sogenannten Zentrum aufgesogen und reproduziert dort jene Strukturen der internationalen Beziehungen, die den ‘globalen Süden’ seit jeher einhegen.115 Betrachtet man es jedoch als Akt der Agency, könnte Kimani auch einfach ein Realist sein. Ähnlich wie Francis Deng, der Souveränitätskonzepte aus US-Denkfabriken heraus reformierte,116 überlässt Kimani die Definition der globalen Spielregeln nicht länger dem Norden allein, sondern schreitet durch die Drehtür der westlichen Wissensproduktion.
Wir sind am Ende angekommen. Für mich war das eine der schwierigsten Folgen bisher. Denn ich sympathisiere sehr mit Martin Kimani, ich würdige seine Lebensleistung, und seine Rede hat damals einen gewaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich habe mich bei der Recherche selbst immer wieder dabei ertappt, wie ich zwischen Bewunderung und Kritik oszilliere. Doch eines steht nach all der Kritik außer Frage. Martin Kimanis' Auftritt auf dem UN-Parkett war eine diplomatische Höchstleistung. Er hat den Kern eines brutalen, imperialen Konflikts durch eine dezidiert postkoloniale Linse dekonstruiert und dem ‘globalen Süden’ damit auf der Weltbühne eine souveräne, eigenständige Handlungsfähigkeit demonstriert. Ich habe aber auch immer wieder gemerkt, wie schwierig die völkerrechtliche Frage der Responsibility to Protect (R2P) ist. Das Dilemma habe ich, vermutlich viel zu unterkomplex, versucht, an zwei Polen zu illustrieren. Einerseits weist Adom Getachew darauf hin, dass solche Schutzkonzepte als paternalistische Plattform für neokoloniale Bevormundung dienen können. Der Diplomat Francis Deng hingegen verdeutlichte lange vorher, dass eine absolute Souveränität, die keine Schutzpflicht für die eigenen Bürger beinhaltet, in eine elitäre Herrschaft umschlägt; eine Herrschaft, die selbst internationale Hilfe bei Hungersnöten oder Völkermorden als unzulässige ‚Einmischung‘ abblockt. Was also bleibt am Ende dieser kritischen Würdigung? Wo stehen wir, wenn wir uns in diesem engen Raum zwischen dem narkotisierenden Griff eines arroganten, westlichen Universalismus und den opportunistischen Politiken postkolonialer afrikanischer Eliten bewegen?
Nun ja, je länger ich über all diese Widersprüche nachdenke, desto ratloser lässt mich diese Episode eigentlich zurück. Mir bleibt aber ein Sprichwort aus der ostafrikanischen Literatur:
‚Penye miti hapana wajenzi.‘
‘Wo es Bäume gibt, fehlen die Baumeister.’117
Es beschreibt die Tragik, dass Menschen mitten im Wald in zerfallenen Häusern leben müssen, weil niemand da ist, der aus dem vorhandenen Holz etwas Sicheres errichtet.
Wenn der Nationalstaat selbst ein imperiales Relikt ist, das innere Gewalt immer wieder neu reproduziert, wie formen wir dann eine transnationale Solidarität? Eine Solidarität, die das menschliche Leben über den Erhalt von Machtpolitik stellt? Wo finden wir das geistige und politische Fundament, um jene zu schützen, die marginalisiert sind? Allenfalls liegt die Antwort nicht allein in der einen ‚Single Story‘, wie sie Ngodzie beschrieb, oder einzelner Diplomat*innen, Intellektueller oder Politiker*innen, sondern in den vielen, überhörten Geschichten des postkolonialen Widerstands.
In diesem Sinne übergebe ich nun das letzte Wort an die kenianische Band Sauti Sol mit ihrem Song Tujiangalie.118 Der Titel bedeutet auf Swahili so viel wie ‚Lass uns uns selbst betrachten‘. Es ist eine musikalische Aufforderung zur gesellschaftlichen Selbstreflexion. Sauti Sol reflektiert die politischen Missstände, die Korruption und die Widersprüche in Kenia. Wahlkämpfe, die nur noch nach ethnischer Zugehörigkeit oder Geld entschieden werden, und über die Ironie, dass die Hand, die Schmiergeld annimmt, ein Armband in den Farben der kenianischen Flagge trägt.
Kwaheri, baadaye - baadaye, kwaheri (Tschüss, bis später - bis später, tschüss).
https://www.youtube.com/watch?v=s9o51O7Zw90 (Si apre in una nuova finestra)Diese Folge wurde produziert, recherchiert und moderiert von Steven Xavier Cassimo. Die Intro- und Outro-Musik wurde komponiert und produziert von Jason Shaw (Creative Commons Music by Jason Shaw on Audionautix.com (Si apre in una nuova finestra))
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Musik
Milele Fm. (2019, 9. März). Sautisol sing TUJIANGALIE in studio [Video]. YouTube. Abgerufen am 6. April 2026, von https://www.youtube.com/watch?v=s9o51O7Zw90 (Si apre in una nuova finestra)
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Патель & Тіварі, 2024. ↩
ebd. ↩
Landeszentrale für politische Bildung BW, o. J. ↩
ebd. ↩
Kornprobst & Paul, 2021. ↩
Landeszentrale für politische Bildung BW, o. J. ↩
United Nations, 2022. ↩
ebd. ↩
Die Dissertation von Mares (2022) diskutiert (unter Rückgriff auf Luke Glanville) explizit die Brutalität von Leopolds Herrschaft über den Kongo im Kontext der Berliner Konferenz. ↩
Adom Getachew (2019) schildert, wie von dort aus die italienischen Grenzkämpfe und die spätere Invasion Äthiopiens ihren Ausgang nahmen. ↩
Der Genozid an diesen Kulturen durch Deutschland sowie die fortwährende Verweigerung, Entschädigungen zu zahlen, dienen als Fallbeispiel in der aktuellen Untersuchung zur deutschen feministischen Außenpolitik von Färber und Standke-Erdmann (2025). ↩
ebd., S. 18. ↩
Czollek, 2023 ↩
Amjahid, 2021 ↩
Färber & Standke-Erdmann, 2025. ↩
Savoy, 2022 ↩
Färber & Standke-Erdmann, 2025. ↩
Azarmandi, 2018. ↩
Chappell, 2022. ↩
United Nations, 2022. ↩
TED, 2009. ↩
ebd. ↩
ebd. ↩
ebd. ↩
Gathara, 2022. ↩
Nash, 2021. ↩
Krösche, 2023. ↩
Szlapek-Sewillo (2022) Anmerkung: Siehe Mateo Szlapek-Sewillo (2022), lobt Kimanis' Rede als dringend nötiges Plädoyer für den Multilateralismus von Seiten eines postkolonialen Staates. ↩
Gathara, 2022. ↩
ebd. ↩
ebd. ↩
Organization of African Unity, 1963. ↩
Gathara, 2022. ↩
Neuberger, 1976, S. 527. ↩
Gathara, 2022 ↩
ebd. ↩
Getachew, 2019. ↩
Neuberger, 1976. ↩
Gathara, 2022. ↩
Mares, 2022. ↩
Getachew, 2019. ↩
Mares, 2022. ↩
ebd., S. 96. ↩
ebd., S. 368 ↩
Getachew, 2019. ↩
Oguejiofor et al., 2024. ↩
siehe Getachew, 2019 und Oguejiofor et al., 2024. ↩
Oguejiofor et al., 2024. ↩
Getachew, 2019. ↩
ebd., S. 11. ↩
ebd. ↩
Mares, 2022. ↩
Gathara, 2022; Goldberg, 2022. ↩
Getachew, 2019b. ↩
ebd., S. 11, 15. ↩
ebd., S. 4. ↩
ebd., S. 11, 25. ↩
ebd., S. 107-110, 124-125. Getachew macht hier zwei politische Experimente auf. Die der West Indian Federation in der Karibik, die von 1958 bis 1962 bestand, und der von Kwame Nkrumah ab 1958 vorangetriebenen Union of African States. Die Vordenker dieser Föderationen erkannten das Dilemma der Postkolonie. Formelle nationale Unabhängigkeit bleibt eine Illusion, wenn man als balkanisierter, wirtschaftlich winziger Rumpfstaat den neokolonialen Marktmechanismen des Westens schutzlos ausgeliefert bleibt. Ihre radikale Lösung war ein supranationaler Zusammenschluss. Anstatt die eigene Souveränität im neu gewonnenen Nationalstaat zu fetischisieren, waren sie bereit, diese an eine starke, föderale Zentralregierung abzutreten. Das Ziel war der Aufbau diversifizierter Binnenmärkte und gemeinsamer Verteidigungsbündnisse, um die Abhängigkeiten des globalen Systems endgültig aufzubrechen und dem globalen Süden politisches Gewicht zu verleihen. ↩
ebd., S. 11, 12, 24. ↩
ebd. ↩
Gathara, 2022. ↩
Mares, 2024. ↩
Getachew, 2019. ↩
Getachew, 2019b, S. 11. ↩
Mares, 2022. ↩
ebd., S. 16-17. ↩
ebd., S. 17-18. ↩
Turner, 2024. ↩
ebd. ↩
ebd. ↩
Hadebe, 2026. ↩
Getachew, 2019. ↩
United Nations, 2022. ↩
Oguejiofor et al., 2024. ↩
Asia-Pacific Centre for the Responsibility to Protect, o. J. ↩
Mares, 2022. ↩
Mares, 2024, S. 356. ↩
ebd., 2022, S. 156. ↩
ebd., S. 89-90. ↩
ebd., S. 97, 116. ↩
Mares, 2024, S. 368 ↩
Gathara, 2022. ↩
ebd., S. 116 ↩
Mares, 2022. ↩
Szlapek-Sewillo, 2022. ↩
Die offizielle Begründung für diesen Einmarsch; der unter dem Namen Operation Linda Nchi bekannt wurde; war der Schutz der kenianischen Souveränität und der lukrativen Tourismusindustrie vor grenzüberschreitenden Angriffen der Al-Shabaab-Miliz (Sabala, 2021). Doch hinter diesem Sicherheitsbedürfnis verbarg sich ein realpolitisches Bedürfnis, denn Kenia instrumentalisierte den somalischen Staatszerfall als Vorwand, um eigene geopolitische und wirtschaftliche Interessen auf fremdem Territorium militärisch durchzusetzen (Gathara, 2022). ↩
Gathara, 2021; 2022. ↩
Gathara, 2021. ↩
Gathara, 2021; 2022 ↩
Turner, 2024. ↩
Moore, 2024. ↩
Turner, 2024. ↩
Nadkarni, V. et al., 2024. ↩
Turner, 2024. ↩
Mitzen, 2006. ↩
Redic, 2023. ↩
Agyemfra, 2023. ↩
Turner, 2024. ↩
Getachew, 2019. ↩
Mares, 2022. ↩
Redic, 2023. ↩
Zarakol, 2010. ↩
Neuberger, 1976. ↩
Gathara, 2022. ↩
Färber & Standke-Erdmann, 2025. ↩
Mares, 2024. ↩
Goldberg, 2022. ↩
Nuruzzaman, 2022. ↩
Teimouri & Subedi, 2018. ↩
Goldberg, 2022. ↩
United Nations, 2022. ↩
Pushing back the pushback? WPS, power politics, and liberal retreat‘, 2026. ↩
Lunz, 2023. ↩
Mureithi, 2024. ↩
Spivak, 2003; Muppidi, 2012. ↩
Getachew, 2019. ↩
Omari, 2016. ↩
Milele Fm, 2019. ↩