Macht Profitgier Social Media kaputt? Diese These hört man oft. Die Journalistin Xenia Miller vom Wirtschaftsmagazin Surplus meint, es widerspreche dem Gemeinwohl, dass die meisten Social Media-Unternehmen gewinnorientiert sind.1 Einige Mastodon-Fans sind skeptisch gegenüber der Twitter-Alternative Bluesky, weil auch Wagniskapital-Fonds (Venture Capital Funds) in die Public Benefit Corporation (PBC) investiert haben.
Sind gierige Aktionäre und Wagniskapitalfonds Schuld, dass sich eX-Twitter zu einer Hölle voller Desinformation und Hass entwickelte? Daran, dass Elon Musks Blackbox-Algorithmus rechtsextreme Accounts offensichtlich bevorzugt? Oder dass Wladimir Putin und das chinesische Regime die öffentliche Meinung bei uns über die sozialen Medien so leicht manipulieren können? Liegt es am kapitalistischen Gewinnstreben, dass auch auf Instagram, TikTok oder Facebook die sogenannte „Enshittification“ voran schreitet?
Der Begriff Enshittification, wörtlich übersetzt etwa „Verscheißung“, stammt vom kanadischen Schriftsteller Cory Doctorow. Er beschreibt ein Muster, bei dem Onlineplattformen mit der Zeit an Qualität verlieren, verursacht durch einen Interessensgegensatz zwischen Betreibern und Nutzern. Doch Doctorow glaubt nicht, dass Gewinnstreben oder Venture Capital die Enshittification verursachen. Die eigentliche Frage sei: „Warum ist Enshittification profitabel?“2
„To stop enshittification, it is not necessary to eliminate the profit motive - it is only necessary to make enshittification unprofitable.“
Cory Doctorow
Enshittification sei nur deshalb profitabel, weil man es den Nutzer:innen so schwierig wie möglich mache, zu einer anderen Plattform zu wechseln, sagt Doctorow. Ökonom:innen sprechen von Netzwerk (Si apre in una nuova finestra)- und Lock-In-Effekten (Si apre in una nuova finestra), die Social Media-Nutzer:innen an die Milliardärs-Plattformen fesseln. Wer wechselt, verliert seine Follower:innen. Auf einer anderen Plattform muss man wieder bei Null anfangen. Vielleicht kann man einige überzeugen, ebenfalls zu wechseln, aber wohin? Von X zu Bluesky? Oder lieber zu Mastodon oder Threads?
Weil die Software der großen Plattformen meist keine offenen Quellcodes hat, es keine offenen Programmierschnittstellen (API) gibt oder die Nutzungsbedingungen es verbieten, kann man auch nicht einfach einen Adblocker für Instagram oder TikTok nutzen.
„Der letzte Social Media-Account, den Du einrichten musst“
Wenn alle Social Media-Accounts portabel wären, würde das alles ändern. Man könnte einfach auf eine andere Plattform oder einen anderen Server umziehen und trotzdem weiter mit seinen Freunden und Follower:innen kommunizieren. Sogar dann, wenn diese auf der alten Plattform bleiben. Weil es so einfach wäre zu wechseln, könnten Plattformbetreiber die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer:innen nicht mehr so leicht ignorieren. Genau das ist das Versprechen von offenen Netzwerken wie Bluesky oder Mastodon.
Wer auf Mastodon.Social unzufrieden mit der Moderation ist, kann z.B. zur Mastodon-Instanz vom Chaos Computerclub oder dem Datenschutzverein digitalcourage umziehen. Eine Schwäche des Mastodon zugrundeliegenden ActivityPub-Protokolls ist jedoch, dass die Kooperation des bisherigen Server-Betreibers notwendig ist, sonst kann man seine Follower:innen nicht mitnehmen. Das kann bei kleineren Mastodon-Instanzen zum Problem werden, etwa wenn der ehrenamtliche Admin plötzlich ausfällt. Seine bisherige Postings alle mitzunehmen ist bei Mastodon leider nicht vorgesehen. Das Mastodon-Handle ändert sich durch den Umzug, weil es durch den Server (Instanz) definiert wird.
Bei Bluesky ist das einfacher: Man kann mit seinem Account auf einen anderen Personal Data Server (PDS) umziehen oder seine Daten selbst hosten (Si apre in una nuova finestra), ohne die Kooperation des bisherigen PDS-Betreibers.3 Nicht nur die Follower:innen lassen sich mitnehmen, sondern auch alle bisherigen Postings. Wenn man ein Domainhandle nutzt, darf man dieses einfach behalten. Normalerweise bemerkt man bei Bluesky nicht einmal, wenn sich ein:e User:in auf einem anderen PDS befindet. 4 „Das ist der letzte Social Media-Account, den Du einrichten musst“, sagt Bluesky-Chefin Jay Graber in einem Comic von Davis Bickford (Si apre in una nuova finestra).
Aber bei Bluesky kommunizieren die einzelnen Server nicht direkt miteinander, anders als bei Mastodon. Es gibt Relays, App-Views, Labeler und Feedgeneratoren dazwischen. Man kommt bisher praktisch kaum an den Relays und der App-View von Jay Grabers Firma Bluesky Social PBC vorbei. Doch das ändert sich gerade: Die von Cory Doctorow mitgegründete Initiative Free Our Feeds (Si apre in una nuova finestra) will einen Relayserver in Europa betreiben (Si apre in una nuova finestra). Rudy Frasers Blacksky (Si apre in una nuova finestra) betreibt unabhängige Infrastruktur und es gibt viele weitere ähnliche Projekte, wie z.B. Northsky (Si apre in una nuova finestra) in Kanada oder Spark (Si apre in una nuova finestra) in Brasilien.
Wem bei Bluesky die Standardmoderation von Bluesky PBS nicht ausreicht, der kann zusätzliche Moderationsservices von Drittanbietern abonnieren oder selbst anbieten (sogenannte Labeler). Außerdem kann man Moderationslisten zum Blocken oder Stummschalten von Accounts erstellen und mit anderen teilen. Statt der Standardfeeds kann man benutzerdefinierte Feeds nutzen oder selbst welche erstellen und moderieren. Während es bei Mastodon nur einen chronologischen Feed gibt, kann man bei Bluesky zwischen Zehntausenden Algorithmen wählen - oder einfach den chronologischen Feed nutzen.
Sowohl für Bluesky und Mastodon gibt es Client-Apps von Drittanbietern. Bei Bluesky kann man damit sogar Erdogans Zensur in der Türkei umgehen (Si apre in una nuova finestra). Einige Drittanbieter-Apps bieten Funktionen, die die offizielle Bsky-App noch nicht hat (z.B. Bookmarks). Dank der Open Source-Protokolle und offener Schnittstellen gibt es weitere Apps und Tools von unabhängigen Entwickler:innen, mit denen man sein Nutzungserlebnis den eigenen Wünschen anpassen kann.
Meta & Co priorisieren Werbetreibende über die Nutzer:innen
Elon Musk liefen die Werbekunden davon, weil er X zu so einem fürchterlichen Ort machte, dass viele Konzerne dort kein geeignetes Werbeumfeld für ihre Produkte mehr sahen. Ihm ging es beim Kauf von Twitter nicht um Profit, sondern um politische Macht und die Verbreitung seiner rechtsextremen, antidemokratischen Ideologie. Auch bei TikTok und Meta spielen politische Interessen eine große Rolle, dass es nur um den Profit ginge ist Quatsch.
Doch es liegt nicht nur an mangelnder Account-Portabilität, proprietärer Software und an den politisch-ideologischen Motiven ihrer superreichen Eigentümer, dass die großen Plattformen immer schlimmer werden. Es liegt auch an ihrem dominierendem Geschäftsmodell: Werbung. Da die Werbetreibenden die Plattformen größtenteils finanzieren, sind sie König Kunde. Unser Engagement, unsere Daten und unsere Inhalte sind das Produkt!
Das führte dazu, dass die großen Social Media Plattformen die Interessen ihrer Werbekunden höher priorisieren als die Bedürfnisse der Nutzer:innen. So unterdrücken die meisten großen Social Media Plattformen - anders als Bluesky oder Mastodon - externe Links. Die Nutzer sollen möglichst lange auf ihren Plattformen verweilen, damit sie mehr Werbung ansehen. Dafür wurden auch die Algorithmen optimiert. Je mehr Views, desto mehr Einnahmen für die Konzerne. Für Medien und alle die einen Blog, Newsletter oder Podcast betreiben ist das ziemlich fatal, denn sie bekommen dadurch weniger Traffic von den großen Plattformen auf ihre Webseiten.
Doch die Social Media-Konzerne können Werbekunden nur deshalb so stark gegenüber den normalen Nutzer:innen bevorzugen, weil es für diese so schwer ist, zu anderen Plattformen zu wechseln. Offene Protokolle und portable Accounts über Plattformen hinweg würden die User:innen viel mehr Macht geben.
https://bsky.app/profile/weeknightmsnbc.bsky.social/post/3lc6ssbtls22e (Si apre in una nuova finestra)Es ist auch nicht in Stein gemeißelt, dass Werbung das dominierende Geschäftsmodell sozialer Medien sein muss. Vielen Social Media-Nutzer:innen mag es günstiger erscheinen, mit ihren Daten, ihrem Engagement und ihren geteilten Inhalten zu bezahlen statt mit Geld. Aber eine Nutzerfinanzierung etwa durch (Premium-)Abos oder Kleinspenden hat gegenüber einer Werbefinanzierung von Plattformen einen großen Vorteil: Sie gibt den User:innen mehr Einfluss. Denn dann können die Betreiber die Bedürfnisse der Nutzer:innen nicht so leicht ignorieren, sondern müssen sich mehr um sie bemühen. Das AT-Protokoll von Bluesky eröffnet auch noch weitere interessante Wege der Monetarisierung jenseits von Werbefinanzierung, Abos oder Spenden, auf die ich in einer der nächsten Ausgaben meines Newsletters eingehen werde.
Jay Grabers Weitsicht
Wagniskapital-Fonds setzen darauf, dass ihre Anteile an Startups wie Bluesky PBC in ein paar Jahren mehr wert sein werden als heute. Das setzt voraus, dass die Startups wachsen und gute Aussichten haben, irgendwann Geld verdienen. Ob sie ihr Geld mit Werbung, Abos oder auf andere Weise verdienen, dürfte den Venture Capital Funds ziemlich egal sein. Bluesky-Chefin Jay Graber schließt Werbung zwar nicht aus, betont aber immer wieder, dass es nicht das dominierende Geschäftsmodell von Bluesky sein könne. Man wolle auch andere Wege der Monetarisierung erkunden.5
https://steadyhq.com/de/klima-demokratie/posts/f407ad05-9f34-4e68-9492-f2850b619966 (Si apre in una nuova finestra)Graber hat 2021 große Weitsicht bewiesen, als sie in monatelangen Verhandlungen (Si apre in una nuova finestra)durchsetzte, dass Bluesky ein von Twitter unabhängiges Unternehmen wird. Sie selbst hat die größte Kontrolle darüber. Laut den Firmen-FAQ (Si apre in una nuova finestra)gehört das Unternehmen mehrheitlich der CEO Jay Graber und den Bluesky-Mitarbeiter:innen. Wie bei vielen Startups sind die Firmenanteile Teil der Vergütungspakete. Bei der Auswahl der Investoren scheint sie großen Wert darauf zu legen, dass diese ihre Vision verstehen und nicht ein einzelner Investor zu großes Gewicht bekommt. Da Bluesky ein gemeinnütziges Unternehmen ist, können die Investoren es nicht verklagen, (Si apre in una nuova finestra) wenn es es seine „Mission“ über den Profit stellt.
Die beste Versicherung gegen die Enshittification von Bluesky ist aber das offene Protokoll, auf dem es basiert. Jede Zeile Code des Protokolls und fast die ganze App ist Open Source. Wenn Jay und ihr Team es verbocken, könnte einfach jemand anderes den Code verwenden und damit Greensky bauen. Und viele der über 36 Millionen Bluesky-User:innen mit ihren Accounts dorthin umziehen. „Wir können das Netzwerk nicht mit Werbeanzeigen verunstalten“, sagt Graber. „Da jeder selbst hosten und die Software weiterentwickeln kann, können wir die Benutzerfreundlichkeit nie so stark beeinträchtigen, dass die Nutzer abspringen wollen.“6
Monopole sind das Problem, nicht Gewinnstreben
Nicht das Gewinnstreben oder Wagniskapital-Fonds sind das Problem, sondern die Monopole und Kartelle der großen BigTech-Konzerne! Cory Doctorow hat recht: Enshittificitation ist nur deshalb profitabel, weil die Techmilliardäre in der Lage sind, die User:Innen auf ihren Plattformen einzusperren.
Genau da sollte die EU-Kommission bei der Regulierung der großen Social Media Plattformen ansetzen: Account-Portabilität, Interoperabilität, Open-Source-Technologien, offene Schnittstellen und freie Algorithmenwahl bedeuten weniger Macht für Milliardäre und mehr Kontrolle für die User:innen über ihr Online-Erlebnis. Der Wettbewerb perpetuiert sich aber nicht selbst, fairer Wettbewerb muss durch eine kluge europäische Regulierung geschaffen und aufrechterhalten werden.
Das Bluesky zugrundeliegende AT-Protokoll und das ActivityPub-Protokoll von Mastodon ermöglichen mehr Innovation und Wettbewerb in den sozialen Medien und geben uns User:innen mehr Kontrolle. In dem wir zu offenen Netzwerken wie Bluesky oder Mastodon wechseln, holen wir uns das Internet von den Tech-Milliardären zurück.
Realistische Utopien: Ein soziales Netzwerk, das den Menschen gehört (Si apre in una nuova finestra), Xenia Miller, Surplusmagazin.de 16.5.2025 ↩
Enshittification isn’t caused by venture capital (Si apre in una nuova finestra), Cory Doctorow, 20.1.2025 ↩
Allerdings kann man derzeit mit seinem Account noch nicht wieder zu den PDS des Unternehmens Bluesky Social PBC zurück wechseln, wenn man einmal umgezogen ist. ↩
Bluesky and the AT Protocol: Usable Decentralized Social Media∗ (Si apre in una nuova finestra), Martin Kleppmann und das Bluesky-Team, Dezember 2024 ↩
Bluesky CEO Jay Graber isn’t ruling out advertising (Si apre in una nuova finestra), Techcrunch.com (Si apre in una nuova finestra), 5.12.2024 ↩
Bluesky CEO Jay Graber Says She Won’t ‘Enshittify the Network With Ads’ (Si apre in una nuova finestra), Wired.com (Si apre in una nuova finestra), 9.2.2024 ↩