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“Atombombe für die Energiewende”

© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Liebe Leserinnen und Leser,

eigentlich, wollte ich in diesem Cleanthinking-Newsletter noch einmal zusammenfassen, wie es um die angebliche Gasmangellage steht, die Deutschland in diesem Winter ereilen sollte. Trotz der verkündeten Gewissheit einer Unabwendbarkeit ist die Botschaft eindeutig: Katherina Reiche hatte mit ihrer Strategie recht - es wird in diesem Winter, der meteorologisch am Samstag endet, geben.

Eine Masche der lauten Akteure, die nun eiligst ihre Narrative überdenken müssen: Es wurde behauptet, dass ab 20 Prozent Speicher-Füllstand “normalerweise” eine Gasmangellage ausgerufen werden müsse. Denn ab dieser Schwelle werde es schwieriger, Gas aus den Speichern herauszubekommen, so die Begründung.

Nur: Das Ganze ist falsch und lächerlich obendrein. Denn, wie kann es im Falle unterschiedlicher Speichertypen (Kavernenspeicher vs. Porenspeicher) eine technische oder physikalische Schwelle geben, die von einem Durchschnittswert abhängt? Das ist komplett unmöglich.

Obendrein wurden die Fakten bewusst verschleiert: Ja, bei einzelnen Speichern kann es ab 20, 15 oder 10 Prozent Füllstand schwieriger werden, das Gas im gleichen Tempo auszuspeisen - generell kann jeder Speicher aber bis zu einem Füllstand von 0 entladen werden. Denn zusätzlich zu diesem Arbeitsgas gibt es das sogenannte Kissengas, das immer im Speicher verbleibt - und den notwendigen Druck sicherstellt.

Katherina Reiches Atombombe auf die Energiewende

Die Aktualität hat mich überholt: Heute Abend ist Gesetzentwurf für das Erneuerbare-Energien-Gesetz geleaked worden. Medien wie Handelsblatt und Süddeutsche Zeitung berichten seit 17 Uhr darüber. Im Cleanthinking-Beitrag (Si apre in una nuova finestra) sind die wichtigsten Informationen sowie Branchenstimmen zusammengefasst.

Dazu zählt auch die Stimme von Frank Farenski von “Leben mit der Energiewende”, der einen Generalangriff auf die Energiewende sieht:

„Der Generalangriff ist komplett: Fossile Gaskraftwerke, AgNes-Papier, Netzpaket, Streichung Einspeisevergütung. Wirklich ein koordinierter Großangriff. Bundesministerin Reiche wirft die Atombombe auf die Energiewende. Wann aber steht die Branche auf und verteidigt die Energiewende, den Klimaschutz und das eigene Geschäftsmodell?

Ich lese von den zahlreichen Verbänden ab und zu mal eine kritische Pressemitteilung. Damit scheint es dann getan zu sein. Ich frage als Journalist: Wann wehrt sich die Branche wirklich? Offenbar lässt man sich abschlachten. Wer hofft denn, zu überleben?“

Faktisch versucht Katherina Reiche nach dem Ende der 65-Prozent-Regel im künftigen Gebäudemodernisierungsgesetz sowie der Kraftwerksstrategie und dem Netzpaket, die Bürger-Energiewende zu beenden. Das betrifft nach meiner Einschätzung auch quasi sämtliche Geschäftsmodelle, die unter dem Stichwort “Flexibilisierung” zusammengefasst werden.

So beispielweise bidirektionales Laden, Energy Sharing oder ganz banal dynamische Stromtarife. Wer braucht noch einen Smart Meter, wenn er angesichts chancenloser Direktvermarktung seines Überschussstroms ohnehin seine Anlage ausschließlich auf Eigenverbrauch optimiert.

Das Problem: Alle Energiewende-Szenarien beziehen private PV-Anlagen mit ein. Katherina Reiche, die gerne von RWE, EON oder neuerdings Haus & Grund abschreibt, will das ändern. Ob die SPD erneut einknicken wird, wie beim Gebäudemodernisierungsgesetz?

Insbesondere die Netzbetreiber sollten überlegen, ob sie die Energietransformation wirklich komplett abwürgen wollen. Denn, so Solar-Unternehmer Holger Laudeley, immer mehr Menschen fragen mittlerweile nach Anlagen zur “Nulleinspeisung”. Sie nutzen das Netz also nur noch, um daraus Energie zu ziehen, wenn es aus dem Speicher nicht reicht - oder stellen sich gleich ein Mikro-Blockheizkraftwerk als “Notstromaggregat” in die Garage.

Fazit für heute: Katherina Reiche wird mit der Demontage des Wirtschaftsstandorts Deutschland nicht durchkommen. Aber sie wird mehrere Bremsen reinhauen, die Branchen wie etwa die des Solarhandwerks erneut schwer belasten werden. Auch Kanzler Merz raunt lieber über hässliche Windräder und philosophiert über nicht existierende Kernfusions-Reaktoren, als sich mit der Wirklichkeit zu befassen.

Dazu passen die Worte von Jonas Schaible und Markus Becker vom DER SPIEGEL (Si apre in una nuova finestra). Die beiden Autoren haben Merz als "Anti-Klima-Kanzler" beschrieben. Nicht nur wegen Modernisierungspaket, sondern auch wegen dem Netzpaket und der zu erwartenden Abschwächung des europäischen Emissionshandels ETS I im Sommer.

Die Autoren sagen klipp und klar: "Wohl zum ersten Mal seit sehr langer Zeit gibt eine Bundesregierung Klimaneutralität faktisch auf, nicht durch Untätigkeit, sondern durch bewusstes Handeln."

Klar ist, dass es Umweltminister Schneider durch das vermurkste GMG nicht einfacher gemacht wurde, ein adäquates Klimaschutzprogramm bis Ende März zum Fristende vorzulegen. Klappt das nicht, steht eine Klage der Deutschen Umwelthilfe bevor, die sich auf ein Rückschrittsverbot aus dem Klimaschutzgesetz berufen würde.

Die Analyse des Spiegel endet so: "In seinem Klimabeschluss von 2021 hat das Bundesverfassungsgericht sehr klar formuliert, was das Grundgesetz vorschreibt: ‘Art. 20a GG verpflichtet den Staat zum Klimaschutz. Dies zielt auch auf die Herstellung von Klimaneutralität.’ Die Regierung zielt darauf offensichtlich nicht.

Und nimmt so in Zukunft eine Verfassungskrise in Kauf."

Während die ganze Welt den Erneuerbaren-Turbo zündet, hat Deutschland Katherina Reiche. Es ist ein Desaster und wird uns alle extrem teuer zu stehen kommen. Es braucht lauten Widerstand.

In diesem Sinne,

Ihr Martin Jendrischik

P.S.: Ich dürfte gestern Abend bei n-tv ein Live-Interview zum Gebäudemodernisierungsgesetz geben - der Mitschnitt folgt im kommenden Newsletter.

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