Passa al contenuto principale

Frau Holle und die längste Nacht des Jahres

Die Sommersonnenwende in Mitteleuropa – auf den Spuren der Frau, die vor den Göttern kam

Wenn um den 21. Juni die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, blüht in Gärten und an Hofrändern überall in Mitteleuropa derselbe Baum: der Holunder. Seine cremefarbenen Dolden markieren seit Jahrtausenden denselben Wendepunkt. Was heute als Johannisfeuer oder Mittsommer durch Dörfer und Timelines geistert, ist in Wahrheit viel älter als jede Religion, die wir heute kennen: ein Fest, das einst einer Frau gehörte und das, allen Überschreibungen zum Trotz, bis heute ihre Spuren trägt.

Eine Sonne, die weiblich war

Lange bevor patriarchale Götterhimmel mit seinen Kriegern und Donnergöttern das Bild dominierte, dachten sich viele Kulturen die Sonne weiblich. Im Germanischen heißt sie Sól oder Sunna – eine Frau, die mit ihrem Wagen über den Himmel fährt. Die Balten kannten sie als Saule, die Japaner als Amaterasu, die zentrale Sonnengöttin und eine der wichtigsten Gottheiten Japans überhaupt. Das Tagesgestirn war ursprünglich keine Kriegergestalt, sondern eine leuchtende Frau: Wärmebringerin, Heilerin, Quelle allen Lebens.

Dass unsere Vorfahrinnen und Vorfahren diesen Lauf nicht nur verehrten, sondern auch exakt beobachteten und berechneten, zeigen die Spuren, die sie hinterlassen haben. Vorkeltische Steinsetzungen wie Stonehenge sind so aufgestellt, dass Licht und Schatten die Sonnenwenden genau anzeigen. Die fast 4000 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra, gefunden in Sachsen-Anhalt, könnte als astronomischer Kalender zur Bestimmung der Sonnenwenden gedient haben. Vergleichbare Konstruktionen finden sich weltweit: Inka-Steinsäulen bei Cusco, das „Medicine Wheel" in den Bighorn Mountains in Wyoming, der hölzerne Pfostenkreis „Woodhenge" bei Cahokia in Illinois. Den Lauf der Sonnenfrau zu kennen, war offenbar ein universelles Bedürfnis – lange bevor Kriegsgötter überhaupt erfunden wurden.

Frau Holle – mehr als die Schneefrau aus dem Märchen

In Mitteleuropa hat diese Sonnenfrau einen Namen, den wir alle kennen, ohne ihn zu erkennen: Holle. Holler. Holuntar. Die alten Formen des Wortes „Holunder" kreisen um einen Kern – Holla, Holda, Holle. Sie, der dieser Baum gehörte, hat ihren Namen in ihm hinterlassen, als sprachliches Fossil, das die Christianisierung überlebt hat.

Wir kennen sie heute meist als die Alte im Grimm-Märchen, die Betten schüttelt und es schneien lässt – das Ergebnis von rund tausend Jahren gezielter Verkleinerung. In älteren Schichten der Überlieferung ist sie weit mehr: Sonnenfrau und Schneemacherin zugleich, Spinnerin und Erdmutter, Hüterin eines Jungbrunnens. Sonne und Winter, so deutet es sich an, sind dabei keine zwei Gestalten, sondern zwei Gesichter derselben Frau im selben Kreislauf.

Wie eng ihre Geschichte mit dem Holunder, mit Schwellen und mit dem Märchen von Goldmarie verwoben ist, habe ich vor Kurzem in einem eigenen, ausführlichen Text aufgeschrieben: „Die Pflanze, die sich erinnert – über den Holunder, Frau Holle und das Wissen, das noch im Garten steht". Wer ihrer Spur weiter folgen möchte, findet ihr in einem meiner Artike auf Steady.

Wie aus ihrem Fest der Johannistag wurde

Am 24. Juni feiert die Kirche Johannes den Täufer – und es ist das einzige Fest im christlichen Kalender, das nicht einen Sterbetag, sondern einen Geburtstag ehrt. Das klingt wie eine Kleinigkeit, ist aber ein deutlicher Hinweis: Das Datum war bereits besetzt. Die Sommersonnenwende wurde in Mitteleuropa gefeiert, seit Menschen hier siedelten. Die frühe Kirche konnte das Fest nicht einfach streichen – also überschrieb sie es.

Johannes passte aus einem bestimmten Grund: Er wurde enthauptet. Das wirkt zunächst grausam und beliebig, ergibt aber Sinn, sobald man weiß, was die Sonnenwende in der alten Vorstellung bedeutete. Mit dem längsten Tag beginnt die Sonne, wieder schwächer zu werden – das Licht „stirbt" symbolisch genau im Moment seines höchsten Standes. Diese Vorstellung des Sterbens im Höhepunkt wurde in vielen alten Erzählungen mit Enthauptung oder Zerstückelung dargestellt; Stück für Stück nimmt die Erdmutter das Licht wieder zu sich. Auch dass Johannes – wie Christus – keinen biologischen Vater hat, ist eine Spur einer älteren Vorstellung, in der Leben aus dem Weiblichen allein entspringt, ohne durch einen Vater legitimiert werden zu müssen.

Der Holunder blüht bis heute zu Johannis. Er hat das Fest überlebt. Er erinnert sich, auch wenn wir es vergessen haben.

Das Wissen, das verfolgt wurde

Mit dem Beginn der „Kleinen Eiszeit" im späten Mittelalter wurde das Klima unbeständiger, Ernten fielen aus, Hungersnöte und Seuchen breiteten sich aus. In dieser von Angst geprägten Zeit wuchs die Furcht vor den Wissenden und den vorchristlichen Bräuchen. Verfolgt wurden dabei überwiegend Frauen: Hebammen, Kräuterkundige, Heilerinnen, denn ihr Wissen lies sich als das einsperren, was die neue, männlich dominierte Ordnung als legitimes Wissen definierte. Was sie besaßen, war keine Liste von Anwendungen, sondern eine Beziehung – zu Pflanzen, zu Zyklen, zum Jahreslauf, zu einem Ort.

Erst in dieser Epoche, nicht früher, wurde auch das Sonnwendfeuer zunehmend als Schutz vor Dämonen umgedeutet. Ursprünglich war es kein Ausdruck der Angst, sondern der Lebensfreude – ein Feuer, das man entzündete, um mit der Sonnenfrau in Resonanz zu gehen und ihr auf dem Höhepunkt ihrer Kraft beizustehen.

Was bis heute bleibt

Ein echtes Sonnwendfeuer war traditionell ein „Notfeuer" (althochdeutsch Hnotfiur), entzündet allein durch Reibung von Holz an Holz, nie mit Feuerstein oder Streichholz. Man tanzte im Reigen ums Feuer, sprang über die Glut und schmückte sich mit Kränzen aus duftenden Sommerkräutern – wie viele und welche genau, war von Region zu Region verschieden, meist aber eine magische Zahl: neun, sieben oder gar neunundneunzig. Dazu gehörten Beifuß, der im angelsächsischen Kräutersegen als „Una, die Älteste der Kräuter" angerufen wird, Eisenkraut, eines der wichtigsten keltischen Zauberkräuter, und Bärlapp, ein lebendes Fossil aus der Steinkohlezeit. Ebenso flocht man Margeriten ein, die genau zu Johanni in voller Blüte stehen, und den würzig duftenden Gundermann, den man sich vielerorts auch als eigenen Kranz aufs Haupt setzte. Vielerorts löschte man vorher alle häuslichen Feuer und trug am Morgen danach die neue Glut zurück ins Haus – ein ritueller Neuanfang für die ganze Gemeinschaft. Daneben gibt es unzählige weitere, oft sehr regional geprägte Bräuche – vom Wahrsagen mit Blumen über das Springen über Brennnesselhaufen bis zum Schütteln des Holunderbaums, um den Namen des zukünftigen Partners zu erfahren. Diese Vielfalt zeigt, wie lebendig und wie unterschiedlich das Fest über die Jahrhunderte gefeiert wurde.

Der Holunder wartet auf uns

Der Holunder steht noch. An Gartenrändern, an alten Hofmauern, manchmal mitten in der Stadt zwischen Pflastersteinen – hartnäckig wie das Wissen, das er trägt. Frau Holle ist nicht verschwunden. Sie wurde umbenannt, verkleinert, zur Spukgestalt erklärt, aber ihr Baum blüht noch immer zur Sonnenwende und sein Name trägt ihren Namen – unverlierbar eingeschrieben in eine Sprache, die vergessen hat, was sie sagt. Und er wartet darauf, dass wir uns erinnern, dass unser Alltag Bedeutung und Zauber hat.

Wer am 21. Juni über ein Feuer springt, beteiligt sich – ob er oder sie es weiß oder nicht – an einem der ältesten Feste der Menschheit. Eines, das einer Frau gehörte, lange bevor es den Namen eines Mannes trug.

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Wissen, Würde, Weiblichkeit e avvia una conversazione.
Sostieni