Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute erzählt meine Gastautorin Theresa, warum sie keine Angst mehr vor dem Älterwerden hat.

Wir leben in wilden Zeiten, in denen es gar nicht so leicht fällt, nicht den Verstand zu verlieren. Wie ungemein passend, dass meine jahrelange Kollegin Theresa Bäuerlein nun einen Newsletter mit dem Titel „Wie du nicht den Verstand verlierst“ gestartet hat. Er verhilft dir immer mittwochs zu mehr Klarheit zwischen News, Social Media und To-dos. Hier kannst du ihn abonnieren (Si apre in una nuova finestra), er kostet: nichts! Mit der heutigen Ausgabe siehst du auch gleich, was Theresa so drauf hat. Viel Spaß beim Lesen!
Die größte Angst vor dem Älterwerden hatte ich mit 19. Nicht mehr Teenager zu sein, stellte ich mir schrecklich vor. Danach konnte nur noch der Abstieg kommen, oder? Meine Denkleistung würde nachlassen. Meine Haare ergrauen. Ich würde früh ins Bett gehen und bei jeder Bundestagswahl die gleiche Partei wählen. Meinen zwanzigsten Geburtstag erwartete ich mit leichtem Grauen.
Jetzt bin ich ein Vierteljahrhundert älter. Ich habe ein paar graue Haare, stimmt. Ansonsten ist nichts von meinen Ängsten wahr geworden.
Im Gegenteil: Mir kommt es vor, als würde mein Gehirn besser funktionieren als früher. In meinen Zwanzigern saß ich stundenlang an Problemen, die ich jetzt in Minuten löse. Auch Entscheidungen kann ich schneller treffen. Bis vor Kurzem dachte ich, ich würde mir das einbilden. Die Botschaft, die ich wieder und wieder gehört habe, lautet: Das Gehirn lässt mit dem Älterwerden nach. „Ab Mitte 40 schwächelt das Hirn“, wie der Spiegel mal schrieb (Si apre in una nuova finestra).
Ist es ein Zeichen meines schwächelnden Mittvierziger-Hirns, dass ich den Verfall nicht bemerke? Nope. Eine Studie (Si apre in una nuova finestra) von 2024 wirft das Bild des unaufhaltsam erschlaffenden Gehirns über den Haufen. Sie zeigt, dass Menschen in der Lebensmitte bei manchen Denkleistungen sogar besser abschneiden als jüngere.
Wie gut kommst du klar, wenn sich Pläne ändern?
Gehirntests messen kognitive Leistungen oft sehr spezifisch. Sie konzentrieren sich auf Fähigkeiten wie Gedächtnisgeschwindigkeit oder „Task Switching“, also wie schnell jemand zwischen Aufgaben hin- und herspringen kann.
Bei der Studie von 2024 gingen die Forschenden das anders an. Sie fragten sich: Was, wenn wir statt schneller Reaktionszeiten mal messen, wie gut Menschen im echten Leben mit Veränderungen umgehen können?
Sie entwickelten dafür einen Fragebogen, die Daily Flexibility in Life Scale (FIDL) und ließen ihn von knapp 300 Erwachsenen zwischen 19 und 78 Jahren ausfüllen. Die Teilnehmenden sollten einschätzen, wie oft sie in den letzten zwei Wochen bestimmte Verhaltensweisen zeigten. Und zwar anhand von Sätzen wie:
„Ich bin sehr verunsichert, wenn sich meine Pläne in letzter Minute ändern.“
„Ich kann meine Vorgehensweise leicht ändern, wenn mir jemand eine bessere zeigt.“
„Ich folge meist denselben Abläufen, wenn ich das Haus verlasse.“
Aus allen Antworten berechneten die Forschenden einen Gesamtwert: Wie stark ist jemand in der Lage, sich mental anzupassen, umzudenken oder loszulassen?
Sie fanden ein klares Muster. Es widerspricht komplett der Idee des schwächelnden Hirns ab 40. Geistige Flexibilität, sahen die Forschenden, folgt im Leben eines Menschen einer U-Kurve. Sie erreicht ihren Höhepunkt (!) in der Lebensmitte, zwischen 45 und 50 Jahren. Menschen in diesem Alter konnten am besten mit Veränderungen umgehen, Routinen aufbrechen und unterschiedliche Sichtweisen einnehmen. Junge Erwachsene lassen sich leichter verunsichern, Seniorinnen und Senioren halten stärker an Routinen fest.
Was heißt das konkret? Die Neurowissenschaftlerin Sarah McKay beschreibt es auf Instagram (Si apre in una nuova finestra) so:
Mit 25 → in Panik geraten, wenn sich Pläne ändern.
Mit 75 → an Plänen und Routinen festhalten.
Mit 50 → wissen, woran man festhalten und was man loslassen sollte, und was wirklich wichtig ist.
Je mehr Erfahrung wir haben, desto freier werden wir im Denken
Natürlich hat die Studie, die ich gerade beschrieben habe, ihre Grenzen. Die Teilnehmenden gaben nur an, wie flexibel sie sich selbst empfinden. Es wurden keine Gehirnaktivitäten gemessen und keine Veränderungen über längere Zeit beobachtet. Man kann daraus also nicht schließen, dass Menschen in der Lebensmitte objektiv flexibler denken, nur dass sie es so erleben.
Die Ergebnisse passen aber gut zu dem, was auch andere Forschende beobachten. Eine Überblicksstudie (Si apre in una nuova finestra)zur Lern- und Altersforschung zeigt zum Beispiel, dass unsere geistigen Fähigkeiten sich beim Älterwerden nicht einfach abbauen, sondern verschieben.
In der Jugend arbeitet das Gehirn schnell und neugierig. Wir sind vielleicht total fokussiert, aber beißen uns auch an Gedanken fest. Je mehr Erfahrung wir haben, desto freier werden wir im Denken.
Vielleicht erinnert dich das an das bekannte Konzept von „fluider“ beziehungsweise „kristalliner“ Intelligenz, das der Psychologe Raymond B. Cattell 1963 eingeführt hat. Fluide Intelligenz ist demnach in jüngeren Jahren am stärksten: Sie ermöglicht innovatives Denken, schnelles Problemlösen und rasches Umorientieren. Das merke ich jedes Mal beim Brettspielen mit Kindern – während ich noch die Regeln durchgehe, haben sie schon drei Runden gespielt und alle Spezialregeln entdeckt.
Kristalline Intelligenz dagegen wächst mit dem Älterwerden. Diese Form der Intelligenz nutzt vor allem eines: Erfahrung. Wer schon zwanzig Jahre lang Mensch ärgere dich nicht und Siedler von Catan spielt, kann bei neuen Spielen Strategien übertragen und mehrere Züge vorausdenken. Ähnlich ist es in vielen Berufen: Historiker:innen, Psychotherapeut:innen oder Lehrer:innen werden mit den Jahren oft besser in dem, was sie tun.
Lange wurde aus diesem Modell geschlossen, dass jüngere Gehirne generell flexibler seien. Wie wir jetzt wissen, bedeutet schnelles Denken aber nicht automatisch, dass man im Alltag besser mit Veränderungen umgehen kann.
Dahinter steckt eine noch größere Erkenntnis.