Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um die Dubai-Schokolade der Hirnforschung.
Als Autor dieses Newsletters folge ich in den sozialen Medien vielen Creatoren, die Inhalte über das Gehirn produzieren. In den letzten Jahren tauchten überraschend viele Videos zum Vagusnerv auf. Und darüber, wie unfassbar heilend es sein soll, ihn zu stimulieren.
Deshalb wollte ich schon lange recherchieren, was da wirklich hintersteckt. Dann bin ich über eine Ausgabe von Wie du nicht den Verstand verlierst (Si apre in una nuova finestra) gestolpert – ein Newsletter für alle, die nicht einfach nur funktionieren wollen –, in der meine Krautreporter-Kollegin Theresa Bäuerlein genau das gemacht hat. Sie war so nett mir ihre Erkenntnisse zu überlassen. Ich übergebe an Theresa:
Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal vom Vagusnerv gehört habe. Es war mitten in der Pandemie und ich führte ein Interview mit einer Körperarbeiterin. Sie sprach über die beruhigende Kraft von Berührungen – und erwähnte dabei fast beiläufig den Vagusnerv. Am Ende ließ ich genau diesen Teil weg. Ich hatte das Gefühl, dass er mehr wissenschaftliche Einordnung brauchte, als unser Gespräch damals liefern konnte.
Jetzt, gut fünf Jahre später, ist der Vagusnerv die Dubai-Schokolade der Neurowissenschaft. Wenn man sich, wie ich, viel mit Stress und mentaler Gesundheit beschäftigt, stolpert man in den sozialen Medien gefühlt alle drei Minuten über einen Post oder ein Reel darüber. Quasi alles, was den modern gestressten Menschen plagt, soll dank Vagusnerv besser werden: Depressionen, schlechte Verdauung, Immunsystem, Angstgefühle, Autoimmunkrankheiten und sogar Trauma. Man müsse ihn nur „aktivieren“ oder „schnell resetten“, erklären Influencer:innen. Dann sei er eine „Geheimwaffe gegen Stress“. Man soll dafür zum Beispiel das Gesicht in Wasser tunken, summen, Atemübungen machen oder ein Gerät kaufen, das kleine elektrische Impulse an eine bestimmte Stelle am Ohr sendet.
Kann man einen Nerv hacken?
Angesichts der Massen an Vagus-Nerv-Content und der großen Versprechen war ich immer skeptisch. Na gut – auf YouTube habe ich eine Vagusnerv-Atemübung gespeichert, die ich manchmal mache, wenn ich spät nachts an einem Artikel sitze und total gestresst bin. Die Übung beruhigt mich tatsächlich (ich verlinke sie weiter unten). Aber liegt das wirklich am Vagusnerv – oder daran, dass ich einfach ein paar Minuten an etwas anderes als meine Deadline denke?
Ich habe mich gefragt, wie viel Wellness-Esoterik hinter dem Vagushype steckt – und wie viel Wissenschaft. Zugegeben, was ich dann herausgefunden habe, hat mich überrascht.
Kurz zur Anatomie: Der Vagusnerv ist einer von zwölf Hirnnerven, die direkt aus dem Gehirn entspringen. Sein Name kommt vom lateinischen Wort für „Wanderer“. Das passt. Er beginnt im Hirnstamm, zieht durch den Hals in Brust und Bauch und verbindet sich mit Herz, Lunge, Darm und sogar der Leber. Er ist Teil des Parasympathikus, also des Gegenspielers zur Stressreaktion: zuständig für Ruhe, Verdauung, Regeneration.
Wenn das für dich ziemlich komplex klingt, hast du recht. Genau deshalb ist der Vagusnerv nicht wie ein Schalter, den man an- und ausknipsen kann – anders, als Instagram behauptet. Das erklärt Arshad Majid, Neurologe an der Universität Sheffield und Vagusnerv-Experte im Podcast (Si apre in una nuova finestra)„Strange Health“. Was man tun könne, sei die Aktivität des Nervs indirekt zu modulieren – aber wie stark und bei wem das funktioniert, das sei kaum erforscht.
Manche Menschen werden durch Atemübungen spürbar ruhiger (ich zum Beispiel), bei anderen passiert dabei gar nichts. Und ob die Techniken, die auf Social Media kursieren, den Vagusnerv überhaupt direkt erreichen – oder ob sie einfach den Körper auf anderen Wegen beruhigen – das wisse die Wissenschaft noch nicht mit Sicherheit.
Eine zuverlässigere Methode ist es, den Nerv elektrisch zu stimulieren – aber das ist etwas völlig anderes als ein Reel über Ohrmassagen. In der Medizin gibt es zwei Wege: Der invasive Weg bedeutet eine Operation, bei der ein kleiner Impulsgeber in den Körper eingesetzt wird. Dieser Eingriff ist in den USA unter anderem für therapieresistente Epilepsie und schwere Depressionen zugelassen. Der nicht-invasive Weg funktioniert über Elektroden, die am Ohr oder am Hals angesetzt werden, wo der Nerv nah unter der Hautoberfläche liegt. In Deutschland ist das erste solche Gerät seit Mitte 2023 zugelassen. Die Anwendung dauert täglich bis zu mehreren Stunden und erste Effekte zeigen sich frühestens nach vier bis zwölf Wochen.
Was dein Körper dem Gehirn erklärt
Hier kommt ein überraschender Befund, den die Forscherin Theresa Larkin von der australischen Universität Wollongong in diesem Artikel (Si apre in una nuova finestra) herausarbeitet: Etwa 80 Prozent der Vagusfasern laufen nicht vom Gehirn in den Körper, sondern umgekehrt, also vom Körper ins Gehirn. Der Nerv ist also vor allem ein Informationsträger in Richtung Gehirn. Er sammelt ununterbrochen Daten über den Zustand der inneren Organe – wie schnell schlägt das Herz, wie aktiv ist die Verdauung, was passiert in der Lunge – und schickt sie nach oben. Das Gehirn bewertet diese Signale und entscheidet dann, wie es sich fühlen soll.
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Anders gesagt: Der Körper erklärt dem Gehirn die ganze Zeit seine emotionale Lage. Du merkst es, wenn dein Herz klopft, wenn du nervös bist, wenn dir übel vor einem schwierigen Gespräch wird oder wenn dein Bauch vor einem Date kribbelt. Und das ist auch der Grund, warum körperliche Techniken wie Atemübungen überhaupt eine Chance haben, deine Stimmung zu beeinflussen: nicht, weil sie direkt ins Gehirn eingreifen, sondern weil sie dem Gehirn andere Körpersignale schicken.
Was wirklich wirkt – und was wir nicht wissen
Manche der kursierenden Influencer-Techniken haben tatsächlich eine Grundlage. Tiefes, langsames Atmen mit verlängerter Ausatmung wird vom Vagusnerv in der Lunge registriert und gibt dem Gehirn das Signal: keine Gefahr, beruhig dich. Das erklärt, warum Atemübungen wie mein YouTube-Video (hier der versprochene Link) (Si apre in una nuova finestra) funktionieren können. Kaltes Wasser ins Gesicht aktiviert den sogenannten Tauchreflex – das ist eine automatische körperliche Reaktion, die Herzrate und Sauerstoffverbrauch senkt. Auch Singen und Summen sind möglicherweise hilfreich, weil der Vagusnerv direkt am Kehlkopf vorbeiläuft. Möglicherweise.
Und wie ist es mit dem Ohrenreiben, das in unzähligen Reels empfohlen wird? Majid sagt: Ob das den Vagusnerv tatsächlich stimuliert, ist schlicht nicht untersucht.
Was die meisten dieser Techniken gemeinsam haben: Sie beruhigen den Körper. Und diese Beruhigung wird dann dem Vagusnerv zugeschrieben, weil er gerade sehr berühmt ist.
Das ist nicht unbedingt falsch. Aber es ist auch nicht das, was behauptet wird. Und was dabei untergeht: Nicht jeder Mensch sollte seinen Vagusnerv mit Übungen stimulieren.
Gar nicht so harmlos
Hier wird es ein bisschen ernst. Der Vagusnerv ist nämlich mächtig genug, um Schaden anzurichten. Genau das macht den sorglosen Influencer-Optimismus ziemlich naiv.
Wenn man den Nerv überstimuliert, können Herzrate und Blutdruck schlimmstenfalls so stark abfallen, dass man ohnmächtig wird. Diese sogenannte vasovagale Reaktion ist eine Überreaktion des Vagusnervs als Ausgleichsreaktion auf Stress.
Und wenn du, wie ich, schon mal von Durchfall ohnmächtig geworden bist, google mal Defäkationssynkope. Auch die steht im Zusammenhang mit dem Vagusnerv. Majid berichtet im Podcast außerdem von einem dokumentierten Fall, in dem Akupunktur am Hals ausreichte, um einen Herzstillstand auszulösen. Solche Fälle seien selten – aber sie zeigen, dass dieser Nerv kein harmloses Wellness-Spielzeug ist.
Und dann ist da noch die Geschichte, die mich am meisten beschäftigt hat. Majid hat nicht-invasive Vagusnerv-Geräte an sich selbst getestet. Das Ergebnis: Er wurde danach sehr niedergeschlagen. Der Nerv hat bei ihm paradox reagiert. Statt dass er sich entspannte, fühlte er sich depressiv.
Ein Nerv, der bei einem erfahrenen Vagusnerv-Forscher eine depressive Episode auslöst, ist kein Selbstoptimierer-Hack, sondern ein System, das wir noch viel besser verstehen müssen.
Viel wichtiger als die Anti-Stress Wunderwaffe
Das Interessanteste an diesem ganzen Thema ist für mich das, worüber kaum jemand auf Instagram postet.