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Die Moorrevolution

Ausgabe 36 – Wie die Bundesregierung was Gutes fürs Klima macht

Moin!
Nach gut einem Jahr schwarz-roter Bundesregierung fällt die umwelt- und klimapolitische Zwischenbilanz ziemlich düster aus, ich muss Ihnen die ganze energiepolitische Misere jetzt ja nicht nochmal vortanzen. Und doch: Es tut sich auch was Gutes. Das allerdings ist so nerdy, dass es ziemlich unter dem Radar fliegt. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz legt 1,75 Milliarden Euro auf den Tisch, um einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft möglich zu machen. Eine Revolution, die uns gemeinsam ins Moor führt.

Schön, dass Sie dabei sind!

Highland-Rind auf entwässertem Moor-Grünland

Die 1,75 Milliarden Euro sollen Landwirtschaft auf wiedervernässten Moorflächen möglich machen. Das könnte den Startschuss liefern, Verpackungsmaterialien in Zukunft nachhaltiger zu produzieren und damit sogar was für den Klimaschutz zu tun. Oder zugespitzt: Der To-Go-Becher könnte damit aktiver Klimaschutz werden. Das ist natürlich hemmungslos übertrieben, aber ich musste Ihre Aufmerksamkeit ganz kurz triggern, damit Sie auf eine kleine Zeitreise mitkommen…

Weiche Blende mit Sepia-Effekt…

1950, wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die junge Bundesrepublik ist noch immer dabei sich zu schütteln und zu ordnen. Die Regierung muss den Wiederaufbau managen, ist mit Gebietsabtretungen konfrontiert, muss Flüchtlinge unterbringen und die Menschen ernähren.
In dieser Gemengelage fällt der Blick der Verantwortlichen auf das Emsland. Bis dato ist der Landstrich an der Grenze zu den Niederlanden vor allem eine Sumpf- und Moorlandschaft. Nix zu holen hier. Die Bevölkerung ist arm, Landwirtschaft ist nur schwer möglich, die Bewohner bauen Torf ab, den sie als Brennmaterial verkaufen. Inzwischen ist aber klar, dass im Boden Rohstoffe zu finden sind: Öl- und Gasvorkommen. Um sich den Zugriff zu sichern und das Land urbar zu machen, wird der
Emslandplan geschmiedet.

Großflächig wird in die Landschaft eingegriffen. Mit tiefen Pflügen wird die Erde aufgebrochen, auf links gedreht, Entwässerungsgräben führen das Wasser ab. Die Moore des Emslandes werden trocken gelegt. Finanziert aus dem Marshall-Plan entsteht so wertvolles Ackerland, neue Siedlungsprojekte, Menschen aus ganz Deutschland wollen ins Emsland, um ein neues Leben zu beginnen. Aus einem armen Landstrich wird im Laufe der Jahrzehnte eine wohlhabende Boom-Region Niedersachsens, dominiert unter anderem durch gut situierte Bauern.
[Link] (Si apre in una nuova finestra)

Durch die Entwässerung der Moore wurde die Basis für landwirtschaftliche Wertschöpfung geschaffen. Die Basis für Wachstum, Wohlstand, Wirtschaftswunder.

Doch dieses Basis bröselt.

Legt man ein Moor trocken, fängt der Torf darin an, sich zu zersetzen. Der Boden zerstört sich durch den Kontakt mit Sauerstoff gewissermaßen selbst.

Trockene Torfschicht in entwässertem Moor

Solange das Moor nass ist, baut sich im Laufe der Jahre eine Torfschicht auf. Abgestorbene Pflanzenreste sinken auf den Boden und zersetzen sich hier durch die Abwesenheit von Sauerstoff nur teilweise. So entsteht Stück für Stück ein Torfkörper, in dem viel Kohlenstoff gebunden ist. Gelegentlich findet sich darin auch eine Moorleiche – auch ihr guter Erhaltungszustand erklärt sich mit der Abwesenheit von Sauerstoff. Zieht man jetzt aber das Wasser durch Entwässerungsgräben raus, legt das Moor also trocken, sagen sich Torf und Sauerstoff guten Tag – und der Torf daraufhin: tschüss. Er beginnt sich zu zersetzen.

Mittelfristig erkennt man das zum Beispiel daran, dass der Boden absackt. Blöd, wenn man an genau der Stelle eine Straße gebaut hat. Langfristig verliert der sich zersetzende Boden seine Fruchtbarkeit, wird also weniger Erträge liefern. Und beim Zersetzungsprozess wird CO2 in die Atmosphäre abgegeben, die Erderwärmung beschleunigt.

In Deutschland wurden knapp 90% der vorhandenen Moore entwässert, 5-7 Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen stammen aus trocken gelegten Moorböden. Das Problem ist also üppig. Die Wiedervernässung gilt als Möglichkeit, die Böden zu retten, langfristig vielleicht sogar wieder Torfbildung möglich zu machen, das heißt CO2 zu speichern. “Moor muss nass”, so die Devise, die etwa das Moorcentrum Greifswald geprägt hat.

Nur fehlt es bisher an Möglichkeiten auf nassem Moor Wertschöpfung zu generieren, was das Projekt für viele Landwirte alles andere als attraktiv gemacht hat. Wiedervernässung bedeutet bislang also meistens Nullnutzung. Genau hier soll das neue Förderprogramm (Si apre in una nuova finestra) des Bundesumweltministeriums ansetzen.

Es soll Landwirte dabei unterstützen, nasses Moor zu bewirtschaften.

Maisanbau oder klassisches Ackergras zur Milchviehhaltung sind auf voll wiedervernässten Böden nicht möglich. Es braucht also alternative Nutzungsformen. Wasserbüffel wären denkbar, die mit den feuchten Bedingungen bestens klarkommen. Aber auch der Anbau von Nutzpflanzen wie Schilf oder Rohrkolben.

Bisher gibt es für diese Rohstoffe keine ausreichenden Wertschöpfungsketten. Die Allianz der Pioniere (Si apre in una nuova finestra) arbeitet allerdings daran. Dämmstoffe, Versandpakete, To-Go-Verpackungen für Lebensmittel – vieles ist denkbar. Rohstoffe aus dem Moor könnten so auch schädliche Kunststoffe ersetzen.

Der Otto-Versand ist beispielsweise bemüht, in den kommenden Jahren den Anteil von Moorpflanzen in seinen Verpackungsmaterialien deutlich zu steigern (Si apre in una nuova finestra) – bislang fehlt es allerdings an Rohstoffen aus Deutschland.

Auch hier das klassische Henne-Ei-Problem: Solange kein Markt für die Rohstoffe da ist, baut sie niemand an, solange keine Rohstoffe da sind, nutzt sie keiner. Dann doch lieber Plastik, da weiß man was man hat und woher es kommt. Die fossile Preiskrise, die auch Kunststoffe teurer macht, könnte hier allerdings ein Umdenken beschleunigen. Es öffnet sich also gerade ein Gelegenheitsfenster.

Passend dazu jetzt das neue Förderprogramm der Bundesregierung, das Umweltminister Carsten Schneider, SPD, als „historische Trendwende zwischen Mensch und Natur“ bezeichnet.
Es soll einige praktische Knoten lösen – zum Beispiel das Problem des Wertverlustes. Landwirtschaftlich nutzbares Land in Deutschland hat einen Bodenstatus. Ackerland ist dabei deutlich wertvoller als reines Grünland. Wird nun ein Acker wiedervernässt, verliert er seinen Ackerstatus, der Eigentümer erlebt also einen konkreten Wertverlust. Dieser soll künftig ausgeglichen werden, es erfolgt eine Entschädigungszahlung.

Dies soll auch das Problem für Pächter lösen – wenn also ein Betrieb gepachtete Flächen gerne auf nasse Bewirtschaftung umstellen möchte, aber die Eigentümerin bisher wenig erfreut vom drohenden Wertverlust war. Dieser würde ihr künftig ausgeglichen. Das Förderprogramm nimmt damit einige sehr konkrete Hürden in den Blick, die mir Fachleute in den vergangenen Jahren immer wieder geschildert haben.

Entsprechend positiv war auch der Widerhall bei Umwelt- und Klimaschutzverbänden, aber auch der Moorwissenschaft, wie beispielweise dem Moorcentrum Greifswald. Die einhellige Meinung: Hier wird etwas wirklich Gutes auf den Weg gebracht.

Ziel des Programms ist 90.000 Hektar Moor auf diese Weise wiederzuvernässen. Aktuell gibt es nach Angaben des Umweltministeriums in Deutschland nur 100.000 Hektar intakte Moore. Die Dimension dieser Pläne ist also gewaltig ambitioniert. Allerdings wird das kein kurzfristiges Projekt – die Gelder sind zunächst auf 13 Jahre angelegt und in der ersten Phase wird es viel um Konzeption gehen. Bis 2030 wird praktisch wohl wenig passieren, die positiven Auswirkungen in Form von Emissionsminderung werden wohl erst Richtung 2040 voll durchschlagen. Zusätzliche Wiedervernässung passiert im Rahmen von Naturschutzprojekten, sicher auch im Rahmen der Umsetzung der EU-Wiederherstellungsverordnung. Dann allerdings ohne landwirtschaftliche Nutzung.

Grünland auf entwässertem Moor

Und woher kommt das Geld?
Aus dem Klima- und Transformationsfonds der Bundesregierung, also vor allem aus den Einnahmen der CO2-Bepreisung. Unter der Ampel-Koalition und der damaligen grünen Umweltministerin Steffi Lemke war das sogenannte Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz ins Leben gerufen worden, das Maßnahmen, die Natur- und Klimaschutz dienen, fördert. Gerade erst ist auch ein neues Förderprogramm für die Renaturierung von Auen kleinerer Flüsse gestartet worden, das schon seit einigen Jahren entwickelt  wird. Insofern führt die schwarz-rote Bundesregierung hier etwas fort, was unter grüner Führung ins Leben gerufen wurde.

Für die Landwirtschaft und das Moor kann dieses Förderprogramm einen Paradigmenwechsel einleiten – ein Miteinander anstoßen, statt des jahrzehntelangen Gegeneinanders. Bei meinen Recherchen der vergangenen Jahre habe ich viele Landwirte getroffen, die bereit für diesen Wechsel sind. Weil auch sie die Folgen der Erderwärmung spüren, weil sie sehen, wie der Boden sich verändert. Aber dieser Wandel verlangt auch, Leistungen der Vorfahren zurückzudrehen, das ist eine nicht zu unterschätzende emotionale Hürde. Die Trockenlegung der Moore war Knochenarbeit, die unsere Groß-  und Urgroßeltern geleistet haben. Nun wird es Knochenarbeit das wieder rückgängig zu machen. Und es braucht nur einen, der das nicht will, um Vernässungsprojekte zum Scheitern zu bringen. Denn der Wasserstand lässt sich in Gebieten ja nicht selektiv verändern, entweder er steigt für alle oder keinen. Wiedervernässung bedeutet für Regionen einen Strukturwandel – ähnlich dem des Kohleausstiegs. Aber: Die Moorrevolution hat begonnen.

Das ist allerdings nur ein Anstoß. 1,75 Milliarden Euro sind viel Geld – aber bei weitem nicht genug. Die Denkfabrik Agora Agrar hat gerade die Kosten berechnet (Si apre in una nuova finestra), die für den Übergang bis 2045 nötig wären und kommt auf 8 Milliarden Euro.

Moorboden-Acker mit Entwässerungsgraben

Es wäre also zum einen wichtig, Förderprogramme zu verstetigen, aber auch andere öffentliche Gelder zu mobilisieren – etwa im Rahmen der europäischen gemeinsamen Agrarpolitik. Seit Jahren gibt es Bestrebungen, die Auszahlung dieser Gelder stärker auch an Gemeinwohlleistungen zu koppeln, also Leistungen, die etwa einen Mehrwert für Natur- und Klimaschutz bringen, eben dem Allgemeinwohl, nicht dem wirtschaftlichen Interesse Einzelner. Zuletzt gab es hier jedoch Rückwärtsbewegungen – auch, weil die Mittel absehbar weniger werden, wird der Verteilungskampf größer. Wir stehen in den nächsten Jahren also vor einigen wichtigen Grundsatzentscheidungen. Während der Boden immer weiter bröselt, die Grundlage für konventionelle Landwirtschaft auf Moorböden also abhanden kommt.

Was auch nach wie vor fehlt, ist ein konkreter Torfausstieg. Noch immer wird in einigen Mooren Deutschlands Torf abgebaut, während an anderer Stelle Moore wiedervernässt werden. Es gehört wohl zu Übergangsphasen dazu, dass in ihnen einiges sehr widersprüchlich ist…
Mit dem neuen Förderprogramm aber ist ein weiterer großer Schritt gemacht. Und vielleicht ist es auch ganz gut, dass der vorerst ziemlich unter dem Radar fliegt…
Wenn Sie trotzdem das Gefühl haben, jemand sollte davon wissen: Teilen Sie diese Ausgabe gerne. Gute Nachrichten können wir ja alle gebrauchen.

Danke für Ihr Interesse!
Frau Büüsker

Und falls Sie noch mehr über den Klima- und Transformationsfonds hören möchten, hab ich hier dazu etwas beim Tagessschau-Podcast 11km (Si apre in una nuova finestra) erzählt.