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Die Kartoffeln sind sicher

Ausgabe 34 - Wieso die Marktmacht des Einzelhandels problematischer ist, als Umweltstandards

Moin,

Deutschlands Ernährungssicherheit könne in Gefahr sein. Das suggerieren Landwirtschafts-Funktionäre in diesen Tagen. Aber nicht etwa, weil durch Erderwärmung, Verlust der Artenvielfalt und Bodendegradation die natürlichen Grundlagen verloren gehen, sondern wegen checks notes zu hoher Umweltstandards etc.

Ja, ähm, nein.

In dieser Ausgabe geht es um das neue Handelsabkommen Mercosur, den Kampf der Agrarindustrie gegen Regeln, den deutschen Selbstversorgungsgrad und das dysfunktionale Marktsystem, das dafür sorgt, dass Sie zu viel für Lebensmittel bezahlen, während die Erzeuger zu wenig Geld dafür bekommen.
Das wird jetzt ein großer Bogen, schön, dass Sie dabei sind!

 

Am Wochenende wurde das Mercosur-Abkommen unterzeichnet, ein Handelsabkommen zwischen der europäischen Union und mehreren südamerikanischen Staaten. Es öffnet Märkte in Südamerika für die deutsche Auto- und Chemieindustrie und öffnet gleichzeitig europäische Märkte für landwirtschaftliche Produkte aus dem Süden.
Der Bauernverband trommelte deshalb offiziell bis zuletzt gegen das Abkommen – mit der Begründung, auf diesem Wege würden Produkte, die zu geringeren Umweltstandards produziert werden, in den europäischen Markt kommen können.

Das ist insofern richtig, weil in südamerikanischen Staaten beispielsweise Pestizide eingesetzt werden können, die hier in Europa verboten sind. Aber durchaus hier produziert werden, um nach Brasilien etc. exportiert zu werden. Der Bauernverband zieht aus dieser Unterschiedlichkeit der Umweltstandards die Schlussfolgerung, dass auch hier Standards gesenkt werden müssen. Zur Erinnerung: Die intensive Landwirtschaft inklusive Einsatz von Pestiziden ist einer der Haupttreiber des Rückgangs der Artenvielfalt.

Dass die Standards bzw. Auflagen hier zu hoch seien, hat Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied auch zu Beginn der Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche“ in Berlin noch einmal betont. Er sprach dort davon, es brauche in Sachen Regeln einen Rasenmäher und man müsse alles zurückschrauben – am besten auf den Stand von 2010. Im CSU-geführten Landwirtschaftsministerium arbeitet man derzeit schon daran, mehr Pestizide zuzulassen, Düngeregeln wurden bereits abgeschwächt, ein neues Düngegesetz soll auf den Weg gebracht werden, das wenig Beschränkungen vorsieht, sehr zum Ärger der Wasserverbände, die ja das viele Nitrat aus dem Grundwasser herausfiltern müssen, zum wirtschaftlichen Schaden von uns allen.

Sind Sie noch da?
Ich weiß, von Handelsabkommen mit Südamerika zu Nitrat im Grundwasser, es ist ein bisschen viel.

Wir halten fest: Die Agrarindustrie möchte weniger Regeln und Verantwortlichkeiten. Sie begründet dies unter anderem mit der wachsenden Konkurrenz aus dem Ausland.
Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, fällt ein Stichwort immer häufiger: Ernährungssicherheit bzw. Ernährungssouveränität.

Auch Bayerns CSU-Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber erklärt am Rande der Grünen Woche in Berlin laut Tagesschau (Si apre in una nuova finestra):

Angesichts schwieriger Marktbedingungen gelte es, die Landwirte zu "entfesseln", sagte die CSU-Politikerin, die in diesem Jahr Vorsitzende der Agrarministerkonferenz der Länder ist. Mit Blick auf Handelskonflikte und fragile Lieferketten mahnte Kaniber, "Ernährungssouveränität" sei oberstes Gebot der Stunde.

Hoppla? Könnte etwa unsere Versorgung in Gefahr sein? Könnte uns Hunger drohen? Diese Drohkulisse baut sich ja vor dem inneren Auge auf, wenn immer wieder das Stichwort Ernährungssicherheit fällt.
Dass hier aber Probleme drohen könnten, ist erstmal unwahrscheinlich, wie ein Blick auf den Selbstversorgungsgrad Deutschlands zeigt.

Diese Grafik des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft zeigt, dass wir uns insbesondere mit Fleisch, Milch und Kartoffeln ganz wunderbar selbst versorgen können. Und andere. Denn viele Agrarprodukte werden exportiert. So liegt der Selbstversorgungsgrad mit Schweinefleisch bei 135 Prozent. Heißt: Viel wird exportiert. (Si apre in una nuova finestra) Allerdings wird gleichzeitig auch Schweinefleisch importiert.

„2024 rund 942.000 Tonnen. Demgegenüber stehen Exporte von über 2,2 Millionen Tonnen. Was widersinnig anmutet, ist auf einem freien Markt üblich und wird vor allem von Preis und Nachfrage bestimmt.“

“Was widersinnig anmutet”, was für eine schöne Formulierung.
Der Export von Agrarprodukten ist für die Agrar- und Ernährungsindustrie inzwischen ein ganz entscheidender Faktor. So schreibt das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium (Si apre in una nuova finestra):

„Die Landwirtschaft erwirtschaftet nahezu jeden vierten Euro im Ausland, die Ernährungswirtschaft mehr als jeden dritten, und die Landtechnikindustrie sogar rund drei von vier Euro. Damit zählt die Agrar- und Ernährungswirtschaft zu den exportstärksten Branchen Deutschlands.“

Geht es nach der Bundesregierung, soll diese Export noch stärker wachsen, das ist das Ziel einer kürzlich vorgestellten Agrar-Exportstrategie. Denn: Obwohl die Exporte so viel Umsatz machen, hat Deutschland ein Handelsdefizit. Sprich: Es wird mehr importiert, als exportiert.

Von Problemen mit Ernährungssicherheit oder -souveränität sind wir jedoch Stand jetzt weit entfernt.
Ja, Moment, aber in anderen Teilen der Welt hungern die Menschen doch!

Das ist richtig, aber die Ursachen dafür werden sich nicht durch mehr deutsche Schweinefleischexporte auflösen. Und ob der Hunger weltweit abnimmt, wenn durch die Abschaffung von Umweltregeln Klima- und Biodiversitätskrise weiter verschärft werden, da hätte ich auch Zweifel.

Das aktuelle Agrarsystem geht derzeit zulasten von Natur und vielfach auch zulasten der Landwirte. Psychische Probleme aufgrund der konstanten Druck- und Überlastungssituation sind weit verbreitet, in den letzten Jahren wird darüber glücklicherweise immer offener gesprochen, es gibt konkrete Hilfeangebote. Die landwirtschaftlichen Sozialversicherung etwa hat ein Krisentelefon eingerichtet.

https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/burn-out-in-der-landwirtschaft-jeder-vierte-bauer-betroffen,landwirte-110.html (Si apre in una nuova finestra)

Als zuletzt der Milchpreis in der konventionellen Landwirtschaft wieder deutlich gesunken ist, hat das vielen Betriebsleitenden die Sorgenfalten auf die Stirn getrieben.

(Si apre in una nuova finestra)
Quelle: https://www.bmel-statistik.de/preise/milchpreis-milchmenge

Eine ausgezeichnete Kartoffelernte hat zudem dazu geführt, dass es ein inländisches Überangebot gibt. In Berlin wurden im Rahmen einer Aktion der Berliner Morgenpost 4000 Tonnen Kartoffeln aus Sachsen verschenkt – sehr zum Ärger der lokalen Betriebe, die nun Sorge haben ihrerseits auf ihrer Ware sitzenzubleiben.

Tja, Markt regelt, könnte man jetzt achselzuckend sagen, hohes Angebot bedeutet sinkende Nachfrage, so ist das nun mal. Aber nein, so einfach ist es eben nicht, zumindest nicht grundsätzlich. Denn tatsächlich sind die landwirtschaftlichen Betriebe massiv von der Marktmacht des Einzelhandels abhängig – so wie auch wir als Konsument:innen. Und begibt man sich auf die Suche nach den Gründen für die Gesamtmisere der Landwirtschaft, muss man aus meiner Sicht hier ansetzen, weniger bei Handelsabkommen und Umweltvorschriften.

Die Lebensmittelpreise in Deutschland sind in den vergangenen Jahren um rund 36% gestiegen. Und sie werden von einer kleinen Gruppe von Akteuren gemacht. Ihre Macht hat sich in den letzten Jahren konzentriert. Nein, das sagen nicht irgendwelche kapitalismuskritische Heiopeis beim Plenum in der alternativen Kneipe - zu diesem Ergebnis kommt die Monopolkommission, ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung, in einem Sondergutachten von November 2025.

(Si apre in una nuova finestra)

„Die Macht des Lebensmitteleinzelhandels und teilweise der Hersteller ist zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich gestiegen, während die Landwirtschaft oft den Weltmarktrisiken ausgesetzt ist“, 

erklärt Tomaso Duso, Vorsitzender der Monopolkommission.

In Deutschland haben sich vier große Handelsketten 85 Prozent des Marktes aufgeteilt.
Die Schwarz-Gruppe (Lidl & Kaufland), Edeka, Aldi, Rewe.

Diese Unternehmen haben in den letzten Jahren die Machtkonzentration weiter vorangetrieben. Nicht nur durch Übernahmen anderer Konzerne – wie Plus, Tengelmann etc., die geschluckt wurden. Auch haben die Konzerne ihre Macht bis in die Produktionsketten hinein ausgedehnt, sprich: Der Handel kontrolliert jetzt auch zahlreiche Stellen der Ernährungswirtschaft, etwa durch den Aufkauf von Bäckereien.

Wie stark die Zahl von Schlachtbetrieben, Getreidemühlen und kleinen Molkereien etc. abgenommen hat, zeigt auch der Konzernatlas 2026 (Si apre in una nuova finestra) von Böll-Stiftung, Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland und den kritischen Aktionärinnen und Aktionären. Wertschöpfung verlagert sich damit aus den Regionen hin zu zentralen Akteuren – Großmolkereien, Großschlachtereien etc..

Liefert ein konventioneller Betrieb Rinder zur Schlachtung an eine Schlachterei oder Milch zur Weiterverarbeitung an eine Molkerei, macht nicht der Landwirt die Preise – sondern der weiterverarbeitende Betrieb. Schon in dieser ersten Stufe der Wertschöpfungskette hat der Erzeuger in der Regel jegliche Preismacht verloren. Stellen Sie sich vor, Sie würden nach einem Monat harter Arbeit erst im Nachhinein erfahren, was Sie denn nun dafür ausgezahlt bekommen - und das kann auch noch kräftig schwanken. Während Sie ein Leben zu finanzieren haben.

Verarbeitende Betriebe sowie Großhändler müssen auch gar nicht beim jeweiligen Erzeuger kaufen, sondern können im internationalen Markt auf Produkte aus dem Ausland zurückgreifen – wenn hier billiger produziert werden kann, ja, dann drückt das natürlich entsprechend die Preise. Weil die Konzerne ein Interesse am geringsten Einkaufspreis haben. Den sie aber nicht zwingend an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben, wie die gestiegenen Preise zeigen. Dazu noch einmal der Vorsitzende der Monopolkommission:

„Die hohe Marktkonzentration und steigende Preisaufschläge auf Lebensmittel durch Hersteller und Einzelhandel sind besorgniserregend. Der Wettbewerb auf diesen Ebenen ist geschwächt, während die Landwirtinnen und Landwirte insbesondere in der Milch- und Fleischwirtschaft langfristig kaum profitiert haben.“

Der Markt regelt hier also nichts mehr, zumindest nicht zugunsten aller Marktteilnehmenden. Verbraucher:innen zahlen zu viel, Erzeuger:innen bekommen zu wenig.

Die Politik steht dem bislang weitgehend tatenlos gegenüber. Die Ampel-Koalition hatte 2024, auch als Lerneffekt aus den Bauernprotesten, versucht, klarere Regeln zumindest für den Milchmarkt zu etablieren.

Die Umsetzung von Paragraf 148 der Gemeinsamen Marktordnung der EU hätte zur Folge gehabt, dass Molkereien feste Abnahmeverträge mit den Erzeugern hätten eingehen müssen, das heißt klare Abnahmepreise bereits im Vorfeld der Lieferung vereinbart worden wären. Das Vorhaben scheiterte, weil die Ampel-Koalition auseinanderbrach, die öffentliche Debatte darüber war aber hochspannend. Denn sie zeigte heftige Bruchlinien auch in der Branche. Während sich etwa der Verband der Milchviehhalter (Si apre in una nuova finestra) klar für die Umsetzung der GMO ausgesprochen hat, , war der Deutsche Bauernverband (Si apre in una nuova finestra) mit Vehemenz dagegen.

Wie der Markt anders und besser geordnet werden kann, ist auch deshalb eine schwierige Debatte, weil zentrale Akteure der Lobbyorganisationen teilweise in die Zusammenhänge der Agrar- und Ernährungsindustrie eingebunden sind. Die starke Ämterkonzentration etwa des Vorsitzenden des Bauernverbandes, Joachim Rukwied, kritisierte bereits der Naturschutzbund Baden-Württemberg 2019 (Si apre in una nuova finestra).

So ist Rukwied nach Angaben seines Verbandes (Si apre in una nuova finestra)seit 2007 Mitglied im Aufsichtsrat von Südzucker. Die Monopolkommission beschreibt insbesondere für den Zuckermarkt in Deutschland eine eklatante Marktkonzentration.

„Die Marktstruktur entspricht faktisch einem Duopol zwischen Nordzucker und Südzucker. Die übrigen deutschen und europäischen Anbieter können diese Situation kaum ausgleichen“

Und weiter

„2009 äußerte das Bundeskartellamt den Verdacht, dass Südzucker in der Vergangenheit mehrfach unerlaubte Absprachen mit kleineren Konzernen über Verkaufsregionen, Produktionsmengen und Preise getroffen hatte. Dadurch sei eine deutschlandweite Marktabschottung und Marktaufteilung begünstigt worden. Außerdem warf das Bundeskartellamt den Unternehmen vor, vor der Liberalisierung des Marktes bewusst den Wettbewerb eingeschränkt zu haben, um neue EU-Wettbewerber zu benachteiligen. Auch Pfeifer & Langen sowie Nordzucker wurden nach Razzien 2009 bezüglich derartiger Absprachen beschuldigt. Im Jahr 2014 verhängte das Bundeskartellamt gegen die drei beteiligten Unternehmen Bußgelder in Höhe von EUR 280 Mio. wegen der Bildung eines Gebietskartells. Die unerlaubten Absprachen über Verkaufsregionen, Produktionsmengen und Preise sollen bis in die Mitte der 1990er Jahre zurückgereicht haben. Dies führte zu fehlendem Wettbewerb, steigenden Zuckerpreisen und Versorgungsengpässen“

Die SPD forderte nun im Vorfeld der Grünen Woche mit Blick auf die gestiegenen Lebensmittelpreise einen „Deutschlandkorb“. Einzelhändler sollten freiwillig die Kosten von Grundnahrungsmitteln senken. 

Auf mich wirkt das ehrlicherweise einigermaßen hilflos.
Aber ja, allein dieser in Sachen Umfang völlig aus den Fugen geratene Text zeigt, wie komplex die ganze Kiste ist. Und das, obwohl ich an vielen Stellen schon Komplexitätsschleifen ausgelassen habe. Kenner:innen mögen mir das verzeihen.
Die zahlreichen Verknüpfungen und Ebenen machen sinnvolle politische Diskussionen nahezu unmöglich, was es Interessengruppen umso einfacher macht, sich mit populistischen Rasenmäher-Forderungen zu präsentieren. Die am Ende genau denen nutzen würden, die vom jetzigen System profitieren.

Das nicht alternativlos ist. Auch die Monopolkommission macht Vorschläge zur Verbesserung, etwa die genaue Kontrolle weiterer Zusammenschlüsse - und ggf. auch Verbote eben dieser. Hier sind Behörden, aber auch Politik gefordert. Und auch wir als Konsument:innen bestimmen mit unseren Kaufentscheidungen, wer vom System profitiert und wer nicht.

Danke für Ihr Interesse & bis zum nächsten Mal
Frau Büüsker