
Im Rahmen des Kollapscamps wurden ganz bewusst, auch aufgrund eigener Ängste und Erfahrungen, sowie aus Analysen politischer Entwicklungen der letzten Jahre, einhergehend mit gesellschaftlichem Rechtsruck, dem Erstarken von Nazis, Faschisten und der AfD, von Anfang an sehr präsent workshops und Trainings zum Thema Selbstverteidigung angeboten und nachgefragt. Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema rückt zunehmend in eine zentrale Rolle und sie wird nicht nur in einer entstehenden Kollapsbewegung geführt. Entsprechende Überlegungen sind seit Jahren innerhalb der Klimagerechtigkeitsbewegung relevant, sie wurden nicht immer im Licht der Öffentlichkeit geführt, weil die Thematisierung von Schutzstrukturen, Selbstverteidigung und somit unter Umständen die Notwendigkeit des Ausübens von Gegengewalt kein ganz einfaches Thema ist und es angesichts von erforderlichen Genehmigungen für z.B. Camps besser ist, gewisse Dinge nicht zu benennen.
Angst vor der Außenwirkung
Was aber ebenso auffällt, ist die teilweise sehr abwehrende Haltung in den „eigenen Reihen“, die Sorge vor der Außenwirkung und Reaktion der Gesellschaft, wenn es um dieses Thema geht. Wohlgemerkt bezieht sich diese Abwehr aber nicht auf die Nachfrage nach Schutz oder das Angebot entsprechender Trainings, sondern auf die Kommunikation darum herum und die entsprechende Außenwirkung. Fragen nach „wer sorgt für Sicherheit, gibt es Nachtwachen, was tun wir, wenn…“ sind auf to-do-Listen für Camp-Organisation schon lange ziemlich weit oben. Im Rahmen des Kollapscamps fragten sogar Teilnehmer:innen nach entsprechenden Maßnahmen als Voraussetzung für eine Teilnahme. Darüber reden will nur niemand und wehe, es geht um Angebote, Selbstverteidigung zu trainieren, Schutz für Demos und Objekte zu lernen und es auch genauso zu nennen. Dabei fängt Selbstverteidigung übrigens weit vor der physischen Abwehr von Angriffen an, die natürlich im besten Fall immer vermieden werden soll. Es gibt bereits sehr viel zu lernen, ehe es um das Trainieren von Kampf-/Selbstverteidigunstechniken an sich geht. Die Angst vor der Thematisierung der Notwendigkeit von Schutz und im äußersten Notfall auch von Gegengewalt führt zu Problemen, die nicht neu sind, die aber größer werden: der Bedarf an Schutz nimmt rapide zu, die Zahl der Menschen, die in der Lage sind, für Schutz zu sorgen aber nicht (in gleichem Maße). Klimademos, Klimacamps, linke Räume, Antifaschist:innen, linke Journalist:innen, Schutz für LGBTQIA*, BIPoC und entsprechende Orte, CSDs, Gegenveranstaltungen zu rechtem Wahlkampf…die Liste für den Bedarf von Schutz wird länger und länger und diejenigen, die diesen Schutz bieten können, haben teilweise bereits kritische, aber sehr berechtigte Texte zum Thema veröffentlicht. Exemplarisch sind hier zwei davon verlinkt: Thesen zu Antifaschistischem Schutz (Si apre in una nuova finestra) und CSDs, Neonazis, Antifa und Schutzstrukturen (Si apre in una nuova finestra). Hier wird laut um Hilfe gerufen. Wir alle als Bewegung sollten solidarisch darauf antworten, denn es betrifft uns alle gemeinsam und wir sind gemeinsam dafür verantwortlich, uns entsprechend zu organisieren und Wissen anzueignen. Es kann nicht länger sein, dass wir wenige damit allein lassen und unsere Auseinandersetzung mit dem Thema Schutz ausschließlich darin besteht, mehr Bedarf anzumelden und dadurch entsprechende Strukturen aufzureiben.
Integration in unsere Arbeit und Strukturen
Wie ihr wisst, starten ein paar von uns aus dem diesjährigen Orga – Team des Kollapscamps schon langsam, aber sicher mit der Vorbereitung eines anderen Kollapscamps für 2026. Dass es sich dabei um eine für uns logische Weiterentwicklung des diesjährigen Camps handeln soll, war für uns schon vor dem 1. Camp klar. Unser Wunsch nach dem Aufbau von Strukturen, die – in verschiedenster Form und mit unterschiedlichem thematischem Fokus – einsatz- und handlungsfähig sind, war die Ausgangsidee und Hintergrund unserer politischen Arbeit des letzten Jahres. Das daraus ein Camp entstanden ist, war und ist nur eine Form der Ausgestaltung auf dem Weg zur Umsetzung unseres Ziels. Deshalb wird die Ausgestaltung unsererseits 2026 auch eine etwas andere Form annehmen als 2025. Strukturaufbau und die Befähigung von Menschen, bestimmte Dinge selbst, selbstorganisiert und kompetent tun, Fähigkeiten entwickeln und weitergeben zu können, ist langfristige, kontinuierliche Arbeit, die einerseits auf Wiederholung, aber eben auch auf Weiterentwicklung des Lernens und Trainierens fußt. Deshalb sind weitere Kollapscamps in der diesjährigen Form wichtig, gleichzeitig aber ebenfalls veränderte Formen, deren Umsetzung wir uns als Gruppe jetzt widmen möchten. Dabei geht es um viele unterschiedliche Themen, angefangen bei Landwirtschaft/Versorgung, über Mobilität und Kommunikation, bis hin zu Schutz und Selbstverteidigung, als einen möglichen thematischen Fokus. Entsprechende Fähigkeiten (und wie bereits erwähnt, fangen die weit vor körperlichen Auseinandersetzungen an) müssen erlernt werden, Wissen in Theorie und Praxis muss vermittelt und angewandt werden. Speziell beim Thema Schutz und Selbstverteidigung bahnt sich etwas an, was im Orgaprozess für ein mögliches KollapsLARP 2026 anstrengend werden kann, was aber auch abseits einer entstehenden Kollapsbewegung in Bewegungskreisen grundsätzlich Aufmerksamkeit und Arbeit bedarf: Verdrängung und Angst. Es werden Bedenken, Sorgen und im besten Fall andere Begriffsvorschläge an uns herangetragen, während gleichzeitig die Nachfrage für eine Teilnahme riesig ist. Um die Absurdität des Ganzen zu verdeutlichen sei noch gesagt, dass die besorgten Menschen teilweise identisch mit den interessierten Menschen sind. Liebe Leute, wir können nichts organisieren und ihr könnt nicht teilnehmen, lernen und üben, wenn es heimlich passieren soll 😉
Ohne Leichtsinn, aber mit System
Natürlich werden Bedenken ernst genommen und es bedarf sorgfältiger Planung, Vorbereitung und Auseinandersetzung mit dem Thema. Fakt ist aber, so wie Trainings im Bereich Logistik und Versorgung relevant sind, um Küfa – Strukturen zu organisieren, Technik-Skillshares, um unsere Laptops, Handys und Kommunikation abzusichern und Aktionstrainings für die nächste Massenaktion, so wichtig sind Trainingsangebote aus dem Bereich Schutz und Selbstverteidigung, um genau das tun zu können – sei es für CSDs oder Räume, in den Bezahlkarten getauscht werden können, sei es für Klimacamps oder das linke Stadtteilzentrum. Die Strukturen, die jetzt Schutz bieten, häufig sind es Antifa – Strukturen, sind da und ansprechbar, um Wissen weiterzugeben und Trainings anzubieten. Bei der diesjährigen Kollapscamp – Orga haben wir ebenfalls überraschend viele, oft auch professionelle Trainer:innen gefunden, die helfen und daran interessiert sind, Menschen zu befähigen, im Ernstfall sich selbst und andere schützen zu können. Entsprechende Ansätze fangen oft nicht erst beim „Kampf“ selbst an, sondern weit vorher. Ebenso gehen Trainings durchaus darüber hinaus, indem sie sich mit möglichen psychologischen und rechtlichen Folgen befassen und dem Dilemma zwischen Gewalt und Ethik Raum geben, denn auch das ist Selbstschutz und Selbstverteidigung, auch das kann und muss gelernt werden. Dass wir uns überhaupt mit dieser Frage auseinandersetzen und uns dafür oder dagegen entscheiden können, ist – und das soll nicht verschwiegen werden – ein Privileg von weißen, oft cis- und able-bodied Personen. Für viele Menschen stellt sich diese Frage bzw. die Wahlmöglichkeit gar nicht (in dem Ausmaß), wenn sie nicht nur theoretisch und hypothetisch von (physischer) Gewalt bedroht, sondern ihr faktisch ausgesetzt sind. Mir fällt außerdem auf, dass in anderen europäischen Ländern linke Strukturen bereits wesentlich weiter in diesem Bereich sind und in den nächsten Monaten freue ich mich darauf von Menschen zu hören und zu lernen, wie es funktioniert, worauf es ankommt und wie sie die ersten Schritte in dieser Richtung gemacht haben.
Alle gemeinsam
Antifaschistischer Selbstschutz betrifft uns alle und ist Gemeinschaftsaufgabe, sowie Awarenss und Campauf-/abbau. Es darf keine Dienstleistung sein, die entweder zunehmend unsere zu kleinen Strukturen überfordert und von eigener politischer Arbeit abhält oder von außen „eingekauft“ werden muss, was uns aus vielen Gründen vor Probleme stellen wird. Solidarität beinhaltet auch, uns solidarisch selbst schützen zu können und sich dieser Aufgabe gemeinsam zu stellen. Dazu gehört es ggf. auch, entsprechende Optionen für die Kommunikation nach außen zu entwickeln und Narrative zu gestalten. Dazu darf es aber nicht gehören, aus Angst und überladen mit Bedenken, entsprechende Arbeit nicht oder nur heimlich zu tun und uns dadurch zunehmend schutz- und wehrlos zu lassen. Die Konsequenzen dessen tragen wir.