
Ich bin Geschichtenerzählerin. Und deshalb möchte ich euch in meinem ersten Post eine Geschichte erzählen:
Eine Frau geht des Nachts eine Straße entlang. Da sieht sie an einer Straßenlaterne einen sichtlich betrunkenen Mann, der auf dem Boden nach etwas sucht. Und da sie ein hilfsbereiter Mensch ist fragt sie ihn, wonach er denn suche und ob sie ihm behilflich sein könne. Der Betrunkene erklärt ihr, er habe seinen Schlüssel verloren und so beginnt auch sie mit der Suche. So suchen sie eine ganze Weile, bis die Helferin langsam ungeduldig wird und sich bei dem Betrunkenen erkundigt: “Sagen sie, wo genau haben Sie denn den Schlüssel eigentlich verloren?”. Darauf antwortet der Betrunkene: “Na, da hinten im dunklen Gebüsch”. Darauf die Frau entgeistert: “Ja, aber warum suchen wir denn dann die ganze Zeit hier unter der Laterne?”. Worauf der Betrunkene antwortet: “Na Sie stellen vielleicht Fragen. Weil es da hinten viel zu dunkel ist, da sehe ich doch nichts!”
Eine meiner ersten großen Lieben ist die Naturwissenschaft, Neurowissenschaft um genau zu sein. Was ich an der Wissenschaft liebe ist, dass sie uns erlaubt, in gewisser Weise ähnlich dem Lichtkegel der Straßenlaterne, Zusammenhänge und den messbaren Teil der Welt glasklar und ziemlich deutlich zu erkennen. Die Wissenschaft ist, wenn es um Erkenntnisgewinn geht, ein wirklich mächtiges Tool. Und mit ihrer Hilfe können wir uns, wie Mai Thi Ngujen Kim es nennt, “auf die kleinste gemeinsame Wirklichkeit” einigen. Und diese kleinste gemeinsame Wirklichkeit brauchen wir unbedingt, um als Gesellschaft handlungsfähig zu sein. Was aber, wenn wir uns für das interessieren, was im Dunklen, im Verborgenen liegt, in den Ecken der Realität, die durch die Wissenschaft, prinzipiell nicht oder noch nicht, einsehbar sind? Wie schaffen wir es, im Dunkeln zu suchen? Wie schaffen wir es, auch die dunklen und verborgenen Ecken in uns selbst zu erforschen?
Habt ihr schon mal nachts draußen im Dunkeln in den Sternenhimmel geschaut und einen ganz schwach leuchtenden Stern gesehen, der fast verschwindet, wenn ihr ihn mit eurem Blick fokussiert und erst wieder sichtbar wird, wenn ihr an ihm vorbeischaut? Neurobiologisch lässt sich dieses Phänomen dadurch erklären, dass in dem peripheren, seitlichen Teil unserer Netzhaut die Dichte der Hell-Dunkel-Empfindlichen Rezeptoren viel höher ist, als im Zentrum der Netzhaut, wo vermehrt die weniger lichtempfindlichen Farbrezeptoren angesiedelt sind. D.h. schwach leuchtende Objekte sehen wir besser mit unserer peripheren Sicht. Um in den dunklen Ecken der Realität die schwach leuchtenden Sterne zu erkennen, kann es vielleicht helfen, diese nicht in den messerscharfen Fokus zu nehmen, sondern knapp an ihnen vorbei zu sehen, an ihnen vorbei zu denken, sie spielerisch, künstlerisch zu umkreisen. Und genau das machen Geschichten, Märchen und Mythen, Träume und innere Bilderwelten. Durch Sie können wir die schwach leuchtenden Sterne in unseren eigenen dunklen Ecken entdecken und merken vielleicht, dass die dadurch gewonnen Erkenntnisse nicht eindeutig, hart und logisch sind, sondern mehrdeutig, vielschichtig und formwandlerisch lebendig.

Jetzt kann man sich die Frage stellen, warum ist es überhaupt wichtig, die Welt aus dieser Perspektive zu betrachten? Reicht es denn nicht, sie im Lichtkegel der Laterne zu sehen?
Ich möchte nochmal einen kleinen Ausflug in die Neurobiologie machen, keine Sorge, es ist der Letzte. Habt ihr euch schonmal gefragt, wie unser Gehirn es schafft, dreidimensional zu sehen, obwohl wir nur eine zweidimensionale Netzhaut haben? Der Trick ist, dass unsere beiden Augen zwei leicht unterschiedliche Bilder an das Gehirn senden, aufgrund der leicht unterschiedlichen Perspektiven. Wenn ich einen Finger vor mein Gesicht halte, schaut das linke Auge leicht von Links auf den Finger, das rechte leicht von Rechts. Anhand der Differenz der beiden Bilder errechnet das Gehirn eine Dreidimensionalität und eine Einschätzung von Entfernungen. Wenn wir eine der beiden Perspektiven wegnehmen, beispielsweise indem wir ein Auge zu halten, fällt uns das Abschätzen von Entfernungen schwerer. Das könnt ihr testen, indem ihr ein Auge schließt und versucht, etwas von eurer Wasserflasche ins Glas zu gießen. Achtung: es könnte passieren, dass ihr das Wasser vor oder hinter dem Glas ausgießt. D.h. um ein annähernd vollständiges Bild der Realität zu gewinnen, sind mindestens zwei Perspektiven notwendig. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven leider wieder vermehrt dazu neigen, sich gegenseitig zu bekämpfen mit dem Ziel, ihre einseitige Perspektive als einzige Wahrheit darzustellen.
Ich muss zugeben, je tiefer ich in die Welt der Wissenschaft eingetaucht bin, desto seltener habe ich das Wort „Wahrheit“ verwendet. Und gleichzeitig legte ich als Mensch und Künstlerin Stück für Stück meine eigene innere Wahrheit frei. Diese meine kleine subjektive Wahrheit kann ich mit keinem Argument untermauern, oft noch nicht einmal in Worten sondern nur in Bildern beschreiben. Weder erhebe ich Anspruch auf Allgemeingültigkeit, noch möchte ich euch oder andere davon überzeugen. Vielmehr möchte ich euch einladen mit jeder Geschichte die ich euch hier erzähle, mit jeder Fantasiereise, mit jeder Begegnung und jedem Gedankenstrang, den ich mit euch teile, eurer eigenen Wahrheit ein Stück näher zu kommen und sie zu betrachten, wie schwach leuchtende Sterne im Dunkeln.
Willkommen in meinem Wundersamen Imaginarium!