Zwischen Kichizō, dem Inhaber eines Geisha-Hauses, und Sada, einer Prostituierten, die dort arbeitet, entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung. Das Paar schottet sich immer mehr von der Außenwelt ab und gibt sich ganz seinen sexuellen Begierden hin, die bald schon in den Sadomasochismus münden. In dieser Welt aus Lust und Schmerz brechen die beiden sämtliche Tabus. Selbst vor dem Tod machen sie nicht halt, und so tötet Sada Kichizō auf seinen Wunsch hin bei ihren Asphyxiationsspielen und schneidet ihm den Penis und die Hoden ab.
Im Reich der Sinne ist ein japanisch-französisches Erotikdrama von Nagisa Ōshima aus dem Jahr 1976 und der bekannteste Film des japanischen Regisseurs. Die Hauptrollen sind mit Eiko Matsuda als Abe Sada und Tatsuya Fuji als Ishida Kichizō besetzt. Das Werk sorgte bei seinem Erscheinen für einen Skandal. Es fußt auf der wahren Geschichte von Abe Sada, die 1936 in Japan bekannt wurde: Sie tötete ihren Geliebten Ishida Kichizō durch erotische Strangulation und schnitt ihm anschließend Glied und Hoden ab, um sie in ihrer Handtasche herumzutragen. Trotz Pornografievorwürfen der Sittenwächter erhielt der Skandalfilm von der FSK eine Freigabe und konnte 1978 in Deutschland ungeschnitten in die Kinos kommen - auch weil der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein extra für den Film den "Rudolf Augstein Filmverleih" gegründet hatte. In Japan konnte man dagegen nur eine stark gekürzte Version sehen.
Im Reich der Sinne wird in der Regel in einem Atemzug mit Skandalfilmen wie Pier Paolo Pasolinis Die 120 Tage von Sodom (1975) genannt und enthält explizite Sexszenen. Dennoch gilt er nicht als Porno. Zu künstlerisch sind Intention und Inszenierung, zu psychologisch der Kontext. Vielmehr ist das Werk als erotisches Psychodrama zu beschreiben, in dem die Protagonisten nach und nach den Bezug zur alltäglichen Realität verlieren. Kichizō, als der Arbeitgeber von Sada, ist zu Beginn der dominante Part, unterwirft sich dann aber immer mehr. Sada, die Untergebene, übernimmt die Führung und treibt das Paar mit immer extremeren sexuellen Praktiken dem tragischen Ende entgegen.
Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger sieht in Nagisa Ōshimas Meisterwerk bis heute einen der radikalsten Beiträge des Autorenfilms und deutet das Werk im Kontext von Georges Batailles Philosophie: "Die Verschmelzung von Erotik, Tod und Transgression spiegelt dessen Idee wider, dass extreme Erfahrung eine Form von Grenzüberschreitung ist, die das Individuum aus der rationalen Welt herausführt. Lust wird so zu einer existenziellen, metaphysischen Erfahrung."
Diese gezielte Auflösung der bürgerlichen Existenz durch obsessive Sexualität ist für mich von großem Interesse. Das kontemplativ inszenierte Drama mit seiner traditionellen japanischen Musik nötigte mir einiges an Konzentration ab, belohnte mich jedoch mit seinen transgressiven Schauwerten und einer sehr poetischen Bildsprache zwischen Eros und Thanatos. Gerade heute in sexualisierten und zugleich moralistischen Zeiten erinnert uns Im Reich der Sinne, dass Sexualität nicht nur eine ökonomische und politische Dimension besitzt, sondern auch eine metaphysische und existenzielle.
https://www.imdb.com/de/title/tt0074102/ (Si apre in una nuova finestra)