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Wie läuft eine Tantra-Massage? Teil 1

Du liest: TheKindSerpent - Sexuelle Kultur mit Herz und Verstand - Blog
Es wird konkret: Was erlebt B. bei ihrer ersten Tantra-Massage?

Viele wollen natürlich von mir wissen: “Wie läuft so ein Termin eigentlich ab?”

Die kurze Anwort lautet: Begrüßung, Vorgespräch, Dusche (optional), Massage. Dann Nachruhe, Dusche (optional), Nachgespräch, Abschied. Aber das ist natürlich nicht das, was die Leute wissen wollen…

Die meisten Erst-Termine mit Frauen* (wirklich auffällig viele!) laufen ungefähr so ab:

“Ich muss erstmal auf die Toilette!” sagt sie, gleich nachdem wir uns einander vorgestellt haben. Ein paar Minuten später sitzen wir im Massageraum, ich schenke ihr ein Glas Wasser ein. Sie blickt sich interessiert um: “Das ist aber ein schöner Raum…”

Wir befinden uns in einer Leipziger Altbauwohnung mit hohen, stuckverzierten Decken. Auf einem luxuriösen weißen Teppich liegt das Massagefuton mit einem hübschen Laken und dazu passenden Kissen. Ansonsten gibt es hier nur das Massagezubehör, schöne große Pflanzen und den kleinen Tisch, an dem wir sitzen. Der Raum ist von verschiedenen Lampen sanft beleuchtet. Die weißen Vorhänge sind blickdicht, lassen aber Tageslicht ein. Ein unaufdringlicher Duft liegt in der Luft.

“Ich habe einige Jahre darüber nachgedacht und jetzt endlich den Mut gefunden, einen Termin zu machen.”

Das Vorgespräch dauert mit Frauen in der Regel länger als mit Männern. Neben Bedürfnissen, Grenzen und körperlichen Besonderheiten besprechen wir auch das Anliegen oder Thema, das fast alle Frauen mitbringen. Anders als Männer kommen Frauen selten einfach aus Lust auf Lust oder Entspannung - und sie haben ihre Gründe eingehend reflektiert.

Die ganze Geschichte muss ich für die Massage nicht wissen, aber es ist mir wichtig, den Kontext zu kennen und das emotionale Wetter in diesem Moment.

Außerdem dient das Gespräch natürlich dazu, ein erstes Vertrauen aufzubauen - und nochmal - wenn nötig mehrfach - klarzustellen: Das hier ist wirklich nur für dich. Du bist für deine Bedürfnisse und Grenzen zuständig, alles andere darfst du mir überlassen. Du darfst so sein, wie du bist und musst keinerlei Erwartungen erfüllen (auch nicht deine eigenen). Das ist deine Zeit. Lass es dir gutgehen. Du darfst während der Massage sprechen, dich bewegen, weinen, juchzen, tönen, schreien, stöhnen, lachen oder ganz still sein. Du kannst hier nicht zuwenig oder zuviel sein. Sei lustvoll. Sei schläfrig. Sei ekstatisch. Sei schlaff und faul. Wie du willst.

Und trotzdem fragen sie, ob es für mich okay sei, wenn sie nochmal kurz duschen. Entschuldigen sich, wenn sie während der Massage aufs Klo müssen. Falten ihr Handtuch, statt es einfach irgendwohin zu hängen oder gar unter sich fallen zu lassen. Fragen, ob das “normal” sei, dass sie weinen. Helfen mit, wenn ich zum Beispiel ihr Bein bewege, statt zu genießen, dass sie das Gewicht an mich abgeben dürfen. Geben meist kein Tönchen von sich, nichtmal beim Orgasmus….

Manchmal möchte ich sie schütteln (und mich gleich mit, denn ich wäre natürlich an ihrer Stelle auch nicht frei von solchen Impulsen) - aber das mache ich natürlich nicht.

Nach der Massage sind die meisten Frauen trotzdem entspannt, etwas aufgeweicht und angenehm “nudelig” im Kopf, wie es mal eine Klientin nannte.

Sie sind überrascht, wie schnell sie mir und meinen Berührungen vertrauen konnten und irritiert, weil sich ihr Hirn nur phasenweise wirklich abgeschaltet hat. Sie haben ein paar Dinge erlebt, die sie noch nicht kannten und nehmen einige interessante Erkenntnisse mit.

Aber werden wir endlich konkret. Folgen wir B. weiter bei ihrem ersten Termin:

Nach dem Duschen treffen wir uns, nur in große Tücher gehüllt, im Massageraum wieder und stellen uns für die Begrüßung einander gegenüber. Ich heiße B. mit meinem Blick und ein paar Worten willkommen. Dann schließen wir unsere Augen und nehmen zuallererst gemeinsam ein paar tiefe Atemzüge. Wir haben Zeit. Genau genommen haben wir zweieinhalb Stunden.

Phase 1: Das Öffnen

Nach ein paar Momenten nehme ich sehr behutsam B.s Hände und halte sie in meinen. Ich atme jetzt in ihrem Rhythmus. Lade sie ein, ihre Atmung noch ein wenig mehr zu vertiefen. Tiefes Atmen ist ja an und für sich schon eine genüssliche Sache. Und beruhigt die Nerven… Es ist völlig normal, in dieser Situation aufgeregt zu sein. Ich spüre B.s aufgeregtes Herz klopfen und dass ihre Schultern noch festhalten. Aber nach und nach vertraut sie mir das Gewicht ihrer Hände und Arme an. Ein gutes Zeichen.

Einatmen. Ausatmen.

„Gibst du mir die Erlaubnis, dich und deinen Körper zu berühren?“ Diese Frage stelle ich vor jeder Massage – auch Menschen, die schon unzählige Male bei mir waren.

Es mag seltsam erscheinen, für die wohl süßeste Form von Manipulation um Erlaubnis zu bitten. Damit drücke ich meinen Respekt aus vor der Person, die ich berühre und vor dem, was wir vorhaben. Immerhin werde ich über einige Grenzen gehen: Ich missachte den Mindestabstand, der zwischen Fremden als angemessen gilt, stelle Intimität außerhalb einer persönlichen Beziehung her und breche gemeinsam mit ihr aus der engen kulturellen Definition von Sex aus.

Die Zustimmung kann natürlich jederzeit zurückgezogen werden.

Dann erst beginne ich, B. zu berühren. Langsame, zarte Striche geben ihr Zeit, sich an den Kontakt zu gewöhnen. Ich lege meine Hand auf ihr Herz und wir atmen wieder gemeinsam.

Diese Phase der Massage dient dazu, B.s Vertrauen zu gewinnen. Sich nackt und verletzlich einer völlig fremden Person hinzugeben ist keine Kleinigkeit. Sie kennt mich überhaupt nicht: Wie soll sie wissen, dass es es eine gute Idee ist, sich bei mir fallen zu lassen?

Ich bin darauf angewiesen, meine innere Haltung – absolutes Wohlwollen – mit meinem Körper so auszudrücken, dass sie bei ihr ankommt.

Berührung ist die elementarste und ehrlichste Form der Kommunikation, unsere „Muttersprache“. Meine Hände sagen: “Du bist willkommen. Mit allem, was du gerade bist. Es gibt jetzt für zwei Stunden keinen Grund sich Sorgen zu machen. Ich bin bei ihr.”

Mehr zarte Streicheleinheiten. Eine Umarmung, wenn es sich richtig anfühlt. Ich entknote das Tuch, das B. trägt und lasse es auf raffinierte Weise von ihrem Körper gleiten. Auch ich bin jetzt nackt.

Sie legt sich aufs vorgewärmte Futon und ich bedecke sie mit dem Tuch. Es geht behutsam weiter: Zunächst lege ich meine Hände einfach nur auf ihrem Rücken ab. Wir atmen nochmal ein Weilchen.

Mit meiner Ruhe signalisiere ich ihr, dass sie sich mit dem Entspannen nicht beeilen muss – und gebe ihr gleichzeitig die Erlaubnis dazu. Ab jetzt werde ich unseren Körperkontakt nicht mehr unterbrechen, bis die Massage vorüber ist.

Nach ein paar weiteren einleitenden Berührungen auf dem Tuch ziehe ich es sehr, sehr langsam von ihrem Körper und beginne mit der eigentlichen Massage.

Phase 2: Das Fließen

Ab jetzt spürt B. nur noch warme, ölige Haut. Viel davon.

Ich bin ihr allezeit sehr nah, ohne aufdringlich zu sein. Zum Beispiel liegt ihr Bein auf meinem Schenkel, während ich von dort aus ihren ganzen Körper massiere.

Anschmiegsam umhülle ich sie ganz und gar, so dass sie manchmal gar nicht mehr weiß, welche Teile meines Körpers sie gerade wo berühren. Ich bin biegsam und dehnbar und genieße es sehr, auf elegante und stilvolle Weise einen ununterbrochenen Fluss von Empfindungen zu kreieren. Meine Bewegungen gehen ineinander über, ergänzen sich, eine bereitet die andere vor.

Was genau ab jetzt passiert, hängt vor allem von B. ab.

Meine Wahrnehmung ist ganz auf sie gerichtet und mit der Zeit stelle ich einen immer besseren Draht zu ihr her: Ich achte auf ihre Atmung, Herzschlag, Hautwiderstand, ihre Geräusche und Bewegungen (seien sie noch so klein). Wahrscheinlich nehme ich noch mehr Dinge wahr, für die ich weder Namen noch Erklärung habe. Körper-Sprache halt.

Anders als in anderen Massagen, die sich mit einem bestimmten Repertoire an Griffen ein Körperteil nach dem anderen vornehmen und dabei oft problemorientiert arbeiten, haben wir in der Tantra-Massage fast endlosen Gestaltungsspielraum und folgen oft unserer Intuition. Diese speist sich aus unserem Erfahrungshintergrund und unserer geschulten Wahrnehmung.

Man kann sagen, eine gute Tantra-Massage besteht sowohl aus Choreografie als auch Improvisation, sie ist weder ein vorgefertigtes Einheitsmodell noch willkürlich und beliebig.

Wir sind keine Therapeut*innen, behandeln und reparieren nicht, wollen auf nichts Bestimmtes hinaus. Wir verstehen uns eher als Begleiter*innen auf einer Reise durch den Körper und zu sich selbst.

Lange, fließende Striche über B.s gesamte Rückseite, von den Zehen- bis zu den Fingerspitzen, über den Kopf, langsam und zärtlich hinter dem Ohr vorbei und wieder hinunter bis zu den Füßen. Ausatmen.

Ich streichle, taste, knete, reibe, vibriere, verflechte meine Finger mit ihren, verweile kurz.

Dabei kann ich erkennen, dass sie sich der Situation immer mehr hingeben kann. Ihr Atem wird tiefer und ich sehe ein gelegentliches Lächeln, wenngleich ich spüre, dass ihre Konzentration niemals nachlässt. Das ist bei den meisten Frauen so, besonders in der ersten Massage: Wir haben lange geübt, mehr oder weniger bewusst, aber fast unablässig zu checken ob wir safe sind. Das ist in einem so ungewöhnlichen Setting, noch dazu nackt, gar nicht so einfach.

Deshalb sind Pausen ganz essenziell, vielleicht das wichtigste an der ganzen Massage: mal kurze, mal längere Momente des Innehaltens und Haltens: Ich bleibe natürlich im Kontakt, lasse meine Hand oder Hände aber ruhig liegen - auf dem Herz, auf den Füßen, auf den Brüsten, wo es mir gerade richtig erscheint. Wir atmen gemeinsam.

Ich halte den Strom an Eindrücken und Empfindungen an, um B. Gelegenheit zu geben, sich noch ein Stück tiefer zu spüren und zu verarbeiten, was in ihr gerade geschieht. Außerdem möchte ich ihr die Gewissheit geben, dass ich hier kein Programm abspule oder etwas Bestimmtes zu erreichen versuche, sondern vor allem ganz für sie da bin. Mit meiner Präsenz, meine Aufmerksamkeit und meinem Herzen.

Irgendwann drehe ich sie sehr langsam auf den Rücken und halte sie kurz im Arm. Gebe ihr Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass ihre weiche Vorderseite jetzt so frei und offen da liegt. Dann lege ich eine Hand auf ihr Herz, eine auf ihr Genital. Wir atmen gemeinsam.

Es ist keine Kleinigkeit, so den nackten Körper einer fremdem Person zu präsentieren. Aber B. scheint nicht von Scham geplagt zu sein. Genüsslich streckt sie ihre Beine und Füße aus, lächelt und seufzt. Ihr Körper ist füllig und wohlgeformt, die zarte Haut trägt hier und da die ehrfurchtgebietenden Zeichen der Mutterschaft. Ihre Vulva trägt einen stattlichen Pelz. Ich kann sie bereits riechen. Anscheinend habe ich bisher einiges richtig gemacht.

Ich wechsle die Position und beginne mit langsamen, öligen Kreisen auf ihrem Bauch. Gehe zur Brustmassage über: Links, rechts. Beide gleichzeitig. Halten. Dann gleite ich in langen, genüsslichen Strichen über ihre gesamte Vorderseite.

B.s Vulva bekommt allmählich immer mehr Aufmerksamkeit. Bei meinen Ausflügen über ihren Körper habe ich viel Gelegenheit, mit meinen Händen und Armen über sie hinweg zu streichen und immer mal wieder einfach zu halten. Damit will ich ihr sagen, dass ich nichts von ihr will. Sie ist völlig frei in ihrem Ausdruck und in ihren Reaktionen, sie muss niemandem gefallen und kann niemanden enttäuschen.

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