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Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #17

Journaling mit Musik

Wie du Klang in Worte verwandelst

1. Wenn Musik schreibt

Ich ziehe den Autoschlüssel ab, verstaue ihn in meiner Jackentasche und stelle den Sitz zurück. Mein Transit wie ein Fingerzeig mit der Motorhaube Richtung Osten gerichtet. Perfekt denke ich, als ich registriere, wie gerade der Himmel das Dunkel der Nacht mit zartem Neonorange verschiebt. Ich trinke einen Schluck Kaffee, zücke meine Schreibmaschine und genieße den Anblick einen Moment, bevor ich mich entsinne, was ich will: Ah ja, Text schreiben with a view war mein Frühmorgenauftrag. Meine Finger schweben in Startposition über der Tastatur, als ich merke, dass etwas fehlt. Mir fehlt Musik und zwar ein ganz bestimmtes Lied, das ich seit meiner Kindheit liebe und sehr fühle, also schon zu einer Zeit, in der ich seinen Text noch nicht mal verstanden habe. Dieses Lied begleitet seit Jahren meine Schreibprozesse, weil es mich in eine Stimmung versetzt, in der Worte fließen. Ich höre es an, wenn ich es schwer habe, reinzukommen, wenn es mir schwer fällt mich zu konzentrieren, wenn ich meinen Fokus halten möchte, wenn ich wenig Zeit habe und eine Art „Flowzustand“ kreieren möchte. „You´re the voice“ von John Farnham ist mein 1.-Wahl-Schreiblied. Wenn ihr mögt, könnt ihr es zu meiner Beerdigung spielen!

Die meisten Menschen „haben“ Lieder: bestimmte Melodien und Zeilen, die ganz viel in ihrem Inneren aufmachen. Vorige Woche hatte ich einen Zoomcall mit einer jungen Frau, die auf meine Frage, wie es ihr gerade geht mit dem Thema Selbstannahme, antwortete: „Kennst du „Opalite“ von Taylos Swift? Ich mag die Textzeile: You had to make your own sunshine.“ Ich höre das nach dem Meeting und kann tatsächlich ein wenig erspüren, wie es ihr geht.

Nun bin ich keine Musikerin und kann vielleicht nur ganz unzureichend laienhaft ausdrücken, was Musik alles kann: auf machen kann, ausdrücken kann, sichtbar und fühlbar machen kann. Musik korrespondiert sehr stark mit unserem Unterbewusstsein und kann es zum Ausdruck bringen lange bevor Worte entstehen. Denn obwohl die meisten Lieder ja Songtexte haben, spricht Musik eine Sprache jenseits der Worte: Wir fühlen Dinge noch bevor wir sie verstehen. Diese unmittelbare Reaktion hängt damit zusammen, dass Musik direkt Strukturen im limbischen System anspricht, jenem Teil des Gehirns also, das Emotionen, Erinnerungen und Instinkte steuert. Klang umgeht den Filter des Verstandes und trifft uns dort, wo unser Innerstes wohnt.

Dabei berühren Klang und Worte sich gegenseitig: Wenn wir Musik hören, entsteht Resonanz: Unser Körper beginnt mitzuschwingen, groovt sich emotional ein. Und wenn wir dann zu schreiben beginnen, verwandeln wir diese Resonanz wieder ein Form: in Sprache, Bedeutung, vielleicht Analyse. Der Klang löst ein Gefühl aus, das Worte formt. Und das geschriebene Wort löst wiederum Gefühle und Erkenntnisse aus, die wie ein neuer Klang in uns sind. Es handelt sich jeweils, so könnte man es vielleicht auf den Punkt bringen, um Schwingungen, in denen Sinn verborgenen liegt, dessen wir uns bewusst werden können.

2. Klang als Spiegel der Seele

Dass Musik Emotionen aktiviert, können wir uns für den Journaling Prozess wunderbar zunutze machen. Denn manchmal sitzt man vor dem leeren Blatt Papier und fragt sich: Ja, was fühle ich denn jetzt eigentlich? Es ist vielleicht zu leise oder zu durcheinander oder möglicherweise gestehen wir uns auch nicht jedes Gefühl ein? Musik kann helfen, hier eine Klarheit zu bekommen, weil bestimmte Musikstücke wie eine Art Katalysator für Emotionen sind: melancholische Töne können uns bewusst machen, dass da doch sehr viel Traurigkeit unter der Routine des Alltags verborgen liegt, eine hoffnungsvolle Melodie lässt unser Herz befreit aufatmen und verstehen, wie gut doch Optimismus tut. Dabei gibt es Lieder, die für manche Menschen schon ein ganzes Leben lang funktionieren. Als ich das letzte Mal tief verletzt war, von dem Menschen an meiner Seite, dem ich vertrauensvoll mein Herz geschenkt hatte, drängte es mich, wieder „Es tut weh“ von PUR aufzulegen, wie ich es schon mit 14 bei meinem allerersten Liebeskummer getan hatte. Noch heute erinnert meine Mama sich lachend „Oh ja“, wenn ich spaßeshalber „Gone away“ von Offspring anspiele, weil sie sich erinnert, dass dieses Lied lautstark diverse meiner Teenager Krisen begleitet hat. Um in die „richtige“ innere Hörhaltung zu kommen, kann es vielleicht helfen, sich den Unterschied zwischen hören und lauschen bewusst zu machen: Unter „hören“ verstehen wir einen körperlichen Vorgang: Der Klang trifft das Ohr, wird zu Nervenimpulsen und dein Gehirn übersetzt diese in Information. Du hörst Regen und weißt, dass du eine Jacke anziehen solltest, du hörst die ersten Töne eines Liedes im Radio und weißt „Ah ja, das ist „Last Christmas“. Lauschen hingegen ist eine Art innere Haltung, bei der du sehr präsent bist. Du öffnest dich, um nicht nur die Töne, sondern auch das Dazwischen wahrzunehmen: Die Stimmung, die Bedeutung, den Text und die Geigen, die dir bei Minute 2:16 immer so tief zu Herzen gehen. Lauschen ist, wenn man so will, hören mit dem Herzen. So liefert das Hören Reize, das Lauschen schenkt dir Erkenntnisse, die du wiederum in Worte und Buchstaben umwandeln kannst, um sie festzuhalten und zu reflektieren.

Vielleicht hast du Lust, es mit einer kurzen Übung mal auszuprobieren: Setz dich mit geschlossenen Augen hin und höre ein Lied, das dich gerade bewegt. Nimm dir anschließend einen Moment Zeit und schreibe nicht über das Lied, sondern aus dem Gefühl heraus, das es in dir öffnet: Wie fühlst du dich, wie fühlt sich dein Körper an? Welche Bilder entstehen vor deinem inneren Auge beim Hören des Liedes und welche Erinnerungen und Hoffnungen steigen in dir auf? Notiere alle Gedankenimpulse.

3. Texte, die schreiben helfen – wenn Songtexte zu Impulsen werden

Liedtexte sind eine Art moderne Poesie: Sie verdichten Gefühle in Bilder und oftmals sind es die Singer-Songwriter, die uns Worte für Gefühle geben, die wir nur schwer selbst ausdrücken können. Die wenigsten von uns nehmen wohl regelmäßig Gedichtbände in die Hand, aber wir lassen und Posie zusingen von den Künstlern, die wir schätzen: „When the well is dry, than don`t ask why, roll up your sleeves, dig a whole in the dirt“ ist eine Textzeile, die in den letzten Jahren wie keine andere immer wieder dazu geführt hat, dass ich nach Rückschlägen die Kraft hatte, wieder aufzustehen. „This heart is stronger than you know, this heart has broken times before, this heart will never fall apart, this heart is wild and proud and free, this heart ain´t afraid to bleed, this heart will never let you down“ ist regelmäßig wie die ermutigende Stimme eines Freundes, die mich an meine eigene Stärke erinnert. John Farnham weckt in mir die Lust zu schreiben.

Sicher gibt es auch in deinem Leben Lieder oder einzelne Liedzeilen, die direkt in deine Seele sprechen. Das kannst du dir zunutze machen. Geh einmal in dich und frage dich, welche Liedzeilen dir schon einmal viel bedeutet haben und notiere sie. Möglicherweise kann das Thema „bedeutende Liedtexte“ eines sein, das du einfach im Hinterkopf behalten kannst für den Fall, dass du mal gedanklich-schreibend an einen Punkt kommst, wo du nicht so richtig weiter weißt. Oft suchen wir dann nach Ermutigungen, Gedanken, die gordische gedankliche Knoten Platzen lassen oder Wegweisung. Und manchmal kann die Antwort der Text eines Liedes sein, der uns (immer schon) viel bedeutet hat. Um mit Liedtexten verbunden zu bleiben, kannst du, wann immer dir eine Zeile sehr zu Herzen geht, in deinem Journal darüber schreiben. Notiere die entsprechende Zeile und schreibe auf, was sie dir bedeutet und in welcher Situationen deines Lebens sie dir geholfen haben.

Ein anderer Journaling Impulse zum Thema Texte kann dieser sein: Wähle eine Zeile aus einem Lied, das du liebst und schreibe weiter, als würdest du den Satz vollenden. („Und dann...“, „Doch tiefer in mit...“, „Genau deshalb...“. Sei mit deinen Lieblingstexten im Dialog, dann werden sie in dein Leben hineinsprechen, wenn du sie brauchst. Denn dann kann Folgendes passieren:

4. Wechselbeziehung: Wenn du schreibst, beginnt die Musik zu antworten

Wenn du bewusst Lieder und Liedtexte in deine Journaling Praxis integrierst, kann es passieren, dass Lieder anfangen, „zurück zu schreiben“: dass dir Lieder und Liedtexte einfallen, wenn du schreibende Innenschau betreibst und dein Leben mit seinen offenen Fragen reflektierst.

Um diesen dialogischen Gedanken zu stärken kann, kann folgende Schreibübung helfen:

Schreibe einen Brief an ein Lied oder an den Menschen, von dem du glaubst, dass er es geschrieben hat mit Danke für die Inspiration und Begleitung, die es dir gegeben hat. Schreibe in deinem Dankesbrief, welche Worte, welche Sehnsucht und welche Wahrheit für dich zwischen den Tönen steckt und in welchen Lebensphasen sie sich für dich als hilfreich erwiesen haben. Je bewusster du Lieder in dein Denken und Schreiben integrierst, desto mehr Bewusstseinsraum schaffst du innerlich, um bezüglich der Musik auf „Empfang“ zu bleiben

5. Klangräume fürs Schreiben

Als ganz praktischen Tipp möchte ich dir an dieser Stelle empfehlen verschiedene Playlisten nach Stimmungen zusammenzustellen, die sich auf als nützlich für verschiedene Schreibmomente erweisen könnten (das ist auch generell hilfreich, um ins Fühlen zu kommen): Benenne zum Beispiel deine Playlisten „innere Reise“ oder „Neuanfang“, „Nachdenklich“ oder „Optimistisch“. Wenn ich selbst traurig bin, dann weiß ich oft schon ganz intuitiv, was mir in welchem Moment hilfreich sein wird. In manchen Momenten brauche ich es, dass ich mir Zeit nehme, um die Traurigkeit zu fühlen und auszuhalten. In anderen Momenten weiß ich, dass es Zeit ist, um die Trauer loszulassen, um wieder in meinem Alltag Fuß zu fassen. Diese Stimmungen und inneren Bewegungen kannst du sowohl durch Musik als auch durch das Schreiben unterstützen – ideal, wenn du es schaffst, beides zu verbinden. Es kann sehr gut tun, sich bewusst einige Momente Zeit zu nehmen, um traurig zu sein. Höre dabei deine melancholische Playlist und notiere, welche Gedanken und Gefühle an die Oberfläche kommen. Das ist noch deutlich effektiver als „nur“ zu fühlen, denn reflektierte und notierte Gefühle kann man deutlich besser loslassen. In der letzten Lektion ging es konkret um Trauer-verarbeitendes Journaling. Unterstütze die Schritte der schriftlichen Trauerarbeit durch Musik, wenn dir danach ist. Wenn du in deinem Tagebuch einen Punkt gesetzt hast, stoppe auch die traurige Musik und überlege: Wo möchtest du jetzt hin mit deinen Gefühlen? Vielleicht magst du noch ein oder zwei positiv-optimistische Lieblingslieder einhören, dazu tanzen oder in deinem Journaling Eintrag mit optimistischen Gedanken enden, die durch die Musik zutage gefördert werden.

Tipp: Finde für sich heraus, ob Instrumentalmusik Lieder mit Texten besser für dich funktionieren bzw. wann welches besser für dich funktioniert. Manchmal sind es die Texte, die zu uns sprechen, manchmal ist es die Melodie. Mir persönlichen helfen in starken emotionalen Zuständen meine Lieblingslieder mit Texten. Wenn ich einfach nur ruhig und fokussiert beim Schreiben bei der Sache bleiben möchte, liebe ich Instrumentalmusik sehr.

Musik zur Unterstützung des Schreibprozesses kann für jeden etwas anders funktionieren. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, Bewusstsein zu schaffen (also die Frage für sich zu beantworten: Was hilft wie?) und gut vorbereitet zu sein. Dadurch, dass du Playlisten pflegst und dir gute musikalische Unterstützung zur Routine machst. Wenn du weißt, dass Instrumentalmusik dir hilft, ohne Ablenkung zu schreiben, dann starke deine liebsten Tracks gewohnheitsmäßig, wenn du dein Journal zur Hand nimmst.

6. Fade out

Musik und Schreiben – wenn man beidem etwas abgewinnen kann, ergänzen sie sich wunderbar und können als Match mehr Tiefe und Klarheit in dein Leben bringen. Lass die Musik deine Gefühle öffnen und das Schreiben deine Gefühle erden. Hole Gedanken mit Hilfe von Liedern aus dem Unterbewusstsein und fixe sie mit Hilfe des Schreibens in deinem Bewusstsein.

Als kleine freiwillige Hausaufgabe möchte ich euch mitgeben: Legt euch thematisch hilfreiche Playlists an, die euer Fühlen und Schreiben bereichern könnten. Und dann startet in eine kleine „Musik-Journaling-Schreibwoche“: Nimm dir an jedem Tag ein anderes Lied vor, das in deinem Leben von Bedeutung gewesen ist. Öffne dein Tagebuch, lausche den vermutlich nur allzu vertrauen Klängen und dann lass sie dein Schreiben inspirieren. Beantworte zu jedem deiner Herzes-Lieder folgende Journaling-Fragen: 1. In welcher Lebenssituation hat dir dieses Lied viel bedeutet? 2. Welche Gefühle hat es dir fühlen geholfen und welche Erkenntnisse hat es dir gebracht? 3. Welche Liedzeile geht dir besonders zu Herzen – notiere sie dir. 4. In welchen Momenten, die vielleicht noch auch dich zukommen mögen, könnte sich dieses Lied als hilfreich, tragfähig oder lehrend erweisen?

Viel Spaß beim Hören, Schreiben und Ausprobieren – und bis nächste Woche!

Eure Sina

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Argomento Journaling Kurs

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