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Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #33 Kinder, Job & Chaos

Kinder, Job und Chaos –

und warum du trotzdem schreiben kannst

 


Das echte Leben ist kein Hindernis, sondern deine Schreibumgebung

Es klopft, Sekunden später steht meine Tochter vor mir – freudestrahlend im Schlafanzug: „Gibt es Rührei zum Frühstück?“, fragt sei und ich klappe mein Tagebuch zu, obwohl ich nebst dem heutigen Datum gerade erst einen Einladungssatz schreiben konnte. „Gerne“, ich umarme meine Tochter, „dann komm mal mit – wir machen Frühstück“. Und dann gehen wir gemeinsam in die Küche, mein Journal nehme ich mit und lege es neben meine Kaffeetasse. Ein wundervolles Familienfrühstück (natürlich mit Rührei) später zerstreuen sich sich Kinder, schauen eine Serie, spielen im Garten, füttern die Hühner. Ich sitze allein am Esstisch, gieße mir meine 2. Tasse Kaffee ein und schlage mein Tagebuch auf – bewusst mitten im Chaos. Denn solange der Tisch gedeckt ist und die Pflicht des „helft ihr mir beim Abdecken“ wie ein Damokles-Schwert über der Szenerie hängt, scheinen die Kinder sich lieber unsichtbar machen zu wollen und ich habe einen Moment Ruhe zum Schreiben.

Ich schreibe Tagebuch seit meiner Grundschulzeit und muss gestehen, dass es schon eine echt krasse Umstellung war, als ich dann Mama wurde. War ich meine ganze Studienzeit über früh aufgestanden, hatte mir Tee gekocht und eben in Ruhe 1, 2 Seiten geschrieben, kam es in meinen Mama-Jahren zunehmend vor, dass meine Morgenroutine ausfallen musste, weil – naja - „Mamaaa?“ Anfangs war das ein riesen Problem für mich, denn: alles, was anders als erwartet läuft, ist erstmal ein Störfaktor für unsere Zufriedenheit. Wenn ich, was ich Jahre lang in immer gleicher Weise gepflegt hatte, bei meiner Morgenzeit gestört wurde, war bei mir gleich die Laune im Keller und ich musste den ganzen Tag gegen meine unterschwellige Unzufriedenheit ankämpfen. Dieses „als Mama zu kurz kommen“ fand ich begleitete mein Bewusstsein stärker, wenn ich eben keine Zeit mehr für die Dinge hatte, die mir am wichtigsten waren. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich die Wahl habe: entweder ich bin den ganzen Tag genervt von meinem Alltag, wie er nun mal ist, oder ich muss die Dinge, die mir wichtig sind, einfach so in meinen Alltag integrieren, wie es eben geht. In gewisser Weise ist es eben auch ein Mythos zu denken, dass wir Ruhe, Zeit und Struktur brauchen, umschreiben zu können. Natürlich ist es immer schön, wenn ich diesen Moment am Morgen, in aller Ruhe und ohne Störungen für mich habe, aber an manchen Tagen ist das Zusammenleben mit 5 anderen Menschen eben kein Solo-Wunschkonzert, sondern eine Symphonie der Bedürfnisse aller. Also musste ich etwas tun gegen dieses missmutige Gefühl, dass die Kinder mir mein liebstes Herzensding kaputt machen, wenn sie immer gerade dann etwas von mir wollen, wenn ich gerade den Füller gezückt hatte. Für mich brauchte es eine neue Perspektive, denn ich hatte keine Lust mehr auf den inneren Widerstand gegenüber Dingen, die ich ja eh nicht würde ändern können. Meine neuen Perspektive auf meine ehemalige Frühmorgenroutine war: Schreiben darf auch mitten im Leben statt finden, statt außerhalb alles Alltagsgewusels in meinem stillen Kämmerlein. Immer öfter entschied ich mich, wenn ich während meiner Morgenroutine unterbrochen worden war, meine Schreibzeit einfach nachzuholen und ich verabschiedete mich von dem Ideal „Wenn alles ruhig und ordentlich ist und der Kaffee heiß ist, dann ist meine Zeit“. Wie wäre es mit der Perspektive, dass dein echtes Leben eben nicht ein Hindernis ist für deine Schreibgewohnheit, sondern einfach deine Schreibumgebung. Wer am Fürhstückstisch zwischen Krümeln und „mache ich gleich“ noch Zeit für den 2. Kaffee hat, der hat auch Zeit zum Schreiben.

Die größte Lüge: „Ich habe keine Zeit“

„Keine Zeit“ - diese Erklärung für etwas, was wir nicht getan haben oder eben nicht zu tun gedenken, nutzen wir vermutlich alle regelmäßig und ich glaube, dass es fast keine Ansage gibt, die so wahr und so unzutreffend gleichermaßen ist. Denn selbstverständlich haben wir keine zeit, unser Alltag ist voll mit Job und Kindern, Haus und Garten, Verpflichtungen und selbstgewählten to dos. In Wirklichkeit ist „keine Zeit“ aber eigentlich immer eine Mischung aus Zeitmangel, Erschöpfung, hohem Anspruch und, ja, letztlich unseren Prioritäten. Was stimmen mag, ist „Ich habe keine Zeit für eine halbe Stunde Ruhe und Rückzug, kein ungestörtes Zeitfenster, an das nicht schon die nächste Erwartung klopfen würde und keine Zeit, ein ideales Setting zu kreieren!“ Zwischen all dem, was deinen Tag so füllt, gibt es sie aber trotzdem: diese kleinen, unscheinbaren Zeitinseln: Drei Minuten bis das Nudelwasser kocht, fünf Minuten im Auto, bevor du dein Kind vom Fußball abholst, einen Moment auf dem Spielplatz, während deine Aufmerksamkeit gerade nicht so gefordert ist. Wir übersehen diese kleinen Zeitfenster oft, weil sie nicht groß genug erscheinen und damit „nicht lohnenswert“. Aber gerade, wenn man bedenkt, was Studien so ergeben, wie viel durchschnittliche Handyzeit wir täglich haben, die sich vermutlich auch aus dutzenden 3-10 Minuten Mikro-Zeitfenstern summiert, wird doch deutlich, dass „keine Zeit“ eben eine Priorität enfrage ist, die sich leicht verschiebt, sobald wir mit dem Mythos brechen, dass Schreibzeit immer ein bestimmtes Setting braucht. Wer sich lösen kann von der Idee, dass Schreiben eine gewisse zeitliche Länge, Tiefe und Konzentration braucht, der wird eine neue Form des Schreibens entdecken können, die ich „alltags-begleitend“ nenne. Überlege doch mal in aller Ruhe: Wo sind deine 5-Minuten-Lücken deines Lebens?

Schreiben in Fragmenten statt Perfektion

Doch selbst wenn wir es schaffen, uns vom „alles oder nichts“-Denken zu lösen bleibt die Frage: Was bitte schafft man den in 5 Minuten – eine Reflexion der ganz großen Familienfragen ja sicherlich nicht. Das ist wahr, aber eben für einen Journaling-Lifestyle auch nicht unbedingt notwendig. Manchmal hilft es, sich von der Idee, einen langen und zusammenhängenden Text zu schreiben, ein wenig zu lösen und „Mini-Formate“ für seinen Journaling Alltag zu entdecken. Mini-Formate sind dabei keine Notlösung, so wie kurze Gespräche auch keine Notlösung sind, sondern ebenso zum Leben dazu gehören wie lange und tiefschürfende Debatten. Man denkt das vielleicht nicht, aber schon drei Sätze können einen erheblichen Teil deines Tages festhalten und in der Summe einen großen Effekt auf deine Reflexionsfähigkeit haben, wenn du lernst, dir in aller Kürze die richtigen Fragen zu stellen. Ein „3-Satz-Journal“ könnte zum Beispiel so aussehen, dass du dir die Fragen beantwortest: Was hat mich heute beschäftigt? Wie habe ich mich heute gefühlt? Und was nehme ich aus diesem Tag mit? Es wird auf jeden Fall den Kontakt zu dir selbst intensivieren, wenn du dir diese (oder ähnliche) Frage mit großer Regelmäßigkeit stellst. Bedenke, welchen großen psychologischen Effekt das Führen eines Dankbarkeitstagebuchs hat!

Ein weiteres Mini-Format könnte eine Art „Stichwort-Log“ sein. Warum immer in ganzen Sätzen schreiben? Du kannst dir auch einfach angewöhnen, unter dem aktuellen Datum immer die „Stichworte des Tages“ festzuhalten, zB „müde, alles zu laut, gutes Gespräch mit Mama, Zweifel, Kaffeemoment in der Sonne“. Das ist dann nur so eine Art „Tages Protokoll“, aber es hinterlässt eben doch das Gefühl, dass Dinge weniger stark auf der Seele liegen, wenn wir sie für den Moment externalisieren, also auslagern: unser Gehirn muss sie nicht mehr „halten“ und sortieren. Gleichzeitig schafft selbst ein kurzes Brainstorming dieser Art Bewusstsein: Wie geht es mir eigentlich gerade? Müde? Ich sollte als Akt der Selbstfürsorge heute dringend früher schlafen gehen. Gerade an vollen Tagen übergehen wir solche kleinen Signale manchmal um der Effektivität willen

Außerdem finde ich immer wieder erstaunlich, wie viel man selbst in wenigen Minuten schreiben kann. Wenn ich eine halbe Stunde Zeit zum Schreiben habe, dann fülle ich diese häufig mit Nachdenken, dem Feilen an bestimmten Formulierungen oder einfach nur kleinen Tagträumchen. Wenn ich allerdings nur 5 Minuten habe, dafür aber schreibe komplett ohne mich abzulenken, ohne groß über meinen Ausdruck zu sinnieren, ohne mal fix etwas auf dem Einkaufszettel notieren...dann kommt in 5 Minuten manchmal erstaunlich viel zusammen. Deswegen würde ich gerne Mut machen für den „Ungefilterten Mini-Stream“: schreibe diese wenigen Minuten ohne den Stift abzusetzen, ohne Zensur, ohne Korrektur. Ich verspreche dir: Das Ergebnis wird dich überraschen. Und wenn man einmal wirklich registriert, wie viele Worte man in 5 Minuten zu Papier bringt, wird man den Moment Wartezeit bin das Fußballtraining endet, nicht mehr gering schätzen.

Wer eine Schreib-Identität möchte, der sollte schreiben: Immer und überall.

Rituale statt Routinen: Flexibel bleiben im Chaos

Ich weiß: unser Gehirn liebt Routinen und niemand wüsste so gut wie ich, wie groß die Unzufriedenheit ist, wenn diese gecrasht werden. Manchmal hilft es aber schon ungemein, wenn wir von starren Routinen zu lebendigen Ritualen switchen. Was meine ich damit? Eine Routine ist zum Beispiel (der „5Uhr Club“ lässt grüßen): Ich schreibe jeden Morgen um 5Uhr20 eine halbe Stunde Tagebuch. Demgegenüber wäre ein lebendiges Ritual: Ich journale immer, wenn ich meinen 1. Kaffee des Tages in Ruhe trinke. Das kann um 6Uhr sein oder auch im 9Uhr, wenn du die Kinder aus dem Haus gebracht hat oder aber um 16Uhr, wenn du Feierabend hast. Ein lebendiges Ritual kann sein, dass dein Journal am Küchentisch liegt oder auf dem Kopfkissen und du einfach dann schreibst, wenn es quasi deinen Weg und deinen Blick kreuzt. Sehr gut funktioniert auch, wenn man einfach einen bestimmten „Trigger“ definiert, also so etwas wie „Sofa = Tagebuch schreiben“ oder bei mir ist häufig: „Good Morning Matcha = Tagebuch schreiben“. Oder du verbindest bestimmte Termine mit Journaling: schreibe, während deine Tochter beim Ballett ist oder während der Busfahrt zur Arbeit oder immer Samstags nach dem Wochenputz. Gerade, wenn du das Gefühl hast, im Alltag wenig Zeit für dich zu haben, kannst du dich fragen: Welcher Moment des Tages gehört bereits dir und kann durch eine kleine Schreibsession an Tiefe gewinnen.

Schreiborte neu denken: Nicht ideal, sondern verfügbar

Wenn wir ans Schreiben denken, dann erscheint vielleicht das Bild in unserem Kopf, dass wir am Schreibtisch sitzen und unsere Notizen machen so wie wir früher unsere Hausaufgaben gemacht haben. Vorausgesetzt der Schreibtisch war dein Hausaufgaben-Ort. Falls du die eher immer im Bus oder auf der Mädchentoilette kurz vor Stundenbeginn angefertigt hast, taugt das exakt als Beispiel für das, was ich an dieser Stelle sagen möchte: Wie schon in der Lektion „Journaling unterwegs“ deutlich wurde, dürfen wir den „perfekten Schreibort“ neu denken und uns vom Schreibtisch-Bild lösen. Gibt es den „perfekten Ort“ eigentlich? Ja, den gibt es, denn der perfekte Ort ist immer der, der dir gerade zur Verfügung steht. Schreiben im echten Leben darfst du in der Küche, im Auto, auf dem Spielplatz, im Zug, ja, sogar in der Umkleidekabine – warum nicht?
Mini-Übung für dich: Schreibe heute an einem „untypischen“ Ort. Geht, oder?

Mentale Hürden: Schuld, Anspruch, Selbstkritik

Ach ja, und dann ist da auch immer wieder unser eigener Kopf, der uns einen Strich durch die Rechnung mach in Form von Glaubenssätzen, die auch vor dem Schreiben nicht Halt machen. Typische Gedanken dieser Art, die dein innerer Antreiber oder deine innere Perfektionistin dir zuflüstern, können sich so anhören: „Das reicht nicht“, „So kann ich nicht arbeiten“, „Ich müsste mehr…“. Falls du merkst, dass es deine eigenen Gedanken sind, die dich davon abhalten wollen, die Feste zu feiern wie sie fallen, dann kann es helfen, deine Gedanken über das Schreiben grundsätzlich neu zu framen. Sieh Schreiben weniger als Leistung, sondern mehr wie etwas, was dein Leben eben begleitet. So wie du Schuhe anziehst und die je nach Anlass, Ort und Jahreszeit wechseln dürfen, so kann das Schreiben zu deiner Denk- und Lebens-Grundausstattung werden. Manchmal ziehst du Wanderschuhe an, Gummistiefel für die Gartenarbeit, Hausschuhe sobald du heim kommst. Ebenso kann dein Denken und Fühlen von Stift und Papier begleitet werden: Notizbuch in der Handtasche, Dankbarkeitstagebuch auf dem Kopfkissen, Notizapp während du auf den Bus wartest. Deine Schuhe sind nützlich, sie müssen nicht perfekt sauber sein, wenn du in den Garten gehst und auf die Schnelle dürfen es auch mal die ausgelatschten Schlappen sein, wenn du den Müll raus bringst. Und am bequemsten sind doch eh die abgerockten Chucks, oder? So wie du nicht den ganzen Tag den feinen, gut geputzten Business-Schuh trägst, weil es nicht rund um die Uhr um „schnieke“ und „perfekt“ geht, sondern auch um praktisch, bequem, lässig, warm... so darf dein Schreiben auch sein: nützlich, dienlich, alltagstauglich.
Und wenn dir gerade mal wieder dein Perfektionismus deinen Journaling Moment mies machen will, dreh den Spieß ganz einfach um und lass dein Journaling deinen Perfektionismus kritisch unter die Lupe nehmen. Kleiner Schreib-Impuls: In welchen Lebensbereichen fühlst du dich von deinem Perfektionismus eher eingeschränkt als vorangebracht?

Wenn alles zu viel ist: Schreiben als Entlastung

Kennst du das Sprichwort: „Wenn du in Eile bist, dann gehe langsam“? Ähnliches gilt, wenn wir merken, dass unser Alltag uns kaum Raum lässt und die Hektik uns schier die Luft zum Atmen nimmt. Gerade, wenn es dir vorkommt, als wenn aktuell WIRKLICH alles zu viel ist, um auch noch Tagebuch schreiben in deinen Alltag zu integrieren, führe dir vor Augen, dass Schreiben nicht nur eine zusätzliche Aufgabe sein muss, sondern als Ventil fungieren kann oder als Tool, um dir das Leben leichter zu machen.
Schreiben kann Gedankenlast nehmen, to-do-Überforderungen sortieren, Emotionen benennen und ganz allgemein dabei helfen dich innerlich zu sammeln: Wenn dein Leben gerade so überborden voll und hektisch ist: Ist das noch das Leben, das dir gut tut? Kannst du in dieser Hetze gesund bleiben? Bist du glücklich? Schreibe mal eine Seite lang alles auf, was gerade zu viel ist. Und wenn du dir dein Leben wir eine Regentonne vorstellst, dann lass Journaling nicht den Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, sondern der Wasserhahn, der Wasser unten abfließen lässt.

Zum Schluss...

 

Das Leben ist im Fluss und im Wandel und so darf dein Journaling auch sein. Als ich mittendrin war, kam es mir ewig vor: Die Zeit als die Kinder klein waren und ich mir ständig Zeit zum Schreiben irgendwo abknapsen musste durch Schreiben im Auto und unterwegs. Das scheint erst gestern gewesen zu sein – und schon heute sind alle meine Kinder so groß, dass es auch kein Problem wäre ihnen zu sagen „Du, ich brauche noch einen Moment für mich zum Tagebuch schreiben“. Schreiben muss keine perfekte Routine in deinem Leben sein – es DARF genauso chaotisch sein wie das Leben selbst.

Wenn dir meine Arbeit gefällt, vielleicht magst du auch meine wöchentlich erscheinende Kolumne “Wort zum Montag” mit bereits über 300 Texten und Audio von mir:

https://steady.page/de/feelslikesina/about (Si apre in una nuova finestra)

Wir lesen uns!

Sina

 

 

Argomento Journaling Kurs

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