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September // Virginia Apgar

Bei der Auswahl der Protagonistin für die August-Kalenderkarte fragte ich mich, ob dies nicht der emotionalste und persönlichste Newsletter dieser Ausgabe werden würde. Denn wenn ich über Virginia Apgar schreibe, offenbare ich euch nicht nur meine Geburtserfahrungen (und ich denke, das ist eine der intimsten Geschichten, die ich teile), sondern schreibe damit zum ersten Mal auch über die wichtigste Frau in meinem Leben - meine Tochter.

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich sei mit 32 Jahren bereit für die Mutterschaft gewesen. Ich glaube, es ist eines dieser Erlebnisse, die einen aus der Bahn werfen, und man kann sich darauf nicht vorbereiten - alles andere ist naiv. Wahrscheinlich zähmen wir so die Angst vor dem Unbekannten und vor Veränderungen, umso mehr, wenn da ein so abstraktes Erlebnis wie das erste Kind bevorsteht. Diese Naivität ist in diesem Fall sogar berechtigt, denn danach prallt man auf die Realität. Als ich also ins Unbekannte aufbrach, hatte ich keine Ahnung, was der Apgar-Score ist, was ein Kaiserschnitt bedeutet, was Schwangerschaftspathologie ist und wie sich eine archaische, tierische Angst anfühlt, die allen Atavismen am nächsten steht.

„10 Punkte im Apgar-Score!“ - dieser Ausruf von Freude und Erleichterung, auf den alle Eltern bei der Begrüßung ihres Kindes warten und der in der Neonatologie zur Beurteilung des Zustands des Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt und in den ersten Lebensminuten verwendet wird, war uns leider nicht vergönnt. Nach einer Entbindung, die das Leben von Mutter und Kind rettete - kurz am Anfang des 7. Schwangerschaftsmonats -, kann man das schwerlich erwarten. Ehrlich gesagt und mittlerweile sogar mit einer Prise Humor, die aus der vergangenen Zeit und dem Abstand entsteht: Ich brauchte nicht einmal die Skala von Frau Virginia Apgar, um festzustellen, dass mein kleines Kind - violett wie Frühlingsflieder - zum Start eine eher magere Punktzahl bekommen würde und sich um einen besseren Wert erst noch würde bemühen müssen. Nein, in solchen Situationen zählt man nicht auf Punkte, man zählt auf ein Wunder und die Unterstützung der Medizin. In solchen Situationen freundet man sich mit der Zeit an, denn von ihr hängt alles ab. Unter genau diesen Umständen habe ich vor über sieben Jahren eine wunderbare Kämpferin zur Welt gebracht - ein Frühchen -, das gerade in die zweite Klasse gekommen ist, was mich ungeheuer rührt, wenn ich bedenke, wie turbulent unser Start war.

Ich mag mir gar nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn die junge und äußerst ambitionierte, aufstrebende Chirurgin Virginia Apgar nicht irgendwann zur ersten Professorin der in den 1950er-Jahren enorm an Bedeutung gewinnenden Anästhesiologie geworden wäre. Vielleicht wäre sie ohne diesen Weg und ihre Vielseitigkeit nie in die Pädiatrie gelangt und hätte sich nicht mit der damals hohen Neugeborenensterblichkeit befasst? Eine Anekdote besagt, sie habe die nach ihr benannte Parameter Apgar Skala bei einem Gespräch in der Universitätskantine erdacht und auf einer Serviette notiert!

Es berührt mich, wie viele Leben diese einfache Entdeckung gerettet hat: die schnelle Beurteilung der physiologischen Parameter eines neuen Lebens in den ersten Minuten, gerade aus der warmen Gebärmutter geholt. Diese im Grunde einfache Bewertungsskala führte zu treffenderen Einschätzungen des Neugeborenenzustands und zur Einleitung angemessener Reaktionen und Behandlungspläne - und bisweilen schlicht zur Rettung von Leben. In diesem Moment fühle ich mit ganzer Empathie mit all den Familien, deren Kinder die niedrigsten Werte erhielten und die damit ihrer Hoffnung auf Gesundheit oder gar ein Kennenlernen beraubt wurden. Nicht selten sind die Parameter jedoch nur ein Orientierungswert, der ein kleines Zeitfenster für eine Reihe äußerst wichtiger Entscheidungen eröffnet. Der Imperativ des Lebens hat seine eigenen Rechte, die selbst für die Medizin ein Geheimnis bleiben. Ich habe das vor über sieben Jahren auf der neonatologischen Station gesehen, und wir Eltern von Frühchen hatten wirklich viel Zeit, einander in die Augen zu schauen.

Oft frage ich mich nach dem Genie der Frauen, über die ich schreibe, und dabei kristallisiert sich eine Tendenz heraus, die fast jede von ihnen begleitete: Sie setzten sich keine Grenzen! Grenzenlosigkeit ist eine Form von Mut, denn die Ideen, die daraus entstehen, sind oft ungewöhnlich, innovativ, frisch - aber unvertraut. In Verbindung mit Fleiß und Hartnäckigkeit wurde daraus der Schlüssel zu mancher Entdeckung, die die Realität, die wir kennen, tief geprägt hat. Manchmal sind es kleine Dinge: Virginia Apgar stammte beispielsweise aus einer sehr musikalischen Familie und kehrte später wieder zum Geigenspiel zurück – sie baute sich sogar ihr eigenes Instrument! In ihrer Freizeit soll sie Golf gespielt, geangelt und gegärtnert haben - und in diesem Bereich bestand eine ihrer Leistungen darin, eine Orchidee zu züchten, die ihren Namen trägt.

Also: Beharrlichkeit, Offenheit, Neugier und Kreativität! Ich bin irgendwie überzeugt, dass wir uns, indem wir das Risiko des Suchens und des Probierens eingehen, selbst die Chance auf eine breitere Perspektive und ein multidimensionales Handeln geben. Wer weiß - vielleicht entsteht gerade in solchen Köpfen der Keim von Genie, der die Form von Parametern, einer genialen musikalischen Komposition, einer mathematischen Gleichung oder eines einfachen, aber zum richtigen Zeitpunkt ausgesprochenen oder notierten Gedankens annimmt, der das Leben eines Menschen, eines Dorfes oder einer ganzen Gesellschaft verändert.

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