Passa al contenuto principale

Das Senkblei der Treue: Bindung in der Ära der endlosen Alternativen

Treue als tägliche Ausrichtung statt einmaligem Versprechen; die Paradoxie unbegrenzter Optionen.

Treue ist keine Unterschrift, die man einmal leistet, sondern eine Ausrichtung, die man täglich neu sucht — so wie der Maurer das Lot nicht ein einziges Mal ansetzt, sondern an jeder Schicht.

Fidèle sans contrainte — Treu ohne Zwang

Wahlspruch unserer Loge

I. Das schwingende Lot

Am Anfang steht ein einfaches Werkzeug: ein Gewicht an einer Schnur. Der Maurer hält es an die aufgehende Wand und wartet, bis das Pendeln zur Ruhe kommt. Dann liest er an der ruhenden Schnur ab, was kein Auge allein erkennt: ob das Werk lotrecht steht oder unmerklich aus der Senkrechten kippt. Das Senkblei lügt nicht. Es kennt keine Meinung, keine Tagesform, keine Ermüdung. Es folgt einzig der Schwerkraft — jener unsichtbaren, überall gegenwärtigen Kraft, die jeden Punkt der Erde in dieselbe Richtung zieht. Darin liegt die erste, leicht zu übersehende Lehre dieses Werkzeugs: Der Maßstab, an dem der Bau geprüft wird, liegt nicht im Bau selbst. Er kommt von außen, von einem festen Bezug, der sich nicht verhandeln lässt.

Es lohnt, einen Augenblick bei der stillen Genialität dieses Instruments zu verweilen. Das Lot ist vielleicht das ehrlichste Werkzeug, das der Mensch ersonnen hat. Ein Winkelmaß kann falsch geschliffen sein, eine Waage lässt sich verstellen, ein Zollstock nutzt sich ab. Das Senkblei aber bezieht seine Richtigkeit nicht aus seiner eigenen Beschaffenheit. Es bezieht sie aus einer Kraft, die außerhalb seiner liegt und die kein Mensch fälschen, bestechen oder überreden kann. Wo es hängt, zeigt es die Wahrheit an, weil es sich einem Größeren unterwirft. So ist es demütig und unbestechlich zugleich. Es ist kein Zufall, dass die königliche Kunst dieses Werkzeug unter ihre Symbole aufgenommen hat. Der Bruder, der das Senkblei betrachtet, erblickt in ihm nicht nur ein Maß für Wände, sondern ein Sinnbild der Rechtschaffenheit — das aufrechte Stehen dessen, der sich einem Maßstab unterwirft, der höher ist als sein eigenes Belieben.

Wer je auf einer Baustelle stand, weiß auch das Zweite: Das Lot wird nicht einmal angesetzt und dann für alle Zeiten beiseitegelegt. Es wandert mit dem Werk empor, Schicht um Schicht. Denn eine Wand, die im Fundament lotrecht war, kann in der Höhe längst abgetrieben sein. Der kleine, kaum sichtbare Fehler pflanzt sich fort und verstärkt sich mit jeder Lage Steine. Am Ende steht eine Mauer, die von unten betrachtet solide wirkt und von oben zu stürzen droht. Kein Baumeister vertraute je darauf, dass eine einmal geprüfte Wand für immer lotrecht bleibe. Er weiß, dass die Abweichung sich lautlos einschleicht, ohne dass ein einzelner Stein den Verdacht rechtfertigte, und dass nur die wiederholte Prüfung sie aufdeckt, ehe sie unumkehrbar geworden ist.

Treue, so möchte dieser Essay zeigen, verhält sich zur Bindung wie das Lot zur Wand. Sie ist kein einmaliger Akt, sondern eine wiederholte Prüfung: eine tägliche Rückkehr zu einem Bezug, der außerhalb unserer Stimmungen liegt. Wir sind gewohnt, Treue als ein Versprechen zu denken, als einen Schwur, den man leistet und dann besitzt wie eine Urkunde. Doch ein Versprechen, das man nur besitzt und nicht mehr vollzieht, verbürgt so wenig eine Treue, wie ein einmal angesetztes Lot eine lotrechte Wand verbürgt. Die Treue lebt nicht im Augenblick ihres Ursprungs. Sie lebt in der Unzahl der Tage, an denen sie erneuert wird — oder eben nicht.

Diese schlichte Bildlichkeit gewinnt ihre Schärfe erst vor dem Hintergrund unserer Gegenwart. Denn wir leben in einer Zeit, die das genaue Gegenteil des Lotes zum Ideal erhoben hat. Nicht die Ausrichtung an einem festen Bezug gilt als Freiheit, sondern die Offenhaltung sämtlicher Richtungen. Nicht die Bindung, sondern die Option. Nicht das geprüfte Stehen, sondern das jederzeit mögliche Weitergehen. Der Mensch der endlosen Alternativen möchte das Lot am liebsten in der Tasche behalten: griffbereit, doch niemals angesetzt. Denn jedes Ansetzen legte ihn auf eine Senkrechte fest, die andere Senkrechten ausschlösse. So verwechselt er die Fülle der ungenutzten Werkzeuge mit dem fertigen Bau — und merkt zu spät, dass er, während er alle Möglichkeiten hütete, keine einzige Wand errichtet hat.

Über der Arbeit unserer Loge steht ein Wort, das die ganze Spannung dieser Zeit in wenige Silben fasst:

Fidèle sans contrainte — treu ohne Zwang.

Für den Menschen der endlosen Alternativen ist dieser Satz ein Widerspruch. Treue, so meint er, sei stets ein Zwang, und Freiheit stets die Abwesenheit der Treue; man habe die Wahl zwischen dem gebundenen und dem freien Leben, und wer frei sein wolle, müsse ungebunden bleiben. Der Wahlspruch behauptet das Gegenteil. Er sagt, dass Treue und Freiheit einander nicht ausschließen, sondern bedingen — dass es eine Treue gibt, die kein Zwang ist, weil sie frei gewählt und frei erneuert wird. Diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, ist die Aufgabe der folgenden Betrachtung. Und schon das Senkblei zeigt genau jene Treue an, die ohne Zwang ist: Es unterwirft sich der Schwerkraft nicht auf Befehl, sondern weil es frei hängt — und gerade im freien Hängen findet es die Senkrechte.

Dieser Essay ist der Versuch, das Senkblei wieder in die Hand zu nehmen. Er folgt einer alten dialektischen Bewegung. Zuerst nimmt er die Verheißung der offenen Türen ernst, denn sie ist nicht bloß Zeitgeist-Torheit, sondern trägt einen wahren Kern, den zu leugnen unredlich wäre. Dann prüft er, was diese Verheißung in der gelebten Erfahrung anrichtet — und stößt auf eine Erschöpfung, die keiner der Wählenden gewollt hat. Schließlich sucht er die Synthese: eine Treue, die nicht Enge ist, sondern die höhere Form der Freiheit. Drei Denker aus drei Erdteilen werden uns dabei begleiten, jeder mit einer bestimmten Aufgabe, keiner zur Zierde. Gabriel Marcel, der Franzose, wird uns lehren, dass Treue schöpferisch sein muss, wenn sie nicht zur Lüge erstarren soll. Konfuzius, der Lehrer aus dem alten China, wird zeigen, dass sie im Alltäglichen wurzelt und dass die Form den Charakter bildet. Und Kwame Gyekye, der Denker aus Ghana, wird uns vor Augen führen, dass wir im Binden nicht weniger, sondern erst zu uns selbst werden. Über allem aber steht das Werkzeug der Loge, das Senkblei, als Prüfstein dessen, was hält.

II. Die Verheißung der offenen Türen

Man muss der Gegenwart Gerechtigkeit widerfahren lassen, ehe man sie kritisiert. Die Vervielfältigung der Möglichkeiten ist kein Übel, das über uns gekommen ist wie eine Naturkatastrophe. Sie ist die Frucht von Errungenschaften, die kein Vernünftiger zurückwünscht. Einst entschied der Geburtsort über den Beruf, der Stand über die Ehe, die Konfession über die Weltanschauung; heute dürfen Menschen wählen. Die Erweiterung des Möglichkeitsraums ist ein Gewinn an Freiheit, und die Aufklärung, aus deren Geist auch die Freimaurerei sich speist, hat für ihn gestritten. Der mündige Mensch, der sein Leben selbst in die Hand nimmt, statt es sich zuweisen zu lassen — das ist ein hohes und teuer erkämpftes Gut. Keine Kritik an seinen Auswüchsen darf hinter dieses Gut zurückfallen.

Es lohnt sich zu erinnern, was es bedeutete, als die Bindungen noch nicht gewählt, sondern verhängt waren. Wer als Sohn eines Schmieds geboren wurde, wurde Schmied. Wer in ein Dorf geboren wurde, starb meist in seiner Sichtweite. Wen die Familie einem anderen versprach, der war versprochen, ehe er zu lieben gelernt hatte. Die Bindung war Schicksal, nicht Entscheidung, und weil sie Schicksal war, war sie oft ein Kerker. Die moderne Freiheit, sich zu lösen, zu wandern, neu zu wählen, hat unzählige Menschen aus solchen Kerkern befreit. Wer die Treue preist, ohne diese Befreiung mitzudenken, verklärt eine Vergangenheit, die für viele ein Elend war. Die Loge selbst ist ein Kind eben dieser Befreiung: Sie nimmt den Menschen ohne Ansehen von Herkunft und Stand als Bruder auf und setzt an die Stelle der verhängten Bindung die gewählte.

Doch die Erweiterung hat eine Schwelle überschritten, jenseits derer sie in ihr Gegenteil umzuschlagen droht. Die Wahl zwischen wenigen guten Optionen ist Freiheit; die Wahl zwischen unendlich vielen wird zur Last. Der Sozialpsychologe Barry Schwartz hat dafür die Formel vom „Paradox der Wahl" geprägt: Ab einem gewissen Punkt steigert jede zusätzliche Option nicht die Zufriedenheit, sondern die Zweifel. Wer aus fünf Wegen einen wählt, geht ihn. Wer aus fünfhundert einen wählt, geht ihn und blickt zurück auf die vierhundertneunundneunzig anderen. Die Fülle erzeugt nicht Sättigung, sondern einen Hunger, der sich an sich selbst nährt. Der Reichtum an Optionen kippt in eine Armut an Gewissheit, und der Befreite steht ratlos vor der Fülle, die ihn befreien sollte.

Argomento Lehrling

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Stossfuge - die Freimaurerzeitung für Hannover e avvia una conversazione.
Sostieni