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Die Sache mit dem Tantra, oder wie ein weißer Mann eine indische Philosophie zur Sex-Maschine machte

Als Kind das zwischen 68ern und New Age aufgewachsen ist, hat mir das Wort Tantra immer ein nervöses Zucken in der Oberlippe verursacht.

Denn es gehörte in diesen Kreisen quasi zum Pflichtprogramm, sehr entspannt mit seiner Sexualität umzugehen (auf keinen Fall eifersüchtig sein, klar), mit Nacktheit überhaupt kein Problem zu haben – und irgendwo im Regal fand sich natürlich auch ein Buch mit Tantra im Titel, 36 Farbtafeln, ich sage nur: you can’t unsee things.

Soweit so unangenehm und sicher manchen Lesenden bekannt.

Als nicht mehr ganz so junge Erwachsene mit bildungsbeflissenem Hintergrund und viel Sinnsuche im Freundeskreis, tauchte dann Tantra irgendwann wieder auf.

Auch wenn ich nach wie vor wenig Interesse hatte, mich mit Fremden nackt in Seminarräume zu setzen, um mehr über meine Yoni zu erfahren, so wollte ich jetzt mehr über diese Jahrhunderte alte spirituelle Praktik lesen. Wie kommt man per Orgasmus zur Erleuchtung, quasi. Warum nicht. Ich war interessiert genug, um zu googlen. Schließlich bestellte ich ein paar Bücher.

Und komme seitdem nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Denn an der Tantra-Geschichte, die ich mein halbes Leben geglaubt habe, stimmt eigentlich fast nichts.

Und ich vermute, in euren Köpfen wohnt eine ähnliche Geschichte, die in Kürze heißt: Tantra ist eine spirituell-religiöse Praxis aus – of course – Indien, bei der man dem Göttlichen / sich selbst / der Erleuchtung oä Nahe kommt, in dem man Sex hat, aber eben nicht den schnöden rein-raus-sex, sondern es gibt besondere Stellungen – unter anderem Nachzulesen im Kamasutra. Wenn man es richtig anstellt, irgendwann: BLING! Erleuchtung.

Nun. Tantra und Kamasutra sind tatsächlich aus Indien. Und haben nichts miteinander zu tun. Das Kamasutra enthält sehr weltlich gemeinte Texte über Sex. Wie es sie überall zu allen Zeiten in Zivilisationen gab. Das Interesse an gutem Sex ist universell. Verständlich.

Und Tantra? Ist tatsächlich eine religiös-spirituelle Bewegung, die während unseres Mittelalters seinen Höhepunkt hatte (pun was not intended).

Tatsächlich ist es eine Sicht auf die Welt, die beeindruckend modern ist. Eine Kernannahme der Tantra-Philosophie ist etwa, dass alle Menschen gleichwertig sind. Wie gesagt, vor über Tausend Jahren, zu einer Zeit, in der das europäische Christentum vor allem damit beschäftigt war, die Herrschaft des Adels zu stabilisieren.

In diesem Kontext kommt, laut dem Religionswissenschaftler und Tantra-Meisters Dr. Christopher Wallis, tatsächlich ein sexuelles Ritual vor: Als Beweis, dass der Lernende wirklich verinnerlicht hat, worum es in der Lehre geht, hat er Sex mit einer Person, die er extrem unattraktiv findet. Wallis, der zahlreiche Sanskrit-Texte ins Englische übersetzt hat, nimmt an, dass damit im historischen Indien vor allem gemeint war, dass di*er Praktizierende mit einem Menschen Sex hatte, der am untersten Ende des Kastenwesens stand. Denn das in Indien so zentrale Kastenwesen wird in den Lehren des Tantra abgelehnt.

Jedenfalls geht es bei diesem Sex-Ritual nicht um Sex an sich. Und nicht um Spaß. Und auch nicht um Erleuchtung. Es ist ein Ritual der Initiation, welches die Ernsthaftigkeit der Praxis unterstreicht. Das müsste gut funktioniert haben. Denn mit jemandem Sex haben, an dem man kein Interesse hat, vor dem man sich im Zweifel sogar ekelt, beweist vermutlich, dass man es sehr ernst meint.

In anderen Texten über indische Religionsgeschichte (Samuel Geoffrey, The Origins of Yoga and Tantra) werden Sexuelle Yoga-Praktiken beschrieben, die sexualmagisch genutzt wurden – also Sex als Weg zur Erleuchtung. Allerdings ist das eine spezielle Teilströmung, deren Ursprünge und Praktiken nicht vollständig erforscht sind und die in keiner Weise mit Tantra gleichgesetzt werden kann.

Soweit also die Tatsache: Tantra hat mit „Tantra“ nichts zu tun. Deshalb wurde für das, was wir (oder zumindest ich, vielleicht seid ihr ja schon lange im Bilde gewesen) bisher als Tantra verstehen, vor einigen Jahren der Begriff „Neo-Tantra“ geschöpft.

Aber wie wurde aus Tantra ein Begriff, der für Sexpraktiken steht, wie kaum ein zweiter?

Genau. Alter weiße Mann mit einem Thing für junge Frauen, starkem Sexualtrieb und wenig Skrupel macht Dinge.

 

Zurückführen lässt sich Neo-Tantra auf einen Mann, der sich Pierre Arnold Bernard nannte. Seine genaue Herkunft ist unklar, sein Geburtsname und auch sein Werdegang ebenfalls. Verbürgt sind dafür seine späteren Spitznamen:  The great Oom, Oom the magnificent und the omnipotent Oom.

Laut seiner Biografie kam Pierre Bernard als Teenager in Kontakt mit einem Mann, der sich in Indien als Yogi hatte ausbilden lassen – Sylvais Hamati. Dieser Sylvais Hamati ist im Internet nur in Zusammenhang mit Geschichten über Pierre Bernard auffindbar und wird wechselnd als persisch-französischer, indischer, syrischisch-bengalischer oder südasiatischer Herkunft bezeichnet.

Interessanter Weise wird in diesen Texten immer Pierre Bernard als derjenige bezeichnet der Yoga – und Neo-Tantra – in die westliche Welt gebracht hat. Genau genommen war es natürlich jener Sylvais Hamati. Aber der war eben, genau, nicht weiß und ist schließlich im Nebel der Geschichte verschwunden.

Pierre Bernard erlernte in jedem Fall Yoga und Trance-Techniken. Nach eigener Aussage reiste er auch selbst nach Indien. Die Trance-Techniken brachten ihn sogar in die New York Times, da er sich während einer tiefen Trance von einer Gruppe von Ärzten in verschiedene Körperteile stechen ließ – und dabei keine Schmerzreaktion zeigte.

Außerdem ist sicher, dass Bernard im Jahr 1905 (oder 1906) den Tantrik Order of America gründete und schließlich in eine Kette von“ Tantric clinics“ ausbaute, wo Yoga und Tantra gelehrt wurde. Dabei ging es wohl auch um spirituelle Themen und körperliche Fitness – aber Bernard knüpfte eben auch die enge Verbindung von Sex und dem Begriff Tantra, die bis heute in unseren Köpfen wohnt. Warum? Nun, darüber kann man nur spekulieren. Einen Hinweis gibt es im Artikel „The omnipotent Oom“ von Hugh B. Urban.

Im Jahr 1910 wurde Bernard von zwei jungen Mädchen im Teenageralter angezeigt, Zella Hopp und Getrude Leo. Er hatte sie mehrfach am Verlassen seiner Einrichtung in San Francisco gehindert. Dort hatte er sie nackt „untersucht“ und sie hatten sich unter einer Art „Bann“ gefühlt.

Nach drei Monaten wurden die Untersuchungen eingestellt. Natürlich. Bernard blieb ein Liebling der Upper Class und Tantra wurde zu einem Sex-Kult.

The patriarchal End (so far) – und irgendwie der Stoff für einen Roman. Habe jedenfalls das große Bedürfnis, mehr über Zella Hopp und Getrude Leo zu erfahren.

 

 

Wer nun genauer wissen will, was Tantra ist: Das Buch von Dr. Wallis ist ein leicht verständlicher Einstieg.

 

 

Quellen:

 

Saṃvara, the central deity of the tantra, with Vajravārāhī in Yab-Yum pose. Nepal, 1575-1600. Metropolitan Museum of Art
Saṃvara, the central deity of the tantra, with Vajravārāhī in Yab-Yum pose. Nepal, 1575-1600. Metropolitan Museum of Art

 

Dr. Wallis, Christopher; Licht auf Tantra – Die Philosophie hinter dem modernen Yoga, O.W. Barth Verlag, 2023, München

 

Urban, Hugh B., The omnipotent Oom, in Esoterica: The Journal of Esoteric Studies (3), Seiten 218 - 259

 

Samuel, Geoffrey (Si apre in una nuova finestra) (2010). The Origins of Yoga and Tantra. Indic Religions to the Thirteenth Century. Cambridge University Press.

Argomento Das stimmt ja gar nicht

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