Wer selbst nicht von Depressionen betroffen ist, kennt es als gängiges Klischee. Depressive Menschen starren die Wand an. Eine ziemlich verkürzte Darstellung, aber manchmal ist es eben das, was wir in einer depressiven Episode nach außen hin sichtbar tun.
Was geht in uns vor, während wie unsere Tapete studieren? Warum fällt es depressiven Menschen so schwer, in Worte zu fassen, was in ihnen passiert? Metaphern wie “schwarzer Hund” oder “grauer Schatten” erzeugen Bilder, aber erklären diese kaum.
„Wirklich traurig ist, dass die Menschen, die Depressionen nicht haben, sie eigentlich gar nicht verstehen können.“
(Zitat: Unbekannt)
Der vage Versuch einer Beschreibung meines akuten depressiven Zustands
In depressiven Episoden bin ich gefangen in meinem eigenen Kopf - anders lässt es sich schwer beschreiben. Im Gegensatz zum maladaptiven Tagträumen (Link zu Deutschlandfunk Nova) (Si apre in una nuova finestra), zu dem ich durchaus auch neige, türmt sich im depressiven Zustand eine undurchdringliche Mauer um meinen Geist auf. Während die Welt draußen sich normal weiter dreht, passiert drinnen… nix.
Mittlerweile kann ich typische Auslöser relativ gut benennen. In der Regel sind es schwer vorhersehbare negative Gefühle wie Enttäuschung, Zurückweisung, Frustration oder Trauer, die meine Psyche in den sprichwörtlichen Panic Room schicken. Und ich glaube, dass dieses reflexartige Verbarrikadieren hinter meiner Schädeldecke wirklich eine Art Schutzmechanismus darstellt.
So ineffektiv diese Taktik in der Realität funktioniert, irgendwas in mir denkt sich “Komm, wir gehen jetzt hier rein, und dann ist Ruhe!”. Tür zu, Decke über den Kopf, keine weiteren negativen Gefühle, keine emotionale Überforderung. Last but not least: keine Kommunikation notwendig. Letzteres führt leider häufig zu zwischenmenschlichen Katastrophen. Aber die prallen vorerst ab.
Ich bin längst in mir vergraben, nehme die Außenwelt zwar wahr, aber verliere in diesen Momenten völlig den emotionalen Kontakt zu ihr. Bisschen so wie nackt draußen im Schnee stehen, ohne dass es mir unangenehm, geschweige denn mir kalt wäre. Oder Fernsehen ohne Ton. Und ohne Farbe. Eigentlich auch ohne Bild.
Ein wenig schützender Panzer, aus dem ich aber auch nicht herausfinde
Um es klipp und klar zu sagen: Dieser Zustand des emotional von der restlichen Welt entkoppelt Seins ist für enge Bezugspersonen die Hölle, und dessen bin ich mir bewusst. Menschen, denen ich vertraue und die mich lieben, kommen nicht mehr an mich heran.
Und mag es auch eine unterbewusst angeeignete Strategie sein, um Stress und Konflikten zu entgehen - Schutz bietet sie nicht im Geringsten. Ich entziehe mich zwar temporär der Situation, aber die löst sich dadurch nicht auf. Das Kernproblem bleibt bestehen, durch fehlende Auseinandersetzung damit entstehen weitere.
Falls ihr euch fragt, wie ich als depressive Person meine Lage empfinde: Dieser Zustand ist - sorry für die Wortwahl - absolut beschissen. Ich stecke fest in meinem Kopf, die Tür ist zu und verbarrikadiert. Die Schlüssel liegen irgendwo. Nur wissen weder ich noch mein Gegenüber wo sie danach suchen sollten.
Es mag Zeiten gegeben haben, in denen ich das in Weltschmerz und Selbstmitleid schwimmend als ganz passabel empfand, doch meine jugendliche Emo-Phase ist zum Glück längst vorbei. Heute will ich mein Leben genießen, meine Ziele erreichen und Chancen nutzen. Dazu sollte meine mentale Tür möglichst weit offen sein.
Wie finden wir den Ausgang aus unseren depressiven Episoden?
Um Depression wirksam in den Griff zu bekommen, sollten wir uns ihrer bewusst sein. Dazu zählt, sie sachlich als medizinisches Krankheitsbild zu verstehen, aber auch zu akzeptieren, dass sie halt da ist. Gleiches gilt für unser Umfeld, denn wenn wir es mal selbst nicht mehr raus schaffen, brauchen wir Hilfe von außen.
Fragt bitte nicht, was die betroffene Person denkt. Das wissen wir meist selbst nicht. Vermeidet Druck in Form von Erwartungen, denn häufig platzt uns innerlich förmlich der Kopf, während wir äußerlich wie platte Reifen wirken. Macht gern unverbindliche Angebote. Gewährt aber auch Freiraum, falls wir sie ausschlagen.
Was bei mir mittlerweile gut klappt, ist, wenn meine Partnerin meinen Zustand als gegenwärtig gegeben akzeptiert, aber mir gleichzeitig Handlungsoptionen aufzeigt. Sie weiß, was mir emotional gut tut, ich weiß das eigentlich auch. Leider kann ich in einer Episode nur schwer rational logische Entscheidungen treffen.
Wenn mir aber jemand sagt, was ich mit klarem Kopf, also wenn ich nicht gerade tief in meiner Depression gefangen wäre, tun würde damit es mir besser geht, dann klappt das erstaunlich gut. Immerhin greife ich seit meiner Therapie nach schätzungsweise jeder dritten bis vierten Hand, die mir helfend hingehalten wird.
Fazit: Die Depression ist nicht unser lebensbestimmendes Schicksal
Ich hätte wie die meisten von Depression betroffenen Menschen in meinem familiären und persönlichen Umfeld viel früher eine Therapie gebrauchen können. Das ist Fakt. Wie viele Betroffene neige ich aber auch dazu, mir geradezu pathologisch all die Dinge selbst vorzuhalten, die ich eventuell hätte besser machen können.
Schlussendlich haben wir unsere Sozialisation selten selbst in der Hand und sollten lieber mit den Dingen dealen, auf die wir aktiv Einfluss nehmen können. Wünsche ich mir ein Leben frei von Depressionen? Klar, so wie ich mir manchmal ein Leben ohne finanzielle Sorgen in meiner Selbstständigkeit wünschen würde.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich mein Leben liebe so wie es ist. Dazu gehört gewissermaßen auch meine depressive Seite. Mit ihr umzugehen ist ein Prozess, in dem ich mich seit einigen Jahren aktiv befinde und sichtbare Fortschritte mache. Und das ist wie die Tatsache am Leben zu sein doch ein ziemlich geiles Gefühl.
*Disclaimer: Alle Artikel auf diesem Blog sind aus Perspektive einer von mittelgradig rezidivierenden Depressionen betroffenen Person verfasst. Sie zeichnen ein persönliches Bild und erheben dabei weder Anspruch auf korrekte Darstellung komplexer medizinischer Zusammenhänge, noch können sie eine professionelle Diagnose oder Therapie ersetzen.
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