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Wie ich in einem billigen Kostüm mit dem Rauchen aufhörte

In dem Moment, als ich beschloss, mit dem Rauchen aufzuhören, trug ich ein billiges Wonder Woman-Kostüm.

Ähnlich wie das Kostüm war auch der Zeitpunkt, an dem ich meine letzte Kippe ausdrückte, denkbar schlecht gewählt. Denn ich stand inmitten einer feiernden Meute beim jährlichen Karneval auf Teneriffa. Und mein letzter Abend bei dieser Cumbia’n’Caipi-verseuchten Festivität sollte gerade erst beginnen.

Hallo und herzlich Willkommen! Ich bin Katrin. Vielleicht bist du hier neu, weil du durch die großartige Theresa Bäuerlein (Si apre in una nuova finestra) von meinem Newsletter HEISE SCHEISE erfahren hast. Gleich vorab: Manchmal wird’s hier richtig intim. Aber ich glaube, dass wir das alle derzeit ein bisschen brauchen.

Keine Sorge, ich brachte den Abend gut über die Bühne. Aber die folgende Woche war echt die Hölle. Wenngleich nicht ganz so schlimm wie das Wonder Woman-Kostüm.


Ich kapitulierte vor der Kippe


Aus heutiger Sicht, drei Jahre später, kann ich nicht mehr sagen, wieso ich diesen unsäglichen Moment gewählt habe, um mit dem Rauchen aufzuhören. Ich weiß nicht, was genau mir dabei durch den Kopf gegangen ist. Es war auf jeden Fall nichts Cooles. Es war mehr Kapitulation als Mutausbruch.

Man. Ich hab immer super gerne geraucht. Ich mochte sogar den Geruch und das Kratzen im Hals. Besonders das Kratzen.

Ich rauchte ein paar Jahre sehr glücklich, dann nur noch mäßig glücklich und dann nicht mehr glücklich. Insgesamt rauchte ich 10 Jahre. In manchen Phasen 12 oder mehr Zigaretten am Tag, später zwischen 5 und 8. Zwei Mal schaffte ich Rauchstopps über ein halbes Jahr hinweg. Lustig. Das fällt mir alles schwer, zuzugeben. In der ersten Version dieses Texts stand hier, dass ich nur 8 Jahre Raucherin war und nicht 10.

Jedenfalls: Ich kam einfach nicht langfristig vom Tabak runter.

Dabei läuft das mit der Sucht exakt so ab, wie alle Leute immer sagen. Und dann gehst du ihr trotzdem auf den Leim. Du unterschätzt die Sucht, obwohl du ihre Mechanismen ganz genau kennst.

Irgendwann spürst du sie dann plötzlich sehr deutlich. Dann merkst du, dass dich etwas im Griff hat, über das du nicht wirklich so Kontrolle hast wie du immer dachtest. Und dann macht es plötzlich nur noch bei jedem 12. Mal wirklich Spaß.

Ich habe die Sucht gespürt, wenn ich vor drei Nichtrauchenden Eine anzünden musste, obwohl es ohnehin schon stickig war. Ich habe sie gespürt, wenn es eigentlich zu stürmisch und ungemütlich zum Rauchen war. Ich habe sie gespürt, wenn Kinder in der Nähe waren und ich ungeduldig eine geeignete Stelle in der passenden Windrichtung suchte.

Immer häufiger blitzten beim Rauchen Gedanken in meinen Kopf: Krass. Ich bin gerade von der Arbeit gestresst und was gebe ich meinem Körper für sein tapferes Durchhalten? Selbstverletztendes Verhalten. Yay!

Besonders ein Moment, in dem ich wegen einer Person rauchte, die mir Unrecht getan hatte, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ich war 25, als mir der Gedanke zum ersten Mal kam: Warum ätze ich meine Kränkung literally in mich hinein, statt der Person einfach meine Grenze zu zeigen?

Um nach meinem Rauchstopp durchzuhalten, schrieb ich eine Liste in meine Handynotizen: Was nervt am Rauchen.

Es war ein kurzer Motivationsbooster, aber so richtig half mir die Liste nicht. Aus heutiger Sicht ist mir ziemlich klar, warum das so war: Ich fand darin nur den negativen Self Talk, der mich häufig überhaupt erst zur Zigarette getrieben hatte.

Also fing ich an, mich zu beobachten.

Was brauchte ich wirklich in den Augenblicken, wenn ich dringend rauchen wollte? Ich horchte über Tage und Wochen in mich hinein und landete bei fünf Glaubenssätzen. Für jeden von ihnen fand ich auch eine Entgegnung.

Für mich war die Liste der Schlüssel, um dranzubleiben.

Ich begriff, dass ich selten ohne Grund rauchte. Und ich entwickelte Mitgefühl mit mir. Oh, und wie ich Mitgefühl mit mir entwickelte! Denn vieles, an dem es da mangelte, hatte ich einfach noch nicht anders auszudrücken gewusst. Viele der Baustellen, die diese fünf Rauchgründe aufgemacht haben, bin ich angegangen. Mit manchen bin ich heute schon gut fertig geworden. Mit anderen weniger.


Gesundheit, Geschmundheit!


Zum ersten Mal erkannte ich Zusammenhänge. Ich sehe sie noch heute, wenn ich Lust auf eine Zigarette habe. Dann frage ich zuerst meinen Körper (Hunger? Durst? Bewegung? Pause? Umarmung?) und direkt im Anschluss meinen Geist (eine Million Möglichkeiten ¯\_(ツ)_/¯ ), wo gerade wirklich der Mangel ist. Ein Trick, der sich übrigens auch gut auf alle anderen Süchte anwenden lässt.

Für viele Menschen ist Gesundheit die Motivation zum Aufhören. Gesundheit, Geschmundheit!

Das hätte bei mir nicht funktioniert, um wirklich durchzuhalten. Weil wenn Gesundheit, dann darf ich theoretisch auch ganz viele andere Sachen nicht machen. Und mach ich ja trotzdem. Wenn Gesundheit, dann hätte ich mich selbst 24/7 toll und erhaltenswert genug finden müssen. My body is my temple. Das finde ich immer noch eine krasse Herausforderung. Immer gut zu seinem Körper und Geist sein – das hieße ja vollkommene Selbstliebe, vollkommene Selbstakzeptanz!

Das war meine Logik damals.
Langsam kommt das alles, mit wachsendem Alter.

Heute sind noch ein paar andere Ebenen hinzu gekommen, wenn ich über mein Rauch- oder mein Konsumverhalten nachdenke. Wie suchtaffin ist meine eigene Familie? Wem bleibe ich eigentlich indirekt loyal, wenn ich rauche oder trinke?

Let that sink in, mein Herz! Reicht für heute, würde ich sagen.

Wir drücken uns trotz und mit all unseren Süchten?
Deine Katrin

Das hier war die 52. Ausgabe von HEISE SCHEISE. Seit meinem Rauchstopp ist viel passiert. Zum Beispiel habe ich mittlerweile die fachliche Expertise, um Menschen beim Aufspüren solcher Glaubenssätze und Ressourcen zu begleiten. Schau hier (Si apre in una nuova finestra).

Oder triff mich bei der re:publica (Si apre in una nuova finestra), wenn ich dir zeige, wie du dich regulieren kannst, wenn du keine Kippe zur Hand hast. Ha! Du kannst nicht kommen? Dann schreib mir doch einfach trotzdem auf diese E-Mail zurück und dann ist es auch schön.

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