Ich müsste gerade im Garten sein, stattdessen bin ich dauernd irgendwo anders. Über Garten-FOMO (also Fear Of Missing Out, Angst, etwas zu verpassen).

Ich bin gerade im Wald, und hier herrscht echt noch richtig Winter, wie daheim in Hamburg auch. Der Boden unter den Füßen ist hart und wenn ich mit den Winterstiefeln auftrete, knackt das Eis unter dem Schnee. Die Luft riecht nach Kälte und feuchtem Holz. Hier am Haus warte ich sehnsüchtig auf die Schneeglöckchen, denn als ich vor zwei Wochen hier war, haben sie schon ihre Spitzen aus dem Schnee gesteckt, und jetzt dauert es nicht mehr lange, bis sich die Blüten öffnen:

Manche stecken noch zur Hälfte unter dem frischen Schnee, andere haben es schon geschafft und hängen ihre weißen Köpfchen in die Februarluft. Ich freu mich so, jedes Jahr aufs Neue haut es mich um, wenn die Natur so langsam erwacht.
Ich stehe also im Wald und schaue Schneeglöckchen beim Wachsen zu, und eigentlich sollte ich in meinen Gärten sein. Eigentlich sollte ich gerade Obstbäume schneiden, Kompost verteilen, Saatgut sortieren. Eigentlich beginnt jetzt die Zeit, in der ich normalerweise mehrmals pro Woche da draußen bin und den Übergang vom Winter in die neue Gartensaison begleite. Dieses Jahr ist alles anders.
Mein neuer Roman ist erschienen, „Da, wo ich dich sehen kann", und seitdem bin ich unterwegs. Lesungen, Veranstaltungen, Interviews, Zugfahrten, aber ich bin im Dezember, Januar und jetzt auch im Februar auch viel “so” verreist gewesen. Zwar arbeite ich hier auch, aber meine Depression findet diesen Winter irgendwie besonders hart, deshalb brauche ich Tapetenwechsel. Gleichzeitig fehlen mir die Gärten sehr, und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich noch nichts hinbekommen habe. Doch dann fällt mir wieder ein: Meine Gärten warten. Der Waldgarten, Dänegart, der Dachgarten, sie liegen da und machen ihr Ding, und sie brauchen mich dafür gar nicht. Ja, im Dachgarten bin ich jeden Tag, aber da oben schläft auch noch alles, keine Knospe regt sich. Ich mach aber auch nix. In den anderen beiden Gärten dagegen steht einiges an, schon klar, und ich spüre das aus der Ferne, so wie man spürt, dass man eine Nachricht beantworten sollte, die man schon zu lange ignoriert.

Was der Februar von mir will
Ich weiß genau, was meine Gärten gerade bräuchten (oder auch nicht bräuchten). Ich sehe es vor mir, auch wenn ich es dieses Jahr noch nicht mit eigenen Augen gesehen habe.
Die Obstbäume warten auf ihren Schnitt. Ohne Laub erkenne ich das Astgerüst besser, sehe die Wasserschosse, die steil nach oben schießen, die Äste, die sich kreuzen oder ins Kroneninnere wachsen. Noch ist der Beschnitt erlaubt: Ab dem 1. März greift das Bundesnaturschutzgesetz und verbietet radikale Rückschnitte an Gehölzen, weil dann die Brutzeit der Vögel beginnt. Was ich bis dahin nicht geschafft habe, muss warten. Und du weißt ja: Ich gehe Sachen sowieso gemütlich an. Wenn nicht dieses Jahr, dann eben nächstes. Aber vielleicht schaffe ich noch vor dem 1. März ein bisschen was, Druck mache ich mir aber nicht. Wieso nicht, habe ich hier letztes Jahr aufgeschrieben:
https://steady.page/de/hortarium/posts/0f8f7e91-26d6-49ee-8248-00f0a94195e0 (Si apre in una nuova finestra)Auch die Beerensträucher bräuchten mich. Bei den Herbsthimbeeren und Brombeeren schneide ich nach meiner Rückkehr noch die abgetragenen Ruten bodennah ab, die Johannisbeeren lichte ich aus. Das Schnittgut werfe ich auf den Totholzhaufen am Gartenrand, wo Käfer und Igel und hoffentlich auch das eine oder andere Wiesel Unterschlupf finden. Oh Mann, wie gern hätte ich ein Mauswiesel, das die Wühlmäuse auf Trab hält, aber bisher habe ich noch keins gesichtet. Seufz. Versuche aber, den Garten dennoch so attraktiv wie möglich für es zu machen, vielleicht zieht ja mal eins ein.
Was ich jetzt ausdrücklich noch nicht mache: die alten Staudenstängel abschneiden, weißt du ja sicher, oder? Ich weiß, dass viele Gärtnerinnen und Gärtner im Februar schon die Schere zücken und aufräumen, weil es ordentlicher aussieht, weil es sich nach Frühling anfühlt, weil Instagram-Gärten Ende Februar schon wie geleckt dastehen. Ich lasse die Stängel stehen. Bis Mitte März mindestens, denn: In diesen trockenen, hohlen Stängeln überwintert Leben. Insektenlarven, Eier, Puppen, die dort seit dem Herbst sitzen und auf wärmere Tage warten. Wenn ich jetzt alles abschneide und auf den Kompost werfe, vernichte ich genau die Tiere, die ich im Sommer in meinem Garten haben will. Wildbienen, Schlupfwespen, Florfliegen. Wenn ich die Stängel dann Mitte März abschneide, lege ich sie vorsichtig auf einen Haufen in einer geschützten Ecke, damit die Bewohner:innen schlüpfen können, wenn es so weit ist. Also. Falls ich das mache. Oft mache ich es nicht, weil ich verdammt faul bei sowas bin, und die fallen irgendwann einfach selber um und werden von allerlei Getier verspeist, während die neuen Stängel schon sprießen und sie verdecken.