
Diejenigen, bei denen sich die Nackenhaare aufstellen, weil ich ChatGPT verwendet habe, verweise ich auf das PS am Ende des Beitrags.
Die 0. Fassung meines nächsten Thrillers, Titel: Sunset sehen und sterben (Si apre in una nuova finestra), ist fertig.
0. Fassung bedeutet, dass es sich um eine sehr ausführliche Outline mit Bruchstücken einzelner Szenen sowie mit Ideen und Anmerkungen handelt.
Neulich las ich in einer Autorengruppe, dass dort jemand in einer ähnlichen Situation anschließend so vorging: Auf der linken Seite des Bildschirms das Schreibprogramm mit der Outline öffnen. In meinem Fall ist das Scrivener. (Das benutze ich unter anderem deshalb so gerne, weil ich dort auf mehrfache Weise mein reichhaltiges Recherchematerial unterbringen kann.) Auf der rechten Seite des Bildschirms öffnete der Betreffede ein Fenster, in das er die erste Fassung des jeweiligen Kapitels diktierte.
Die Idee, den Text zu diktieren, gefällt mir, weil es deutlich schneller geht, als zu tippen. Jedenfalls in meinem Fall.
Jemand unter diesem Post erwähnte, dass ChatGPT sich gut eignet, um Texte zu diktieren. Das musste ich ausprobieren.
Die erste Passage, die ich ChatGPT als Test diktierte, sah so anschließend aus:
Als Lita Vargas Lexi Gold zum ersten Mal begegnete, beugte sich das Mädchen gerade über eine Leiche. Im ersten Moment hatte Lita Lexi gar nicht erkannt. Sie sah eher aus wie ein Mädchen von 14 oder 15 Jahren, als die glamouröse junge Frau, stark geschminkt und in einem gemäßigten Goth-Stil gekleidet, wie Lita und die Welt sie von Fotos her kannten. "Er ist tot", stammelte Lexi. Das hatte Lita sich schon gedacht. Das blasse Gesicht des Mannes, das er so regungslos und verkrümmt da lag und nicht zuletzt die große Blutlache, in der sein Kopf ruhte. Das alles ließ nur einen Schluss zu.
Was mich bei diesem kurzen Text begeistert, ja regelrecht euphorisch macht: ChatGPT hat die Namen (Lita Vargas, Lexi Gold) auf Anhieb richtig geschrieben!
Google Keep oder Gmail auf dem iPhone, die ich zum Diktieren kürzerer oder auch längerer Notizen benutze, bekommen das bei Lita, dem Namen meiner Hauptfigur, nie hin. Meistens schreiben sie Liter, manchmal Dieter, selten Lisa. Oder noch anderes.
Auch „Goth-Stil“ hat ChatGPT auf Anhieb richtig geschrieben. Und das alles ohne ein spezielles Mikrofon, nur mit dem des Laptops.
Anschließen bat ich ChatGPT, den Text zu überarbeiten*, weil ich gelesen hatte, dass das bei einfachen Aufgaben ganz gut funktioniert. Ich wollte den Prompt eigentlich noch konkreter machen, indem ich um das Einfügen von Absätzen bat und das Umwandeln der Anführungszeichen in deutsche. Aber ich habe zu schnell “Enter” gedrückt. Hier die Antwort von ChatGPT mit dem überarbeiteten Text:
Hier ist eine stilistisch überarbeitete Version mit flüssigerem Rhythmus und klareren Bildern:
Als Lita Vargas Lexi Gold zum ersten Mal begegnete, beugte sich das Mädchen gerade über eine Leiche. Im ersten Moment hatte Lita sie gar nicht erkannt. Lexi wirkte eher wie vierzehn oder fünfzehn — nicht wie die glamouröse junge Frau, stark geschminkt und in gemäßigtem Goth-Stil gekleidet, als die Lita und die Welt sie von Fotos kannten.
„Er ist tot“, stammelte Lexi.
Das hatte Lita sich bereits gedacht. Das blasse Gesicht des Mannes, der regungslos und verkrümmt dalag — und nicht zuletzt die große Blutlache, in der sein Kopf ruhte — ließ nur einen Schluss zu.
Die Bewertung („klarere Bilder“?) finde ich etwas gewagt. Aber das Ergebnis ist nicht schlecht. Absätze waren eingefügt, Anführungszeichen korrigiert, ohne dass ich explizit darum gebeten hatte.
Nach diesem ersten Überarbeiten bot ChatGPT mir an:
Wenn du möchtest, kann ich den Text auch:
· düsterer
· literarischer
· knapper/thrillerartiger
· oder stärker aus Litas Perspektive
machen.
Das machte mich neugierig. Wobei ich nicht vorhabe, mir auf diese Weise helfen zu lassen. Ich entscheide lieber selbst. Und ich stehe den kreativen Fähigkeiten von LLMs aufgrund früherer Tests entschieden skeptisch gegenüber.
Andererseits bin ich ein neugieriger Mensch.
Deshalb promptete ich:
Ja, bitte, mache den Text düsterer und thrillerartiger und betone stärker Litas Perspektive.
Darauf ChatGPT:
Gern — hier eine düsterere, straffere Fassung mit stärkerer Fokussierung auf Litas Wahrnehmung:
Als Lita Vargas Lexi Gold zum ersten Mal sah, kniete das Mädchen über einer Leiche.
Für einen Sekundenbruchteil erkannte Lita sie nicht. Vor ihr war kein Glamour, kein sorgfältig inszeniertes Foto-Gesicht. Lexi wirkte schmal, fast kindlich — eher vierzehn als die junge Frau, die von Magazinseiten herabstarrte. Das Make-up saß noch, aber es konnte nicht verbergen, wie blass sie war.
„Er ist tot“, stammelte Lexi.
Lita antwortete nicht.
Das hatte sie bereits gesehen.
Das Gesicht des Mannes war wächsern. Der Körper lag verdreht, als wäre er im Fallen stecken geblieben. Und der Kopf ruhte in einer dunklen, langsam breiter werdenden Blutlache.
Für Lita gab es daran keinen Zweifel.
Der Mann war tot.
Ja, nee. Da stimmt schon sachlich vieles nicht. Was eine Erfahrung ist, die ich mit LLMs immer wieder mache, und was der Hauptgrund für meine Skepsis ist. Ich bleibe bei meiner Einschätzung in Bezug auf die kreativen Fähigkeiten der KI.
Und der Schreibstil? Sagen wir mal so: Es ist nicht meiner.
Das habe ich aus der ersten überarbeiteten Version gemacht:
Als Lita Vargas Lexi Gold zum ersten Mal begegnete, beugte sich die junge Schauspielerin gerade über eine Leiche.
Im ersten Moment hatte Lita Lexi gar nicht erkannt. Sie wirkte eher wie vierzehn oder fünfzehn — nicht wie die glamouröse junge Frau, stark geschminkt und in gemäßigtem Goth-Stil gekleidet, als die Lita und die Welt sie von Fotos kannten.
Lexi richtete sich auf und schaute Lita fassungslos an.
„Er ist tot“, stammelte sie.
Das hatte Lita bereits vermutet.
Das blasse Gesicht des Mannes, der regungslos und verkrümmt dalag, die große Blutlache, in der sein Hinterkopf ruhte, sowie die Tatsache, dass das Blut bereits getrocknet war. Der starre Blick seiner Augen.
Das alles ließ nur einen Schluss zu.
Ich bin noch nicht ganz glücklich über die Wortwiederholung „ersten“, aber dies ist ja noch nicht die endgültige Fassung.
Mein Fazit: Als Diktierwerkzeug und für einfache Korrekturen erscheint mir ChatGPT durchaus geeignet. Ansonsten bestätigt sich mein Verdacht, dass LLMs auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein werden, Thriller wie meine zu produzieren. So schnell werde ich also nicht arbeitslos ;-)
PS: Ich weiß, dass die Verwendung von ChatGPT aus anderen Gründen problematisch ist, s. Quit ChatGPT: right now! Your subscription is bankrolling authoritarianism (Si apre in una nuova finestra), aber ich bezahle nicht dafür. Insofern richte ich wohl keinen Schaden an.
Claude von Anthropic wäre vorzuziehen. Und für andere Aufgaben (Vorschläge zur Buchbeschreibung machen, Themes und Tropes im fertigen Buch finden usw.) wollte ich Claude ohnehin benutzen, weil man zwar möglicherweise dafür bezahlen muss, es aber besser sein soll.
Aber Claude als Diktierhilfe einzusetzen, ergibt für mich keinen Sinn. Ich arbeite am Laptop und dort verwendet Claude, wenn ich es richtig verstanden habe, die Diktierfunktionen von Apple bw. Windows (die nach meiner Erfahrung allerhand Fehler machen). Oder man kann die Extension voicy verwenden. Aber die wiederum arbeitet mit ChatGPT.
*Inzwischen habe ich herausgefunden, dass ChatGPT diese grundsätzlichen Korrekturen bereits ausführt, wenn ich einfach nur ENTER drücke. Bisher hatte ich den diktierten Text herauskopiert, ohne das zu tun. Ich dachte: Dieser Text ist ja keine Frage und kein Auftrag und vielleicht verwirrt es die KI, wenn ich ENTER drücke. Da habe ich ChatGPT offensichtlich unterschätzt. Was meinen Schreiballtag noch ein wenig einfacher macht.