
Wut ist nicht dein Problem
Sie ist die Infrastruktur für alles, was danach kommt
Jeder kann wütend werden, das ist einfach.
Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.
– Aristoteles, griechischer Philosoph
Du kennst vermutlich Menschen, die nie wütend werden. Nicht mal ein kleines bisschen ärgerlich. Immer verständnisvoll, immer ausgleichend, immer die, die deeskalieren. Das wird bewundert und gilt als reif, stabil, charakterstark. Aber stimmt das wirklich?
Wut gilt heute als das Gegenteil von Reife. Wut gilt als primitiv, gefährlich, männlich, toxisch. Überall ist Wut etwas, das “gemanagt” werden muss. In der Therapie-Landschaft, in Achtsamkeitskursen, im Alltag heißt es: regulieren, beruhigen, wegatmen. Zuhören und empathisch sein - das sind die gefragten Eigenschaften. Was bleibt, ist ein Idealbild: immer verständnisvoll, immer sanft, immer bereit zu verstehen.
Wut und Zorn – eine wichtige Unterscheidung
Wut und Zorn sind neurologisch zwei grundverschiedene Emotionen. Dass wir sie wie dasselbe behandeln, ist ein Fehler. Beginnen wir mit Zorn: Zorn ist irrational, verletzt, stößt weg, denn er entsteht aus Scham oder Ohnmacht. Denk an jemanden, der wegen einer Kleinigkeit explodiert. Das ist fast nie Wut, das ist ein aufgestauter Schmerz, der einen Ausweg gefunden hat. Zorn ist wie eine Atombombe, obwohl es auch eine Fliegenklatsche getan hätte.
Wut dagegen entwickelte sich evolutionär mit der Gruppe: mit Bindung und Fürsorge. Wut ist sozial und kontaktfähig. Wenn sie ausgedrückt wird, kann sie Beziehungen klären, nicht zerstören. Stell dir vor, wie Eltern sich auf einen Einbrecher stürzen würden, der das eigene Kind angreift. Es geht hier um Schutz und um Grenzen.
Verdrängte Wut, fehlende Grenzen
Die meisten von uns haben das früh gelernt: Wut wird nicht toleriert, sie gefährdet Beziehungen. Einige Kinder rebellieren dagegen und sind als Erwachsene noch immer wütend. Die meisten aber lernen ihre Lektion und schlucken ihre Wut – bis sie irgendwann vergessen haben, dass sie je welche hatten.
Wut wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend auch aus der Therapie verdrängt. Nicht etwa, weil man erkannt hat, dass sie schädlich ist. Sondern weil sie unbequem ist für uns, für unsere Partner, für ein Umfeld, das Harmonie bevorzugt. Der Zeitgeist ist durch die Trauma-Aufarbeitung geprägt und hat alle negativen Gefühle zu Symptomen erklärt, die behandelt oder reguliert werden müssen. Wut ist zum Sicherheitsrisiko geworden. Aber das Ergebnis ist nicht etwa ein innerer Frieden. Es ist ein Verlust an Lebendigkeit. Wer Wut wegatmet, atmet mit ihr auch Grenzen, Durchsetzungsfähigkeit und persönliche Macht weg. Das sind keine Kleinigkeiten, das ist das Fundament.
Wenn Wut verbindet
Wut ist nicht das Gegenteil von Liebe, sie ist eine Form von Kontakt. Denn wer wütend ist, hat noch etwas zu verlieren – eine Erwartung, eine Grenze, sich selbst. Wer gar nicht mehr wütend werden kann, hat sich bereits verabschiedet. Von der Beziehung, vom Anspruch, manchmal von sich. Stell dir vor, du bist auf einem Boot und wirfst deine Wut über Bord. Was du nicht siehst: An ihr hängen Ketten. Als erstes geht deine Durchsetzungskraft über Bord. Dann deine Grenzen. Zuletzt deine Kraft.
Wut ist die emotionale Infrastruktur für alles, was danach kommt: die Fähigkeit, Nein zu sagen. Für dich einzustehen. Etwas anzusprechen, das nicht stimmt. Ohne sie ist Selbstbewusstsein nur ein Konzept.
Wut ist Information, oft präziser als jede rationale Analyse. Sie sagt dir: Hier ist etwas nicht in Ordnung. Hier wurde etwas von dir genommen. Und ganz oft sagt sie dir, dass du hier weniger wert bist, als es richtig wäre. Fang also an, deine Wut wahrzunehmen – bevor du sie regulierst – und dich zu fragen: Worum geht es hier wirklich?
Wut ist oft dort am stärksten, wo wir sie am wenigsten erwarten. Nicht in Konflikten, sondern in stillen Momenten, in denen wir merken, dass etwas nicht stimmt. Miriam hat dafür eine Übung entwickelt, die dich genau dorthin führt.
Wir lesen uns nächste Woche.
– Britta
Jetzt bist du dran: Schreibimpuls der Woche
An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.
In der folgenden Übung bekommt deine Wut Raum, sich zu äußern.
Erinnere dich an eine Situation, in der du richtig wütend geworden bist oder gerne wütend geworden wärst. Wenn dir nicht sofort etwas einfällt, gehe die Personen in deiner Umgebung durch: Wem hast du oder wolltest du zuletzt so richtig die Meinung geigen?
Hast du eine Person und eine Situation identifiziert? Dann hole dir die Situation vor deinem inneren Auge hoch. Was genau ist passiert? Und was daran genau hat deine Wut geweckt?
Nimm nun den Stift in die Hand, setze ihn aufs Papier und schreibe eine spontane Wutrede an das Gegenüber, das deine Wut geweckt hat. Lege ihm mit flammenden Worten dar, welche Linie es gerade übertreten hat und warum das inakzeptabel ist.
Schreibe alles auf, was dir kommt. Ungefiltert, unzensiert, so wie es dir aus dem Stift fließt. Schreibe, wenn du magst, mit großen Worten, emotional und pathetisch.
Stelle dir für diese Übung einen Timer auf 7 Minuten. Wenn du früher fertig bist, auch gut. Du solltest deine Wut nicht länger dehnen als sie tatsächlich vorhanden ist.
Ende, wenn der Timer klingelt (oder wenn du fertig bist), mit einem starken Appell, der deine Entschlossenheit klarmacht und verwende dabei so viele Ausrufezeichen, wie du brauchst.
Ausklang & Reflexion
Bei dieser Übung können starke Gefühle hochkommen. Gib dir nach deiner Schreibzeit darum noch etwas Zeit, die entstandenen Emotionen ausklingen zu lassen. Wenn du magst, schreib darüber:
Wie war es für dich, diese Emotion einmal zuzulassen? Wie hat es sich angefühlt, alles einmal aufzuschreiben, es zu- und rauszulassen? Und hast du aus diesem Schreiben etwas Neues über deine Wut gelernt?
Wie war diese Übung für dich? Erzähle uns davon!
Wenn du magst: Erzähle Britta und mir von deiner Schreiberfahrung. Wir würden gerne wissen, wie sich diese Übung für dich angefühlt hat.
Schreib uns an: hello@innerwriting.de (Si apre in una nuova finestra)
Gutes Schreiben! ✍️❤️
– Miriam
Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.
Wie auch immer es gerade für dich ist:
Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.
Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.
Schon neugierig?
Nächste Woche geht es bei Inner Writing um Empathie, die zur Falle wird: Wenn Menschen alles und jeden um sich herum spüren – nur nicht sich selbst. Wann stößt Empathie an ihre Grenzen? Und wie finden wir dann zurück zu uns selbst?
Lies nächste Woche wieder rein!
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Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.
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