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Wenige Wochen,

nachdem ich meine Stelle als Redakteur eines Magazins gekündigt hatte, entdeckte ich eine Anzeige, die ich mir genauer ansehen musste. Es war Frühjahr 2022, die Zeit, als viel über Great Resignation und Quiet Quitting gesprochen wurde. Viele Beschäftigte sahen sich veranlasst, nur noch das Nötigste zu leisten oder ihren Arbeitsplatz ganz aufzugeben – aus Frustration über schlechte Arbeitsbedingungen, fehlende Wertschät­zung und mangelnde Perspektiven. Auch ich gehörte zu jenen, die erkannt hatten, dass sie so nicht weitermachen wollten. Ich konnte die unangenehmen Gefühle nicht länger wegschieben: die dauernde Überlastung, die wiederkehrende Enttäuschung, die wach­senden Zweifel, mit meiner täglichen Arbeit wirklich etwas Sinnvolles zu tun. Resignation, das englische Wort für Kündigung, bedeutete für mich tatsächlich eher ein inneres Auf­geben.

Schon länger hatte ich darüber nachgedacht, mich selbstständig zu machen. Doch die richtige Entscheidung braucht immer auch die richtige Zeit – und die war gekommen. An­fangs traute ich der Sache allerdings noch nicht ganz. Gelegentlich sah ich mir Jobange­bote an. Fast so, als müsste ich mich vergewissern, dass ich wirklich nichts davon machen wollte.

So landete ich auf der Seite eines Zeitungsverlags und stieß zufällig auf die Stellen­ausschreibung für die Kinderseiten. Ich las sie mir interessehalber durch. Das Angebot für die jüngste Zielgruppe sollte neu konzipiert werden. Die ausgeschriebene Position klang vielseitig und anspruchsvoll. Interessiert an dem Job war ich nicht, was zum gewünschten Effekt beitrug, dass Stellenanzeigen in dieser Phase eher abschreckend auf mich wirkten.

Die heutige Ausgabe ist ein Auszug aus meinem neuen Buch. Die zeitintelligente Organisation erscheint am Montag, 19. Januar, bei Haufe. Die ausgewählte Passage erzählt, wie das Buch entstanden ist und warum mich die Frage umtreibt, wie wir Arbeit und Zeit so gestalten können, dass Menschen gesund, selbstbestimmt und gegenwärtiger leben können.

Außerdem verlose ich heute unter allen Inseln der Zeit-Abonnent*innen drei gedruckte Exemplare des Buchs. Weitere Informationen findest du am Ende der Ausgabe.

Trotzdem löste die Ausschreibung etwas in mir aus. Das Ungenaue, das Ungesagte und Widersprüchliche, das in vielen Stellenanzeigen zu fin­den ist, fiel mir hier besonders auf. Der Verlag suchte eine berufserfahrene Person mit Ge­spür für die Interessen von Kindern. Dass sich hier eine Mutter oder ein Vater bewarb, war nicht unwahrscheinlich. Ein Glück also, dass im Unternehmen laut Anzeige »Family first« galt. Dafür gab es vielversprechende Benefits: Sonderurlaube und Kinderbetreuungszuschüsse, dazu mobiles Arbeiten, flexible Arbeitszeiten und 30 Tage Urlaub. Doch ganz oben, in fetten Großbuchstaben, stand eine Aussage, die für mich längst zur roten Flagge geworden war: »ab sofort in Vollzeit«.

Was das Unternehmen unter »Family first« verstand, blieb unklar. Wie der Vorrang der Fa­milie mit einer Vollzeitstelle und unbeständigen Arbeitszeiten, die im Journalismus üb­lich sind, zu vereinbaren sein sollte, blieb das Geheimnis der Personalabteilung, die diese Anzeige formuliert hatte. Sie löste diesen offensichtlichen Widerspruch nicht auf. Dafür nannte sie zahlreiche Details wie Gratiskaffee, Jobräder und moderne Schreibtische. Da­runter konnte ich mir etwas vorstellen.

Aber eine Idee davon, welche Regeln für mobiles Arbeiten und flexible Arbeitszeiten galten, ob, wann und wie kurzfristig ich Sonderurlaub nehmen konnte, wenn in der Familie etwas Unvorhergesehenes passiert, oder ob es Unter­stützungsangebote gäbe, wenn ich neben der Arbeit einen Angehörigen pflegen muss – all das blieb unbeantwortet. Dabei sind es zentrale Fragen, die für viele Arbeitsuchende eine hohe Relevanz haben. Um mehr zu erfahren, müsste man also nachfragen. Doch welches Bild würde ein solcher erster Kontakt vermitteln? Wäre es nicht eine weitere Bestätigung für die inzwischen gängige Annahme, dass heutzutage ja niemand mehr arbeiten möchte?

Als Vater von zwei Kindern, als ehrenamtlich tätige Person, als kritischer Beobachter der Entwicklungen in der Arbeitswelt, aber auch als jemand, der persönlich weder den Wunsch noch die Kapazitäten hat, dauerhaft 40 oder mehr Stunden pro Woche berufstätig zu sein, machte mich die Ausschreibung etwas ratlos. Ich merkte, dass ich schon lange nicht mehr bereit war, mich auf eine solche Stelle zu bewerben. Nachdem ich mehrere Jahre in einer Arbeitswelt verbrachte, die mir inkompatibel erschien mit meinen persönlichen Eigen­schaften, Lebensverhältnissen, Überzeugungen und dem, was ich in jahrelangen Recher­chen als Journalist und Soziologe über gesundes, produktives und zeitgerechtes Arbeiten gelernt hatte, erkannte ich: Ich möchte anders arbeiten und ich möchte anders leben. Und ich wollte mir keine Familienfreundlichkeit vorgaukeln lassen, wenn die Bereitschaft, 40 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz zu erscheinen, fraglos vorausgesetzt wird.

Nein, ich wollte in Zukunft auf eine Weise tätig sein, die zu mir passte. Die meinem Rhyth­mus entsprach und mir ermöglichte, meine Ziele und Lebensmotive zu verfolgen. Die meine körperlichen, psychischen und zeitlichen Grenzen respektierte. Doch ich zweifelte zunehmend daran, dass der Arbeitsmarkt eine Stelle bot, die all das ermöglichen würde. Woran ich hingegen nicht mehr zweifelte, waren meine Bedürfnisse. Das hatte ich lange genug getan. Was ich verlangte, war nicht viel. Es war nicht mehr und nicht weniger, als dass sich die Arbeitswelt mit der Tatsache befasste, dass sich sehr viele Menschen einen anderen Umgang mit Zeit wünschten. Und zwar nicht aus Bequemlichkeit oder mangeln­der Motivation, sondern aus tiefer Überzeugung und Notwendigkeit.

Ich stieß auf eine weitere Anzeige des Verlags. Und hier wurde es beim Thema Zeit kon­kreter, allerdings nur bei den Anforderungen an die Bewerbenden. In der Ausschreibung, die ebenfalls mit »Family first« warb, kam es auf schnelles Arbeiten, Flexibilität inklusive der Bereitschaft zu kurzfristigen Dienstreisen an. Ob mein Arbeitgeber im Gegenzug aber auch bereit sein würde, mir kurzfristige Auszeiten zu ermöglichen, wenn ich sie für mich oder meine Familienangehörigen brauchte, erfuhr ich nicht.

So vieles, was essenziell für die Lebensgestaltung von Arbeitnehmenden ist, bleibt in solchen Ausschreibungen vage und ungeklärt. Was darauf hindeutet, dass über zeitliche Bedürfnisse und reale Lebensbedingungen in Organisationen nach wie vor nicht ernst­haft gesprochen wird. Das Lesen dieser Anzeige in einer Phase, in der ich mich von dem Gedanken an eine feste Stelle verabschiedete, löste etwas in mir aus:

Wie kann es sein, dass wir seit Jahren über Work-Life-Balance, flexibles Arbeiten, Vereinbarkeit und Ver­trauensarbeitszeit sprechen, aber nicht wissen, was genau damit gemeint ist? Warum gibt es keine verständliche Sprache, keine gängigen Modelle, keine klaren Strukturen, die ein flexibles, vereinbares und vertrauensvolles Arbeitszeitmodell kennzeichnen?

Drei Gründe sind für mich zentral. Erstens sind Versprechen wie »Family first« häufig nicht ernst gemeint, was Arbeitgeber aber nur ungern zugeben. Wer eine Stelle ausschreibt und keine andere Option bietet als Vollzeit, stellt eben nicht die Familie, sondern die Arbeit an erste Stelle. Zwar gelingt es Beschäftigten mitunter, kürzere Arbeitszeiten auszuhandeln oder von ihrem Recht auf Teilzeit Gebrauch zu machen. Doch dies führt oft dazu, dass sie von bestimmten Positionen und Karrierewegen ausgeschlossen werden. Zudem bringt es sie in eine Rechtfertigungshaltung: Teilzeit erscheint als Ausnahme von der geforder­ten Vollzeit und wirkt allein wegen des Begriffs Teilzeit wie ein fehlendes Bekenntnis zum Arbeitgeber.

Zweitens: Vage Formulierungen wie »flexible Arbeitszeiten« klingen gut und bieten Or­ganisationen den Vorteil, sich zeitgemäß zu präsentieren, ohne konkrete Rahmenbe­dingungen schaffen zu müssen. Schlagworte wie Work-Life-Balance wirken modern und vertraut, sodass sie vermeintlich selbsterklärend sind. Das ermöglicht Organisationen, im Unklaren zu bleiben, was damit eigentlich gemeint ist. Praktisch für sie, da sich Bewer­bende wie Angestellte kaum auf Verbindliches stützen können. Es steckt also durchaus Kalkül dahinter.

Aber nicht nur. Denn drittens fehlen vielen Organisationen die Erfahrungen und Kompe­tenzen, um die verschiedenen Dimensionen von Zeit, die von so grundlegender Bedeu­tung für die Lebensgestaltung der Mitarbeitenden sind, angemessen zu berücksichtigen und in einem lebbaren Arbeitsmodell zusammenzuführen.

Es bestehen in der organisationalen Zeitgestaltung also Erkenntnis- und Handlungsde­fizite auf mehreren Ebenen. Es mangelt an Bewusstsein, Genauigkeit, Konsistenz und oft auch an Fairness im Umgang mit Zeit. Allein mit Absichtserklärungen ist nicht viel er­reicht – was auch für andere Aspekte wie Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion gilt. Arbeitszeitmodelle müssen sich an der Kultur einer Organisation, an vor­handenen Strukturen und Ressourcen und insbesondere an der alltäglich gelebten Praxis messen lassen.

Die genannten Defizite sind nicht auf die Medienbranche beschränkt, sondern im gesam­ten Erwerbssystem verbreitet und Grund genug, darüber nachzudenken, wie sich die Si­tuation verbessern ließe. Damit begann ich im Frühjahr 2022. Nach und nach entwickelte ich eine Vorstellung davon, wie ein durchdachtes, praxis- und lebensnahes Arbeitsmodell aussehen könnte, das Zeit in einem umfassenden Sinn würdigt.

Es folgten mehrere Vorträge und Workshops bei Organisationsberatungen und For­schungseinrichtungen, in denen ich erstmals die verschiedenen Elemente vorstellte, die aus meiner Sicht Bestandteile eines modernen, menschenfreundlichen Arbeitszeitmo­dells sein sollten. Die Überlegungen aus dieser Zeit, die Diskussionen mit den Teilneh­menden und mein wachsendes Unbehagen darüber, wie nachlässig wir noch immer mit dem Thema Arbeitszeit umgehen, bilden die Grundlage dieses Buches.

Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, dass ich es einmal schreiben würde. Jetzt ist daraus ein Buch geworden, das von Organisationen und vor allem von Menschen in Orga­nisationen handelt, die die Haltung, die Fähigkeiten und die Rahmenbedingungen entwi­ckeln, die ich als Zeitintelligenz bezeichne.

Was ich genau darunter verstehe, und wie Arbeit so gestaltet werden kann, dass sie nicht erschöpft, sondern Menschen trägt, davon handelt Die zeitintelligente Organisation.

Das Buch ist entstanden aus vielen Gesprächen mit Wissenschaftler*innen, Unternehmer*innen und Beschäftigten, aus Studien, Modellprojekten, Büchern, langem Nachdenken und Schreiben über Zeit – sowie meiner Überzeugung, dass Zeitwohlstand nicht nach Feierabend beginnt, sondern am Arbeitsplatz.

Es geht um Eigenzeit und Erholung, Fokus und Führung, die Kraft des Nichtstuns, neue Vollzeitnormen und darum, Arbeitszeit so zu gestalten, dass sie produktiv, wertschöpfend und sinnstiftend ist. Und damit Menschen das Leben führen können, das sie führen möchten, ohne auszubrennen und ohne ihr Leben zu verpassen.

Zum Abschluss noch eine Einladung: Ich verlose unter allen Leser*innen dieser Ausgabe drei gedruckte Exemplare von „Die zeitintelligente Organisation“.

Wenn du teilnehmen möchtest, schreib mir bis Freitag, 30. Januar, eine kurze Mail und beantworte eine einfache Frage: Was bedeutet für dich zeitintelligentes Arbeiten?

Antworte einfach auf diese Mail oder schreib mir an mail@stefanboes.de (Si apre in una nuova finestra), falls du die Ausgabe im Browser liest. Ein paar Sätze genügen. Ich melde mich bei den Gewinner*innen persönlich.

Danke fürs Mitlesen und Mitdenken!

Ich wünsche dir einen guten Start in die neue Woche,
Stefan

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