Ich war mit einem Freund auf dem Rückweg vom Waldfreibad. Wir fuhren mit dem Fahrrad durch den Teutoburger Wald, an Feldern, Pferdekoppeln und Bauernhöfen vorbei. Die Mittagsonne stand wolkenlos am Himmel.
Ich weiß nicht genau, warum, aber ich musste an das Lied Summer Years von Death Cab for Cutie denken. Wahrscheinlich hatte es mit dem Gespräch zu tun, das wir am Vortag geführt hatten und damit, dass Musik immer Teil unseres Austauschs war. Mein Freund ist Musiker, in unserer Jugend hatten wir eine Band.
You can’t double back to your summer years, heißt es in dem Lied. Es handelt, so kommt es mir vor, von der Traurigkeit über etwas unwiederbringlich Verlorenes. Davon, dass die Zeit unumkehrbar ist. Und davon, dass sie uns manchmal auf Wege führt, die uns voneinander entfernen, ohne dass wir es verhindern können. As we’re walking lines in parallel that will never meet and it’s just as well.
It’s just as well. Es ist auch gut so.
Ich fragte meinen Freund, ob wir uns gerade in unseren Sommerjahren befinden. Er ist 37, ich 38 Jahre alt. Das Gefühl, am Anfang zu stehen, liegt weit zurück. Die unbeschwerten, leichten Jahre, in denen alles möglich schien – waren das nicht die Sommerjahre? Jahre der Freiheit, Lebendigkeit und Leidenschaft, während heute finanzielle, familiäre, berufliche und gesundheitliche Zwänge dominieren und einengen. Zeichen des körperlichen Alterns werden sichtbar, lange gehegte Träume lösen sich auf.
Als ich vor fünf Jahren aus der Stadt zurück in meinen Heimatort zog, habe ich mich gefragt: War es das jetzt? Bleibe ich nun immer hier, lebe immer dieses Leben, tue immer diese Dinge? Ich hatte Schwierigkeiten, das Gefühl eines Neuanfangs zu empfinden. Mit der Zeit kam es mir eher so vor, als schließe sich ein Fenster von Möglichkeiten. Das deprimierte mich, oder vielleicht führte auch mein in den vergangenen Jahren häufig depressiv getrübter Blick auf mich und die Welt dazu, dass ich glaubte, ich hätte bereits einen Punkt erreicht, von dem aus keine Aufbrüche mehr möglich sind.
Heute weiß ich, dass es zum Glück ganz anders ist. Ich ahnte nicht, dass das Gefühl, im eigenen Leben festzustecken der Ausgangspunkt sein würde, um mich selbst als Mensch noch einmal neu kennenzulernen, oder wahrscheinlich sogar: mich nicht neu, sondern endlich richtig kennenzulernen und anzunehmen.
Ich bewege mich auf die Mitte des Lebens zu. Vieles liegt hinter mir, vieles ist für immer verloren, manches blieb unvollendet am Wegesrand zurück, viele lose Enden. Ist es eine Zeit der unerfüllten Hoffnungen? Eine Krisenzeit, in der wir Ambitionen und Kraft aufgeben, in der Routinen und Langeweile dominieren, in der wir uns weniger verbunden mit dem Leben fühlen?
Ich sagte zu meinem Freund, dass es ja auch ganz anders sein könnte; dass wir noch weit vom Winter unseres Lebens entfernt sind, und dass jetzt der Sommer unseres Lebens stattfindet. Dass nach der unbeständigen Zeit des Wachstums und Aufblühens, nun eine Zeit der Reife und Entfaltung eingesetzt hat, in der wir die Fülle unseres Lebens, unserer Geschichte und unseres Selbst spüren können. Wir sind in der Mitte des Lebens angekommen, und hoffentlich noch lange nicht am Ende.
Darüber dachten wir lange nach und stellten, wie so oft in unserer langen Freundschaft fest, wie ähnlich die Punkte waren, an denen wir gerade standen. Unsere Linien hatten sich wieder einmal berührt.
„Ich befinde mich in einem Wechsel“, sagte mein Freund. Er machte gerade seine erste größere Pause seit langer Zeit. Sie stellte sich für ihn aber nicht nur als eine Auszeit heraus, die ihm half, die gewohnte Bahn zu verlassen und neue Kraft zu gewinnen, um anschließend gut erholt ins alte Leben zurückzukehren. Das, was er in seiner Pause erlebte und spürte, deutete Möglichkeiten an, wie er seine Lebenszeit auch füllen könnte. Was also, wenn die Bahn, auf die die Auszeit führte, gar kein Abstellgleis war, sondern vielleicht ein anderer Weg, ein Richtungswechsel?
Ich hörte ihm zu, dachte darüber nach und musste an meine neueste Newsletterausgabe mit dem Titel Unerwartete Wendungen denken, die ich wenige Tage zuvor verschickt hatte. Darin hatte ich geschrieben:
Beschäftigt zu sein entlastet von der Aufgabe, zu hinterfragen und neu zu justieren, was man da eigentlich die ganze Zeit macht, welche Zufriedenheit das tatsächlich stiftet und welchem langfristigen Zweck damit gedient ist. […] Wenn ich einfach immer weitermache mit dem, was ich bisher schon gemacht habe, stellt sich bei mir immer irgendwann eine Ermüdung ein und der Wunsch nach Veränderung.
Für mich ist das kein Ausdruck mangelnder Entschlossenheit, Kontinuität oder Zufriedenheit, sondern der einzige Modus, der dem Leben gerecht wird. Denn Zeit ist Veränderung. Das Festhalten an Gewohntem ist der Versuch auszublenden, dass das Leben ständigem Wandel unterworfen ist. Immer wieder die Terminkalender zu füllen und Aufgaben und Ziele abzuarbeiten, die wir uns einmal gesetzt haben, ändert nichts daran, dass sich die Zeiten ändern und im Fluss sind, und dass in diesem Fluss auch unsere Lebenszeit beständig verrinnt.

Ein Jahr ist seitdem vergangen. Und heute, zufällig fiel mir der damals begonnene Text wieder in die Hände. Zufällig genau an dem Tag, an dem mein Freund ein neues Lied veröffentlicht hat. Es heißt Wie erwartet. Darin singt er:
Es kommt nie nur wie erwartet, es kommt auch so, wie es will.
Ich habe meinen Text damals für unvollendet gehalten, daher ist er nicht erschienen. Aber vielleicht geht es gerade darum: die losen Enden und offenen Fragen nicht irgendwo im Verborgenen abzulegen, wo sie als leiser Schatten bleiben, weiter arbeiten und warten, eines Tages beantwortet und vollendet zu werden. Sondern sie ans Licht zu holen, um sie sehen und dann loslassen zu können.
Manche Dinge sind unvollständig, und genau darin ganz. Weil sie nichts werden müssen und einfach sein dürfen. Weil ihre Wahrheit nicht im Ausgang liegt, sondern im Erleben selbst. Wenn das Leben ein ständiges Werden ist, ein ständiger Zwischenraum, dann machen mir die Herbst- und Winterjahre wenig Angst, weil auch sie mich noch verwandeln können. Noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass es möglich ist, aus eigener Kraft noch einmal von vorn anzufangen und ein neuer, junger Mensch zu werden. Jetzt glaube ich daran.
Dies ist die letzte Newsletterausgabe für eine Weile und ich verabschiede mich mit einem Gedicht von Hermann Hesse in die Sommerpause, das ich vor wenigen Tagen gelesen habe, es heißt Glück:
Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.
Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.
Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,
Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz – und deine Seele ruht.
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Eine gute Zeit,
Stefan
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