Passa al contenuto principale

#4 Das perfekte Opfer

Liebe Leser:innen,

Vor ein paar Tagen kam mir auf Instagram ein neun Jahre alter BBC-Sketch unter, der leider nichts an Aktualität eingebüßt hat. In dem Satire-Video (Si apre in una nuova finestra) von Komikerin Tracy Ullman wird vorgeführt, wie es aussehen würde, begegnete man anderen Verbrechensopfern so, wie man es - bis heute - bei Vergewaltigungsopfern tut. “Was hatten Sie an?”, “Haben Sie den Täter provoziert?”, “Wieso waren Sie da überhaupt unterwegs?” - man kennt solche Reaktionen seitens Behörden, seitens der breiten Öffentlichkeit, ja selbst seitens des persönlichen Umfelds. Und das gilt nicht nur bei Vergewaltigungen. 

Sobald einer Frau Gewalt angetan oder sie einem Übergriff ausgesetzt wird, klickt bei vielen ein Trigger, der nur noch ausloten will, wie viel Schuld man der Betroffenen zuschieben kann. Irgendetwas macht das Opfer immer “falsch”. Anstatt die eigentliche Tat zu kritisieren, wird dann rasch umgeschwenkt auf ein Sezieren des Verhaltens der Betroffenen. Man geht auf Spurensuche, wodurch der Gewaltakt womöglich “mitverursacht” worden sein könnte, oder es wird in Abrede gestellt, dass überhaupt ein Übergriff vorliegt, denn man hätte ja an dieser oder jener Stelle mit x oder y reagieren können. Es scheint so etwas wie eine Idealvorstellung eines Opfers zu geben. Und wenn diese nicht erfüllt wird, dann kann es “so schlimm schon nicht gewesen sein”. Spoiler: Dieses “Ideal” wird nie erfüllt. 

Immer das gleiche Muster

Im Fall eines prominenten Medienmanagers wird aktuell die Frage verhandelt, wie viel bzw. wenig Opfer eine Frau sein kann, die auf sexuell übergriffige Nachrichten und das ungebetene Zusenden von Dick Pics nicht ausschließlich mit einem “Scher dich zum Teufel” reagiert hat. Da waren auch freundliche Nachrichten und außerdem hat sie den Mann mit Spitznamen angesprochen, kann dieses Opfer überhaupt ein “echtes” Opfer sein? Dass die Betroffene mehrfach selbst betont (und belegt) hat, dass sie das nicht wollte, rückt in den Hintergrund. Machtgefälle zwischen Chef und Angestellter werden ausgeblendet, das Nein der Frau herabgesetzt - weil sich viele weder in eine solche Situation einfühlen wollen, noch akzeptieren, dass ein Übergriff auch dann einer ist, wenn man sich davor einmal gut verstanden hat. 

“Da dürfen sich die Frauen nicht wundern”, meint ein bekannter Anwalt und ortet das Problem bei sexueller Belästigung nicht zuvorderst beim toxischen Verhalten von Männern, sondern gibt den “Miniröcken” die Schuld. Klingt zu arg nach Klischee? Man mag es nicht glauben, aber auch solche Aussagen gehen 2026 in Talkrunden noch live auf Sendung (Si apre in una nuova finestra).

Selbst im Fall Gisele Pelicot, der auch strafrechtlich nicht eindeutiger sein könnte (alle Angeklagten wurden verurteilt), sah sich die Betroffene im Laufe des Prozesses mit unglaublichen relativierenden Aussagen seitens der Starfverteidiger:innen konfrontiert. Der Bürgermeister von Mazan verharmloste (in einer ersten Reaktion) die Grausamkeiten, die Pelicot widerfahren sind, und meinte, es hätte auch schlimmer sein können. Denn es wären ja keine Kinder beteiligt und niemand getötet worden. Von 80 Männern vergewaltigt zu werden, reichte offenbar nicht, um dieser Frau uneingeschränkt zur Seite zu stehen. Gisele Pelicot weigerte sich jedenfalls, den Klischeevorstellungen eines passiven Opfers zu entsprechen. In schonungsloser Selbstreflexion beschreibt sie in ihren Memoiren, wie sie gegen den Opferstatus ankämpfte und vor Gericht auf konkrete Begrifflichkeiten bestand - etwa, dass eine Vergewaltigung auch als Vergewaltigung bezeichnet wird (was manche Anwälte verhindern wollten). 

Geh doch

Vor wenigen Tagen machte in Österreich wieder ein Femizid Schlagzeilen. Ein 36-Jähriger tötete seine 35-jährige Partnerin im Zuge eines Streits. Das Land bewegt sich bei Frauenmorden im europäischen Spitzenfeld. In Deutschland kommt es (je nach Definition in der Statistik) etwa alle zwei Tage zu einem Femizid, weltweit etwa alle zehn Minuten. Generell wird jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt. Die meiste davon geschieht in Partnerschaften bzw. im familiären Umfeld. 

Doch anstatt das gewaltige Ausmaß dieser Zahlen zu begreifen und den (überwiegend männlichen) Tätern mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten, fällt vielen nichts Besseres ein als zu fragen: “Na, wieso ist sie denn bei dem geblieben?” Die Verantwortung wird auf das Opfer zumindest teilausgelagert. 

Die am Wochenende in der Steiermark getötete 35-Jährige hatte vor, zu gehen. Medienberichten zufolge hat sie ihrem Ehemann kurz vor der Tat mitgeteilt, sich scheiden lassen zu wollen. Und laut Statistik gibt es bei Partnerschaftsgewalt nichts Tödlicheres als das. Denn bei den meisten Frauenmorden sind Trennungssituationen der Auslöser (Si apre in una nuova finestra).

Aufmerksamkeit ungleich verteilt

Gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie ein “richtiges” Opfer zu sein - und auch auszusehen - hat, werden übrigens auch medial mitgeprägt. Es gibt zum Beispiel das sogenannte Missing White Woman Syndrome. Das Phänomen beschreibt, wie Massenmedien bei Vermisstenfällen jungen, weißen Frauen bzw. Mädchen aus der Mittelschicht überproportional viel Berichterstattung einräumen. Entsprechen Betroffene nicht diesem Klischee, erhalten sie auch deutlich weniger mediale Fläche und Mitgefühl. 

Ähnliches konnte man auch bei der Femizidberichterstattung in österreichischen Medien im Jahr 2025 beobachten. Den weitaus größten Anteil an Aufmerksamkeit erhielt der Fall einer jungen Influencerin aus Graz, die zufällig eben diese Klischees erfüllte. Femizid-Fälle von Migrantinnen oder auch älteren Frauen werden weitaus weniger breit in Medien abgehandelt. 

Wehr dich halt

Auch wenn es um Belästigung am Arbeitsplatz, sexistische Kommentare oder anzügliche Witze geht, wird die Verantwortung gerne vom Täter weg auf das Opfer gelenkt. Man dürfe sich eben nichts gefallen lassen, müsse sich halt wehren, oder sollte nicht so empfindlich sein, heißt es dann oft. So, als wäre man einfach selbst schuld an dem Geschehenen.

Doch an dieser Stelle sei ganz klar gesagt: Keine Frau ist für Übergriffe oder Gewalt, die ihr angetan wird, verantwortlich. Niemand muss sich in irgendeiner besonderen Weise verhalten, um sich ein “Recht” auf Unversehrtheit und Respekt “zu erarbeiten”. Kein Mensch muss besonders “stark” oder im Besitz irgendeiner anderen Eigenschaft sein, um sich ein gewaltfreies Leben erstmal “zu verdienen”. Es ist völlig gleichgültig, ob eine Person besonders sympathisch ist, ideologisch im gleichen Lager spielt oder in ihrem Leben selbst schon einmal Fehler gemacht hat. 

Es gibt kein “pefektes Opfer” und es soll und darf ein solches auch nicht geben. Wie Betroffene auf Gewalterfahrungen reagieren, ist individuell unterschiedlich und in persönliche Umstände gebettet. Was allerdings nicht individuell, sondern systemisch und immer gleich ist, sind die dahinter liegenden patriarchalen Muster, nach denen unsere Gesellschaft funktioniert, und die Klischees, die sie erzeugen. Es sind jene Muster, die eine Täter-Opfer-Umkehr begünstigen, in denen Frauen weniger geglaubt wird und die daran mitkwirken, dass nur ein kleiner Bruchteil der Gewalttaten überhaupt angezeigt wird.

Hören wir also auf mit den Relativierungen und fangen wir an mit dem schonungslosen Benennen von Übergriffen, Machtmissbrauch und Gewalt.

In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir ziehen unsere Miniröcke an!

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Keine Frauen e avvia una conversazione.
Sostieni