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Was nicht unwahr ist

Collage mit Steinfiguren, Schrift und der Aufschrift: Wem gehlren Märchen und bedrohte Weiten (noch)
Collage 1/2026 © Kristina Klecko

Vor wenigen Tagen las ich in einem Essay der US-Amerikanischen Autorin Joan Didion, dass es Menschen gibt, die keinen Drang verspüren, sich Notizen zu machen ­– ich konnte es zunächst nicht glauben. Dann ging ich im Kopf Familienmitglieder und Bekannte durch, es stimmt: Ich kenne einige Menschen, die etwas erleben, auf Interessantes stoßen, ein Buch lesen – und nichts davon verschriftlichen müssen. So seltsam es jetzt (auch für mich) klingt, bis zu dieser Lektüre war mir nicht bewusst, dass das Notieren kein allgemeiner Reflex ist. Ich dachte, es wäre etwas, das alle Menschen tun, wie Zähne putzen, damit Eindrücke und Gedanken nicht wie Murmeln auseinander kullern, hinter Gegenständlichem verschwinden ... für immer weg sind.

Ich glaube an den Grundsatz, dass gut notiert halb geschrieben ist, weil ich weiß, dass aus unbeholfenen Notizen Rohentwürfe, später Texte entstehen können, aus Nichts aber selten etwas entsteht.

Didion charakterisiert Menschen wie mich wenig schmeichelnd:

„Besitzer von Notizbüchern gehören zu einem anderen Menschenschlag, sie sind einsam und widerborstig und müssen die Dinge ständig neu sortieren, sie sind ängstlich und unzufrieden (…).“

Joan Didion, „Vom Sinn, ein Notizbuch zu besitzen“ in Slouching towards Bethlehem, übers. v. Antje Rávik Strubel

Während ich mich noch pro forma empöre, springt mein Gehirn bereits um einen Clip herum, in dem die Sängerin Taylor Swift auf die Aussage, Republikaner respektierten Frauen nicht genug, um mit ihnen zu diskutieren, antwortet: „It’s not not true“. (Dt. etwa „Es ist nicht nicht wahr.“)

Wenn ich weiter darüber nachdenke, und ich meine in Wahrheit “in meine Notizen schaue”, finde ich zahlreiche Aussagen über Autor*innen, die einen gewissen Hang zu Einsamkeit, Unzufriedenheit und ja, auch Angst, belegen.

„Ich wurde einmal gefragt, wieso ich schreibe, und ich habe gesagt, weil ich schief zur Welt stehe.“

Benedict Wells, Die Geschichten in uns

„Gemeinsam waren ihnen [Tove Jansson und Bruder Lasse] die Sensibilität sowie das große Interesse am Leben, an den Menschen und der Welt, aber auch die Neigung zu tiefer Depression. Laut Tove hatten sie beide ihr eigenes Reich der Finsternis, in dass sie sich von Zeit zu Zeit verirrten.“

Tuula Karjalainen, Tove Jansson. Die Biografie

„Wenn ich mich zurückziehe, wenn ich die Außenwelt meide, dann vielleicht weniger, um zu schreiben, als wegen meiner schrecklichen Angst. Ich habe mich oft gefragt, wie mein Leben gewesen wäre, wenn ich keine Angst gehabt hätte.“

Leïla Slimani, Der Duft der Blumen bei Nacht, übers. v. Amelie Thoma

Was ist passiert?

Ursprünglich sollte es in diesem ersten Essay des Jahres nicht um das Schreiben, erst recht nicht um Ängste gehen, sondern um eine seltsame Idee, auf die ich beim Sichten meiner Notizen gestoßen bin. Wenn Notizen Zutaten sind, aus denen Texte entstehen, ist es nur natürlich, dass sie ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Deshalb sollte man sie regelmäßig prüfen, verarbeiten oder entsorgen. Autorin Mia Gatow beispielsweise löscht kurz vor Neujahr alle digitalen Notizen des vergangenen Jahres. Was sich im Laufe eines Jahres nicht zu einem Text verdichtet hat, ist es vielleicht einfach nicht wert. Mir war dieses Vorgehen zu viel, nicht alle Zutaten sind schnell verderblich, manche werden mit den Jahren erst gut und entfalten spät ihre Wirkung. Ende 2025 aber wusste ich, um im Bild zu bleiben, nicht einmal mehr, was ich in meinem Vorratsschrank lagerte.

Als ich die erwähnte Notiz sah, wollte ich sofort darüber schreiben und fragte mich gleichzeitig: Wann und wieso hatte ich mir das notiert?

Mit dieser Frage im Kopf griff ich zu Didions Text und bin wie Alice im Wunderland in einem völlig anderen Kaninchenbau herausgekommen.

Wie komme ich nun ins neue Jahr mit seinen großen Plänen, Wünschen und Hoffnungen?

...

Über die Krimiautorin Agatha Christie schreibt Barbara Sichtermann:

„Bald lernte sie auch die Schattenseite einer gut ausgebildeten Vorstellungskraft kennen – die Furcht.“

Barbara Sichtermann, Schreiben gegen alle Widerstände

Im Umkehrschluss heißt es: Ohne Angst, keine Fantasie, keine Kreativität. Ist das nicht wunderbar?

Damit wünsche ich dir ein gutes, frohes, kreatives Jahr 2026!

Vielen Dank, dass du mitliest und bis in zwei Wochen!*

Kristina

PS: Du kannst natürlich auch ohne Angst kreativ sein – und wenn du Lust auf Kurzessays hast, die VHS Bonn hat einen neuen Onlinekurs (Si apre in una nuova finestra)

*Nachdem ich im Oktober erst verkündet habe, dass ich nunmehr monatlich schreibe, habe ich es zu sehr vermisst und kehre wieder zum 14tägigen Versand des Newsletters zurück.

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Argomento Lesen & Schreiben

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