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Unrast #11: Unterwegs in Venedig

Ans Wasser gebaut.

D. stellt die Kaffeetasse in den schmalen Streifen Sonnenlicht auf der Kommode ab. In feinen Wirbeln zieht der Dampf zum offenen Fenster hinaus.

Der letzte Tag in Venedig beginnt wie die anderen: mit dem Blick auf den grossen Kanal. Schon bei unserer Ankunft dachten wir, es würde uns vielleicht reichen, von hier aus dem morgendlichen Treiben zuzusehen: den Vaporetti voller Tourist:innen und müder Einheimischer, den Lieferbooten mit Gemüse, Getränken und Hotelwäsche, den Taxibooten und später den Gondeln.

Gemüseboot vor Anker in Venedig

Kurz vor acht taucht auch heute ein Schwarm Möwen auf. Am Quai gegenüber wird jemand gleich wieder eine Kiste mit Resten vom Vortag ins Wasser kippen. Ein kurzes Chaos aus Flügelschlagen und Gezeter, bevor sie weiterziehen – zum Fischmarkt gegenüber des Ca’ d’Oro vielleicht.

Meine Schwester fragt am Telefon, ob es hier nicht komisch rieche. Es ist vor allem der Geruch von Diesel, der mir auffällt; manchmal auch Schwefel. Meist liegt jedoch der Duft frisch gewaschener Wäsche in der Luft. Sie hängt überall über den schmalen Gassen und Kanälen.

Nachdem wir den Kaffee getrunken, die Bialetti gereinigt und das Bett gemacht haben, verlassen wir den Palazzo durch das imposante Treppenhaus und die grosszügige Loggia. Ich bringe D. zum Vaporetto Richtung Biennale und mache mich auf die Suche nach Frühstück.

Lichtreflexionen in der Lobby eines Palazzo in Venedig

In einer kleinen Bäckerei kaufe ich ein mit Vanillecreme gefülltes Brioche. Puderzucker krümelt auf meinen Schal, den ich später ohnehin ausziehen werde, wenn ich in einer kleinen Bar am Kanal sitze. Zuerst aber gehe ich zur Madonna dell’Orto. In der Apsis hängen zwei monumentale Tintoretto-Gemälde; Sonnenlicht fällt durch das Seitenfenster auf das Goldene Kalb. Das Jüngste Gericht vis-à-vis leuchtet von selbst. Ein Spiel aus Licht und Schatten, 1563 auf Leinwand gebannt.

Der Bloick auf die Kirche Madonna Dell'Orto mit Kanal im Vordergrund

Ich bin allein in der Kirche. Die meisten Tourist:innen zieht es wohl zuverlässig an die immer gleichen Orte – Rialtobrücke, Markusplatz, das Ufer von Dorsoduro. Aber selbst dort findet man ruhige Momente und Alltägliches: Ein Koch mit weisser Haube tritt auf einem kleinen Vorplatz seine Zigarette aus; ein anderer reibt sich in einer Seitengasse den Schlaf aus den Augen; ein livrierter Kellner hastet mit Weingläsern beladen durch die Hintertür in eine Boutique. Vor dem Café Florian schütteln sie die weissen Tischdecken aus. Zwei Gondoliere stehen mit Kaffee und Grappa am Tresen einer Bar. Es ist gerade einmal elf.

Wie bei meinem letzten Besuch laufe ich auch dieses Mal jeden Morgen einfach drauflos. Lauren Elkin schreibt in ihrem grossartigen Buch Flâneuse, man solle die Hinweisschilder in Venedig ignorieren und ohne Karte navigieren, eben gerade weil es hier dazugehöre, sich zu verlaufen.

Eine Hauswand in Venedig mit einer Heiligendarstellung aus Stein. Mit Kreide steht "St. Pietro" angeschrieben, darunter ein Pfeil nach rechts.

Umso mehr freue ich mich, wenn mir wie zufällig Orte begegnen, die ich bereits kenne. Etwa der Buchbinder nahe der Uni. Sein Laden ist geschlossen. Kurz mache ich mir Sorgen – schon vor zwei Jahren wirkte er gebrechlich. Mit Erleichterung sehe ich eine Bewegung weiter hinten im Laden. Da steht er und verstreicht sorgfältig Leim auf einem Buchrücken.

Auch eines unserer liebsten Restaurants passiere ich mehrfach in diesen Tagen. An unserem letzten Abend gehen wir gezielt dorthin. Nichts hat sich verändert: das handgeschriebene Menü mit einfachen Gerichten, die Auswahl an Weinflaschen auf dem Tisch, der ruppig-herzliche Service. Als wir die Rechnung bestellen, nimmt der Kellner die Flaschen, hält sie an die handgeschriebene Skala neben dem Tresen und ruft zufrieden: «Red wins!»

Der Blick von einer der Brücken in Venedig auf eine Weinbar. Sie ist mit dunklen Holzläden verschlossen

Auf dem Weg hierher kamen wir an der Bar vorbei, in der wir am Abend zuvor standen. Auf meiner inneren Landkarte lag sie ganz woanders. Am Tresen stehen dieselben Gestalten wie am Vorabend; nur die Gruppe Touristinnen, die der Besitzer heute mit auffälliger Herzlichkeit bedient, ist eine andere.

Als wir um die nächste Ecke biegen, wird mir klar, dass es besonders die Abende sind, die ich an Venedig so mag. Die Tagestouristen sind zurück auf dem Festland. Vor winzigen Lokalen stehen kleine Gruppen im warmen Licht der Strassenlaternen, in Mäntel gehüllt, ein Glas Wein in der Hand. Leises Murmeln und das Schlagen des Wassers gegen die Mauern. Drinnen stapeln sich belegte Brote in den Vitrinen.

Sonnenuntergang auf einer Vaporetto Station mit Blick auf Venedig.
Argomento Unterwegs