Die erste Version dieses fiktionalen Textes schrieb ich 2012 auf Englisch unter dem Titel «Out of Context». Kürzlich habe ich ihn wiedergefunden, übersetzt und überarbeitet.
Du sitzt auf deinem Balkon. Unter dir laufen Leute in Richtung einer der beiden Bahnhöfe am Rand des Quartiers. Sie ziehen Koffer hinter sich her, andere halten sich beim Gehen fest im Arm. Du starrst mit leerem Blick vor dich hin.
Ich lehnte an der Brüstung und zog an meiner Zigarette, als du vorhin aus der Boulangerie gegenüber kamst. Ein Brotbeutel hing über deiner Schulter, die Tür fiel hinter dir ins Schloss. Du bist dort einem Bekannten und seinem Sohn begegnet. Der kleine Junge versuchte vergebens, seinen Vater in Richtung Eisladen zu zerren, während ihr euch unterhieltet.
Vielleicht ist er der Freund, der damals mit dir in der Bar war, in der wir uns kennenlernten. Dass er gerade Vater geworden war, hattest du mir am nächsten Morgen erzählt – und dass Kinder dich melancholisch machten.
Ich kann mich nicht erinnern, ob du uns an dem Abend einander vorgestellt hast. Ich war zu sehr damit beschäftigt, dein Gesicht zu studieren, deine Hände und wie du beim Reden gestikuliert hast. Du warst nicht besonders gut aussehend. Es war deine Stimme, die mir sofort gefiel; als würde mit jeder Silbe ein Lächeln mitschwingen.
Als wir an dem Abend gemeinsam zu dir gingen, fühlte ich mich sofort zu Hause. Du hattest die gleichen Bücher wie ich. Neben dem Plattenspieler lag ein Stapel Vinyl – ich erkannte Pulp, Air, Radiohead. Notizbücher und lose Seiten mit deiner Handschrift lagen auf dem Sofa und dem abgeschabten Berberteppich in der Mitte des Zimmers. An die Wände hattest du Kunstpostkarten und kleine Notizen gepinnt.
Ich wollte den Raum weiter erkunden, als ob er mir die Gelegenheit bieten würde, mehr über dich zu erfahren. Aber du hattest schon meine Hand genommen und mich in die Küche gezogen. Neben dem Waschbecken standen mehrere angebrochene Flaschen Rotwein. Der Wein, den wir aus stumpfen Wassergläsern tranken, war süss. Das Fenster war einen Spalt geöffnet, daneben hing ein Obstkorb. Aprikosen, Pfirsiche, eine Banane. Fruchtfliegen. Es roch nach Abfluss und Chlor. Die Fensterbank war voller Krümel und Staub.
Es war ein warmer Abend. Von der Strasse oder einem Balkon drang Stimmengewirr in dein Zuhause. «In dieser Stadt ist Musik überflüssig», sagtest du. Ich dachte an die Platten in deinem Wohnzimmer, die Gitarre neben dem Sofa.
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Bei unserem Wiedersehen hattest du nicht erwähnt, dass du umgezogen bist. Erst gestern Abend, als wir an deinem alten Haus vorbeiliefen und ich dich fragend anblickte, hast du es zögernd erzählt. Wenig später stand ich in deinem neuen Schlafzimmer.
Die Balkontüren waren weit geöffnet, du hattest das Licht nicht eingeschaltet, wegen der Mücken. Die Luft im Raum war dennoch feucht und stickig. Draussen klang es nach Sommer: knatternde Vespas, Menschen unterwegs zwischen Restaurants und Bars, das Klirren von Flaschen und Gläsern. Woanders ein Fernseher. Nachrichten in einer Sprache, die ich nicht verstand.
Als ich zur Balkontür lief, knarrte der Boden unter meinen Füssen. Das Rotweinglas in meiner Hand war filigran, frisch poliert. Wie damals hast du mir aus einer der offenen Flaschen in der Küche eingeschenkt.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer kam ich an deinem Wohnzimmer vorbei. Die Wände waren karg. In der Ecke ein paar Kisten und ein abgewetzter Sessel. Keine Bücher oder Platten, keine Notizen, nur ein paar Staubflusen.
Ich sehnte mich nach einem Glas Wasser, nahm stattdessen noch einen Schluck vom Rotwein. Er war zu warm und korkte leicht. Neben mir türmte sich ein Haufen dreckiger Wäsche aus deinem Rucksack. Du musst ihn ausgeräumt haben, während ich unter der Dusche stand. Der Sand aus unseren Strandtüchern war über den Boden verteilt, er wirkte ebenso fremd in diesem Zimmer wie ich es tat.
Während ich mich auf die Stufe zum Balkon setzte, bliebst du in der Tür stehen, als wüsstest du nicht, wohin mit dir. Wasser tropfte aus meinen Haaren kalt auf meine Schultern. Ich griff nach der Packung Zigaretten, die aus meiner Tasche gefallen war; ich drehte sie in meinen Händen.
Ich starrte auf meine Füsse. Dort, wo die Riemen der Sandalen sassen, war die Haut fast weiss. An der Stelle, wo sie zu eng waren, hatte sich eine kleine Blase gebildet. Ich hatte sie in einem Laden an der Strandpromenade gekauft, während du länger telefoniert hattest. Mein Nagellack war längst abgeblättert. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, seit ich in meinem Badezimmer in Berlin sass, um ihn aufzutragen.
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Du hattest für unser Wiedersehen eine unspektakuläre Küstenstadt vorgeschlagen. Als wir nebeneinander die Strandpromenade entlangliefen, meintest du, dass sich dieser Moment über Jahre angebahnt hätte.
Wir hatten uns seit unserer ersten Begegnung keine Briefe geschrieben, nie telefoniert. Unsere Kommunikation bestand aus einer Handvoll Textnachrichten und ein paar Daumen hoch unter belanglosen Status-Updates.
Wir waren wie aus dem Zusammenhang gerissen. Die wenigen Stunden, die wir damals miteinander verbracht hatten, waren mehr Traum als Wirklichkeit. Wenn ich an sie zurückdachte, fragte ich mich: Warst du es, den ich vermisste, oder die Leichtigkeit unserer Begegnung? Die Blicke, die wir wechselten, als du an dem Abend in die Bar gekommen warst. Der lange Spaziergang Hand in Hand durch die Nacht zu dir nach Hause. Am nächsten Abend die Fahrt durch Paris auf deiner klapprigen Vespa mit den kaputten Bremsen. «Halt dich gut fest» – wieder, mit diesem Lächeln in deiner Stimme. Das kleine marokkanische Restaurant mit den Plastikstühlen.
Jahre später: eine fremde Nummer auf meinem Telefon. Ich ging trotzdem ran. Es dauerte einen Moment, bis ich deine Stimme erkannte. Wir sprachen nur kurz, du fragtest nicht, wie es mir geht, sagtest nur: «Komm, wir treffen uns am Meer.»
Ich nahm ein paar Tage frei, kaufte ein Zugticket. Ich hatte wenig zu verlieren.
Es war seltsam, dich am Bahnhof wiederzusehen. Die erste Umarmung, ungelenkt, steif. Wir wechselten kaum Worte während der zwei Tage am Meer. Das Lächeln war aus deiner Stimme gewichen. Wir waren uns lästig, schon nach nur wenigen Stunden. Nachts lag ich schlaflos neben dir. Dein Atem nervte mich. Wenn wir uns wie durch Zufall berührten, rückte ich, so weit es ging, an den Rand der Matratze.
Morgens stand ich vor dir auf und ging schwimmen. Das Buch, das ich mitgebracht hatte, war klebrig von Salzwasser und Sonnencreme, das Meer warm. Die kleine Leiter, die am Hafenbecken ins Wasser führte, war rostig und auf den Sprossen klebten kleine Muscheln. Es roch nach Benzin. Möwen kreisten gierig über den Fischerbooten.
Als ich in die Ferienwohnung zurückkam, hattest du Frühstück gemacht. Der Kaffee, den du in der alten Bialetti zubereitet hattest, schmeckte bitter, metallisch. Die Fahrt im Zug zurück nach Paris verbrachten wir schweigend.
Gestern Abend, nachdem ich mich schlafend gestellt hatte, bist du vorsichtig aus deinem Bett aufgestanden. Ich hörte dich in der Küche, wie du den Korken aus einer der Flaschen zogst und in dein leeres Wohnzimmer schlichst. Später ein leises Klacken, als die Wohnungstür ins Schloss fiel. Erleichtert stand ich auf, setzte mich auf den Balkon und zündete mir eine Zigarette an. Ich nahm mein Telefon und buchte mir ein Ticket für den Mittagszug zurück nach Berlin.