Vom Geburtstag meiner Oma, die nicht weiß, was eine Blue Zone ist und doch alles richtig macht.
LebensSpuren zum anhören:

Am 13. Mai war es so weit. Oma wurde 101 Jahre alt. Gefühlt haben wir doch gerade erst ihren hundertsten gefeiert. Freund:innen sind da, Familie um den Tisch, Kerzen auf der Torte. Und mittendrin eine Frau, die das alles schon ein paar Mal mitgemacht hat.
Ich frage sie, wie es sich anfühlt. Sie zuckt mit den Schultern.
„Ich bin halt noch da."
Mehr braucht es nicht. Mehr will sie auch nicht.
Wenn man wissen will, wie jemand 101 wird, muss man nicht in Bücher schauen. Es reicht, Oma einen Nachmittag lang zuzusehen.
Sie wohnt allein in ihrem großen alten Haus, ein paar Straßen von uns entfernt. Ihre Wohnung ist im ersten Stock. Mehrmals am Tag geht sie die Treppe hinunter in den Hof und wieder hinauf. Niemand hat ihr das verschrieben. Es ist einfach so, wie sie wohnt.
Unten im Hof dreht sie ihre Runden mit dem Rollator. Sie zählt sie nicht im Kopf. Sie hat ein eigenes System. In der einen Jackentasche liegen Hosenknöpfe. Nach jeder gelaufenen Runde wandert ein Knopf von links nach rechts. Am Ende wird ausgezählt.
Manchmal denke ich, eigentlich fehlen nur noch die Rundenzeiten. Aber das behalte ich für mich. Sie würde mich anschauen, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank.
Mehrmals die Woche holt sie jemand ab und bringt sie zu uns. „Ich komme und helfe dir, Bub", sagt sie und meint es so. Bei Tantchen Emi, ihrer kleinen Schwester mit Demenz, gibt es immer etwas zu tun. In erster Linie ein Auge auf Emi haben. Aber noch besser ist es, wenn wir gemeinsam etwas tun. Kochen zum Beispiel.
Spargel ist Omas Disziplin. Sie schält ruhig, gleichmäßig, mit einem Tempo, bei dem ich neidisch werde. Emi sitzt daneben, schält auch, in ihrem eigenen Rhythmus. Zwei Schwestern am Tisch, wie sie hier schon hundertmal gesessen haben.

In der Küche dann der Salat. Blatt für Blatt durch die Hände, was schlecht ist kommt raus, was gut ist wandert in die Schüssel. Sie macht das nicht, weil wir sie darum bitten. Sie macht das, weil sie es immer gemacht hat. Und weil Hände, die noch arbeiten, einen Kopf brauchen, der noch arbeiten muss.
Im Garten dann das, was wir liebevoll „Obacht geben" nennen. Tantchen liegt im Liegestuhl unter dem Apfelbaum. Oma liegt daneben. Sie döst nicht. Sie hat ein Auge auf ihre kleine Schwester. Wenn die unruhig wird, sagt Oma ein paar Worte. Wenn sie still ist, ist Oma auch still.

Es gibt ein Wort dafür, was Oma da macht, ohne es zu wissen. Vor gut zwanzig Jahren markierten zwei Demografen auf einer Sardinien-Karte die Dörfer mit besonders vielen Hundertjährigen. Sie nahmen einen blauen Stift. So entstand der Begriff Blue Zones. Inzwischen kennt man fünf solcher Regionen weltweit, Orte, an denen Menschen auffällig oft sehr alt werden und dabei erstaunlich fit bleiben.
3sat hat darüber eine sehenswerte Reihe gemacht, die für jede der fünf Regionen einen kurzen Film zeigt. Wer einsteigen will, fängt am besten in Sardinien an: Blue Zone Sardinien auf 3sat (Si apre in una nuova finestra)
Was diese Regionen gemeinsam haben, ist erstaunlich unspektakulär. Viel Bewegung im Alltag, ohne Sportprogramm. Einfache, überwiegend pflanzliche Ernährung. Maßvoll essen. Eine Aufgabe. Familie, Gemeinschaft, Bindung. Wenig Stress.
Wenn ich das so aufschreibe, sehe ich Oma mit dem Rollator durch den Hof gehen. Knöpfe rechts, Knöpfe links. Sardinien ist über zweitausend Kilometer entfernt. Aber die Treppe in ihrem alten Haus könnte genauso gut in Ogliastra stehen.
Es gibt auch Kritik an den Blue Zones. Manche Forscher zweifeln, ob die Zahlen aus Okinawa wirklich stimmen. Andere sagen, der Hype sei größer als die Substanz. Und ehrlich gesagt, ich verkaufe hier auch kein Rezept. Aber zwei Dinge bleiben, egal wer recht hat.
Erstens: Menschen, die sich bewegen, weil ihr Alltag es verlangt, halten länger durch. Schon ab sechzig baut sich Muskulatur ohne Beanspruchung jedes Jahr ab. Wer geht, behält das Gehen. Wer sitzt, verlernt es. Oma weiß das nicht aus einer Studie. Sie weiß es aus der Treppe und der Arbeit im Garten und früher auf dem Feld.
Zweitens: Gebraucht werden ist keine Last, sondern ein Lebensmotor. Die Japaner haben dafür ein Wort, Ikigai, der Grund, morgens aufzustehen. Oma kennt das Wort nicht. Sie kennt nur die Pause unserer Haushälterin, die sie übernimmt. Den Spargel, der geschält werden muss. Die kleine Schwester, auf die sie ein Auge hat.
Wer kein Ikigai hat, kann es auch nicht abgeben. Wer eines hat, lebt offenbar länger damit.
Was bleibt
Am Geburtstag halte ich kurz inne und schaue sie an. Hundertundeins. Auf dem Papier eine Zahl, bei der man schluckt. Im Wohnzimmer eine Frau, die gleich nach dem Stück Torte fragt, wann sie mir nächste Woche wieder mit der Emi helfen soll.
Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis. Nicht Sardinien. Nicht der Wein, nicht das Olivenöl, nicht die Bohnen. Sondern jemand, der dich braucht. Eine Treppe, die jeden Tag genommen werden will. Und eine Tasche voller Hosenknöpfe, mit denen man die Runden zählt, die man heute schon geschafft hat.
Oma weiß nichts von Blue Zones. Aber sie macht offenbar etwas richtig.
Wenn dir diese Geschichte etwas gegeben hat, freuen wir uns, wenn du uns weiter begleitest. LebensSpuren erscheint alle paar Wochen, immer dann, wenn etwas erzählt werden will.
In den nächsten Folgen geht es weiter: um Pflege und Zusammenleben in einem Dorf, das seine Alten nicht im Stich lässt, und um die Frage, was passiert, wenn Künstliche Intelligenz auf Demenz trifft.
Quellen & Lesetipps
3sat / nano: Blue Zone Sardinien (Si apre in una nuova finestra) – Teil einer Reihe über alle fünf Blue Zones, in der Mediathek findest du auch die Folgen zu Okinawa, Ikaria, Nicoya und Loma Linda.
Dan Buettner: The Blue Zones – Lessons for Living Longer from the People Who've Lived the Longest. Buch und gleichnamige Netflix-Serie (2023).