von Paul Haase
https://www.youtube.com/watch?v=fl9KQ1Mub6Q (Si apre in una nuova finestra)
Dass das Konzept des Musikvideos zu Bastards of Young von demjenigen erdacht wurde, der auch das legendäre Musikvideo zu Take On Me von A-ha als Idee in die Welt setzte (wikipedia, 13.01.2026, Jeff Ayeroff), mag verwundern. Im Vergleich zu Take On Me „geschieht“ im Musikvideo zu Bastards of Young nämlich überhaupt nichts. Auch die filmischen Mittel scheinen diese erste Auffassung zu untermauern: Drei Minuten und 40 Sekunden dauert das Musikvideo, drei Minuten und 40 Sekunden lang werden weder Position noch Fokus der Kamera verändert. Das Video besteht aus einer einzigen Einstellung – nur wird von 00:00:17 bis 00:01:06 von einer Großaufnahme des laufenden Speakers zu einem medium shot herausgezoomt. Mehr geschieht rein bautechnisch (Faulstich, 2013, S. 117f.) nicht. Was soll der Spaß dann, könnte man fragen; wozu hier eine Musikvideoanalyse? Wird in einem derart minimalistischen Musikvideo überhaupt zusätzliche Bedeutung transportiert, und wenn diese transportiert wird, entsteht diese nicht bloß zufällig? Wieviel zusätzliche Semantik oder auch Narration in einem Musikvideo angelegt ist, muss allerdings nicht immer mit der Zahl an Einstellungen und Requisiten zusammenhängen, und auch nicht mit der Zurschaustellung der Mimik eines menschlichen Darstellers. Das menschliche Element allerdings ist im Musikvideo nur vornehmlich an den Rand gedrängt, wie später noch gezeigt werden soll. Anders als beim Musikvideo zu Can’t Hardly Wait[1] geschieht hier weit mehr, und das, obwohl bei jenem Video gleich mehrere Menschen gezeigt und von der Kamera fokussiert werden, und auch die Gesichter nicht verborgen bleiben. Das vom Musikvideo zu Can’t Hardly Wait auszulösende Gefühl ist dabei zweifelsohne ein Gefühl des Wartens. Mehr Verbindung von Video und Musik (dabei: Lyrics) findet bei Can’t Hardly Wait nicht wirklich statt – außer bei den lines „Jesus rides beside me / He never buys any smokes“, wo beim Wort „smokes“ eine Kameraeinstellung auf einen Aschenbecher samt Asche erfolgt. Das Musikvideo zu Can’t Hardly Wait illustriert das Argument, dass filmische Bauformen[2] und eine filmische Fokussierung des Menschen nicht unbedingt damit korrelieren müssen, dass dem Dargestellten mehr Handlung innewohnt. Klar sichtbar wird das, wenn man Bastards of Young genauer unter die Lupe nimmt. Denn auch, wenn bei Bastards of Young wenig geschieht, wird aus wenig viel gemacht.
Welche Bestandteile das Musikvideo hat, ist schnell abgehandelt. Von Sekunde 0 bis 3 sieht man den Lautsprecher und einen darauf fallenden Schatten, von Sekunde 4 bis 6 geht ein Paar unfokussierter Beine in Jeans durch das Schwarzweißbild. Ab Sekunde 8 spielt das Lied, das mit einem Gitarrensolo eröffnet, das an the Who erinnert. Die Lautsprechermembran bewegt sich sehr sichtbar, was darauf hindeutet, dass die Musik in großer Lautstärke abgespielt wird – die Musik ist klar erkennbar identisch mit dem Lied. Spätestens ab der Zoom-Bewegung (00:00:17) erfolgt die erste Irritation – eigentlich erwartet man mit Einsetzen der Stimme, dass auch die Einstellung wechselt. Bei 00:00:34 fällt etwas vom Lautsprecher herunter, das nicht genau zu erkennen ist. Vermutlich handelt es sich dabei um einen später wieder vorkommenden dunklen Aschenbecher mit Zigarettenstummeln darin. Nach Ende des Herauszooms geschieht bis 00:01:40 nichts, dann bewegt sich die Person, die zu Anfang durchs Bild gegangen ist, zum Speaker hin und bückt sich. Sie hebt ein Schallplattencover und einen Aschenbecher an, um die auf dem Cover befindlichen Stummel in den Aschenbecher zu überführen. Dann platziert sie den Aschenbecher (wieder) auf den Lautsprecher, und legt das Cover wieder so zurück, dass es für die Kamera nicht sichtbar ist. Bei dem Album handelt es sich um das Album Tim, auf dem auch Bastards of Young enthalten ist. Die Person nimmt ein Getränk, das sich auf dem Lautsprecher befindet, dann dreht sie sich ein wenig und setzt sich rechts von der Kamera auf das Sofa, über dessen unfokussierte Rückenlehne die Kamera auf den Lautsprecher blickt. Die linke Hand wird kurz darauf sichtbar. Sie hält eine entzündete Zigarette, die immer wieder aus dem Blickfeld der Kamera verschwindet. Um 00:02:22 fällt eine Münze vom Lautsprecher auf den Boden. Ab 00:02:40 wird die Hand mit Zigarette vom beschuhten Fuß der Person abgelöst, genauso wie die Hand und Sofalehne nicht im Fokus. Bei 00:02:44 fällt noch eine Münze vom Lautsprecher. Bis hierhin gibt es einige unbewegte Objekte: das Sofa, zwei aufrecht aufgestellte Plastikkisten, die als Stütze für den Plattenspieler dienen, aber gleichzeitig mehrere Schallplattencovers beinhalten. Einige dieser Covers sind zwischen einer der Kisten und dem Lautsprecher positioniert. Am rechten Bildrand befindet sich ein Tisch mit drei Magazinen, die aber nicht erkennbar sind. Mit der Objektstatik wird im Outro des Lieds gebrochen. Ab 00:03:02 wird die line„take, it’s yours“ (Outro V. 6) über eine wiederholte Trommelphrase gelegt, woraufhin die Person aufsteht, die Lautsprecheroberfläche leerfegt und den Lautsprecher mit einem Schrei zweimal tritt, woraufhin dieser aus dem Blickfeld verschwindet. Die Person verlässt den Raum und schließt die Tür hinter sich, das Lied endet. Ab 00:03:33 fängt das nächste Lied des Albums an – auf dem linken Audiokanal ist nur ein Störgeräusch zu hören. Ab dem Leerfegen ist zum ersten Mal zusätzliches Audiomaterial ins Musikvideo eingefügt, indem die heruntergefegten Gegenstände klimpern, die Zerstörung des Lautsprechers, der Schrei und das Schließen der Tür hörbar gemacht werden. Vorherige Bewegungen waren nicht hörbar, es handelt sich also um eine bewusste Entscheidung, diese Bewegung zum Ende des Lieds zu untermalen. Was für einen Großteil der Dauer ein nur peripher bewegtes Geschehen war, wird am Ende durch einen Gewaltakt ins Gegenteil verkehrt. Anders könnte man sagen: Die kleinen Bewegungen der vereinzelt herunterfallenden Objekte finden ihre Auflösung darin, dass am Ende alles vom Lautsprecher gefegt wird, bevor der Zerstörungsakt geschieht.
Offenbar handelt es sich bei diesem Video um eine dargestellte und konstruierte Rezeptionssituation, wie sie vor der Zeit von On-Demand-Musik sehr üblich war: Ein Lied wird im Kontext eines Albums konsumiert (das Musikvideo endet ja mit dem Anfang des nächsten Lieds), genauso, wie auch die Zigaretten und vermutlich auch das aufgehobene Getränk konsumiert werden. Die Kameraeinstellung auf den Lautsprecher hat zwei Funktionen. Zunächst wird dadurch das Lied an sich, also die auditive Erfahrung, in den Vordergrund gerückt. Andererseits befindet sich die Kamera in einer zum Darsteller analogen (lies: vergleichbaren) Position, sobald sich dieser auf das Sofa begibt. Anders als bei einer subjektiven Kamera, wo ja die Sicht eines Darstellers ident mit der Kameraperspektive ist (Faulstich, 2013, S. 125), versetzt die analoge Positionierung „das“ Publikum in die gleiche Rezeptionssituation. Genauso wie der Darsteller rezipiert man gerade das Lied. Welche emotionale Reaktion das Lied bzw. die Umstände, die es beschreibt, auslösen soll, wird durch das Verhalten des Darstellers angedeutet. Die angesprochenen Umstände sind Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit („Dreams unfulfilled, graduate unskilled / It beats pickin’ cotton and waitin’ to be forgotten“, Str. 1, V. 3–4) und Ablehnung durch die eigene Elterngeneration („Unwillingness to claim us / You got no right to name us“, Brigde, V. 1–2; der Begriff „Bastards“, Refrain V.1), die auch indirekt in der line„Clean your womb, trash that baby boom“ (Str. 2, V. 1) angesprochen wird. Eine gewaltvolle Reaktion auf diese Umstände wird eventuell durch den Refrain vorweggenommen. „Wait on the sons of no one“ ist nämlich ein leicht abgeändertes Zitat aus der englischen Version der Bibel (Micha 5,7: „Then the remnant of Jacob shall be in the midst of many peoples like dew from the LORD, like showers on the grass, which delay not for a man nor wait for the children of man“). Dieser Stelle folgen Beschreibungen von Gewalt nach (Micha 5,9–5,15) – diese Vorwegnahme kann zwar Zufall sein, die Parallele ist zumindest vorhanden. Der Gewaltakt sorgt außerdem dafür, dass der Darsteller noch einmal fokussiert wird – zuletzt war das geschehen, als er die Zigarettenstummel aufräumte. Dabei ist das Handeln des Darstellers widersprüchlich, erst wird aufgeräumt, dann zerstört; dazwischen hält der Darsteller seinen Körper in einer klassisch-musikvideotheoretisch ungünstigen Pose (vgl. Fogarty, 2021, S. 401). Slouching, das allgemein als ungesund und unvital angesehen wird (Fogarty, 2021, S. 407–409), steht sowohl zu der Ruhelosigkeit, mit der der Darsteller sich auf der Couch und im Raum hin- und herbewegt, als auch zu der Gewaltreaktion am Ende in einem Gegensatz. Diese Ruhelosigkeit mag auch daher stammen, dass die Gewaltreaktion das szenische Endziel (goal) ausmacht, das der Darsteller (actor) erfüllen soll. Eine Auftrennung von actor und goal wird üblicherweise dadurch ausgelöst, dass mehrere shots hintereinander nicht zusammenhängend aussehen. Diese müssen deswegen gut zusammengeschnitten werden, um diesen ungewollten Effekt zu mindern (Kress/Leeuwen, 2006, S. 260–261). Hier wird der Effekt der Trennung von actor und goal aber nicht durch mehrere shots, sondern durch die Länge des einzelnen shots ausgelöst. Fast kathartisch ist es, wenn endlich eine Reaktion gezeigt wird – mehr als drei Minuten fragt man sich schließlich, ob überhaupt noch etwas „Richtiges“ passieren wird. Ob die Gewaltreaktion schließlich auch im Publikum verursacht werden soll, ist fraglich. Angelegt wäre das im Musikvideo jedenfalls.
Die dargestellte Reaktion auf das Lied kann allerdings nicht bloß als eine Reaktion auf die als schlecht wahrgenommenen sozialen Umstände der Generation X gelesen werden. Ebenfalls wäre eine selbst- und vor allem kunstkritische Lesart angelegt, wenn man die Entstehungsumgebung des Musikvideos mit in die Analyse einbezieht. Die Band, allen voran Leadsinger Paul Westerberg, war sehr ungeneigt, überhaupt ein Video für irgendeinen Song zu drehen, da das die „Gefährlichkeit“ des Rock’n’Roll reduziere und diesen albern mache und verfälsche (Music Video Time, 2023, 00:05:38–00:06:05). Auch mtv stand der Sänger misstrauisch gegenüber (MVT, 2023, 00:06:21–00:06:32). Wenn also überhaupt ein Video zustande kommen sollte, dann eines, das „niemand ganz, oder gar zweimal ansehen würde“ (MVT, 2023, 00:12:17–00:12:22). Das aus dieser Haltung entstandene Musikvideo ist ein Anti-Musikvideo sondergleichen. Es subvertiert traditionelle Erwartungen und Anforderungen an Musikvideos auf eine für die 1980er einzigartige Weise (MVT, 2023, 00:17:46–00:18:26). Beide Lesarten sind berechtigt und können konfliktfrei gleichzeitig existieren. Dass einem einfachen Gewaltakt mit drei Minuten Vorlaufzeit gleich eine doppelte Bedeutung innewohnt, die einerseits mit den Kontexten um die Musikindustrie spielt und einen Protest gegen diese äußert, und die andererseits die gesellschaftskritische message des Lieds zu stützen vermag, ist bei oberflächlicher Betrachtung nicht ersichtlich. Erst bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass es sich um ein minimalistisch gehaltenes Kunstwerk handelt.
Literatur
The Holy Bible – English Standard Version. Crossway Bibles 2001/2025. URL: https://www.bibleserver.com/ESV/Micah5 (Si apre in una nuova finestra) (letzter Zugriff am 08.04.2026)
Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse. 3., aktualisierte Auflage, Paderborn: Wilhelm Fink 2013.
Fogarty, Mary: The Art of Slouching. Posture in Punk. In: McKay, George / Arnold, Gina (Hg.): The Oxford Handbook of Punk Rock. Oxford: Oxford University Press 2021, S. 397–417. DOI: 10.1093/oxfordhb/9780190859565.013.39 (Si apre in una nuova finestra)
Jeff Ayeroff. In: Wikipedia, 13.01.2026. URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Jeff_Ayeroff#Biography (Si apre in una nuova finestra) (letzter Zugriff am 09.04.2026)
Kress, Gunther / Leeuwen, Theo van: Reading Images. The Grammar of Visual Design. Oxon: Routledge 22006.
Mehr, Bob: Trouble Boys. The True Story of the Replacements. Hachette Books: New York 2016 [durchzitiert via Music Video Time, 2023].
[MVT:] Music Video Time: The Irreplaceable History of „Bastards of Young“ by The Replacements. YouTube-Video, 23’39’’. 2023. URL: https://www.youtube.com/watch?v=7p3nYwRWTn8 (Si apre in una nuova finestra) (abgerufen am 08.04.2026)
Musikvideos
RHINO: The Replacements – Bastards of Young (Video) [HD Remaster]. YouTube-Musikvideo, 3’41’’. 2009/1985 URL: https://www.youtube.com/watch?v=fl9KQ1Mub6Q (Si apre in una nuova finestra), (letzter Zugriff am 07.04.2026)
RHINO: The Replacements – Can’t Hardly Wait (Official Music Video). YouTube-Musikvideo, 3’06’’. 2020/1987. URL: https://www.youtube.com/watch?v=EvGjAYH-Nq4 (Si apre in una nuova finestra) (letzter Zugriff am 08.04.2026)
[1] Dabei war dieses Video bis 2020 nicht öffentlich erschienen und ursprünglich für einen anderen Song geplant.
[2] Hier sei am Rande auf das jap. Filmgenre nagawamashi verwiesen (z.B. „Beyond the Infinite Two Minutes“).