
In Teil 1 haben wir erklärt, wie Misstrauen entsteht – und warum wir als Kinder noch ganz selbstverständlich im Vertrauen gelebt haben. Heute geht es um die drei großen Irrtümer, die uns im Misstrauensgefängnis halten. Und um die Wahl, die du hast.
Die drei Irrtümer über Vertrauen
Irrtum 1: Vertrauen wie ein Ding behandeln
Kennst du dieses Bild? Vertrauen sei wie ein Glas – wenn es einmal zerbrochen ist, lässt es sich nicht wieder heil machen. Zuletzt haben wir gesehen, wie ein zerbrochenes Glas mit Heftpflaster zusammengeklebt war.
Aber wer klebt denn ein Glas? Man nimmt ein neues und entsorgt das alte. Und genau das soll bei Vertrauen nicht so sein – als wäre das ein Anspruch, dass das Glas ewig heil bleibt.
Oder das Papierbild: Vertrauen sei wie ein Blatt Papier, das sich nicht mehr glätten lässt. Aber wer bügelt schon ein zerknittertes Blatt Papier?
Diese Beispiele sind unerfüllbar. Und wenn Menschen solche Bilder nutzen, muss man letztlich konstatieren: Wir wollen misstrauen. Dahinter steckt der Anspruch, dass niemand sich so verhalten soll, dass das Glas kaputt geht. Das ist nicht erfüllbar. Denn auch du hast Menschen enttäuscht. Das ist unmöglich.
Irrtum 2: Das Gefühl der Enttäuschung als Beweis für Vertrauen nehmen
Das ist fatal: Ich bin enttäuscht, also muss ich vorher vertraut haben. Wenn ich das Gefühl habe, muss ich ja vertraut haben, sonst hätte ich ja die Enttäuschung nicht.
Aber Enttäuschungen sind in erster Linie ein Indikator für unerfüllte Erwartungen und willkürliche Annahmen – nicht für Vertrauen.
Einige Beispiele: „Ich vertraue Männern nicht, weil sie egoistisch sind." Aber gibt es einen Vertrag, dass Männer nicht egoistisch sein dürfen? „Ich vertraue dem Leben nicht, weil es zu anstrengend ist." Gibt es einen Vertrag mit Gott oder dem Universum auf ein leichtes Leben – oder hast du den digitalen Influencern ihre Scheinleichtigkeit geglaubt? „Ich vertraue Menschen nicht, weil sie lügen." Wer hat versprochen, dass Menschen immer ehrlich zu sein haben?
Dazu ein Beispiel aus einem unserer Trainings: Eine Mutter meinte, sie vertraue ihrem Sohn nicht, weil er beim Vater wohnen will. Ihre Erwartung wurde enttäuscht – also vertraut sie ihm nicht. Dabei könnte sie sagen: Jetzt kann ich ihm erst recht vertrauen. Er macht, was er will, und steht dazu.
Oder: Wir hatten einen Teilnehmer, der einen schweren Schiffsunfall überlebt hatte. Er war noch immer im Schock, weil er fast gestorben sei. Dabei: Man kann nicht fast sterben. Und er könnte auch sagen: Ich kann dem Leben vertrauen – ich habe sogar diesen Unfall überlebt. Diese Schlussfolgerung zieht er aber nicht.
So sehr halten wir an der unangenehmen Erfahrung fest – als hätte sie nicht sein dürfen. Das lässt sich einfach nicht verhindern: Wir machen unangenehme Erfahrungen.
Irrtum 3: Vertrauen wie eine Währung nutzen
Viele nutzen Vertrauen wie einen Deal, wie eine Münze. Sie investieren Vertrauen – und dafür darf nichts Schlimmes passieren.
„Ich steige in ein Flugzeug und vertraue heil anzukommen. Denn wer vertraut, darf nicht abstürzen." „Ich vertraue, dass ich den Job bekomme. Denn ich habe ja schon vertraut." „Ich vertraue, dass mein Partner ehrlich und treu ist. Denn wenn ich vertraue, darf er mich nicht betrügen."
Es gibt aber keinen Vertrag darüber. Weder mit Gott, dass du sicher bist, wenn du vertraust. Noch mit deinem Arbeitgeber. Noch mit deinem Partner. Und Ehrlichkeit? Niemand ist immer nur ehrlich. Das geht nicht. Einige Forscher behaupten, wir lügen etwa 50 Mal am Tag.
Du kannst nicht nicht vertrauen
Du kannst nicht nicht vertrauen. Vertrauen ist an sich nicht abschaltbar. Wir vertrauen immer in irgendetwas – und sei es ins Misstrauen, weil das vertraut ist.
Misstrauen braucht keine gedankliche Kraft. Es ist bequemer. Auch wenn die Konsequenzen nicht bequem sind. Sich ins Misstrauen fallen zu lassen – das ist bequemer. Aber Vertrauen ist der größere Kontext. Selbst wenn du ins Misstrauen vertraust, vertraust du.
Vertrauen ist eine Wahl
Du hast zwei Möglichkeiten.
Die erste: Du lebst – wie die meisten – im Kontext von Misstrauen und hoffst, keine Enttäuschung oder keinen Schmerz zu erleben.
Die zweite: Du lebst im Kontext von Vertrauen, wissend, du kannst jede Enttäuschung meistern – und jeder Schmerz ist endlich und wird heilen.
Im Kontext von Vertrauen zu leben ist eine Wahl. Wir haben auch vieles erlebt, das uns hätte sagen lassen können: Wir vertrauen Menschen nicht mehr. Oder: Wir waren bei verschiedensten Zahnärzten, haben gute und schlechte Erfahrungen gemacht – und vertrauen dem, bei dem wir jetzt sind. Denn im Kontext von Misstrauen zu leben hat einen hohen Preis. Den wollten wir nicht zahlen.
Das bedeutet nicht blindes Vertrauen. Es gilt: Trau, schau, wem. Du vertraust – und du schaust, wem du vertraust. Wenn jemand dir sagt, wenn du mir vertraust, würdest du keinen Vertrag schließen, dann antworten wir: Wenn du mir vertraust, würdest du gar nicht fragen, ob wir einen Vertrag schließen oder nicht – dann schließen wir den einfach. Einen Vertrag kann man als Ausdruck von Misstrauen oder als Ausdruck von Vertrauen nehmen. Das ist eine Wahl.
Und wirst du enttäuscht? Garantiert. Wahrscheinlich immer wieder. Nur eines weißt du dann: Du kannst es meistern.