Öl und Gas wachsen bekanntlich nicht auf Bäumen, liebe Leserinnen und Leser. Liter für Liter, Kubikmeter für Kubikmeter schaffen wir sie ins Land. Woher die klimaschädlichen Brennstoffe stammen, fragen sich viele erst dann, wenn die Preise an den Zapfsäulen steigen.
Susanne ist für den SPIEGEL dorthin gereist, wo jenes Öl aus dem Boden geholt wird, das wir Tag für Tag gedankenlos verbrennen. Während die Bundesregierung hektisch über einen Tankrabatt verhandelt und Reporter zu deutschen Tankstellen ausschwärmen, um den Frust der Autofahrer „einzufangen“, denkt sie an ihre letzte Reise in den Irak zurück – an den Fischer Hamid und die Bootsfahrt über den Schatt al-Arab.
In unserem vierten Newsletter nehmen wir Euch mit in den Südirak und an den Persischen Golf. Von dort kommt ein Fünftel aller Öl- und Gaslieferungen weltweit.
Aber zunächst möchten wir uns noch für die große Resonanz auf unseren vergangenen Newsletter (Si apre in una nuova finestra) bedanken – Ihr erinnert Euch, es ging um FDPler Frank Schäffler, der einst das Heizungsgesetz mit einer beispiellosen Kampagne torpedierte. Wir hatten berichtet, dass er nun sein Glück als Bürgermeisterkandidat in einem kleinen Kaff namens Samtgemeinde Altes Land Lemförde versucht. Uns erreichte daraufhin noch eine weitere Neuigkeit: Schäffler hat eine fossile Einflüsterin direkt am Küchentisch sitzen: Seine Frau. Meike Schäffler ist Vorständin (Si apre in una nuova finestra) bei einem milliardenschweren Gasunternehmen. Andere Leser schreiben uns, sie würden Schäffler noch aus Zeiten kennen, als er in radikal-libertären Kreisen unterwegs war, damals schrieb er etwa für Zeitschriften (Si apre in una nuova finestra), die Steuern als „räuberische Erpressung“ einordnen.
Nun aber zur Recherchereise in einer Grenzregion zwischen Iran und Irak: Wer die Geschichte liest, versteht, wie gewaltsam die Ölförderung – von der auch Europa lebt – eine Region zugrunde richten kann.
Der wahre Preis des Öls
In diesen Tagen denke ich oft an meinen Bootsausflug mit dem irakischen Fischer Sayad Hamid zurück. Als ich Hamid vor zwei Jahren in einem Vorort der Metropole Basra im Südirak besuchte, war der damals 40-Jährige schwer von Blutkrebs gezeichnet. Seinen Beruf hatte er aufgegeben: Im Fluss Schatt al-Arab, neben dem er und seine Familie wohnen, schwimmen kaum noch Fische, und die wenigen, die bleiben, sind zu klein – vergiftet von den Abwässern und Abgasen der umliegenden Ölförderstätten.
Sofern er noch am Leben ist, muss Hamid nun den nächsten Krieg durchstehen. Seit dem 28. Februar schlagen immer wieder iranische Drohnen in Basra ein. Vor der Mündung des Schatt al-Arabs geraten Öltanker unter Beschuss, mehrfach drohte eine Ölpest. Die Folgen für die Feuchtgebiete wären verheerend – auch für jenes, durch das ich damals mit dem Fischer fuhr.
In Hamids Holzboot glitten wir damals aus dem schmalen Kanal hinaus auf den breiten Strom. Sein Bug teilte den Wasserspiegel des Schatt al-Arab, der Fahrtwind wirbelt unsere Haare auf. Am rechten Ufer zog ein Schiffsfriedhof vorbei: Tanker, Passagierdampfer, Containerfrachter. Verrostet. Verwahrlost. Vergessen. Auf den Decks saßen hier und da ein paar Jugendliche mit Palitüchern und warfen ihre Angeln aus, am Ufer pafften andere Shisha. Ruinen ehemaliger Ausflugslokale erzählten von besseren Tagen; ihre einst schattigen Palmenterrassen versinken heute unter Schutt und Müll.
Die Kulisse des Schatt al-Arab spiegelt den Niedergang einer ganzen Region wider, die seit Monaten erneut zum Schauplatz von Krieg und Zerstörung geworden ist. Bei meinem Besuch vor zwei Jahren will der Fischer uns „seinen Fluss“ zeigen: Gespeist von Euphrat und Tigris, bildet der Schatt al-Arab die Grenze zwischen Irak und Iran, bevor er in den Persischen Golf mündet. „Da drüben beginnt schon Iran“, sagte Hamid und deutete auf das gegenüberliegende Ufer. „Dort liegen bis heute Minen aus den Achtzigerjahren, aus unserem Krieg.“
Seit über vierzig Jahren ist die einst florierende Mündungsregion nur noch ein Schatten ihrer selbst. Kriege mit Nachbarstaaten, den USA und Milizen, dazu jahrelange Sanktionen – all das hat das Land ruiniert. In den Siebzigerjahren galt Basra noch als aufstrebende Metropole, mit Cafés, Nachtleben, sogar Tourismus. Heute erstickt die Stadt in Abgasen, Müll und verseuchtem Grundwasser. Geblieben ist nur Elend.
Basra zählt zu den ärmsten Städten der Welt. Vor wenigen Jahren brach sogar die Cholera aus. Die Sommer sind unerträglich heiß, der Klimawandel lässt das Land regelrecht veröden – anpassen können sich die wenigsten Iraker.
Ölreichtum: Fluch für die meisten, Segen für wenige
Dabei werden rund um Basra Milliarden-Profite erzielt: Zahlreiche Ölfelder liegen so dicht an der Stadt, dass das Leuchten der brennenden Gase auf den Ölfeldern in der Nacht wie viele Lagerfeuer erscheinen. Dort entweichen Ruß und Abgase und vergiften die Luft. Das Feld Rumaila, eines der größten der Welt, reicht bis auf wenige Kilometer an die Siedlungen heran – dort holen auch westliche Konzerne wie BP das schwarze Gold aus dem Boden, das schließlich an deutschen Tankstellen landet.
Hamids Schicksal und das seines Flusses stehen für die Tragödie einer ganzen Region, der ausgerechnet ihr größter Reichtum zum Verhängnis geworden ist: das Öl. Es ist eine Geschichte von Deindustrialisierung und Verelendung, von Krieg, Krankheit und Tod – ausgelöst durch fossile Rohstoffe und das trügerische Versprechen, das in ihnen steckt.
Viele stellen sich die Region am Persischen Golf als leblose Sand- und Steinwüste vor. Ein Irrtum. Nicht zufällig entstanden die ersten Hochkulturen in den fruchtbaren mesopotamischen Sümpfen, etwas nördlich des Schatt al-Arab gelegen (mehr zum Verschwinden dieses Unesco-Welterbes lest ihr hier (Si apre in una nuova finestra)). Auch entlang der iranischen Küste reihen sich Naturschutzgebiete aneinander – bedroht nun von gleich mehreren Ölteppichen, vermutlich eine Folge des Beschusses von Tankern. Verlässliche Informationen über die Umweltschäden dringen wegen der iranischen Internetsperre nur verzögert nach außen. Satellitenbilder zeigten bereits im April riesige Ölschlieren in der Churan-Meerenge zwischen dem iranischen Festland und der Insel Qeschm.
Nur wenige Kilometer entfernt erstreckt sich auf rund 200 Quadratkilometern der größte Mangrovenwald des Persischen Golfs – ein Labyrinth aus Wasserläufen und salzresistenten Bäumen der Art Avicennia marina, die bei Flut fast bis zu den Kronen im Meer versinken. Flamingos und Pelikane überwintern hier, in den Gewässern ringsum ziehen vom Aussterben bedrohte Grüne Meeresschildkröten ihre Bahnen. Ob dieses Refugium bislang verschont geblieben ist, lässt sich derzeit kaum sagen.
Diese Woche berichtete die „New York Times“ von einem Ölteppich, der die Insel Shidvar vor der iranischen Küste erreicht hat. Sie beherberge große Korallenriffe und „ist Brutgebiet für mehr als 80.000 Vögel“. Die von der US-Zeitung verifizierten Videos zeigen das Öl, das sich entlang der unberührten weißen Sandstrände der Insel verteilt hat. Vögel, Schildkröten und Krebse sind in Teerhaufen gefangen. „Die Insel ist als die Malediven Irans bekannt – ein wunderschöner Ort“, sagte Uno-Vertreter Kaveh Madani der „NYT“.
Erdöl: Quelle der Zerstörung von Mensch, Natur – und Demokratie
Irak, Iran und die Golfstaaten decken mehr als 30 Prozent des weltweiten Ölbedarfs. Der aktuelle Krieg am Golf entlarvt die Abgründe des fossilen Geschäfts – wir sollten uns ebenso für sie interessieren wie für Benzinpreise: Keines der Länder ist eine Demokratie, die Öl- und Gasförderung ist überall in den Händen von wenigen Königsfamilien oder politischen Eliten. Profite fließen kaum ins Gemeinwohl, sondern in private Taschen. Im Irak hat das Öl das Land zu einem Failed State verkommen lassen, im Nachbarland Iran stützte es die frauenfeindliche Mullah-Diktatur und die Golfstaaten finanzieren mit fossilen Einnahmen Kriege wie im Sudan mit.
Wir schrieben 2025 in unserer Streitschrift „Die Sicherheitslüg (Si apre in una nuova finestra)e“:
Doch es gibt drei Gründe, warum die Folgen unseres Öl- und Gaskonsums uns alle etwas angehen: 1. Weil die EU durch teure Energieimporte diese Regime mitfinanziert. 2. Weil diese Petrostaaten internationale Verhandlungen zu Umwelt und Klima blockieren. 3. Weil diese Länder die europäische Demokratie zerstören wollen. Autoritäre Herrscher, Öl- und Gaskonzerne, die Rechte unterstützen, sowie rechte Bewegungen unternehmen gerade einen weltweiten Feldzug gegen Demokratie, Meinungsfreiheit, Menschenrechte und nicht zuletzt die Energiewende.
Selbst Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat noch 2022 einen Gas-Deal mit Katar eingefädelt – in der Hoffnung, das Gas eines anderen autoritären und menschenverachtenden Regimes, Russland, zu ersetzen. Ein schlechter Deal. Nur vier Jahre später ist die größte Anlage für Flüssigerdgas in Katar von einer iranischen Drohne zerschossen worden.
Russlands Krieg gegen die Ukraine und der Irankrieg zeigen deutlicher denn je zuvor: Fossile Lieferketten sind riskant, fragil, laden zu politischen Erpressungen ein, forcieren bewaffnete Konflikte und destabilisieren am Ende Gesellschaften.
Während viele Länder den aktuellen Krieg als Warnzeichen verstanden haben, ist die deutsche Bundesregierung weitestgehend blind. Wir fragen uns, was noch passieren muss, damit Deutschland seine Abhängigkeit von solchen Öl- und Gasimporten beendet. Bereits im Oktober – vier Monate vor Beginn des Irankriegs schrieben wir in unserer Streitschrift:
Statt an der Wende arbeitet diese Regierung an einem verhängnisvollen Status quo. Sie dreht inmitten einer der größten politischen Krisen des Westens den Öl- und Gashahn noch einmal voll auf. Sie tut, was Historiker vielen untergegangenen Zivilisationen vorwerfen: Sie gefährdet unsere Gesellschaft, weil sie Ressourcen falsch nutzt und Alternativen ignoriert.
In diesem Sinne – wir freuen uns über jede Person, die Alternativen nutzt und vorantreibt. Und natürlich über (vertrauliche) Hinweise über fossile Bremser und Blockierer. Auf den nächsten Newsletter könnt Ihr auch schon gespannt sein – da geht es um einen Energiewende-Experten, der nicht ganz so öko-integer ist wie gedacht.
Bremser der Woche: Die Wirtschaftsministerin mag in dieser Rubrik wenig originell wirken, doch was uns Quellen aus ihrem Haus berichten, klingt alarmierend: Die Stimmung sei miserabel. Selbst CDU-nahe Kollegen, die anfangs große Erwartungen hatten, zeigen sich schockiert. Reiche versetze Mitarbeiter gegen ihren Willen – sogar jene, die sie selbst zuvor platziert habe. Ihre widersprüchliche und chaotische Führung verzögere Abläufe erheblich, so berichtet es uns ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Einige Leute im Haus würden bereits von „trumpesken Methoden“ sprechen. Vielleicht einer der Gründe, warum Reiche und ihr Ministerium offenbar ihre Energie-Reformpläne nicht ausreichend mit den Bundesländern abgesprochen haben – diese sperren sich nun dagegen (Si apre in una nuova finestra).
Der Kassandra-Ruf: Wer heute in einen durchschnittlichen Supermarkt geht, sieht sie in jedem Regal: Plastikverpackungen. Sie umhüllen Schinkenscheiben, Erdbeeren, Schokoriegel, Säfte. Und auch sie werden aus Erdöl gewonnen. Kaum jemand spricht bislang darüber, aber angesichts des Irankrieges könnten auch die Plastiktüten- und schälchen bald sehr viel teurer werden. Vielleicht ein Anstoß, nach Alternativen zu suchen?
Empfehlung der Woche: Polarisierung, Rechtsextreme, Reformstau: Europa wirkt müde – und doch steckt in Brüssel mehr Zukunft, als viele wahrhaben wollen. Peter Jelinek und Katja Sinko sehen in der EU nicht das Bürokratiemonster, sondern eine Möglichkeitsmaschine. In „Das beste Europa aller Zeiten“ sammeln sie unerhörte, teils erprobte Vorschläge – EuropaCard für klimafreundliches Reisen, Bürger:innenpostfach, europäische Auszeit – und zeigen, wie aus guten Insel-Lösungen gemeinsame Politik wird. Hier geht es zum Buch (Si apre in una nuova finestra).
Bleibt heiter und stabil!
Eure Susanne und Annika
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