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Mein Stimme bei Bestellung der neuen ORF-Generaldirektion

Vor der Stimmabgabe zur Bestellung der ORF-Generaldirektion müssen die Mitglieder es Stiftungsrats gem § 3 Abs. 9 der Geschäftsordnung (Si apre in una nuova finestra) “ihren Eindruck von den Kandidat:innen nach Abschluss des Hearings anhand der Kriterien des Absatzes 5 dieser Bestimmung und insbesondere auf Basis der Performance im Hearing sowie der Beantwortung von Fragen an die Kandidaten im Rahmen eines qualitativen Statements zu beschreiben”. Diese Bestimmung soll den Entscheidungsprozess nachvollziehbar machen, wie es im Europäischen Medienfreiheitsgesetz (EMFA) (Si apre in una nuova finestra) gefordert ist. Im folgenden möchte ich meine Entscheidung dokumentieren und begründen, warum ich für Lisa Totzauer stimme.

Auf Basis von Konzeptlektüre, Vortrag im Stiftungsrat sowie Beantwortung von Nachfragen sind meiner Wahrnehmung nach vier Kandidat:innen prinzipiell geeignet, den ORF zu führen, weil sie über einschlägige Berufs- und Führungserfahrung, die erforderlichen Kenntnisse des Medienmarkts inkl. rechtlicher Rahmenbedingungen sowie analytische und soziale Kompetenzen verfügen: Markus Breitenecker, Johannes Larcher, Clemens Pig und Lisa Totzauer. 

Alle diese vier Kandidat:innen haben detaillierte und weitgehend nachvollziehbare Konzepte vorgelegt und sowohl vor ihrem bisherigen beruflichen Hintergrund als auch in der Art und Weise ihres Auftritts im Hearing den Eindruck vermittelt, dass sie über die notwendige Strategiekompetenz, Kommunikations- und wertegeleitete Führungsstärke für die Position der ORF-Generaldirektion verfügen.

Und während die drei externen Kandidaten mit ihren teilweise internationalen, teilweise multimedialen Erfahrungshintergründen eine Bereicherung für den ORF darstellen, konnte die interne Kandidatin glaubhaft vermitteln, eine ambitionierte und konkrete Reformagenda gerade durch ihre detaillierten Kenntnisse über Abläufe und Strukturen auch zeitnah umsetzen zu können. Konkret präsentierte Lisa Totzauer mit ihrem Vorschlag eines schlanken Führungsteams aus Generaldirektion, COO und CTO sogar den am weitesten gehenden Restrukturierungsvorschlag der vier Kandidat:innen.

Wenn ich meine Entscheidung im Folgenden mit Fokus auf das Kriterium “Digitalstrategie und Erfahrung in der digitalen Transformation” begründe, dann aus zwei Gründen. Erstens sind Auf- und Ausbau digitaler Angebote entscheidend dafür, ob der ORF auf Perspektive noch über jene Reichweite und Relevanz verfügt, um seinen demokratischen Auftrag zu erfüllen. Zweitens ist der ORF in dieser Hinsicht in den letzten Jahr(zehnt)en verglichen mit anderen öffentlich-rechtlichen Medien ins Hintertreffen geraten, gibt es Aufholbedarf in Bereichen wie ORF ON (Si apre in una nuova finestra), digitale Souveränität (Si apre in una nuova finestra) und dezentralen sozialen Netzwerken (Si apre in una nuova finestra).

Konkret habe ich für meine Beurteilung den Schwerpunkt auf fünf Punkte jenseits des (einhellig von allen Kandidat:innen geforderten) Ausbaus von ORF ON sowie des omnipräsenten Themas KI gelegt, die auch unter den gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen realisiert werden können:

  • Funk’-Pendant (Si apre in una nuova finestra): das Fehlen eines (auch: organisatorisch) eigenen Jugendangebots, wie es ‘Funk’ (Si apre in una nuova finestra) von ARD und ZDF seit mittlerweile zehn Jahren in Deutschland darstellt, ist die wichtigste und dringendste Aufgabe im Kontext der digitalen Transformation des ORF. 

  • Open Source: die Entwicklung von Softwareinstruktur und -tools sollte aus Gründen der digitalen Souveränität (Si apre in una nuova finestra) aber auch als Kooperationsangebot an andere öffentlich-rechtliche wie private Medienanbieter einer Open-Source-First-Strategie folgen.

  • Podcast-Strategie: zwar gibt es von allen ORF-Sendern auch Podcast-Angebote, es fehlt aber eine zentrale Podcast-Strategie samt Portal, das eingeloggten Nutzer:innen auch das Abonnieren externer Podcasts ermöglicht. Rechtlich sollte das auch mit dem bestehenden ORF-Gesetz möglich sein.

  • Wikipedia: Öffentlich-rechtliche Medien wie der ORF und die gemeinnützige, werbefreie Wikipedia sind ein Traumpaar (Si apre in una nuova finestra), ausgewählte ORF-Inhalte sollten deshalb in Wikipedia-kompatibler Form zugänglich gemacht werden.

  • YouTube- und Insta-Live (Si apre in una nuova finestra): die Möglichkeiten von Drittplattformen für Interaktion und Rückkanäle vor allem bei Live-Formaten werden bislang nicht ausgeschöpft, was eine ungenutzte Chance darstellt - vor allem, weil Publikumsinteraktion auf ORF ON selbst gesetzlich untersagt ist.

In Tabelle 1 habe ich überblicksmäßig dargestellt, wie tiefgehend und überzeugend diese fünf Handlungsfelder in den Konzepten der zum Hearing im Stiftungsrat geladenen Kandidat:innen adressiert worden sind. 

Tabelle mit Vergleich Kandidat:innen für ORF-GD zu Digitalthemen
Tabelle 1: Vergleich der Berücksichtigung von digitalen Handlungsfeldern in Kandidat:innenkonzepten

Leider findet sich in keinem der Konzepte auch nur eine Erwähnung von Wikipedia als relevante Drittplattform - gleichwohl sich alle vier oben erwähnten Kandidat:innen bei der öffentlichen Diskussion am 8. Juni bei ORF III zu diesbezüglichen zukünftigen Aktivitäten bekannt haben (Si apre in una nuova finestra). Ebenfalls keine konkrete Erwähnung in den Konzepten finden Streaming-Angebote über Drittplattformen, allerdings wird zumindest die Bedeutung (des Aufbaus) von (neuen und interaktiven) Live-Angeboten in vier Konzepten angeführt.

In den drei anderen Handlungsfeldern ist es das Konzept von Lisa Totzauer, das diese am tiefgehendsten und glaubwürdigsten präsentiert. So forciert sie “ein Jugendangebot nach dem Vorbild des deutschen funk als Talenteschmiede für den gesamten Sektor” (S. 83) und betont die Rolle von FM4 in diesem Zusammenhang, möchte “Open-Source-Werkzeuge, die der ORF für seine Redaktionen entwickelt, […] dem österreichischen Medienmarkt zur Verfügung” (S. 111) stellen und plant Podcasts zentral zu bündeln bzw. denkt Podcasts an zahlreichen Stellen ihres Konzepts konsequent mit.

Hier finden sich auch entscheidende Unterschiede zu den anderen drei besonders qualifizierten Bewerbern. Im Konzept von Markus Breitenecker mit seinem klaren Fokus auf ORF ON als zentrale Streaming-Plattform finden sich keine tiefgehenden Überlegungen zu öffentlich-rechtlichen Angeboten für junge Zielgruppen auf Drittplattformen. Breitenecker erwähnt aber sogar explizit die Perspektive, ORF SOUND “zu einem vollwertigen Podcast-Player” (S. 103) auszubauen.

Im Gegensatz dazu führt Clemens Pig ‘Funk’ als Benchmark dafür an, “wie öffentlich-rechtliche Inhalte für junge Zielgruppen plattformnativ, creator-nah und non-linear organisiert werden können” und nennt es ein “Role Model für öffentlich-rechtliche Creator-Strategie in Österreich” (S. 20). Allerdings fehlen in seinem Konzept Verweise auf die Bedeutung von offener Software und Standards; Podcasts finden zwar immer wieder Erwähnung, werden aber nicht als eigenes strategisches Handlungsfeld adressiert. 

Selbiges gilt in Sachen Podcasts auch für das Konzept von Johannes Larcher. Hinsichtlich Open Source geht er sogar noch über Lisa Totzauer hinaus und plant die Entwicklung eines “‘Streaming OS’ auf Open Source Basis” (S. 52) in Kooperation mit anderen öffentlich-rechtlichen Anbietern und plant wie Clemens Pig und Lisa Totzauer explizit den Aufbau eines Jugendangebots “in Anlehnung und möglicher Zusammenarbeit mit ARD/ZDF ‘funk’” (S. 37). 

Auf Basis dieser Analyse und in der vergleichenden Zusammenschau von Konzepten und Auftritt der Kandidat:innen im Hearing, komme ich für mich zum Ergebnis, meine Stimme an Lisa Totzauer zu vergeben.

Argomento ORF-Stiftungsrat